Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 20. Der Knecht Jesu Christi vor dem Könige des Schreckens.

Kaum stand Saulus im Dienst des Königs aller Könige, da. bezeugt sein Herr von ihm: „Dieser ist mir ein auserwähltes Rüstzeug, dass er meinen Namen trage vor den Königen.“ (Apostg. 9, 15.) Keinem Könige hat er öfter ins Auge geschaut, als dem Könige des Schreckens, dem letzten Feinde, der aufgehoben wird, dem Tode. Vom ersten Augenblick an, in welchem Saulus vor uns auftritt, bis zum letzten steht der Tod an seiner Seite.

Die Zeugen legten ab ihre Kleider zu den Füßen eines Jünglings, der hieß Saulus, und steinigten Stephanus, der anrief und sprach: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! Er kniete aber nieder und schrie laut: Herr, behalte ihnen diese Sünde nicht! Und als er das gesagt, entschlief er. Saulus aber hatte Wohlgefallen an seinem Tode.
(Apostg. 7, 57 ff.)

Das ist die Geschichte, in welcher wir den Namen Saulus zum ersten Mal hören. Mit Augen musste er sehen, mit Händen es greifen, dass für den gesteinigten Jünger Jesu der Tod seinen Stachel verloren hatte. Seltsam, von eben dem Moment an, wo er den König des Schreckens den Stachel verlieren sieht, fühlt er den Stachel gegen den, welcher dies Wunder gewirkt hat, gegen Jesum, tiefer, schneidender in sein Herz gedrückt, bis derselbe Jesus ihm mit dem Wort entgegentritt: „Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer werden, wider den Stachel löcken.“ Da war vom Todesüberwinder auch Saulus überwunden, und der Überwundene war sofort Sieger über die Furcht vor dem Tode. Sein Leben wurde ein langer, ununterbrochener Beweis, dass er dem diente, welcher dem Tode die Macht genommen hat. „Ich bin oft in Todesnöten gewesen!“ erzählt er (2. Kor. 11, 23), so oft, dass er sich als einen Sterbenden bezeichnet, welcher doch lebt. (2. Kor. 6, 9.) Lassen wir seine Lebensgeschichte an unsern Augen vorüber gehen. Es ist eine Reihe von Todesängsten.

