Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 100.

Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 100.

(1) Ein Dankpsalm. Jauchzt dem Herrn, alle Welt. (2) Dient dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken. (3) Erkennt, dass der Herr Gott ist. Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk, und zu Schafen seiner Weide. (4) Geht zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; dankt ihm, lobt seinen Namen. (5) Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währt ewig, und seine Wahrheit für und für.

„Ein Dankpsalm“ lautet die Überschrift unseres Psalms, und unser 100. Psalm, schon nach seiner Stellung recht eigentlich ein Jubiläumspsalm, ist der Einzige im ganzen Psalmbuch, der ausdrücklich diese Überschrift trägt, soviel auch sonst Lob- und Dankpsalmen im Psalter vorkommen. Ohne Zweifel war es ein Tempellied, ein Lobgesang, in welchen das ganze Volk einstimmte bei großen Freudenfesten, um Gott zu preisen über seinen großen Gnadentaten, die er an Israel, ja an der ganzen Welt getan. Neben solchen allgemeinen Lobliedern haben wir auch wieder viel besondere Danklieder im Psalmbuch, wo Gott gepriesen wird über der Hilfe und dem Heil, das er einem einzelnen Frommen erwiesen, z. B. seinem David, wenn er ihn errettete von den Stricken seiner Verfolger, wie ihn darob David preist im 9. Psalm: „Dass du meine Feinde hinter mich getrieben hast, sie sind gefallen und umgekommen vor dir;“ oder wenn er ihn genesen ließ von schwerer Krankheit, wie er ausruft im 30. Psalm: „Herr, mein Gott, da ich schrie zu dir, machtest du mich gesund.“

Zu solchen besonderen Dankliedern für besondere Wohltaten Gottes haben wir freilich nicht immer und überall Antrieb und Anlass. So schweres verlangt auch Gott nicht von den Menschen, dass wir Dank- und Freudenlieder auch dann anstimmen, wenn uns der Kummer das Herz zusammenpresst oder uns ein Unglück betroffen hat. Dass etwa eine Mutter am Sarg ihres Kindes oder ein Hausvater beim Anblick seiner vom Hagel zerschmetterten Ernte alsobald müsse anstimmen können ein fröhliches: Nun dankt alle Gott, solche Erhebung über sich selbst kann man nur von den Allergereiftesten erwarten, und es ist unbillig, wenn es oft schon Christen gegeben hat, welche von anderen das Unmögliche verlangen, jedes menschliche Gefühl müsse da alsobald getötet sein; während doch selbst der gottergebene Hiob sein Kleid zerriss und sein Haar zerraufte, eh er sprach: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!

Aber von solchen besonderen Dankliedern, die auf besondere Wohltaten Gottes sich geziemen, sind allgemeine Danklieder zu unterscheiden, wie wir hier eins haben. Es gibt große Gnadenwohltaten Gottes, die allen gelten, die uns immer bleiben und für die wir auch allezeit dem Herrn danken können. „Gott ist die Liebe!“ „Gott ist getreu!“ „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben,“ - das sind Heilswahrheiten und Trostsprüche, bei denen jedem Christenmenschen auch in der betrübtesten Zeit ein Freudenschimmer sollte ins Herz hinein fallen, dass er Gott darüber lobt und dankt. Die Adventsbotschaft: Zion, dein König kommt zu dir! Die Weihnachtskunde: Euch ist heute der Heiland geboren! Der Karfreitagsruf: Es ist vollbracht! Der Ostertext: Der Herr ist erstanden! Der Himmelfahrtssegen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Die Pfingstverheißung: Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch! das sind Heilsbotschaften, über die der Gläubige allwege sich freuen soll für sich und die Welt, über die er Gott loben und danken kann, auch wenn er in seinem eigenen kleinen Leben für den Augenblick keine große Freudenbescherung zu rühmen hat und ihm das Weinen oft näher ist als das Lobsingen.

