Gerok, Karl - Andachten zum Psalter - Psalm 80.
(1) Ein Psalm Assaphs, von den Spanrosen, vorzusingen. (2) Du Hirte Israels, höre, der du Joseph hütest wie der Schafe; erscheine, der du sitzt über Cherubim. (3) Erwecke deine Gewalt, der du vor Ephraim, Benjamin und Manasse bist, und komm uns zu Hilfe. (4) Gott, tröste uns, und lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir. (5) Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen über dem Gebet deines Volks? (6) Du speist sie mit Tränenbrot, und tränkst sie mit großem Maß voll Tränen. (7) Du setzt uns unsern Nachbarn zum Zank, und unsere Feinde spotten unserer. (8) Gott Zebaoth, tröste uns; lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir. (9) Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt, und hast vertrieben die Heiden, und denselben gepflanzt. (10) Du hast vor ihm die Bahn gemacht, und hast ihn lassen einwurzeln, dass er das Land erfüllt hat. (11) Berge sind mit seinem Schatten bedeckt, und mit seinen Reben die Zedern Gottes. (12) Du hast sein Gewächs ausgebreitet bis an das Meer, und seine Zweige bis an das Wasser. (13) Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen, dass ihn zerreißt alles, das vorübergeht? (14) Es haben ihn zerwühlt die wilden Säue, und die wilden Tiere haben ihn verdorben. (15) Gott Zebaoth, wende dich doch, schaue vom Himmel, und siehe an, und suche heim diesen Weinstock, (16) Und halte ihn im Bau, den deine Rechte gepflanzt hat, und den du dir festiglich erwählt hast. (17) Siehe darein, und schilt, dass des Brennens und Reißens ein Ende werde. (18) Deine Hand schütze das Volk deiner Rechten, und die Leute, die du dir festiglich erwählt hast; (19) So wollen wir nicht von dir weichen. Lass uns leben; so wollen wir deinen Namen anrufen. (20) Herr, Gott Zebaoth, tröste uns; lass dein Antlitz leuchten, so genesen wir.
Von dem Weinberg des Herrn, auf den er so viel Fleiß und Liebe verwendet, den er mit einem Zaun umhegt, mit einer Kelter versehen, mit einem Turm befestigt hat, und der ihm doch so wenig Früchte gebracht, ja ganz verwahrlost worden ist durch die Bosheit der Weingärtner, die ihn als ihr eigenes Erbe an sich reißen wollten, statt ihn als Gottes Haushalter zu bebauen und ihm Früchte zu liefern zu rechter Zeit; von diesem Weinberg des Herrn haben wir im Evangelium des vorlegten Sonntags ein gar eindringliches Gleichnis vernommen aus dem Munde unseres Herrn Jesu Christi, und haben gesehen, unter diesem Weinberg sei das Reich Gottes zu verstehen, zunächst wie es beim alten Bundesvolk Israel gepflanzt war, aber auch wie der Herr in seiner Christenheit es neu gepflanzt und bis hierher treulich gepflegt und behütet hat.
Mitten aus diesem Weinberg des Herrn, aus diesem von Gott so gesegneten, von den Menschen aber so heillos verwüsteten Weinberg heraus vernehmen wir nun in unserem 80. Psalm eine gar schmerzliche Klage. Nicht der Herr ist's, der diesmal klagt, wie dort bei Jesaias: Was sollte man denn mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht alles an ihm getan habe; warum hat er mir denn Heerlinge gebracht statt Trauben? Auch nicht die Stimme eines frechen Weingärtners vernehmen wir hier wie dort im Gleichnis unseres Heilands, als sie hohnlachend untereinander sprachen: Das ist der Erbe, lasst uns ihn töten und sein Erbteil an uns bringen. Nein, diesmal ist's die Stimme eines treuen Hüters und Wächters im Weinberg, der jammernd seine Hände erhebt ob dem Gräuel der Verwüstung. Auch nicht von innen heraus, von gewissenlosen Arbeitern kommt diesmal der Schaden, sondern von außen her; rohe Feinde sind wie wilde Tiere eingebrochen in den Weinberg des Herrn und haben ihn zerwühlt und verwüstet. Bei welchem feindlichen Einfall dieser Klagepsalm gesungen sei, ob schon zu Salomos Zeit, als dessen Sonne zu sinken begann und namentlich der Edomiterfürst Hadad und der Syrerkönig Rezon das Land bedrängten (1. Kön. 11, 14-25), oder später unter den abgöttischen Königen vor Josias Zeit, oder noch später in den Drangsalszeiten vor Zedekias Herrschaft, das lässt sich nicht mehr bestimmen; jedenfalls wird dieser Psalm auch uns in unserer Zeit manches zu denken und zu lernen geben, und so lasst uns denn betrachten:
Den verwüsteten Weinberg des Herrn.