In Damaskus selbst bezeugte Paulus zuerst, dass Jesus Christus, vom Volk Israel und den Heiden am Fluchholz erwürgt, ewig lebt als Herr und Heiland. Sofort hielten die Juden auch einen Rat, dass sie Saulum töteten. Tag und Nacht hüteten sie an den Toren, dass er ihrem Mordanschlag nicht entränne. In einem Korbe ließen die Freunde ihn nachts die Stadtmauer hinab. (Apostg. 9, 23 ff.) Er floh nicht vor dem Tode, sondern er folgte dem Gebot seines Königs: „Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere.“ In Jerusalem verkündigte er wieder den Lebensfürsten. Abermals stellten sie ihm nach, dass sie ihn töteten. (Apostg. 9, 29.) Er entwich nach Tarsus, seiner Vaterstadt, und als er von dort aus der stillen, klärenden Einkehr in sich selbst, auf den Schauplatz des Kampfes gerufen, auf seiner ersten großen Missionsreise zu Antiochien in Pisidien abermals bezeugte: Jesus, der ans Holz gehängte, ist von den Toten erstanden! erweckten die andächtigen und ehrbaren Weiber und der Stadt-Oberste abermals eine Verfolgung über ihn und stießen ihn samt Barnabas zu ihren Grenzen hinaus. Im nahen Lystra, wo er durch die Kraft des Auferstandenen den Mann heilte, welcher von Mutterleibe lahm war, ward er zuerst wie ein Gott mit Opfern gefeiert, dann gesteinigt, zur Stadt hinaus geschleift und draußen wie ein Toter liegen gelassen. (Apg. 14, 19.) Er aber stand auf, trug das Wort vom Leben in die benachbarte Stadt Derben und ging dann wieder nach Lystra und Antiochien zurück, wo er in des Todes Rachen gewesen war, um die Jünger zu stärken und ihnen zu bezeugen, dass wir durch viel Trübsal müssen in das Reich Gottes eingehen. Zu Ephesus, der genaue Zeitpunkt lässt sich nicht angeben, stürmten die Juden, die alten Widersacher, so mordgierig auf ihn ein, dass er selbst erzählt: „Zu Ephesus habe ich mit wilden Tieren gefochten.“ (1. Kor. 15, 32.) Bald darauf und wohl in derselben Gegend sehen wir ihn wieder in äußerster Todesnot. Er erzählt: „In Asien waren wir über die Maßen beschwert und über Macht, also dass wir auch am Leben verzagten und bei uns beschlossen hatten, wir müssten sterben.“ (2. Kor. 1, 8 f.) Als Gott ihn errettet hatte, blieb doch Tag für Tag zwischen ihm und dem Tode nur ein Schritt. „Noch täglich,“ sagt er, „erlöst mich Gott vom Tode, und ich hoffe darauf, er werde mich auch hinfort erlösen.“ (2. Kor. 1, 10.) Als er dann in Milet von den Ältesten der Gemeinde zu Ephesus Abschied nahm, sprach er ihnen das bestimmte Bewusstsein aus, dass sie sein Angesicht nicht wieder sehen würden. „Ich halte,“ sagte er, „mein Leben auch nicht selbst teuer, auf dass ich vollende meinen Lauf mit Freuden und das Amt, das ich empfangen habe von dem Herrn Jesu, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes.“ (Apg. 20, 24.) Es ward aber viel Weinens unter ihnen allen und fielen Paulus um den Hals und küssten ihn, am allermeisten betrübt über dem Wort, das er sagte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen. In Cäsarien, wo er ans Land stieg, beschworen ihn die Jünger, dass er nicht hinauf gen Jerusalem zöge. Paulus aber antwortete: „Was machet ihr, dass ihr weint und brecht mir mein Herz? Denn ich bin bereit, nicht allein mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben zu Jerusalem um des Namens willen des Herrn Jesu.