Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 120.
(1) Ein Lied im höheren Chor. Ich rufe zu dem Herrn in meiner Not und er erhört mich. (2) Herr, errette meine Seele von den Lügenmäulern, und von den falschen Zungen. (3) Was kann dir die falsche Zunge tun? Und was kann sie ausrichten? (4) Sie ist wie scharfe Pfeile eines Starken, wie Feuer in Wachholdern. (5) Wehe mir, dass ich ein Fremdling bin unter Mesech; ich muss wohnen unter den Hütten Kedars. (6) Es wird meiner Seele lange, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen. (7) Ich halte Frieden, aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.
„Ein Lied im höheren Chor.“ Diese Überschrift tragen nun, den unsrigen miteingerechnet, fünfzehn Psalmen nacheinander. Wörtlich nach dem Hebräischen heißt es: „Lieder des Hinaufsteigens“. Luther hat bei seiner Übersetzung vermutet, sie seien beim Gottesdienst durch den levitischen Sänger von einem erhöhten Platz im Tempel, gleichsam von einem Chor herab gesungen worden. Andere Ausleger, namentlich schon der alte Johann Arnd und mit ihm die meisten neueren übersetzen es: „Lied der Pilgerzüge“, und nehmen an, diese Psalmen seien von den Pilgern auf den Festreisen nach Jerusalem unterwegs gesungen worden. Diese Vermutung passt allerdings ganz besonders schön auf die meisten dieser Psalmen, teils wegen ihrer Kürze, deshalb man sie wohl unterwegs auswendig singen konnte, teils wegen ihres Inhalts, weil manche unter ihnen eine fromme Sehnsucht nach Gottes Heiligtum und nach den schönen Gottesdiensten des Herrn atmen. Gar schön und lieblich muss es gewesen sein, wenn so ein frommer Pilgerzug, Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, Kinder und Greise miteinander hinaufzogen gen Jerusalem aufs Osterfest und hin und wieder unterwegs, wenn sie durchs grüne Jordantal zogen oder durch die Palmenwälder von Jericho oder durch die Wüste am Toten Meer oder wenn sie zum ersten Mal in blauer Ferne Jerusalem erblickten, die hochgebaute Stadt mit den Kuppeln ihres Tempels und mit den Zinnen ihrer Davidsburg stimmte auf einmal einer aus ihrer Mitte so ein Pilgerlied und einen Festpsalm an mit heller Stimme und alle fielen mit ein in frommer Begeisterung und die heiligen Töne klangen weithin über Berg und Tal.
Auch uns, meine Lieben, sind diese Psalmen beides: sie sind Lieder im höheren Chor und sie sind Pilger- und Wanderlieder.
„Ein Lied im höheren Chor“, eine Stimme aus dem oberen Heiligtum ist uns ja der ganze Psalter, ein Hochgesang, herniedergesungen zu uns von jenem erhabenen Chor der heiligen Sänger und göttlichen Propheten: David, Salomo, Assaph, Mose, den Kindern Korah und Heman; hereinklingend in unser Alltagsleben als ein Ruf aus himmlischen Höhen und uns mahnend, aufwärts Ohr und Aug und Herz zu richten. Und insofern ist uns insbesondere auch ein jeder dieser fünfzehn Psalmen ein Lied im höheren Chor.
Aber auch Pilgerlieder sollen uns diese Psalmen werden. Es sind nicht nur Lieder an uns, sondern auch Lieder für uns. Nicht nur Lieder eines höheren Chors, die zu uns herniederklingen, sondern auch Lieder für die auf Erden wallende Gemeinde, die wir mitsingen sollen mit Herz und Mund; Pilgerlieder, womit wir uns die Zeit verkürzen, das Herz erheben, den Mut stärken sollen auf unserer Pilgrimschaft. Oder sind wir nicht auch Pilger des Herrn? Wandern wir nicht auch hinauf nach Jerusalem, der hochgebauten Stadt, nach dem himmlischen Zion, dessen Lichter uns droben funkeln in den Sternen der Nacht? Ziehen wir nicht auch hinauf aufs Fest, aufs Fest des himmlischen Schauens, aufs Fest des seligen Wiedersehens, aufs Fest des ewigen Friedens, aufs Fest der großen Freudenernte droben? Und tut's da nicht not, dass man unterwegs sich den rauen Pfad manchmal verkürzt und das müde Herze stärkt mit so einem frommen Wanderlied? Ist's da nicht schön, wenn da und dort ein Pilgerzug, ein Gemeindlein des Herrn, wie jetzt wir, sich zusammentut und in gemeinsamer Andacht so ein Pilgerlied anstimmt, wie wir vorhin miteinander gesungen: Ich bin ein Gast auf Erden?
