Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 89.

(V. 1-30.)

(1) Eine Unterweisung Ethans, des Esrahiten. (2) Ich will singen von der Gnade des HErrn ewig und seine Wahrheit verkündigen mit meinem Munde für und für (3) und sage also: Dass eine ewige Gnade wird aufgehen, und du wirst deine Wahrheit treulich halten im Himmel. (4) „Ich habe einen Bund gemacht mit meinem Auserwählten; ich habe David, meinem Knechte, geschworen: (5) Ich will deinen Samen bestätigen ewig und deinen Stuhl bauen für und für.” (Sela.) (6) Und die Himmel werden, HErr, deine Wunder preisen und deine Wahrheit in der Gemeinde der Heiligen. (7) Denn wer mag in den Wolken dem HErrn gleich gelten, und gleich sein unter den Kindern Gottes dem HErrn? (8) Gott ist sehr mächtig in der Versammlung der Heiligen und wunderbar über alle, die um ihn sind. (9) HErr, Gott Zebaoth, wer ist wie du ein mächtiger Gott? Und deine Wahrheit ist um dich her. (10) Du herrscht über das ungestüme Meer; du stillst seine Wellen, wenn sie sich erheben. (11) Du schlägst Rahab zu Tod; du zerstreust deine Feinde mit deinem starken Arm. (12) Himmel und Erde ist dein; du hast gegründet den Erdboden und was darinnen ist. (13) Mitternacht und Mittag hast du geschaffen; Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namen. (14) Du hast einen gewaltigen Arm; stark ist deine Hand, und hoch ist deine Rechte. (15) Gerechtigkeit und Gericht ist deines Stuhles Festung; Gnade und Wahrheit sind vor deinem Angesicht. (16) Wohl dem Volk, das jauchzen kann! HErr, sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln; (17) sie werden über deinen Namen täglich fröhlich sein und in deiner Gerechtigkeit herrlich sein. (18) Denn du bist der Ruhm ihrer Stärke, und durch deine Gnade wirst du unser Horn erhöhen. (19) Denn des HErrn ist unser Schild, und des Heiligen in Israel ist unser König. (20) Dazumal redetest du im Gesicht zu deinem Heiligen und sprachst: „Ich habe einen Helden erweckt, der helfen soll; ich habe erhöht einen Auserwählten aus dem Volk. (21) Ich habe gefunden meinen Knecht David; ich habe ihn gesalbt mit meinem heiligen Öl. (22) Meine Hand soll ihn erhalten und mein Arm soll ihn stärken. (23) Die Feinde sollen ihn nicht überwältigen, und die Ungerechten sollen ihn nicht dämpfen; (24) sondern ich will seine Widersacher schlagen vor ihm her, und die ihn hassen, will ich plagen; (25) aber meine Wahrheit und Gnade soll bei ihm sein, und sein Horn soll in meinem Namen erhoben werden. (26) Ich will seine Hand über das Meer stellen und seine Rechte über die Wasser. (27) Er wird mich nennen also: Du bist mein Vater, mein Gott und Hort, der mir hilft. (28) Und ich will ihn zum ersten Sohn machen, allerhöchst unter den Königen auf Erden. (29) Ich will ihm ewig bewahren meine Gnade, und mein Bund soll ihm fest bleiben. (30) Ich will ihm ewig Samen geben und seinen Stuhl, solange der Himmel währt, erhalten.

„Er wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden, und Gott, der Herr, wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben. Und er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewig und seines Königreichs wird kein Ende sein!“ So lautet die Weissagung aus Engelsmund über den großen Davidsohn, den hochgelobten König der Ehren, unseren Herrn Jesus Christus. Und was der Engel dort der Maria geweissagt im Kämmerlein zu Nazareth, das hat der Mund des Psalmisten in prophetischer Begeisterung Jahrhunderte vorher schon prophezeit. Vom unvergänglichen Reich Davids singt in unserem Psalm Etan, der Esrahite. Und wiewohl er dabei zunächst das irdische Reich des alten David im Auge hat, so deuten doch die begeisterten Worte des Psalms über dieses weltliche Davidsreich immer wieder hinaus auf das unvergängliche Reich und auf den ewigen Thron des großen Davidssohns, der da spricht: Mein Reich ist nicht von dieser Welt! so dass dieser Psalm in Wahrheit zu den messianischen gezählt werden muss.

Besonders erhebend und erquickend erklingt für uns dieser freudige Reichspsalm, wenn wir gedenken an den nächstvorangehenden Klagepsalm. Wie manchmal im Kranze der Psalmen, wie so oft auch in der Kette unserer Tage reihet sich an die dunkle Passionsblume eine helle Freudenrose an. Und so predigt uns auch dieser Jubelpsalm, wie er auf das Klagelied folgt, die trostvolle Wahrheit: Durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Sieg, durch Leiden zur Herrlichkeit.

So lasst uns denn aus den Sorgen und Kämpfen dieser Welt im Glauben aufblicken in das unvergängliche selige Reich, das da ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist. Lasst uns nach Anleitung unseres Psalms betrachten: Das unvergängliche Davidsreich.

Der Psalmist preist in des Psalmes erster Hälfte:

1) Den göttlichen Stifter, V. 2-15.
2) Das selige Volk, V. 16-19.
3) Den herrlichen König des unvergänglichen Davidsreichs, V. 20-30.