“ Seine Ruhe, seine Festigkeit machte auch die trauernden Freunde still und stark. Sie schwiegen und sprachen: „Des Herrn Wille geschehe!“ Kaum hatte Paulus den Tempel in Jerusalem betreten, da griffen sie ihn, zogen ihn zum Tempel hinaus und wollten ihn töten. Schreiend schlug der Haufen auf ihn ein, bis der Hauptmann der römischen Wachsoldaten ihn aus ihren Händen riss. Dass er mit zwei Ketten gebunden wurde, genügte den Empörten nicht. Mehr denn vierzig machten einen Bund und verbannten sich, weder zu essen, noch zu trinken, bis dass sie Paulus ermordet hätten. Nur die Hand der römischen Obrigkeit errettete ihn auch diesmal. (Apg. 23, 12 ff.) Er schrieb, als er verhört ward, seine Erlösung der Hilfe Gottes zu und sprach fröhlich: „Ich bezeuge beiden, den Kleinen und Großen, dass Christus sollte leiden und der Erste sein aus der Auferstehung von den Toten.“ (Ap. 26, 22 f.) Er ward nach Rom eingeschifft, um vor dem Kaiser, auf welchen er sich als römischer Bürger berufen hatte, gerichtet zu werden. Unterwegs erlitt er einen von jenen drei Schiffbrüchen, von denen er erzählt: „Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten; Tag und Nacht habe ich zugebracht in der Tiefe des Meeres. (2. Kor. 11, 25.) Wann die beiden andern Schiffbrüche mit ihren Ängsten und Todesnöten stattfanden, wissen wir nicht; aber als bei dem erwähnten eben ein Rettungsschimmer aufgegangen war, hatten die Kriegsknechte schon einen Rat, dass sie Paulus samt allen andern Gefangenen töteten. Am Lande, es war die Insel Malta, fuhr ihm eine Otter an seine Hand, und die Leute warteten, dass er schwellen und tot hinfallen würde. In Rom, wo Kaiser Nero, der Blutmensch, das Zepter führte, hatte Paulus über zwei Jahre täglich den sicheren Tod vor Augen. Der Herr hat mich erlöst aus des Löwen Rachen, erzählt er von Dieser Zeit Wie es damals angesichts des Todes in seinem Herzen aussah, bezeugen die Briefe, welche er in dieser Zeit geschrieben hat. „Ob ich geopfert werde über dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen; desselbigen sollt ihr euch auch freuen und sollt euch mit mir freuen….. Freut euch in dem Herrn; dass ich euch immer einerlei schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch desto gewisser. Freut euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freut euch.“ (Phil. 2, 17; 3, 1; 4, 4.) Wahrscheinlich ist Paulus aus dieser ersten Gefangenschaft noch einmal seinem Amte zurück gegeben. Wir kennen diese letzte Zeit seines Lebens nicht genauer; aber es gilt von ihr, was Paulus von der früheren schreibt: „Bei unserm Ruhm, den ich habe in Christo Jesu, unserm Herrn, ich sterbe täglich.“ (1. Kor. 15, 31.) „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ (Röm. 8, 36.) „Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um, und tragen um allezeit das Sterben des Herrn Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben des Herrn Jesu an unserm Leibe offenbar werde. Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, auf dass auch das Leben Jesu offenbar werde an unserm sterblichen Fleische.“ (2. Kor. 4, 9 ff.)