Wir vernehmen:
1) Einen Aufruf zur Hilfe, V. 1-4.
2) Eine Klage über den gegenwärtigen Jammer, V. 5-8.
3) Eine Schilderung des Weinbergs, wie er einst war und wie er nun ist, V. 9-15.
4) Einen nochmaligen Hilferuf, V. 16-20.
Also:
1) Ein Aufruf zur Hilfe, V. 1-4.
Bei gar süßen und hohen Namen ruft Assaph den Herren an:
V. 2: „Du Hirte Israels, höre, der du Joseph hütest wie der Schafe; erscheine, der du sitzt über Cherubim.“ Den „Hirten Israel“ nennt er ihn. Da mahnt er ihn an seine Liebe und Treue, an jene Hirtenliebe und Hirtentreue, mit welcher er Israel gehütet und geführt von alters her, wie es im 77. Psalm geheißen: „Du führtest dein Volk wie eine Herde Schafe durch Mose und Aaron;“ an jene Hirtenliebe und Hirtentreue, von der es bei Jesaia heißt 40, 11: Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; er wird die Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen und die Schafmütter führen. „Der da sitzt über Cherubim“ heißt er, damit fasst ihn der Sänger bei seiner königlichen Majestät; wie er droben im Lichte wohnt und thront unter den Lobgesängen seiner Himmelsgeister, so wurde er im Allerheiligsten gegenwärtig gedacht über den goldenen Cherubimflügeln, womit die Bundeslade bedeckt war; also den Herrn der Herrlichkeit, den Herrn der himmlischen Heerscharen ruft der bedrängte Sänger zur Hilfe an:
V. 3: „Erwecke deine Gewalt, der du vor Ephraim, Benjamin und Manasse bist, und komm uns zu Hilfe.“ Wie einst im deutschen Reichsheer der Stamm der Schwaben voranzog mit der Reichssturmfahne, so zogen im Heere Israel diese drei Stämme Ephraim, Benjamin und Manasse zunächst hinter der Bundeslade einher; vor ihnen aber zog unsichtbar er selber, der Herr Zebaoth, voran. Dass er wieder an die Spitze sich stelle wie vor alters, darum fleht der Psalmist und bittet gar rührend:
V. 4: „Lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir.“ Ja, wenn Gott in Gnaden sein Antlitz über uns leuchten lässt, wenn wir seine Gnadengegenwart spüren dürfen, dann genesen wir, dann hat alle Not und aller Jammer ein Ende, dann müssen alle Feinde erschrocken weichen, alle Wolken sich verziehen; sein Volk aber erhebet fröhlich das Haupt. Wenn aber Gott sein Antlitz vor uns verbirgt in den Wetterwolken des Zorns, seine Gnadengegenwart uns entzieht, dann ist die Seele frank und der Leib matt, dann ist kein Segen bei unserem Tagewerk und kein Gelingen bei unserem Vornehmen. Das können wir alle Tage erfahren, darum wollen wir auch alle Tage bitten, mehr noch als um den äußeren Sonnenschein um diesen inneren Sonnenschein des göttlichen Gnadenangesichts; dann sind wir froh und vergnügt auch in düstern Novembertagen, wenn wochenlang keine Sonne scheint; wollen alle Tage flehen, wie's im uralten Segen Mosis heißt: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
- Nun wie nötig die Hilfe sei, das vernehmen wir aus
2) V. 5-8: Eine schmerzliche Klage über den gegenwärtigen Jammer.
V. 5: „Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen über dem Gebet deines Volks?“ Du bist ja der Gott Zebaoth, der siegreiche Herr der himmlischen Heerscharen; die geflügelten Legionen der Engel stehen vor deinem Thron und tausendmal tausende dienen dir. Dir wäre es etwas Geringes, unsere Feinde zu zerstreuen wie Spreu, und doch schweigst du über all den flehentlichen Gebeten, die aus der Mitte deines Volkes aufsteigen zu dir; ja du schweigest nicht nur, du zürnst sogar über unsern Gebeten; es ist, als ob all unsere Bitten und Tränen, all unsere Opfer und Psalmen dir ein Gräuel wären statt ein süßer Geruch, denn des Jammers wird bei uns kein Ende.