So ist's denn auch gemeint in unserem Psalm; an diese großen Liebestaten und Gnadenwunder Gottes, die schon im alten Bunde nicht verborgen waren, noch herrlicher aber im neuen Bunde offenbart sind, soll auch unser Psalm uns mahnen, wenn er uns zuruft: „Jauchzt dem Herrn alle Welt.“ Auch wir wollen uns dadurch ermuntern lassen zum Lobe Gottes und wollen uns selber zurufen:

„Nun dankt alle Gott!“

Diese Ermunterung kehrt zweimal im Psalme wieder. Es sind gleichsam zwei mächtige Posaunenstöße, die nacheinander erschallen, uns zu ermuntern zum Lobe Gottes.

Der erste ertönt im 1.-3., der andere im 4. und 5. Vers; gerade wie im neuen Testament Paulus seinen Philippern zuruft 4, 4: Freut euch in dem Herrn, und abermals sage ich: freut euch! Also

1)

das erste: „Freut euch in dem Herrn,“ den ersten Posaunenstoß zum Lobe Gottes vernehmen wir V. 1-3.

V. 1: „Jauchzt dem Herrn alle Welt.“ Der freudige Geist des Herrn spricht hier aus dem Psalmisten und ruft die ganze Welt auf zu Jubel und Freude. Aber worüber soll alle Welt jauchzen? Nicht über Eitles und Vergängliches, sondern über das, was ewig, was göttlich, was allein des Jubels wert ist: Jauchzt dem Herrn alle Welt!“ Wer mit dem Propheten Jesaias sagen kann: Ich freue mich in dem Herrn und meine Seele ist fröhlich in Gott, meinem Heil! Wer mit Maria singen kann: Meine Seele erhebet den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, der erst kann eigentlich jauchzen, der erst hat die reinste, die seligste Freude gekostet. Ein Tröpflein dieser Freude in dem Herrn wiegt alle Taumelbecher der Weltlust auf; ein Tröpflein dieser Freude in dem Herrn kann auch den bitteren Trübsalskelch versüßen. Das wollen wir uns merken, besonders in dieser unserer Zeit.

Es hat vielleicht manches unter euch gedacht, als ihr den Anfang unseres Psalms vernahmt: „Jauchzt dem Herrn alle Welt!“ das ist jetzt auch kein Wort für diese betrübte Zeit, wo nichts als Trübsal ist ringsumher: ein früher Winter vor den Fenstern, ein teures Brot im Haus, eine böse Seuche im Land (wenn auch nicht in unserer Stadt), ein blutiger Krieg in der Ferne, ein schwerer Frühling in Aussicht kann man da Loblieder singen? Sollte es da nicht eher heißen: Singt Klagelieder alle Welt, statt: Jauchzt alle Welt? Lasst uns da etwas lernen von dem Dichter unseres heutigen Abendlieds: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, von dem edlen, vor dritthalbhundert Jahren entschlafenen Pfarrer Dr. Philipp Nikolai zu Unna in Westphalen. Wenn in unserem Gesangbuch zwei Lieder stehen, in welchen eine himmlische Freude wallt, durch welche ein seliges Jauchzen und Jubilieren wie Himmelsharfenton klinget, so sind es die zwei köstlichen Lieder unseres Nikolai: Das christliche Nachtlied: „Wachet auf, ruft uns die Stimme!“ und das geistliche Taglied: „Wie schön leucht't uns der Morgenstern!“ Und nun, unter welchen Umständen meint ihr, habe der fromme Sänger diese Freudenlieder gedichtet? In einer furchtbaren Pestzeit, wo der Tod rings um ihn her wütete, wo er oft an einem Tag dreißig Leichen an seinem Fenster vorüberführen sah, wo er seiner eigenen Blutsfreunde und Anverwandten in der Nähe und Ferne eins nach dem anderen verlor, jeder Tag neue traurige Zeitung brachte und alles mutlos und verzagt umherschlich, da wandte der fromme Mann seine Gedanken mit großer Inbrunst und seliger Hoffnung ins ewige Leben hinüber und schrieb sich selbst und anderen zum Trost und zur Erquickung ein Büchlein, genannt: Freudenspiegel des ewigen Lebens, worein er unter anderem diese zwei köstlichen Lieder dichtete. Da seht, wie die Freude in dem Herrn auch den bittersten Trübsalskelch versüßen kann, und wie es bei einem gläubigen Christen allezeit gilt: „Jauchzt dem Herrn alle Welt.“ Der Psalmist sagt auch noch, wie man dem Herrn lobsingen soll.