1) Den göttlichen Stifter

V. 1 wird der Dichter des Psalms genannt: Etan, der Esrahit, wie Heman im vorigen Psalm einer aus dem Sängerchor Salomos, einer von jenen begnadigten Dienern des herrlichen Königs, über welche die Königin von Saba glückwünschend bezeugte: Selig sind deine Leute und deine Knechte, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören, und in welchen unter der milden Sonne von Salomos Regiment gleichfalls die Gabe der Weisheit und des Gesanges geweckt ward.

V. 2 stimmt er gleichsam seine Harfe und präludiert zu seinem Thema, wenn er beginnt: „Ich will singen von der Gnade des Herrn ewig und seine Wahrheit verkündigen mit meinem Munde für und für.“ Gnade und Wahrheit“ werden oft zusammen genannt zu Gottes Ruhm und Preis. Das sind die zwei Strahlen gleichsam, die von Gottes Angesicht ausgehen, die zwei Augen, mit denen er uns anschaut, die zwei Grundpfeiler aller seiner Offenbarung. Die milde Gnade, womit er sich herabneigt zu seinen Menschenkindern, um sie zu beseligen und zu beglücken, und die heilige Wahrheit, womit er hält über seinem Wort und nicht nur uns treu bleibt, sondern auch sich selber und seinem heiligen Wesen; nicht nur all seine Verheißungen pünktlich erfüllt, sondern auch seine Drohungen aufrecht hält als der Gott, der seiner nicht spotten lässt. Wüssten wir von seiner Gnade nichts, so könnten wir ihn nicht lieben. Zeigte er uns seine Wahrheit nicht, so würden wir ihn nicht fürchten. Aber beides zusammen, das zieht uns erst recht wieder hin zu seinen Füßen und hin an seine Brust. Beides zusammen, die milde herablassende Gnade und die heilige unbestechliche Wahrheit leuchtet uns ja an auch aus dem Sohn und Ebenbild Gottes, von dem es heißt: Wir sahen seine Herrlichkeit als die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Diese Gnade und Wahrheit also will ich preisen, fährt Etan fort:

V. 3: „Und sage also: Dass eine ewige Gnade wird aufgehen und du wirst deine Wahrheit treulich halten im Himmel.“ Und wo ist diese Gnadensonne aufgegangen dem Volke Gottes? Wo hat er seine Wahrheit offenbart in der Welt? Im Reiche Davids, das er gegründet, in jenem heiligen Bunde, den er einst mit seinem Volk Israel geschlossen und den er noch herrlicher mit der ganzen Menschheit eingegangen durch den großen Davidssohn Jesus Christus.

Gott selber, der Gott der Gnade und Wahrheit ist der Stifter des Davidsreichs; auf ihm, auf seinen göttlichen Eigenschaften und Verheißungen ruht der Glaube und die Hoffnung, das Heil und die Macht seines Volkes. Dieser himmlische Stifter und göttliche Gründer des Davidsreichs wird nun gepriesen in den folgenden Versen. Er ist's, der da spricht:

V. 4. 5: „Ich habe einen Bund gemacht mit meinem Auserwählten, ich habe David, meinem Knechte, geschworen: Ich will dir ewig Samen verschaffen und deinen Stuhl bauen für und für, Sela.“ David war ein König von Gottes Gnaden. Nicht das Volk hatte ihn auf den Thron gehoben, nicht Samuel hatte ihn auserwählt, sondern der Herr war's, der dort in Isais Haus zum Propheten sprach: Der ist's, auf und salbe ihn! Und wie der Herr ihn erkoren nach seinem Herzen in den Tagen seiner Jugend, so verhieß er ihm auch am Ende seiner Tage (2. Sam. 7, 12.): Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen Liegest, will ich deinen Sohn nach dir erwecken, dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewig. Das ist erfüllt worden an Salomo im zeitlichen Sinn, aber vollkommen erfüllt im ewigen geistlichen Sinn an dem rechten Friedefürsten, dem himmlischen Salomo, dem göttlichen Davidssohn Jesus Christus. Gott selbst also ist der Gründer des ewigen Davidsreichs, Gott, der Allmächtige, der da herrscht im Himmel, von dem es heißt:

V. 6-8: „Und die Himmel werden, Herr, deine Wunder preisen und deine Wahrheit in der Gemeine der Heiligen. Denn wer mag in den Wolken dem Herrn gleich gelten und gleich sein unter den Kindern der Götter dem Herrn? Gott ist fast mächtig in der Versammlung der Heiligen und wunderbar über alle, die um ihn sind.“ Die Himmel, die seine Wunder preisen, die Gemeine der Heiligen, die seine Wahrheit verkünden, die in den Wolken, die sich mit ihm nicht messen können, die Versammlung der Heiligen, die um ihn sind - mit dem allem meint der Psalmist die himmlischen Heerscharen, die leuchtenden Engelsgeister, die um seinen Thron anbetend stehen. Auch sie, diese Himmelsfürsten, können sich mit ihm nicht vergleichen, auch die Seraphim müssen ihr Antlitz verhüllen vor dem Glanze seiner Majestät. Und wie im Himmel, so herrscht er auch auf Erden.