Und so schickt sich denn auch dieser unser 120. Psalm gar wohl zu einem Pilgerlied für uns. Er ist zwar nichts Anderes als eine Klage über böse Zungen aber was macht denn einem Pilger Gottes den Weg oft so sauer und die Sehnsucht nach der Heimat oft so schmerzlich als gerade die bösen Zungen, die Lästerung und Verleumdung, durch die ein Kind Gottes hienieden durch muss? Wahrlich, was einem Pilgersmann auf seiner Wanderschaft ein widriger Schlagregen ist, der ihm ins Gesicht saust und ihn durchnässt und beschmutzt, oder ein Dorngestrüpp, das sich an seine Füße hängt und ihm die Kleider zerreißt, oder eine giftige Natter, die sich um seine Fersen ringelt, oder das schaurige Geheul hungriger Wölfe, das sich in der Ferne hören lässt, dasselbe sind einem Pilger Gottes die Lästermäuler und falschen Zungen, die hinter ihm her sind, die bösen Gerüchte und üblen Nachreden, durch die er hindurch muss.
Lasst uns hören, wie unser Pilger Gottes hier im Psalm sich die Angst vom Herzen singt; lasst uns hören:
Des Pilgers Klage- und Trostlied unter den Hütten Kedars.
Auszulegen gibt's nicht viel in diesem kurzen und leichtfasslichen Psalm; aber umso mehr anzulegen an unsere Herzen, anzuwenden auf unser Leben. Und wenn eins von euch fragte: Was soll denn mein Trost sein unter den Hütten Kedar; was soll ich anfangen, wenn mich die bösen Zungen stechen, so würde ich ihm aus unserem Psalm heraus einen vierfachen Rat erteilen:
1) Klage deine Not dem Herrn.
2) Tröste dich deiner Kreuzgenossen.
3) Freue dich auf die Heimat.
4) Jag indes dem Frieden nach.
1) Klage deine Not dem Herrn!
Das ist ja das Erste und Beste, was ein Pilger Gottes tun kann bei allen Mühsalen seiner Wallfahrt und ganz besonders auch bei den Unbilden, die ihm von bösen Zungen zugefügt werden. Das ist auch unserem Psalmisten das Erste:
V. 1: „Ich rufe zu dem Herrn in meiner Not und er erhört mich.“ „Ich rufe zu dem Herrn in meiner Not!“ Sieh, daran erkennt man gleich den Pilger Gottes, den Bürger einer höheren Welt. Wie macht's der Weltmensch, wenn ihn böse Zungen stechen, wenn er gescholten und gelästert wird? Wo ruft er hin? Der ruft nicht in den Himmel hinauf, sondern in die Welt hinein; der ruft nicht seinem Gott, sondern seinem Feinde zu. Er vergilt Scheltwort mit Scheltwort; wie's in den Wald hineinschallt, so lässt er's wieder herausschallen. Ganz anders ein Pilger Gottes. Eh er mit seinen Feinden spricht, spricht er mit Gott. Ich weiß nicht mehr, welcher alte Gottesmann den Rat gibt und sich's zur Regel machte, so oft er beleidigt und aufgebracht war, nie eine Antwort zu geben, eh er zuvor ein stilles Vaterunser gesprochen. Gewiss die Antwort nach dem Vaterunser ist oft ganz anders ausgefallen, als sie gelautet hätte vor dem Vaterunser. Gewiss, dem Herrn es klagen, das ist das Erste und das Beste, was wir allesamt tun können, wenn wir Unrecht leiden und Lästerung erfahren.