V. 2: „Dient dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken.“ Unter diesem Dienen ist zunächst der eigentliche Gottesdienst zu verstehen; dieses „Kommt vor sein Angesicht!“ ist zunächst eine Einladung ins Haus des Herrn. Auch das wollen wir uns immer wieder gesagt sein lassen, dass wir mit Freuden, willig und gern vor Gottes Angesicht kommen hierher in sein Haus, sei's am Sonntag oder am Werktag, sei's am Abend oder am Morgen, nicht um der Menschen willen, die uns dabei sehen, oder um des Predigers willen, den wir dabei hören, sondern um des Herrn willen, dem wir diesen Dienst schuldig sind, dem wir die Ehre geben sollen mit unserem Kommen, mit unserem Beten, mit unserem Hören, mit unserem Singen. Solches Kommen vor Gottes Angesicht zeigt nicht nur Freude an dem Herrn, sondern weckt auch Freude in dem Herrn. Wie oft kann man sich da in der Gemeinde wieder die Sorgen vom Herzen beten und singen, und während man herkam mit gedrückter Seele, geht man von hinnen mit freudigem Geist, also, dass während du dem Herrn dienst in seinem Haus, dienst du zugleich dir selbst und deiner eigenen Seele. Aber nicht bloß an den eigentlichen Gottesdienst im Haus des Herrn wollen wir denken, wenn der Psalmist uns zuruft: „Dient dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken,“ sondern wir wollen uns dabei erinnern, dass wir auch daheim durch all unser Tun und Lassen Gott dienen sollen, dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein soll, dabei wir allezeit als vor seinem Angesicht stehen und im Aufsehen auf ihn handeln und wandeln, arbeiten und ruhen, essen und trinken, unser Kreuz tragen und unser Gutes genießen. Das erst ist der rechte Gottesdienst, die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit; dies ist das rechte Engelsamt, zu dem auch wir auf Erden schon berufen sind, wenn wir nicht nur mit dem Munde Gott loben, sondern ihm auch dienen mit der Tat; wenn es auch bei uns heißt:

Wo ich geh,
sitz und steh,
lass mich dich erblicken
Und vor dir mich bücken!1)

Er verdient's, dass wir so vor ihm uns bücken; er ist's würdig, dass wir ihm dienen mit Freuden. Nachdem wir vernommen, wie wir ihn loben sollen, deutet nun der Psalmist auch an: warum?

V. 3: „Erkennt, dass der Herr Gott ist. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.“ Sieh also, weil er Gott ist, der Allmächtige und Alleingewaltige, darum schon verdient er unser Lob und unseren Preis. Und weil er uns gemacht hat und nicht wir selbst zu seinem Volk, weil er unser gütiger Schöpfer ist, der uns aus freier Gnade ins Leben gerufen, und hat ihm niemand etwas zuvorgegeben; unser treuer Erhalter, der als ein guter Hirte seine Schafe weidet und leitet; unser gnädiger Erlöser, der uns aus der Finsternis der Sünde und des Elends berufen hat zu seinem wunderbaren Licht, darum jauchzt dem Herrn alle Welt, darum kommt vor sein Angesicht mit Loben. In Wahrheit, es sind die zwei mächtigsten Antriebe zum Preise Gottes, die der Psalmist hier vor unsere Seele stellt, der eine: „Erkennt, dass der Herr Gott ist!“ Damit stellt er uns hin vor Gottes Allmacht, die wir erkennen müssen in allen seinen Werken und Wegen und die uns immer wieder zur Bewunderung und Anbetung Gottes hinreißen soll; und der andere: Er hat uns gemacht und nicht wir selbst;“ damit stellt er uns vor Gottes Gnade und Erbarmung, ohne die wir nichts sind, durch die wir alles haben und dafür wir jeden Tag und jede Stunde ihm zum Preis und Dank verpflichtet sind. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst!“ Ja wohl! Was hast du, o Mensch, das du nicht empfangen hättest: Dein Leben - ihm verdankst du's, dem Urquell alles Lebens, der dein nicht bedarf unter den Millionen seiner Kreaturen. Dein Hab und Gut - ihm verdankst du's, an dessen Segen alles gelegen ist, und ohne den all dein Sorgen nichts hilft. Deine Geistesgaben und Seelenkräfte - von ihm hast du sie, dem Vater des Lichts, von dem alle gute und alle vollkommene Gabe kommt und der jedem sein Pfund gibt nach seinem Wohlgefallen. Deine christliche Erkenntnis - von ihm hast du sie empfangen, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum und unsere Seelen weidet auf den grünen Auen des Evangeliums. Deine Bekehrung und Heiligung ihm verdankst du sie, der nicht will, dass eine Seele verloren gehe, dessen Kraft mächtig ist in unserer Schwachheit und der uns alle geschaffen hat zu seinem Volk, das da fleißig wäre zu guten Werken. Deinen Frieden hier und deine Seligkeit dort - ihm verdankst du sie, der uns zuruft: Aus Gnaden seid ihr selig worden und dasselbige nicht aus euch; Gottes Gabe ist es. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, dass wir darinnen wandeln sollen.

