Frommel, Max - Göttlicher Unterricht über den Umgang mit Menschen
Epheser 5, 1-9.
So seid nun Gottes Nachfolger als die lieben Kinder, und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns hat geliebt und sich selbst dargegeben für uns zur Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen Geruch. Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder Geiz lasst nicht von euch gesagt werden, wie den Heiligen zusteht; auch schandbare Worte und Narrentheidinge oder Scherz, welche euch nicht ziemen, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger (welcher ist ein Götzendiener) Erbe hat an dem Reich Christi und Gottes. Lasst euch niemand verführen mit vergeblichen Worten, denn um dieser willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart weiland Finsternis, nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn. Wandelt wie die Kinder des Lichts. Die Frucht des Geistes ist allerlei Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit.
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ dies Wort steht am Eingang der Weltgeschichte als ein göttliches Grundgesetz, worin der Gottesgedanke zum Ausdruck kommt, dass der Mensch zur Gemeinschaft geschaffen ist, weil Gott es auf die Entwicklung eines Menschengeschlechts, auf das Werden einer Menschheit abgesehen hat. - Aber jenes Wort gilt auch für jeden einzelnen Menschen: er ist zur Gemeinschaft mit Menschen geboren; über der Wiege jedes neugeborenen Kindes steht es auch geschrieben: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“
Ohne Gemeinschaft müsste ein Mensch verkümmern und verkommen, denn wir sind auf das Geben und Nehmen untereinander angelegt. Je mehr Hände jemand hat zum Nehmen von andern und zum Mitteilen an andere, desto reicher gestaltet sich sein Leben. Je weniger dagegen jemand im Stande ist, andere auf sich wirken zu lassen und selbst auf andere zu wirken, von andern zu hören oder mit andern zu reden, von andern zu lernen und andere zu lehren, sei es nun aus Stolz oder aus Trägheit, um so einsamer und ärmer steht er da, und es droht ihm die Gefahr, in sich zu verrosten, zu vertrocknen, zu verstumpfen. Sagt doch schon die Schrift: „Ein Messer wetzt das andere und ein Mann den andern.“
Darum ist es für jeden Menschen eine so wichtige Sache um den Umgang mit Menschen. Aber wie schwierig ist es, den Umgang fruchtbar zu gestalten und das Rechte zu treffen, die Gefahren zu überwinden und den Segen zu erfassen, den uns Gott darin geben will. Ja ich sage: Der Umgang mit Menschen ist eine Sache wahrer Weisheit, in welcher man nie auslernt, und eine wahre Kunst, zu deren Übung uns täglich Gelegenheit gegeben ist. Wer dies fühlt, der wird die goldenen Worte willkommen heißen, in welchen uns von Paulus gegeben wird ein
Göttlicher Unterricht über den Umgang mit Menschen;
und zwar lernen wir daraus:
das Vorbild im Umgang Gottes mit uns,
die Gefahr in unserem Umgang mit Menschen,
die Kraft im verborgenen Umgang mit Gott.
I.
„So seid nun Gottes Nachfolger als die lieben Kinder.“ Gott lehrt nicht allein mit Worten, sondern auch mit der Tat. Und auch dies nicht nur in dem Sinne des Sprichworts: Worte lehren, Vorbilder ziehen - nein, Er hat uns immer längst selbst getan, was Er uns an andern tun heißt. So hat Gott uns in seinem Umgange mit uns das Vorbild gegeben, wie wir mit dem Nächsten umgehen sollen. Darum lautet das ganze Geheimnis jener Kunst des Umgangs mit Menschen für den Christen kurz dahin: Wie Gott mir so ich dem Nächsten! Ihr wisst, dass der natürliche Mensch, der Egoist, eine ganz andere Losung hat, sie lautet auch kurz: Wie du mir, so ich dir! Das ist heidnische Weisheit, das ist Zöllner Freundlichkeit, wie der Herr spricht: „Denn so ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Nein wir müssen wahrlich einen andern Meister haben, von dem wir diese Kunst lernen, keinen geringeren als den allmächtigen Gott; wie Paulus sagt: „Seid Gottes Nachfolger.“