V. 9. 10: „Herr, Gott Zebaoth, wer ist wie du, ein mächtiger Gott? Und deine Wahrheit ist um dich her. Du herrscht über das ungestüme Meer; du stillst seine Wellen, wenn sie sich erheben.“ Wie er herrscht über das ungestüme Meer und stillet seine Wellen, wenn sie sich erheben, das hat er ja oftmals gezeigt zu Gunsten seines Volks und seines Reichs von dem Tage an, da er den Wogen des roten Meers gebot, wie eine Mauer zu stehen zur Rechten und zur Linken des hindurchziehenden Volks, bis auf den Tag, da die empörte Adria, das stürmische Mittelmeer den schiffbrüchigen Apostel Paulus unversehrt musste aussteigen lassen auf der Insel Melite, dass er das Evangelium vom Kreuz herübertrüge nach Rom, und bis auf unsere Tage. Und wie die tobenden Meereswogen, so kann er auch die empörten Völkerwogen dämpfen und die tobenden Heiden zur Ruhe verweisen:

V. 11: „Du schlägst Rahab zu Tode; du zerstreust deine Feinde mit deinem starken Arm.“ Du schlägst Rahab Ägypten zu Boden; das hat er getan zu Mosis Zeiten. Und wie Ägypten, so hat er Babylon, so hat er Syrien, so hat er Philistäa, so hat er Rom, so hat er Griechenland, so hat er alle Feinde seines Reichs zu Boden geworfen im Lauf der Jahrhunderte als der Allmächtige, dem niemand widerstehen kann im Himmel und auf Erden. Da dürfen wir ja wohl mit Paulus sprechen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? und mit Luther rühmen: Wohl uns des guten Herren! und mit Etan fortfahren:

V. 12: „Himmel und Erde ist dein; du hast gegründet den Erdboden und was darinnen ist.“

V. 13: „Tabors majestätischer Gipfel, Hermons schneebedeckter Scheitel - alles, was hoch ist auf Erden, beugt sich vor ihm; was herrlich ist in aller Welt, jauchzt und lobsingt seinem herrlichen Namen.“ Denn:

V. 14: „Du hast einen gewaltigen Arm; stark ist deine Hand und hoch ist deine Rechte.“ Das heißt: Du bist der Allmächtige; wer kann dir widerstehen? Noch mehr:

V. 15: „Gerechtigkeit und Gericht, Gnade und Wahrheit das sind gleichsam die vier Ecksteine seines Regiments, die vier Thronwächter und Bannerträger seines Reichs. Wohl uns des guten Herren! Wohl allen, die auf ihn trauen! Da dürfen wir wohl mit dem Apostel rühmen: Gott aber, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Da dürfen wir wohl mit dem Liede lobsingen:

Ja Herr, lauter Gnad und Wahrheit sind vor deinem Angesicht;
Du, du trittst hervor in Klarheit, in Gerechtigkeit, Gericht;
Lässest stets in deinen Werken deine Güt und Allmacht merken:
Tausend, tausendmal sei dir, großer König, Dank dafür!1)

Das ist der göttliche Stifter des großen Davidsreichs. In einem solchen Reich ist gut wohnen. Darum hört:

2) Von seinem seligen Volk, V. 16-19.

V. 16: „Wohl dem Volk, das jauchzen kann. Herr, sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln.“ Eigentlich: „Wohl dem Volk, das den Schall der Posaune kennt.“ Mit Posaunenschall ward einst das Volk Israel vom Tempelberg eingeladen zu den schönen Festen und Gottesdiensten des Herrn, und wohl mochte einem frommen Israeliten das Herz von Freude wallen, wenn der Schall der Posaune ihm verkündete: Kommt zum Herrn! ihr seid zum Segen herzlich eingeladen. Auch wir, Geliebte, das Volk des neuen Bundes, kennen einen Schall der Posaune, die uns zum Herrn ruft, die uns zu schönen Gottesdiensten und seligen Festen versammelt, ja deren Schall die ganze Welt durchdringt und aller Völker Scharen zu ihm bringt - diese Posaune ist das göttliche Wort. Wohl dem Volk, das den Schall der Posaune kennt und gerne darauf hört und wandelt im Lichte seines Antlitzes! Im Lichte seines Antlitzes, im Lichte der ewigen Wahrheit und Liebe, im Lichte des Evangeliums dürfen auch wir wandeln, während Millionen hingehen in der Finsternis der Unwissenheit, des Unglaubens und des Aberglaubens. Dieses Licht zeigt uns den rechten Weg durchs Leben und erheitert uns die dunklen Pfade der Trübsal und erhellt uns das finstere Todestal, so dass wir in Zeit und Ewigkeit nirgends ohne Trost und Rat dastehen: Sind wir nicht ein seliges Volk? Soll's da nicht auch bei uns gelten:

V. 17: „Sie werden über deinem Namen täglich fröhlich sein und in deiner Gerechtigkeit herrlich sein.“ Ja sollten wir nicht fröhlich sein in aller Trübsal über dem herrlichen Namen unseres Gottes, der ein festes Schloss ist und eine sichere Burg der Seinen? Können wir nicht allesamt herrlich werden, trotz unserer Schwachheit und Sünde herrlich, Gott wohlgefällig, Gottes Kinder, Bürger seines Reichs, Erben seines Himmels werden durch seine Gerechtigkeit, durch die Gerechtigkeit, die Gottes Wort uns lehrt, die Christi Vorbild uns zeigt, die unser Heiland durch sein Blut uns erworben hat und durch seinen Geist uns einpflanzen will? Sind wir nicht ein seliges Volk? Aber nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen die Ehre:

V. 18: „Denn du bist der Ruhm ihrer Stärke und durch deine Gnade wirst du unser Horn erhöhen.“ In dem Herrn nur haben wir Gerechtigkeit und Stärke, seine Gnade nur kann etwas aus uns machen; er allein kann unser Horn erhöhen, d. h. kann eine Christenseele stärken gegen alle. Feinde ihrer Seligkeit und seine ganze Christenheit antun mit Kraft aus der Höhe, dass sie die Stirn bieten kann allen ihren Widersachern. Denn:

V. 19: „Der Herr ist unser Schild und der Heilige in Israel ist unser König.“ Sind wir nicht ein seliges Volk? dass der Herr dies, sein Volk, sich sammeln und erhalten wolle auch in den Gerichten dieser Zeit! Dass er auch uns alle zählen wolle zu seinem seligen, hochbegnadigten Volk, damit wir in Wahrheit rühmen können wie unsere lieben Konfirmanden:

Ich bin getauft auf deinen Namen,
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist,
Ich bin gezählt zu deinem Samen,
Zum Volk, das dir geheiligt heißt;
Ich bin in Jesum eingesenkt,
Er hat mir seinen Geist geschenkt!2)

Heil dem Volk im ewigen Davidsreich und Preis seinem herrlichen König! Davon singt der Psalmist:

(Vom) herrlichen König des unvergänglichen Davidsreichs, V. 20-30.

Von seiner herrlichen Erwählung zuerst:

V. 20-21: „Dazumal redetest du im Gesicht zu deinem Heiligen und sprachst: Ich habe einen Helden erweckt, der helfen soll; ich habe erhöht einen Auserwählten aus dem Volk; ich habe gefunden meinen Knecht David, ich habe ihn gesalbt mit meinem heiligen Öl.“ Das deutet freilich zuerst auf David, den Sohn Isais, und seine Salbung durch Samuel. Aber das deutet auch über das Haupt des irdischen David hinaus auf einen Größeren, auf den Helden, der nicht nur Goliath schlug, sondern Sünde, Tod und Teufel überwand; auf den Auserwählten, über den die Himmelsstimme scholl: Das ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe; auf den Knecht Gottes, der in Knechtsgestalt unsere Krankheit trug und unsere Schmerzen auf sich lud, auf den Gesalbten, der mit dem heiligen Geiste gesalbt war ohne Maß und den Gott zu einem Herrn und Christ gemacht hat für alle Welt. O unter einem solchen König stehen, in seinem Reich unter ihm leben und ihm dienen in ewiger Unschuld, Gerechtigkeit und Seligkeit - was ist schöner als das? Wie hat sich der Herr zu diesem seinem Gesalbten bekannt:

V. 22: „Meine Hand soll ihn erhalten, und mein Arm soll ihn stärken.“ Das hat der Herr wahr gemacht einst am Sohn Isais, als er ihn an seiner Hand hielt unter den Verfolgungen Sauls, als er den Hirtenknaben stärkte, ein ganzes Volk zu weiden. Aber überschwänglich hat er's erfüllt an dem großen Davidssohn, als er mit ihm war auf seinem schweren Lebensgang und ihn stärkte zu seinem göttlichen Erlösungswerk. Ist das nicht ein herrlicher König?

V. 23: „Die Feinde sollen ihn nicht überwältigen und die Ungerechten sollen ihn nicht dämpfen.“ Auch das ist wahr geworden am Sohne Isais gegen alle seine Feinde von Goliath an, gegen den der Knabe auszog, bis zu Absalom und Simei und Ahitophel, vor denen der greise König fliehen musste. Alle seine Feinde hat Gott gedämpft. Aber auch das hat noch herrlicher sich erfüllt am großen Davidssohn. Am Ostermorgen, am Himmelfahrtsfest, am Pfingstfest, - da hieß es auch bei ihm: „Die Feinde sollen ihn nicht überwältigen und die Ungerechten sollen ihn nicht dämpfen.“ Ja so heißt es noch bei ihm bis auf den heutigen Tag und wird immer wieder so heißen trotz aller Macht und List, aller Torheit und Bosheit der Widersacher, bis alle seine Feinde gelegt sind zum Schemel seiner Füße. Ist das nicht ein herrlicher König?

V. 24: „Sondern ich will seine Widersacher schlagen. vor ihm her, und die ihn hassen, will ich plagen.“ Wie Saul und Absalom ein Ende nahmen mit Schrecken, weil sie die Hand aufhoben wider den Gesalbten des Herrn, so schaden auch heute noch die, welche Christo feind sind, niemand als sich selbst und ihrer Seele, die sie um ihren Frieden bringen hier und um ihr Heil in Ewigkeit. Ist das nicht ein herrlicher König?

V. 25: „Aber meine Wahrheit und Gnade soll bei ihm sein und sein Horn soll in meinem Namen erhoben werden.“ Ja Gnade und Wahrheit das sind die Engel des Herrn, die heute noch vor Christo hergehen, ihm Bahn zu bereiten in den Herzen, und im Namen des Herrn steigt sein Stern höher und höher und sein Reich sollen auch die Pforten der Hölle nicht überwältigen.

V. 26: „Ich will seine Hand ins Meer stellen und seine Rechte in die Wasser.“ Mit der einen Hand herrschte David bis ans mittelländische Meer zur Linken, mit der andern bis an den Euphrat zur Rechten. Aber unser Davidsohn, der streckt sein Zepter aus über alle Lande der Welt und die ganze Erde ist sein Erbe. Ist das nicht ein herrlicher König?

V. 27: „Er wird mich nennen also: Du bist mein Vater, mein Gott und Hort, der mir hilft.“ Ja, wer unter allen, die vom Weibe geboren, hat in solcher Kindeszuversicht zum allmächtigen Gott sprechen dürfen: Abba, mein Vater, als der Sohn, von dem es hieß: Ich und der Vater sind eins.