Und diesen Gott sollt ich nicht ehren
Und seine Güte nicht verstehn?
Er sollte rufen, ich nicht hören,
Den Weg, den er mir weist, nicht gehn?
Nein, seine Liebe zu ermessen,
Sei ewig meine größte Pflicht;
Der Herr hat mein noch nie vergessen,
Vergiss mein Herz auch seiner nicht! 2)

Und damit wir das nicht vergessen, so ermuntert uns der Psalmist gleichsam

2)

durch einen zweiten Posaunenstoß noch einmal zum Lobe Gottes, ruft uns zu: „Und abermals sage ich: freut euch!“ und weist uns noch einmal darauf hin, zuerst wie und dann warum wir ihn loben sollen.

V. 4: „Geht zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; dankt ihm, lobt seinen Namen.“ Da tut der Psalmist zuerst wieder die Tore des Gotteshauses vor uns auf, ruft uns her in das sichtbare Heiligtum, damit wir hier unserem Gott sollen lobsingen und erfahren, was David sagt: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth; ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend. Aber auch daran wollen wir dabei denken, dass uns diese ganze Erde zu einem Tempel Gottes, dieses ganze Leben zu einem Vorhof des Himmels werden soll, wo wir Gottes Herrlichkeit schauen und verkündigen sollen mit Wort und Tat, bis wir einmal eingehen dürfen zu den Toren des oberen Heiligtums und dort mit neuen Zungen ihm danken, in himmlischen Chören ihm lobsingen dürfen. Und noch einmal der Grund solches Lobs im Himmel und auf Erden:

V. 5: „Denn der Herr ist freundlich und seine Gnade währt ewig und seine Wahrheit für und für.“ Die Freundlichkeit Gottes, die wir hienieden schon in Millionen Freuden schmecken dürfen; seine Gnade und Wahrheit oder Treue, die in alle Ewigkeit währt, das ist der Psalm des Frommen schon auf Erden, das wird auch dort das Thema sein für unsere Psalmen im höheren Chor, für unsere himmlischen Loblieder: „Der Herr ist freundlich und seine Gnade währt ewig!“ Dieser liebliche Lobspruch kehrt manchmal wieder in den Psalmen des Volks Israel, besonders aus späterer betrübter Zeit. So lesen wir Esra 3, 11, dass bei der Grundlegung des neuen Tempels das Volk in Chören gesungen: Der Herr ist gütig und seine Gnade währt ewig; so 1. Makk. 4, 24, dass der fromme Held Judas mit seinem Heer auf dem Heimzug aus siegreicher Schlacht gesungen habe: Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währt ewig. So soll denn das auch unser Refrain sein, der immer wiederkehrt auch zwischen trübe Zeiten hinein, bis einst droben unser Halleluja tönt.

Ja nimm das arme Lob auf Erden,
mein Gott, in allen Gnaden hin,
Im Himmel soll es besser werden,
wenn ich bei deinen Engeln bin,
Da bring ich mit der selgen Schar
dir tausend Halleluja dar!3)

Amen.

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