Da gilts, vom Vater droben zu lernen den göttlichen Blick auf den Nächsten. Denn so heißt es unmittelbar vor unserem Text: „Seid aber untereinander freundlich, herzlich, und vergebt einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo.“ Siehe, Gott sieht uns als solche an, für welche Christus gestorben ist, so sollen wir unsere Brüder auch also ansehen. Nicht umsonst wird gerade das Vergeben genannt. Denn daran wird offenbar, ob ein göttlicher Blick in einem Christen wohnt. O wie schwer wird das Vergeben oft dem Menschen, wenn er einmal wirklich tief gekränkt und auf das Herz getreten worden ist. Ist es nicht, als ob dann innen im beleidigten Gemüt alles aufstände, um zu beweisen, dass man sich die Beleidigung unter keinen Umständen dürfe gefallen lassen, dass man mindestens nie vergessen dürfe, wie der Gegner an uns gehandelt! Aber wie ist ihm denn? Haben wir nicht alle Gott gekränkt und beleidigt mit unseren Sünden und Übertretungen seines Gebots? Müssen wir nicht alle sagen: „Herr, so du willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?“ Dennoch vergibt uns Gott um Christi willen. So müssen wir vergeben lernen, und das ist ein Hauptstück im Umgang mit Menschen. Denn wie wir vor Gott nicht leben können, ohne dass er uns täglich und reichlich die Sünde vergibt, so können wir auch mit unserem Nächsten nicht leben, ohne täglich und reichlich zu vergeben - wenn es gilt 70 mal sieben mal. Denn wie nichts uns scheidet von unserem Gott als die Sünde, so hemmt nichts den Umgang mit Menschen so stark, als wenn einer am andern sich versündigt. Da entsteht eine Scheidewand, über welche kein freundlicher Blick noch Wort noch Gruß hinüberkann, bis die Sünde abgebeten und verziehen ist. Aber innerlich dürfen wir nicht einmal warten, bis der Nächste, der uns beleidigt hat, kommt und abbittet; innerlich müssen wir ihm vergeben, sogar ohne dass er uns Abbitte leistet, weil auch Gott uns geliebt hat in Christo, als wir noch seine Feinde waren; innerlich müssen wir ihm entgegengehen, ob wir ihn gewinnen möchten, weil wir täglich beten: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern; innerlich müssen wir uns danach sehnen, dem Gegner auch äußerlich vergeben und ihm die volle Liebe auch auswendig wieder erzeigen zu dürfen, weil wir an jedem Menschen, auch am Verbrecher, auch an unserem Feinde den Adel sehen, dass Christus um seinetwillen sein Blut vergossen hat.
Willst du aber diesen Umgang Gottes mit uns in seiner ganzen Pracht und hinreißenden Schönheit sehen, so blick auf Christum. In ihm ist wahrlich uns erschienen die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes unsers Heilandes. Weil Er, in welchem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, sagen konnte: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“, darum ist sein ganzer Wandel auf Erden ein Wandel der Mensch-gewordenen Liebe Gottes zu uns; darum kann Paulus fortfahren: „Und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns hat geliebt und sich selbst dargegeben für uns zur Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen Geruch.“ Da siehst du so hell das göttliche Vorbild: Wie Christus mir, so ich den Brüdern! Liebe, sich selbst hingebende, aufopfernde, duldende, in den Tod gehende Liebe das ist die Seele des Wandels Christi, das ist das Geheimnis seines Umgangs mit uns. Liebe, wie sie in steigender, überwältigender Majestät gerade in seiner Passion Stufe um Stufe sich offenbart - das ist das Vorbild, welches er uns gelassen hat, dass wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen.
Es ist nicht wahr, was der Dichter singt:
„Freundlos war der große Weltenmeister,
Fühlte Mangel, darum schuf er Geister“
nein, nicht weil Er unser bedurft hätte, nicht zu seinem Vergnügen, damit er Umgang mit uns hätte, schuf er die Welt und die Menschen, sondern aus freier Liebe, um uns zu erziehen zu Genossen seiner Seligkeit und zu seinen Ebenbildern, zu Kindern seines Hauses und zu Königen seiner Kreaturen. Und weil wir seine Feinde geworden durch die Sünde, hat Er den Sohn dahingegeben, hat Christus sich dargegeben in Not und Tod um uns zu retten und seine ursprüngliche Liebesabsicht durch alle unsere Sünde und Tod hindurch an uns durchzusetzen und uns ewig selig zu machen.