V. 28: Und ich will ihn zum ersten Sohne machen, allerhöchst unter den Königen auf Erden.“ Zu wem hat der Ewige im Himmel gesprochen, wie zu ihm: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt! Ist das nicht ein herrlicher König?

V. 29: „Ich will ihm ewig behalten meine Gnade und mein Bund soll ihm fest bleiben.“ Ja der Bund des neuen Testaments, der Gnadenbund Gottes in Jesu Christo, der bleibt in Ewigkeit. Und Millionen sollen noch eingehen in diesen Bund. Denn:

V. 30: „Ich will ihm ewig Samen geben und seinen Stuhl, so lange der Himmel währt, erhalten.“ Was können wir zu diesem prophetischen Wort Schöneres hinzufügen als den apostolischen Nachhall: „Gott hat ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist?“ Ist das nicht ein herrlicher König? O kommt in sein Reich! Huldiget ihm!

Jesus Christus herrscht als König; alles wird ihm untertänig,
Alles legt ihm Gott zu Fuß.
Jede Zunge soll bekennen: Jesus sei der Herr zu nennen,
Dem man Ehre geben muss!

Ich auch auf den tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen,
Ob ich schon noch Pilger bin:
Jesus Christus herrscht als König! Alles sei ihm untertänig,
Ehret, liebet, lobet ihn! 3)

Amen.

(V. 31-53.)

(31) Wo aber seine Kinder mein Gesetz verlassen, und in meinen Rechten nicht wandeln, (32) So sie meine Ordnungen entheiligen, und meine Gebote nicht halten; (33) So will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen, und ihre Missetat mit Plagen; (34) Aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden, und meine Wahrheit nicht lassen fehlen. (35) Ich will meinen Bund nicht entheiligen, und nicht ändern, was aus meinem Munde gegangen ist. (36) Ich habe einst geschworen bei meiner Heiligkeit: Ich will David nicht lügen; (37) Sein Same soll ewig sein, und sein Stuhl vor mir, wie die Sonne; (38) Wie der Mond soll er ewig erhalten sein, und gleichwie der Zeuge in den Wolken gewiss sein, Sela. (39) Aber nun verstößt du, und verwirfst, und zürnst mit deinem Gesalbten. (40) Du verstörst den Bund deines Knechts, und trittst seine Krone zu Boden. (41) Du zerreißt alle seine Mauern, und lässt seine Festen zerbrechen. (42) Es rauben ihn alle, die vorübergehen, er ist seiner Nachbarn ein Spott geworden. (43) Du erhöhst die Rechte seiner Widerwärtigen, und erfreuest alle seine Feinde. (44) Auch hast du die Kraft seines Schwerts weggenommen, und lässt ihn nicht siegen im Streit. (45) Du zerstörest seine Reinigkeit, und wirfst seinen Stuhl zu Boden. (46) Du verkürzest die Zeit seiner Jugend, und bedeckest ihn mit Hohn, Sela. (47) Herr, wie lange willst du dich so gar verbergen, und deinen Grimm wie Feuer brennen lassen? (48) Gedenke, wie kurz mein Leben ist. Warum willst du alle Menschen umsonst geschaffen haben? (49) Wo ist jemand, der da lebt, und den Tod nicht sehe? Der seine Seele errette aus der Hölle Hand? Sela. (50) Herr, wo ist deine vorige Gnade, die du David geschworen hast in deiner Wahrheit? (51) Gedenke, Herr, an die Schmach deiner Knechte, die ich trage in meinem Schoß, von so vielen Völkern allen, (52) Damit dich, Herr, deine Feinde schmähen, damit sie schmähen die Fußstapfen deines Gesalbten. (53) Gelobt sei der Herr ewig, Amen, Amen.

Das unvergängliche Davidsreich ist's, das in diesem Psalme besungen wird, und wir haben in der ersten Hälfte geschildert gefunden den göttlichen Stifter, das selige Volk und den herrlichen König dieses Reiches. Freilich nicht so hell und freudig, wie die erste, klingt die zweite Hälfte des Psalms. Wie eine heitere, sonnenhelle Sommerlandschaft mit lachenden Gefilden und schimmernden Bächen oft auf einmal sich verdüstert, weil ein Wolkenschatten drüber hinläuft, und das helle Jubellied der Lerche und der Amsel verstummt vor dem Grollen des Donners, der in der Ferne sich ankündet und immer drohender sich hören lässt, so verdüstert sich unser Psalm in der zweiten Hälfte und ändert seinen Ton aus Preis und Jubel in Jammer und Klage. Und doch auch Wolkenschatten ziehen vorüber und furchtbare Gewitter regnen sich aus. Wie lieblich glänzt dann der verklärte Himmel, wenn die Sonne wieder hervorstrahlt aus dem Wettergewölk, wenn der bunte Friedensbogen sich wölbt auf dem grauen Wolkengrund, wenn endlich wie frischgewaschen das hellblaue Himmelszelt wieder über uns leuchtet! Wie freundlich lacht die Flur, wenn die Sonne wieder das erfrischte Grün beglänzt, wenn tausend Wohlgerüche aus der befruchteten Erde dampfen, wenn die lechzenden Gräser, die matten Blumen, die gebeugten Ähren neugestärkt ihre Häupter wieder aufrichten und Baum und Busch die letzten Regentropfen wie schimmernde Perlen von sich schütteln! Wie fröhlich seht die Amsel ihr unterbrochenes Lied wieder fort, wie jauchzend steigt die Lerche wieder empor ins gereinigte Himmelblau, und wie dankbar blickt der Mensch hinauf zu dem treuen Vater und barmherzigen Richter droben, der nicht ewig Zorn halten will, sondern die Versuchung so ein Ende gewinnen lässt, dass wir's können ertragen! Etwas von solcher Freude nach dem Leid, von solchem Sonnenschein nach dem Gewitter schimmert auch in unseren Psalm am Ende noch herein, wenigstens in dem Schlusswort: „Gelobt sei der Herr ewig, Amen, Amen.“ Unvergänglich ist ja doch das Reich seiner Gnade und Herrlichkeit, und aus allen Wolkenschatten der Trübsal, aus allen Gewitterstürmen der Anfechtung soll es herrlicher denn zuvor am Ende wieder hervorgehen. Und so betrachten wir denn auch diesmal:

und zwar:

Das unvergängliche Davidsreich,

1) Seinen unerschütterlichen Grund, V. 31-38.
2) Seine schwere Niederlage, V. 39-46.
3) Seine gläubige Hoffnung, V. 47-53.

1) Den unerschütterlichen Grund

des unvergänglichen Davidsreichs haben wir am Schluss des ersten Abschnittes noch aus dem Munde des wahrhaftigen Gottes selber bezeichnet gefunden, V. 29. 30: „Ich will ihm ewig behalten meine Gnade und mein Bund soll ihm fest bleiben. Ich will ihm ewig Samen geben und seinen Stuhl, solange der Himmel währt, erhalten.“ Der unerschütterliche Grund des Reichs Gottes auf Erden, das ist der ewige Gnadenbund, den Gott mit der Menschheit geschlossen und den er auch halten wird in Ewigkeit; es ist die göttliche Treue, die sich selbst nicht verleugnen kann; es ist das ewige Gotteswort, das da bleibt, wenn auch Himmel und Erde vergehen. Darum - was wir von unserem Taufbunde singen, das gilt auch von dem Gnadenbund Gottes im Großen: Mein treuer Gott, auf deiner Seite bleibt ewig dieser Bund bestehn. Wenn aber ich ihn überschreite, heißt's dort im Liede weiter, so lass mich nicht verloren gehn. Und hab ich einen Fall getan, so nimm dein Kind zu Gnaden an. Von unserer Seite freilich, da wird der Bund Gottes oftmals verlassen und übertreten. Darum heißt's nun weiter:

V. 31. 32. 33: „Wo aber seine Kinder (Davids Nachkommen und ihre Untertanen) mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, so sie meine Ordnungen entheiligen und meine Gebote nicht halten; so will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen.“ Damit deutet der Herr selber prophetisch hin auf die mannigfache Untreue seines bundbrüchigen Volkes, wie sie sein Gesetz verlassen durch Abfall vom Glauben, in seinen Rechten nicht wandeln durch Übertretung seiner äußeren Satzungen, seine Ordnungen in der Kirche und im Gottesdienst entheiligen durch Sabbatschändung und anderes ungöttliches Wesen, und seine Gebote, seine ewigen Sittengebote: Liebe Gottes und des Nächsten nicht halten. O wie oft von den Tagen Mosis an bis in die Zeiten eines Ezechiel und Daniel hat Gott der Herr klagen müssen über sein ungetreues Volk, das seinen Eid verachtet und seinen Bund gebrochen hat! Und wie oft muss er auch über die Kinder des neuen Bundes ausrufen: Ich strecke meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen Volk, nach einem Volk, das von meinen heiligen Ordnungen nichts wissen will und um meine ewigen Gebote sich nichts kümmert. Ist es da ein Wunder, wenn er seinem Volk nicht das freundliche Vaterantlitz immer zeigen kann, sondern auch das flammende Richterauge ihm zuwenden muss, von dem Hiob klagt: Seine Augen schauen mich an, darob vergehe ich. Ist es da nicht in der Ordnung, wenn der Heilige in Israel spricht:

V. 33: „So will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen.“ O wie oft hat er sein Volk des alten Bundes mit Ruten gezüchtigt als ein treuer Vater, der seines Sohnes Bestes sucht, und wenn die Ruten nicht halfen, dann hat er auch den eisernen Stab Wehe genommen, dann hat er sein Volk heimgesucht mit furchtbaren Plagen, wie die Gefangenschaft zu Babel, wie die Herrschaft der Römer, wie die Zerstörung Jerusalems. Und auch heute noch lässt er sein Volk bald die Rute fühlen, bald schwere Plagen empfinden. Alles das Missgeschick, unter dem unser Volk seit Jahren geseufzt hat und noch seufzt: Misswachs, Teuerung, Revolution, Verarmung sind's nicht auch Ruten in der Vaterhand des heiligen Gottes? Und auch die Prüfungen, damit er uns insbesondere oft heimsucht in unserem Haus und auf unseren Lebenswegen, müssen wir sie nicht erkennen als väterliche Züchtigungen eines heiligen Vaters, der es wohl meint, auch wo er uns weh tut, von dem es heißt:

Wie ein Vater seinem Kinde sein Herz niemals ganz entzeucht,
Ob es wohl bisweilen Sünde tut und aus den Schranken weicht;
Also hält auch meine Schwächen mir mein frommer Gott zu gut,
Will mein Fehlen mit der Rut' und nicht mit dem Schwerte rächen.
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. 4)

Gottes Lieb in Ewigkeit. Hört das aus seinem eigenen Munde:

V. 34. 35: „Aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden, und meine Wahrheit nicht lassen fehlen. Ich will meinen Bund nicht entheiligen und nicht ändern, was aus meinem Munde gegangen ist.“ Fürwahr eine edle Zusage und trostvolle Verheißung! Mag auch der Mensch seinen Bund treulos brechen: Gott ist kein Mensch, er kann nicht lügen; sein Wort der Wahrheit kann nicht trügen; Gott ist getreu! Mag der Vater im Himmel auch sein Antlitz vor seinem Volke verbergen hinter den Wetterwolken des Zorns, er hat seiner Verheißungen darum nicht vergessen und seinen Bund nicht gebrochen, wie wir in unserem Kleinmut oft meinen; seine Gnade bleibt die alte und seine Wahrheit kann nicht wanken, sein Bund bleibt unerschütterlich und sein Wort unverbrüchlich. Darum lasst uns ja nicht bei solchen Gerichten Gottes murren und klagen, als hätte er seines Bundes vergessen. Vielmehr sollten sie uns gerade ein Zeugnis sein, dass er seines Bundes noch gedenke, denn zu seinen beschworenen Bundespflichten gehört ja auch die: seines Volkes Missetat nach Vaterart heimzusuchen mit väterlichen Ruten.

Wer wollt doch sagen, bemerkt hierzu der alte Frisch in seiner neuklingenden Davidsharfe, dass es wider Gottes Wort und Heiligkeit streite, wenn die Menschen seinen Bund entheiligen und er lässt ihre Ehre auch entweiht werden; wenn die Menschen seine Ordnungen zerreißen und er lässt ihre Festungen und Mauern hinwiederum zerbrochen werden; wenn die Menschen ihm die Ehre rauben und er lässt ihnen hinwiederum ihre Ehre, guten Wohlstand, ja wohl manchen gar ihr Leben rauben; wenn die Menschen es mit seinem Feind und Widersacher halten und er lässt sie hinwiederum von ihren Widerwärtigen gedrückt werden; wenn sie ihre beste Gnadenzeit so übel anlegen und er ihnen hinwiederum ihre Glückszeit verkürzt? In dem allem tut er nicht zuviel, sondern erweist nur seine Gerechtigkeit, die mit heiligem Ernst ob dem Bunde hält und ihn nicht ungestraft zertreten lässt; ja er weist in dem allem auch seine Barmherzigkeit, die durch solche Rutenschläge ihre Kinder ziehen will, wie jenes Lied weiter sagt:

Seine Strafen, seine Schläge, ob mir's gleich oft hart erscheint,
Dennoch, wenn ich's recht erwäge, sind es Zeichen, dass mein Freund,
Der mich liebt, mein gedenke und mich von der schnöden Welt,
Die mich hart gefangen hält, durch das Kreuze zu ihm lenke;
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. 5)

In Ewigkeit; das bezeugt er selber abermals:

V. 36-38: „Ich habe einst geschworen bei meiner Heiligkeit: Ich will David nicht lügen; sein Same soll ewig sein und sein Stuhl vor mir wie die Sonne; wie der Mond soll er ewig erhalten sein und gleichwie der Zeuge in den Wolken gewiss sein, Sela.“ Er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewig und seines Königreichs wird kein Ende sein.“ So hat der Herr David geschworen und das will er auch halten; das versiegelt er durch drei schöne Gleichnisse im Text. Wie die Sonne am Himmel golden wieder strahlet, wenn das Wetter vorüber; wie des Mondes Silberscheibe immer wieder voll wird, nachdem sie abgenommen; wie der Regenbogen als der Zeuge der göttlichen Gnade und Treue lieblich hervortritt aus den Wolken so soll Gottes Bund unerschütterlich bleiben bei seinem Volk und sein Reich unzerstörbar bestehen unter den Menschen. Und ist's nicht so geworden und gewesen bis auf diesen Tag? Hat er nicht in Jesu Christo Davids Königreich herrlich erneuert und in verklärter Gestalt auf ewig gegründet und es gnädig bis hierher erhalten, soviel Wetter auch schon drüber ergangen sind? Und hat es nicht jeder von uns erfahren in seinem eigenen kleinen Leben, dürfen wir es nicht allesamt rühmen und bezeugen:

Das weiß ich fürwahr und lasse mir's nicht aus dem Sinne gehn,
Christenkreuz hat seine Maße und muss endlich stille stehn;
Wenn der Winter ausgeschneiet, tritt der schöne Sommer ein;
Also wird auch nach der Pein, wer's erwarten kann, erfreut;
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit. 6)

Das ist der unerschütterliche Grund des Reichs Davids, die ewige Liebe Gottes. Aber nun auf diese herrlichen Gottesverheißungen hin hören wir die bitteren Klagen des Psalmisten über:

2) Die schwere Niederlage des Davidreichs.