V. 6: „Du speist sie mit Tränenbrot und tränkst sie mit großem Maß voll Tränen.“ Mit Tränen müssen wir unser Brot salzen, mit Tränen müssen wir unsern Becher würzen. O meine Lieben, diese herbe Kost ist auch unser keinem unbekannt, auf diese Kost setzt der Herr auch heute noch oftmals seine Kinder, und zumal in dieser jetzigen betrübten Zeit sind tausende im Lande, die auch mit Tränen ihr Brot essen des Morgens, des Mittags und des Abends.
Und doch, wenn diese Kost nicht heilsam wäre, so würde der himmlische Vater sie uns nicht verordnen; doch liegt ein Segen in solchen Trübsalszeiten, wie's im Liede heißt: Das beste Brot ist Tränenbrot, und wie selbst einer unserer weltlichen Dichter singt: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. So wollen wir's denn nicht vergessen, auch im tiefsten Leide nicht: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen. Freilich für den Augenblick dünkt die Züchtigung, wenn sie da ist, nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein, und wer unter Gottes Zuchtrute sitzt, hat vor der Welt zum Schaden noch die Schande:
V. 7: „Du setzt uns unsern Nachbarn zum Zank und unsere Feinde spotten unserer.“ Israel, einst ein Augapfel Gottes, war zum Zankapfel heidnischer Nachbarn geworden; Philister und Edomiter, Syrer und Chaldäer, Griechen und Römer stritten sich darum der Reihe nach und so ward das Volk des Eigentums ein Tummelplatz der Fremden. Da bricht denn abermals der fromme Sänger, dem seines Volkes Schmach zu Herzen geht, flehentlich aus in den rührenden Klageruf: „Gott Zebaoth, tröste uns, lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir!“ Und nun wendet er rückwärts den Blick und schildert:
3) Den Weinberg des Herrn, wie er einst war und wie er nun geworden ist, V. 9-15.
V. 9: „Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt und hast vertrieben die Heiden und denselben gepflanzt.“ Wie der Weinstock das köstlichste Gewächs ist auf Erden, so hat der Herr Israel zum edelsten aller Völker gemacht. Darum oftmals die Propheten in ihren Gleichnissen das auserwählte Volk Gottes mit einem Weinberg vergleichen; darum auch über dem Tor der Tempelhalle ein großer goldener Weinstock abgebildet war als ein Sinnbild Israels. Aus Ägypten hat Gott diesen Weinstock geholt, aus dem schlammigen Heidenland, wo kein guter Boden für ihn war, hat er ihn verpflanzt in das gesegnete Gebirgsland Kanaan und hat die trotzigen Heiden daraus vertrieben, wie man Unkraut ausjätet, um den edlen Reben von Jakobs Stamm Platz zu machen. Und wie er ihn pflanzte, so hat er ihn gepflegt:
V. 10: „Du hast vor ihm die Bahn gemacht und hast ihn lassen einwurzeln, dass er das Land erfüllt hat.“ Der Weinstock schlug Wurzeln, tiefe Wurzeln im fetten Boden Kanaans, also dass kein Feind ihn mehr herauszureißen vermochte. Und aufwärts wuchs er hoch empor:
V. 11: „Berge sind mit seinem Schatten bedeckt und mit seinen Reben die Zedern Gottes.“ An den Bergen schlang er sich empor mächtigen Wuchses und die stolzen Zedern überrankte er mit seinem schattenden Laub. Ein schönes Bild der wachsenden Blüte Israels. Im Morgenland wird der Weinstock nicht nur am kurzen Stab aufgezogen wie bei uns, sondern an hohen Bäumen, an Ulmen und Platanen und Zedern rankt er hoch und üppig sich empor und lässt seine kostbaren Früchte zwischen ihren Ästen herniederhangen. So ist auch Israel allen Völkern umher über den Kopf gewachsen in den Tagen seiner Herrlichkeit. Und wie es in die Tiefe wurzelte und wie es in die Höhe wuchs, so breitete es sich aus in die Weite:
V. 12: „Du hast sein Gewächs ausgebreitet bis an das Meer und seine Zweige bis an das Wasser.“ Bis ans mittelländische Meer gegen Abend und bis an den Euphratfluss gegen Morgen breitete seine Macht sich aus unter David und Salomo. So war er der Weinstock des Herrn zur Zeit seines Flors; aber nun wie ist er geworden:
V. 13: „Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen, dass ihn zerreißt alles, das vorübergeht?“ Wohl hat der Herr zur Zeit seiner Gerichte die Schuhmauern alle weggenommen, die einst seinen Weinstock Israel so fest umzäunten: die Wagenburg seiner heiligen Engel, der Schutz und Schirm frommer Könige, die betenden Hände treuer Priester, Propheten und Lehrer dies alles wurde dem Volk entzogen, aber freilich nur, nachdem es selber sich Gott entzogen hatte in Undank, Unglauben und Ungehorsam. Und die bittere Frage des Volks an den Herrn: Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen? ach, die hätte der Herr selber mit dreifachem Recht dem Volke können heimgeben: Warum hast du denn deinen Zaun zerbrochen, womit ich dich umzäunt hatte: den Zaun meines heiligen Gesetzes, den Zaun der Zucht und Gottesfurcht? Und war's denn ein Wunder, wenn die wilden Heiden einbrachen ins Land wie die Säue in den Weinberg und drin hausten, wie der Psalmist klagt:
V. 14: „Es haben ihn zerwühlt die wilden Säue und die wilden Tiere haben ihn verdorben.“ Bei solcher Klage, ach, da können wir freilich nicht anders, wir müssen einen schmerzlichen Blick werfen auch auf unser Volk und Land. Auch das war einst ein gesegneter Weinberg des Herrn, reich an Früchten des Geistes. Auch das war einst umzäunt und ummauert mit dem Zaun des göttlichen Schutzes und Schirmes. Aber wer hat den Zaun zerbrochen? Hat ihn Gott zerbrochen, der treue Menschenhüter? oder hast nicht du selber ihn zerbrochen, törichtes Volk in deinem Undank und Unglauben und Ungehorsam? Und wenn nun Verführer und Verderber wie wilde Tiere diesen weiland Gottesgarten zerwühlt haben - wes ist die Schuld: des Gottes, der dich allezeit gewarnt und gehütet hat, oder dein, dass du dich nicht warnen und nicht hüten ließest? O meine Lieben, nicht nur unser ganzes Land, sondern jedes Herz in der Gemeinde, auch jedes Herz hier unter uns sollte so ein Garten Gottes sein, drin Christus als der rechte Weinstock gepflanzt ist und Früchte der Gerechtigkeit bringt. Grünt dieser Weinstock in deinem Herzen? ist dein Herz wohl umzäunt mit Zucht und Gottesfurcht? Oder ist der Zaun zerbrochen in Unglauben und Ungehorsam? ist der Boden deines Herzens zerwühlt und verwüstet von unreinen Lüsten und wilden Leidenschaften? O da gilt es zu bitten wie fürs ganze Christenvolk, so fürs eigene Christenherz: zu beten fürs ganze Christenvolk: Herr, bessre deines Zions Stege, und zu beten fürs eigene Christenherz: Mach mein Herz zu einem Garten! Da müssen auch wir schließen, wie der Psalmist:
4) Mit einem abermaligen flehentlichen Hilferuf, V. 15-20.
V. 15: Gott Zebaoth, da fasst ihn der Psalmist noch einmal bei seiner Königsehre. V. 16: Da erinnert er ihn an sein Gnadenwerk, das er von alters her an diesem Volke getan und doch nicht werde liegen lassen. V. 17: Da weist er ihm, wie schändlich der Feind in Gottes Erbteil hause; darauf gründet er die Bitte, V. 18. Und um ihr desto mehr Kraft zu geben, fügt er das Gelübde neuen Gehorsams und neuer Treue hinzu, V. 19. und endlich V. 20 schließt er mit der rührenden Bitte, die wie ein schöner Akkord zum dritten Mal wiederkehrt: „Lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir.“ Und in diese Bitte stimmen auch wir von Herzen ein: Ja, Herr, lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir; lass es leuchten über unseren Herzen, dass wir genesen von aller Sorge, die uns drückt, und von aller Sünde, die uns anklebt. Lass es leuchten über unseren Häusern, dass unsere Kranken genesen und unser Hauskreuz ein tröstliches Ende nehme; lass es leuchten über unserem Land, dass es wieder ein Garten Gottes werde. Lass es uns leuchten hienieden, bis es uns droben leuchtet in der Herrlichkeit!
Bis im Lichte dein Gesichte
Droben uns sich völlig zeigt,
Wo die Deinen nicht mehr weinen
Und die Klagestimme schweigt.
Ja, Herr, zeige uns die Steige,
Da man auf zum Himmel steigt.
Amen.