Meine Lieben, das Vorbild geht tief. Nicht der Genuss, den wir im Verkehr mit Gleichgesinnten empfinden, ist im Verkehr die Hauptsache, sondern die Aufgabe und die Arbeit, die jeder Mensch an uns stellt, soll die Seele unseres Umgangs sein. Das höchste Ziel unsers eigenen Daseins, das ewige Leben, zu dem uns Gott erschaffen und Christus erlöst und der Heilige Geist uns berufen hat, das muss als höchstes Ziel, auf das wir auch mit dem Bruder hinauswollen, auch unserem Umgang das tiefste Gepräge geben. „Wandelt in der Liebe,“ aber nicht in der kraftlosen, sentimentalen Stimmung, welche fünf gerade sein lässt, welche den Bruder kann verloren gehen sehen und es nicht wagt, ihn vom Abgrund zu reißen oder ihm die ernste Wahrheit zu sagen, sondern in der Liebe, mit welcher Christus uns geliebt und alles, alles darangesetzt hat, um uns die Wahrheit und das Leben zu bringen, um uns von der Finsternis und dem Tode zu bekehren. Meine Lieben, wenn Gott auf uns herniederblickt, so stehen in seinem Herzen die beiden Worte: Nur selig! So klangs in der Schöpfung, in der Erlösung, so klingts in jeder unserer Lebensführungen von Seiten Gottes: Nur selig! Das ist der göttliche Blick, der auch in unserer Seele wohnen, unseren Umgang durchklingen und den Blick auf den Nächsten in allen Lebenslagen verklären soll: O möchte mein Bruder, meine Schwester nur selig werden! Wandelt in der Liebe das ist die Summa des göttlichen Vorbildes für den Umgang. Diese Liebe wird auch die rechten Formen finden, das edle Wort und die gute Tat finden, wie man denn getrost sagen kann: Liebesart bleibt doch immer die feinste Lebensart, denn sie wird gelehrt von dem Meister des Umgangs, von dem, der die Liebe selber ist.
II.
Hat Paulus uns so den Umgang Gottes mit uns zum Vorbild gestellt und uns allen zugerufen: „Seid Gottes Nachfolger“, so erhebt er darauf seine warnende Stimme und sagt uns, mit wem wir nicht umgehen sollen, mit den Worten: „Lasst euch niemand verführen mit vergeblichen Worten, denn um dieser willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.“ Es liegt also für den Christen viel an der Wahl seines Umgangs. Denn die Gemeinschaft, in welcher ein Mensch verkehrt, übt eine geheimnisvolle Macht auf ihn aus. Von ihr empfängt er Eindrücke, auf sie nimmt er Rücksichten, von dieser Gemeinschaft wird er beeinflusst, gefördert oder gehemmt, bewusst und unbewusst, viel mehr und viel tiefer, als die meisten Menschen ahnen. Die Sprichwörter unseres Volkes, welche man mit Recht genannt hat „die Weisheit auf der Gasse“ drücken das so aus: „Gleich und gleich gesellt sich gern“ und „Sage mir, mit wem du umgehst, so will ich dir sagen, wer du bist,“ endlich: „Wer sich unter die Kleien mischt, den fressen die Säue.“ Hier gilt es eine Tat der Scheidung und Entscheidung, ohne welche ein Christ an seinem inneren Leben gehemmt wird. Wie mancher ist vom Licht des Evangeliums erfasst worden, aber weil er es nicht gewagt hat, mit seiner früheren Gesellschaft zu brechen, die der göttlichen Wahrheit abgewandt war, hat er verloren, was Gottes Geist in ihm gewirkt. Wie mancher war nicht fern vom Reiche Gottes, hätte gern sich entschlossen, Christo nachzufolgen, aber die Rücksicht auf seinen Anhang, auf seine Freunde, auf seinen Verkehr hat ihn abgehalten, weil es in seinen Ohren hieß: „Lässt du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht.“ Mancher hat einen so gewaltigen Eindruck von Christo bekommen, dass er mit jenem Manne anfing zu sagen: „Herr, ich will dir nachfolgen, aber erlaube mir, dass ich zuvor einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind;“ aber der Herr antwortet ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ So fordert auch Paulus dieser Macht des Umgangs gegenüber kurzweg: „Seid nicht ihre Mitgenossen.“ Denn wer ein Nachfolger Gottes sein will, der kann nicht ein Mitgenosse der Feinde des Kreuzes Christi sein.