Als endlich nach diesem jahrelangen, täglich erneuten Sieg über die Schrecken des Todes die Stunde kam, wo Paulus ganz und auf immer den Tod unter seine Füße treten sollte, da triumphiert er: „Ich werde schon geopfert und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden. Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird, nicht mir aber allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.“ (2. Tim. 4, 6 ff.)

Warum, so könnte man trauernd fragen, warum hat es Gott nicht gefallen, dass uns, wie das Ende des Stephanus, so auch das Ende des Paulus glaubwürdig und ausführlich in den Schriften des Neuen Testamentes überliefert ist? Würde das nicht für uns, die wir noch mit dem Tode zu kämpfen haben, ein wahres Seelenlabsal gewesen sein? So oft diese Frage in mir aufsteigt, so oft antworte ich mir: Was fragst du? Ohne Zweifel ist Paulus aus der streitenden in die triumphierende Gemeinde in demselben Glauben hinüber gegangen, in welchem er, als er noch täglich sterben musste, schon gejubelt hat: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum!“ (1. Kor. 15, 55. 57.)

So steht ein Knecht Jesu Christi vor dem Könige des Schreckens! Wo liegt die Wurzel dieser Kraft? In der absolut veränderten Auffassung von Tod und Leben, welche er durch die völlige Hingabe an seinen Herrn, den Lebensfürsten, erhält. „Fleischlich gesinnt sein, d. h. in der Sünde und der Scheidung von Gott, dem Lebensquell, leben, weben und atmen, ist der Tod, und geistlich gesinnt sein, d. h. im Heiligen Geiste Gottes leben und weben und atmen, ist Leben.“ (Röm. 8, 6.) Das Leben, was wir vom Mutterleibe an haben, samt all seinen selbstsüchtigen, wollüstigen und hoffärtigen Trieben ist der wahre Tod. Das versteht der Knecht Jesu Christi aus Erfahrung, und aus Erfahrung auch weiß er, dass, wer dieses Todes-Leben verliert, das wahre Leben gewinnt. Jesus Christus wird in ihm geboren, und der ist das wahrhaftige, ewige Leben. „So aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen. So nun der Geist des, der Jesum von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird auch derselbige, der Christum von den Toten auferweckt hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen um deswillen, dass sein Geist in euch wohnt.“ (Röm. 8, 10. 11.) „Gleichwie die Sünde geherrscht hat zum Tode, also auch herrschet die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesum Christ, unsern Herrn.“ (Röm. 5, 21.) „Gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Röm. 6, 4.) Das war für Paulus eine Erfahrungstatsache. Sie bildete den wesenhaften Kern seiner Existenz. Ehedem freilich war er mit den Obersten seines Volkes der Meinung gewesen, Jesus Christus, welcher sich als Sohn des lebendigen Gottes bekannt hatte, sei gerechter Weise mit dem Tode bestraft, und mit seinem Tode sei seine Person und seine Sache gerichtet. Da erschien ihm dieser totgeglaubte Jesus Christus wahrhaftig und leibhaftig mit so überwältigender Lebensfülle, dass vor ihr des Saulus ganzes vergangenes Leben in Trümmer zusammenbrach. Aus den Trümmern des alten Lebens, das nur ein Tod war, wurde unvermittelt und gegen das Gesetz der natürlichen Entwicklung ein neues Leben geboren, „eine unzeitige Geburt“. (1. Kor. 15, 8.) Von da an fühlte sich Paulus mit diesem Jesus, der tot war und siegreich lebte, zu einem Leben verwachsen, wie eine Rebe mit dem Weinstock, ein Glied mit dem Haupte verwachsen ist. „Ich lebe“, so beschreibt er diesen Zustand, „doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ „Christus ist mein Leben.“ (Gal. 2, 20. Phil. 1, 21.) So unmöglich Jesus, der ewig Lebendige, vom Tode gehalten werden konnte, ebenso unmöglich erschien es Paulo, dass das neue Leben in ihm vom Tode angetastet würde, denn es war das Leben Jesu Christi. Da liegt die Wurzel jener majestätischen Überlegenheit, welche Paulus allezeit auch dem letzten Feinde gegenüber bewiesen hat. Sterben war für ihn ein Gewinn, eine Erlösung vom Leibe dieses Todes. Die Ewigkeit war ihm kein dunkles, unbekanntes Gebiet, der irdische, leibliche Tod kein dunkler, undurchdringlicher Vorhang. Das Diesseits und Jenseits, Zeit und Ewigkeit sah er als ein lebendiges, organisches Ganze. Das zeitliche Leben in Christo sah er ausgereift zum ewigen Leben in dem, der alles in allem erfüllt. Daher war ihm das, was man Todesfurcht und Todesgrauen nennt, unbekannt. „Wir werden nicht müde, sondern ob unser äußerlicher Mensch verdirbt, so wird doch der innerliche von Tage zu Tage erneuert.“ (2. Kor. 4, 16.) Er sehnte sich, getrieben von des Geistes Erstlingen, nach der vollendeten Kindschaft, nach der vollendeten Ausreifung seines neuen Lebens, nach dem vollkommenen Mannesalter Jesu Christi, nach der göttlichen Größe, und wartete auf seines Leibes Erlösung. Er hatte Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches er auch für viel besser erklärte. Indes um denen, welche aus Furcht vor dem Tode im ganzen Leben noch Knechte sein mussten das Leben zu verkünden, das in Christo erschienen ist, darum blieb er trotz seiner tausendfachen, unsäglichen Mühen und Leiden gern im Fleische bis zu der Stunde, wo Gott selbst das irdische Haus seiner Hütte zerbrechen und ihm einen Bau geben würde, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. An Jesu, seinem Haupte, sah er, dass der menschliche Leib, vom ewigen Leben durchdrungen, selbst geistiger Natur wird, so dass er von dem verklärten Menschen- und Gottes-Sohne sagt: „Der Herr ist der Geist.“ (2. Kor. 3, 17.) So gewiss Christus sein Leben war, so gewiss war es ihm, dass dieses wahrhaftige Leben auch seinen nichtigen Leib verklären, durchgeistigen und dem verklärten, geistigen Leibe Jesu ähnlich machen werde. „Wir werden verkläret in dasselbige Bild von einer Klarheit zu der andern, als vom Herrn, der der Geist ist.“ (2. Kor. 3, 18.) „Wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebeine.“ (Eph. 5, 30.)

Nun verstehen wir, dass Paulus, obwohl täglich an der Seite des Todes wandelnd, dennoch jauchzt: „Unser Wandel ist im Himmel!“ Er sah in dem unzertrennbaren Gefährten, dem Tode, nicht mehr, wie Hiobs Freund (Hiob 18, 14.), den König des Schreckens, welcher mit seinem Stachel auf ewig verwundet. Er sah in ihm den überwundenen und gebundenen Feind, welcher dem Herrn aller Herren und König aller Könige dienstbar sein und die Bürger und Hausgenossen Gottes einführen muss in sein himmlisches Reich.

„Seid doch wie ich, denn ich bin wie ihr!“
„Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi!“ (1. Kor. 11, 1.)

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