Das macht sanftmütig und bewahrt vor Zorn und Rachsucht. Aber es macht auch mutig und bewahrt vor Kleinmut und Verzagtheit. „Denn er erhört mich,“ spricht der Psalmist. Das weiß er zum voraus. Wenn ich auf Erden nirgends Gehör finde: im Himmel ist ein Ohr, zu hören meine Klagen; wenn ich auf Erden ohne Freund bin: dort ist ein barmherziges Herz, das mein nicht vergisst; wenn hienieden die Lästerer wider mich Recht behalten: droben ist ein allsehendes Auge, von dem es heißt: Der Herr kennt die Seinen; und wenn hienieden ich wehrlos unter meinen Widersachern stehe wie ein Schaf mitten unter den Wölfen: droben ist ein allmächtiger Schirmherr, der den Wölfen den Rachen stopfen kann, er erhört mich. Zu dem darf auch ich schreien, wie der Psalmist:
V. 2: „Herr, errette meine Seele von den Lügenmäulern und von den falschen Zungen.“ Er ist Manns genug dazu. Und tröstlich ruft er auch mir vom Himmel herab zu:
V. 3: „Was kann dir die falsche Zunge tun? Und was kann sie ausrichten?“ Und ermutigt darf ich zu meiner Seele sprechen:
Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott,
Was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?
Freilich weh tun sie deswegen immerhin auch einem Kinde Gottes, die falschen Zungen, wie unser Psalmist klagt:
V. 4: „Sie ist wie scharfe Pfeile eines Starken, wie Feuer in Wachholdern.“ Wie ein gefiederter Pfeil, aus der Ferne, aus dem Busch von einem feigen Bösewicht hinterlistig gegen uns abgeschossen, so trifft uns die Verleumdung plötzlich und unversehens; wie ein scharfer Pfeil dringt sie oft tief ins Fleisch, dass das Herz uns blutet; wie ein vergifteter Pfeil vergiftet sie uns oft das Blut, verbittert uns das Herz, dass die Wunde lange hintennach schwärt und eitert. Wer hätte davon nicht auch schon sein Teil erfahren! Auch mit einem Feuer von Wachholdern vergleicht der Psalmist die Lästerung. Dabei dürfen wir freilich nicht denken an die liebliche, luftreinigende und bruststärkende Kraft eines Wachholderfeuers; wohl aber an ein Feuer, das auf der Heide hinfährt durch Ginster- und Wachholdersträucher und schnell sich verbreitet und weit umher frisst und lange raucht und glostet ein solch weithin fressendes, hässlich rauchendes, lange glühendes Feuer wird oft auch angezündet durch eine böse Lästerzunge. Weh tut das freilich und am wehsten dem, der's gut meint und sich schuldlos weiß und sich mit dem Apostel Paulus übet, zu haben ein unverletztes Gewissen, beides gegen Gott und den Menschen. Aber auch dann möchte ich dir wieder einen Trost schöpfen aus unserem Psalm, nämlich den:
2) Tröste dich mit deinen Kreuzgenossen;
denke daran, so ist es andern als du, bessern als du bist, von alters her auch gegangen; da steht's ja gedruckt. „Sie ist wie scharfe Pfeile eines Starken, wie Feuer in Wachholdern,“ so klagt hier im Psalm vor Jahrtausenden schon ein unbekannter Frommer. Und ist nicht das ganze Psalmbuch voll solcher Klagen? Und sagt nicht auch der Meister des Neuen Testaments zu seinen Jüngern: Haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen, wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen auch also heißen? Und ist ein einziger Pilger Gottes von altersher bis auf diesen Tag jemals ungeschlagen und unbeschrieen durch die Welt gekommen? Drum spricht ein berühmter Weiser:
Freund, wenn dich die Verleumdung sticht,
So lass dir dies zum Troste sagen:
Die schlechtsten Früchte sind es nicht,
Woran die Wespen nagen.