Lasst mich hier ein Missverständnis abwehren, als ob wir so ganz und gar über unseren Umgang frei bestimmen könnten. Es gibt einen gebotenen Umgang, dem wir uns nicht entziehen können und sollen, das ist der Umgang innerhalb der Gemeinschaft, in welche Gott uns gesetzt hat in unserem Hause und in unserem Beruf. Diesen Umgang haben wir nicht erst zu wählen, sondern wir finden uns darin vor, ja gerade in dieser gottgegebenen Gemeinschaft haben wir unseren Christenstand zu bewähren durch einen Wandel in Liebe und Treue.
Paulus redet von der Wahl des freien Umgangs außerhalb der Familie, außerhalb des Berufs und warnt uns vor einer großen Gefahr, die wir uns von niemand sollen ausreden lassen, wenn er sagt: „Lasst euch niemand, er sei wer er wolle, verführen mit vergeblichen Worten.“ Schlechter Umgang wirkt wie eine ansteckende Krankheit, „darum seid nicht ihre Mitgenossen.“
Er redet aber in heiligem Ernst von etlichen Stücken, welche sich mit dem Christenwandel nicht reimen und welche die sittliche Luft verpesten, nämlich nicht nur die groben Übertretungen des sechsten Gebots sondern auch all ihre feineren Gestalten, teils verborgener Natur, teils als unschuldige Dinge behandelt, welche der Apostel mit dem Worte Unreinigkeit bezeichnet. Weiter nennt er den Geiz als eine Sache, die den Christen nicht zusteht, auch wo er als Sparsamkeit und Häuslichkeit bemäntelt wird, während er doch in Gottes Augen ein Götzendienst ist. Endlich schandbare Worte, Narrentheidinge 1) und unziemlicher Scherz ist etwas, das mit wahrem Christentum unvereinbar ist. Einer laxen Ansicht über diese Sünden sowie einer leichtfertigen Beurteilung solcher Personen, die in diesen Sünden wandeln, tritt Paulus entgegen mit dem Donner des Gerichts: „Denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger (welcher ist ein Götzendiener) Erbe hat an dem Reich Christi und Gottes.“ Hier gibts keine Gleichberechtigung der Richtungen, etwa eine strengere oder eine sogenannte mildere Richtung, sondern Paulus sagt klar: hier besteht ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen Licht und Finsternis.
Machen wir die Anwendung davon für den Umgang: Wer sich einen Unreinen zum Umgang wählt oder ihn darin duldet, der wird selbst von dessen unreinen Gesprächen und Witzen, von der Laxheit seiner Grundsätze angesteckt; wer mit einem Geizigen Gutfreund ist, wird selbst geizig; wer Gefallen an einem Stolzen hat, wird selbst stolz und eingebildet; wer es dauernd in der Nähe von Irdischgesinnten freiwillig aushält, wird selbst irdischgesinnt; wer mit den Selbstgerechten gern verkehrt, wird selbst von der Selbstgerechtigkeit angesteckt; wer mit dem Gleichgültigen in ungetrübter Harmonie lebt, der wird selbst gleichgültig. Diese Wandlung, welche sich allmählich vollzieht, ist so treffend geschildert in ihren Entwicklungsstufen im ersten Psalm, wenn er anhebt: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch hinsteht auf den Weg der Sünder, noch sitzt, da die Spötter sitzen.“ Da siehst du die Steigerung: erst noch umherwandeln, wobei man hingeht, aber auch wieder weggeht, dann hinstehen und zuletzt niedersitzen. - Was aber vom Umgang mit Menschen gilt, das gilt auch in gewissem Maß vom Umgang mit Büchern, und es ist mit Recht gesagt worden: „Von jedem Buch, das du liest, kommt ein Geist in dich.“ Es gibt unreine Bücher, frivole Bücher, schlechte Zeitungen voll Hass gegen das Christentum, Schriften voll schandbarer Worte, Narrentheidinge und unziemlicher Scherze, von denen der Apostel sagt: Seid nicht ihre Mitgenossen, ihre Leser. „Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, straft sie aber vielmehr.“ (v. 11) Damit zeigt uns Paulus das einfache Mittel, durch welches die heilsame Scheidung und Entscheidung eintritt. Sobald ein Christ in seinem Kreise solche Dinge als ungöttlich straft, da tritt die Sonderung zwischen Licht und Finsternis ein. Die einen werden ihn verlachen als einen Kopfhänger und übertrieben strengen Heiligen, die andern werden ihm beifallen und es ihm danken, dass er ein männliches Wort gewagt hat.