So Herrliches hast du verheißen; aber wie traurig sticht davon die Gegenwart ab! Der König gedemütigt und seine Krone in den Staub getreten, V. 39. 40; sein Reich zerrissen und sein Volk darniederliegend, V. 41. 42; seine Feinde triumphierend und seiner spottend, V. 42. 43; sein Schwert im Felde ruhmlos und sieglos, V. 44; sein Thron daheim umgestürzt und seines Glanzes beraubt, V. 45; seine Jugendblüte dahin und seine Kraft gebrochen, V. 46. Solche Zeiten der Schmach und Demütigung brachen über Davids Thron und Reich gar manchmal herein im Lauf der Zeiten. David selber musste sie erfahren beim Aufruhr Absaloms und dem Strafgerichte der Pest; Salomo musste sie erleben gegen das Ende seines Regiments, als seine Hinneigung zu fremden Göttern durch allerlei Verheerung von Seiten Syriens und Edoms gestraft ward; Jojakim und Zedekia mussten sie erfahren zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft; darum auch die Ausleger bald auf diese, bald auf jene Zeitperiode die Klagen des Psalmisten deuten. Auch das Gnadenreich des neuen Bundes hat solche Gerichtszeiten und Niederlagen schon manchmal erlebt; wo es seinen Glanz erloschen, seine Mauern erschüttert, sein Schwert sieglos, seine Feinde triumphierend sah, dass Zion dastand beraubt und verlassen wie eine Witwe im Trauerschleier und schmerzvoll klagte (1. Sam. 4): „Ikabod, d. i. die Herrlichkeit ist dahin von Israel, denn die Lade Gottes ist genommen.“ Wenn grausame Verfolgungen hereinbrechen über die Christenheit, wie die zwölf Christenverfolgungen der römischen Kaiser; wenn das Licht des Evangeliums unter den Scheffel gestellt ist und Aberglaube und Gewissensdruck gleich einem schweren Alp auf der Christenheit lastet, wie vor der Reformation; wenn frecher Unglaube das Haupt erhebt und des Evangeliums spottet, wie im vorigen Jahrhundert und noch in unseren Tagen, dann möchte man auch sagen und klagen: Die Herrlichkeit ist dahin von Israel, denn die Lade Gottes ist genommen! Und im Kleinen, in unserem eigenen Lebenslauf verbirgt sich ja oft Gottes Gnadensonne hinter den Wolken, wenn Not und Trübsal von außen oder Anfechtung von innen über uns hereinbricht; in unserem eigenen Herzen fühlen wir uns oft wie von Gott verstoßen und aus seinem Bund geschlossen; die Krone unserer Gotteskindschaft liegt zertreten im Staube; der Feind unserer Seligkeit, der Teufel, scheint über uns zu triumphieren; die Waffen des Geistes scheinen uns sieglos, der Schild des Glaubens sinkt uns vom Arme, das Schwert des göttlichen Wortes scheint uns stumpf und schartig, die Schlachtposaune des Gebetes will nicht gen Himmel dringen; kurz es heißt auch im Christenherzen und Christenleben: Die Herrlichkeit ist dahin von Israel, denn die Lade Gottes ist genommen! Was sollen wir tun in solchen Gerichtszeiten, bei solchen schweren Niederlagen des Reichs Gottes in uns und um uns? Die Hoffnung nicht verlieren, die trostvolle Hoffnung auf die Unvergänglichkeit des Reichs Gottes und auf die Ewigkeit seiner Gnade! Die bricht in matten, schüchternen Strahlen wenigstens am Ende unseres Psalms noch hervor:

3) Die gläubige Hoffnung des Reichs Gottes, V. 47-53.

V. 47: Da wendet sich der klagende Psalmist wieder flehend zu Gott und fragt: Herr, wie lange? Ein Zeugnis, dass er noch an ein Ende solcher Trübsal glaubt und an einen Gott, der da hilft, an einen Herrn Herrn, der vom Tode errettet. Und worauf stützt er seine Hoffnung? Auf die Größe der eigenen Not; die muss doch Gott das Herz brechen, der ja seine Menschen nicht zum Zorn geschaffen hat und nicht rettungslos dem ewigen Verderben preisgeben wird. V. 48. 49: Das ist ein kräftig Argument, sagt unser alter Ausleger. Glaube, lieber Mensch, es ist eine so edle, hohe und großmütige Art in Gott, dass wenn ihm ein Mensch sein tiefstes Elend kräftiglich fürhält, so muss sein Zorn sich legen. Er denkt gleichsam: Was soll ich mit der armen Erde und Asche machen? Was soll ich mit dem elenden taub zürnen? Ich muss mich über ihn erbarmen. Dies Argument hat vor andern Hiob wohl zu gebrauchen verstanden und hat's bewährt gefunden. Gott weiß, was für ein Gemächte wir sind; er denkt, dass wir Staub sind. Der zweite Grund der Hoffnung ist Gottes Ehre, die er nicht den Götzen lassen kann; sein Gnadenwillen, den er nicht lässt zu Schanden werden, V. 50. 51. 52. In solcher Zuversicht kann man dann auch schließen V. 53 (Schluss des dritten Buches der Psalmen): „Gelobt sei der Herr ewig!“ Ja gelobt seist du über deinem ewigen Gnadenreich, getreuer Gott!

Die Welt, die mag zerbrechen, du Gott, stehst ewig!
Nicht Hass und Qual der Frechen soll trennen mich und dich;
Kein Hunger und kein Dürsten, nicht Armut oder Pein,
Kein Zorn von großen Fürsten soll mir zur Hind‘rung sein!

Kein Engel, keine Freuden, kein Thron noch Herrlichkeit,
Kein Lieben und kein Leiden, nicht Angst noch Fährlichkeit,
Was man nur kann erdenken, es sei klein oder groß:
Der' keines soll mich lenken aus deinem Arm und Schoß!

Mein Herz beginnt zu springen, und kann nicht traurig sein,
Ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein!
Die Sonne, die mir lacht, ist mein Herr Jesus Christ,
Das, was mich singen macht, ist was im Himmel ist! 7) Amen.

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