Und darum sagt zu unserem Psalm unser alter Prediger Frisch: Müssen wir durch die Rotten der Lästerer gehen: wir haben ja viele Vorgänger, die auch diesen Weg gegangen. Wir sehen Mose gehen und hinter ihm die lästernde Rotte Korah, Dathan und Abiram; wir sehen David gehen und hinter ihm den Simei, der ihm flucht und ihn mit Steinen wirft; wir sehen unsern Jesum gehen und hinter ihm die erbosten Juden, die alle schreien: weg mit diesem, kreuzige ihn! Ihm nach sehen wir so viele tausend Märtyrer gehen; wir wollen eben auch mitgehen:
Hier durch Spott und Hohn, dort die Ehrenkron;
Hier im Hoffen und Vertrauen, dort im Haben und im Schauen;
Denn die Ehrenkron folgt auf Spott und Hohn.
Dort die Ehrenkron. Deswegen sag ich dir zum Trost:
3) Freue dich auf die Heimat.
In schmerzlichem Heimweh ruft der Psalmist aus:
V. 5: „Wehe mir, dass ich ein Fremdling bin unter Mesech. Ich muss wohnen unter den Hütten Kedars.“ V. 6: „Es wird mir lange, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.“ Mesech und Kedar, das waren rohe barbarische Völker, dort wo jetzt Türken und Tartaren hausen. Dem Psalmisten ist's unter den Pfeilen der Lästerung, die ihn umschwirren, bei den bösen Zungen, die gegen ihn gezückt sind wie scharfe Schwerter, als lebte er unter wilden Barbaren. Und wahrlich, es kann unsereinem oft auch so zu Mut werden, als lebte man unter Türken und Tartaren, wo so viel gelogen und gelästert, gescholten und verleumdet wird mitten in der Christenheit. Es kann einem auch die Zeit lang werden unter denen, die den Frieden hassen, dass man sich Flügel wünschen möchte wie die Tauben, sich aufzuschwingen über allen Streit dieser Welt in die ewigen Friedenshütten. Aber dann, Seele, wenn dir's schwer fällt, dass du ein Fremdling bist in Mesech, dass dich im Grund wenige verstehen, wenige lieb haben in dieser wildfremden Welt; dann sag dir's zum Troste: Gottlob, ich bin nur ein Fremdling und hab anderswo meine Heimat, und der führt jeder Tag mich näher zu und auf die will ich mich umso herzlicher freuen, je mehr mir diese Welt entleidet; dann lass das Pilgerlied erklingen voll heiliger Sehnsucht:
Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand;
Der Himmel soll mir werden, dort ist mein Vaterland;
Hier muss ich Arbeit haben, hier reif' ich ab und zu;
Dort wird mein Gott mich laben mit seiner ewgen Ruh.
Inzwischen aber:
4) Jage du dem Frieden nach.
Das ist der vierte Rat, der aus unserem Psalm für einen Pilger Gottes zu schöpfen ist.
V. 7: „Ich halte Frieden, aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.“ Das ist des Psalmisten letztes Bekenntnis. Nun, so lass sie Krieg anfangen, wenn sie nicht anders können; fang nur du nicht an, weder vor ihnen, noch nach ihnen; bleib nur du dabei: Ich halte Frieden. Selig, wer das von sich sagen kann. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen! Ja, liebe Gotteskinder, nur um das eine lasst euch bitten: Haltet ihr wenigstens Frieden; wenn sie Krieg anfangen, fangt ihr nicht auch an! Wenn sie schelten, scheltet nicht wieder! Wenn sie lästern, lästert nicht auch! Ist's möglich, soviel an euch ist, habt mit allen Menschen Frieden, so mahnt der Apostel. Lass mich mit jedermann in Fried und Freundschaft leben, soweit es christlich ist, so betet der Fromme. Und wenn uns das oft schwer werden will, o dann lasst uns aufschauen zu dem stillen Lamm Gottes, zu dem großen Friedefürsten, der nicht wieder schalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt; stellte es aber dem anheim, der da recht richtet. Unter seine Flügel wollen wir uns stellen; ihn wollen wir bitten, dass er uns mit seinem Friedensgeist erfülle und aus Streit und Kampf als seine Pilger einführe zum ewigen Frieden. Jesu, du Herzog der Friedensheerscharen,
O König des Friedens, ach zeuch uns nach dir!
Dass wir den Friedensbund treulich bewahren,
Im Wege des Friedens dir folgen allhier.
Ach lass uns doch deinen Geist kräftig regieren,
Und dir nach im Frieden zum Vater hinführen.
Amen.