Meine Lieben, ohne solche Scheidung geht es nicht ab, und sie kann viel Schmerz und Tränen kosten. Wenn aber der Herr sagt: „Wer verlässt Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester um meines Namens willen, der soll es hundertfältig wiederfinden,“ so sagen wir: Wenn wir vom Umgang der Verkehrten uns sondern um Gottes und Gewissens willen, so schenkt uns Gott den Umgang mit seinen Jüngern und Kindern und darin einen vollen Ersatz. Denn wie jene Gemeinschaft unsittlich wirkt, so wirkt der Umgang mit wahren Christen reinigend und stärkend. Und wenn schlechter Umgang wie eine ansteckende Krankheit wirkt, so wirkt guter Umgang wie eine stärkende Arznei und wie eine Luftkur. Und ob jemand in seiner Einsamkeit solchen Umgang entbehren müsste, so weiß ein Christ doch im Glauben, dass es noch sieben Tausend gibt, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor Baal. Ich weiß aber einen Ort, wo ein seliger Umgang der Christen stattfindet, eine Gesellschaft zu der wir alle immer eingeladen sind, eine Tafel, an der sich die edelsten Gäste zusammen finden. Das ist unser Gottesdienst. Da schütten wir miteinander unsere Not aus in dem Kyrie, da singen wir unser Gloria über Gottes Erlösung; da hören wir mit allen Christen über dem ganzen Erdenrund in den alten Episteln und Evangelien die großen Taten Gottes in unserer Zunge, da beten wir mit allen unseren Brüdern und Schwestern für alle Not auf Erden und für alle Stände hienieden; da sind wir in der Gesellschaft der Propheten und Apostel, da sitzen wir an der Tafel im Hause Gottes und feiern das heilige Mahl; da haben wir Umgang mit Christo und mit seinen Christen. Doch es dünkt mich, als werde die heiligende Macht des Umgangs, welche in unseren Gottesdiensten liegt, noch viel zu sehr verkannt in unserer Mitte. Es gibt Herren, die fehlen keinen Abend im Klub, es gibt Damen, welche mit der größten Gewissenhaftigkeit kein Kränzchen versäumen, es gibt Stammgäste, welche treulich jeden Vereinsabend besuchen, es gibt Schüler und Schülerinnen, welche täglich zur Schule gehen - aber hier im Gotteshause bleibt ihr Kirchplatz leer. Wenn ich des gedenke, so ergreift mich ein tiefes Weh. Denn die Steine unserer Kirchen werden die Glieder unseres Volkes und die Einwohner unserer Städte verklagen, und die Sparren im Dach werden ihnen antworten, und Jesus wird zu ihnen sprechen: „Wie oft habe ich euch versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt.“ - Wer aber den Segen der Gemeinschaft kennt, die im Hause Gottes feiernd sich vollzieht, der soll es zu einem Stück seines Umgangs machen, nicht abzulassen die Säumigen einzuladen und in heiliger Liebe zu bitten: „Lasst uns nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen.“
Was aber vom Umgang mit wahren Christen gilt, das gilt auch vom Lesen solcher Bücher, von denen wir eine Kraft für unser inwendiges Leben empfangen. Das ist vor allem die Bedeutung der Heiligen Schrift, dass wir da Gemeinschaft pflegen mit Mose und allen Propheten, mit Christo und allen Aposteln; und wer die Bibel mit Gebet liest, zu dem kann man auch sagen: Von jedem Kapitel, das du liest, geht ein Geist auf dich aus. So lasst uns Acht haben auf die Wahl unsers Umgangs: meiden den Umgang, der uns hinderlich ist, und suchen den Umgang, der uns förderlich ist.
III.
Damit sind wir aber schon an die Quelle gekommen, aus welcher uns allein die Kraft kommen kann zu einem Wandel in der Liebe, nämlich zu dem verborgenen Umgang unserer Seele mit Gott. Erst in diesem persönlichen Zusammenschluss mit dem persönlichen Gott, wie er sich durch den Glauben an Christum vollzieht, kommt es zu einem Liebesleben im Innersten des Menschen und zu einem Sterben des Egoismus, der allen Umgang vergiftet. Es bliebe ja ein unerreichbares Vorbild, wenn Paulus nur sagte: „Seid Gottes Nachfolger,“ ohne hinzuzusetzen: „als die lieben Kinder; „und es bliebe eine unerfüllbare Pflicht und eine kalte Forderung des Gesetzes, wenn Paulus nur sagte: „Wandelt im Licht,“ wenn er nicht zuvor sagen könnte: „Weiland wart ihr Finsternis, aber nun seid ihr ein Licht in dem Herrn.“ Hier liegt die verborgene Kraft, welche den Umgang heiligt. Erst die Kindschaft, dann die Nachfolge; erst ein Licht in dem Herrn und dann erst der Wandel im Licht; erst selbst von Oben bestrahlt von der Sonne der Gnade, von innen durchglüht von der Liebe Christi, und dann erst nach außen leuchtend von dem, der da spricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Gottes Umgang mit uns steht dann nicht mehr nur als heiliges Vorbild und strenge Forderung gegenüber, sondern wer da geglaubt, dass Gott uns geliebt hat in Christo, dass Er uns liebt, dass Er uns lieben will in alle Ewigkeit, in dem hat dieser Umgang Gottes mit uns drinnen einen verborgenen Umgang mit Gott geweckt, der ihn im tiefsten Innern ändert und neugebiert; denn nun ist Christus zum Mittelpunkt seines Herzens geworden, und die Brüder, die Nächsten sind der große weite Umkreis um ihn her. Aus der Gemeinschaft mit Gott fließt ihm die Gemeinschaft mit den Menschen; mit der Änderung seines innersten Charakters ändert sich der Charakter seines Umgangs. Von seinem Gott kann er nun nicht mehr lassen ohne verloren zu sein auf ewig, und diesen seinen Gott würde er verleugnen, wenn er die Liebe im Wandel verleugnen wollte. Er kann nicht umhin zu vergeben, sonst verlöre er die Vergebung Gottes; die Grundstimmung seines Gemüts muss „Gütigkeit“ werden, denn davon lebt er, dass sein Gott ist „barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte;“ im Verkehr mit den Menschen gibt „Gerechtigkeit“ ihm Maß und Schranke, denn sein Gott ist „gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.“ Sein Umgang mit Menschen hat das Gepräge der Lauterkeit und „Wahrheit,“ denn Unwahrheit im Verhältnis zum Nächsten würden sein Verhältnis zu Gott unwahr machen. So ist die notwendige Frucht des Geistes in einem Christen allerlei „Gütigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Er kann die Liebe nicht aufgeben, ohne den Gott der Liebe aufzugeben.
Dessen wird sich aber der Christ lebendig bewusst in dem verborgenen Umgang mit seinem Gott. Wenn er im Gebet vor seinem Angesicht liegt, wenn er ihn anfleht um seine Vergebung, im Jubel seiner Seele ihm dankt um alle seine Güte, ihn anruft um seinen Geist - da glättet sich seine Stirne, da leuchtet wieder sein Auge, da schwindet wieder alle Bitterkeit, da endet er damit, dass er seine Hände aufhebt zur Fürbitte, dass er segnet, die ihm fluchen, dass er bittet für die, so ihn beleidigen und verfolgen. - Mein Christ, wenn du Fehler gemacht hast im Umgang mit Menschen, so geh in die Stille und sammle dich, denn der Fehler wird allemal liegen in deinem Umgang mit deinem Gott. Hast du aber Ihn wiedergefunden im Bekennen deines Fehlers, im Ergreifen seiner Gnade, dann tritt mit glänzendem Angesicht wieder aus der Tür deines Kämmerleins: hast du jemand beleidigt oder wehe getan, so bitte es herzhaft ab, wie du es deinem Gott abgebeten, und man wird dirs anfühlen, dass du mit deinem Gott geredet, und dein Wandel wird ein Wandel in der Liebe und im Lichte sein.
So ist der Umgang mit Menschen eine heilige Kunst, welche nur göttlicher Unterricht lehrt. Uns aber lasst Schüler bleiben, lernbegierige, folgsame, betende Schüler des Heiligen Geistes in diesem göttlichen Unterricht und in dieser heiligen Kunst. Amen.