Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 19. Das Siegel der Knechte Jesu Christi.
„Und da Barnabas und Saulus die Insel Zypern durchzogen bis zu der Stadt Paphos, fanden sie einen Zauberer und falschen Propheten, einen Juden, der hieß Bar-Jesus; der war bei Sergius Paulus, dem Landvogt, einem verständigen Manne. Derselbige rief zu sich Barnabas und Saulus und begehrte das Wort Gottes zu hören. Da widerstand ihnen der Zauberer Elymas (denn also wird sein Name gedeutet), und trachtete, dass er den Landvogt vom Glauben wendete. Saulus aber, der auch Paulus heißt, voll Heiligen Geistes, sah ihn an und sprach: du Kind des Teufels, voll aller List und aller Schalkheit, und Feind aller Gerechtigkeit, du hörst nicht auf, abzuwenden die rechten Wege des Herrn. Und nun siehe, die Hand des Herrn kommt über dich, und sollst blind sein und die Sonne eine Zeit lang nicht sehen. Und von Stund an fiel auf ihn Dunkelheit und Finsternis, und ging umher und suchte Handleiter. Als der Landvogt die Geschichte sah, glaubte er und verwunderte sich der Lehre des Herrn.“
(Apostg. 13, 6-12.)
„Saulus aber, der auch Paulus heißt“ Warum? Auf Grund der vorstehenden Geschichte antwortet der Kirchenvater Hieronymus: „Der Name Paulus ist das Siegeszeichen, ausgerichtet über der Erstlingsbeute der Kirche unter den Heiden!“ Alle Achtung vor diesem Ausspruch des alten Schriftauslegers. Dennoch möchte ich lieber sagen: Der Name Paulus ist das Siegel, vom Heiligen Geiste auf Sauls Stirn gedrückt, welches ihn als dessen Knecht legitimiert, vor dem alles falsche Prophetentum zur Finsternis wird. Denn Saulus heißt der Kleine, der Geringe. Gerade da, wo Paulus um die Seele des ersten römischen Würdenträgers, des verständigen Sergius Paulus, mit der Macht der Finsternis streitet, gerade da nennt ihn die Schrift mit dem Namen dieses Hohen auf Erden den Niedrigen, den Demütigen. Mir ists, als wollte Jesus Christus einmal für immer uns zurufen: Nur wer das Gepräge der Demut trägt, ist von Gott dem Vater versiegelt, dass er mein Knecht ist; ihm gilt mein Wort: „Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen, denn du hast eine kleine Kraft!“ (Offb. 3, 8.)
Saulus, von Mutterleibe ausgesondert, den Glanz und die Macht der griechisch-römischen Kulturwelt dem Kreuze zu Füßen zu legen, dieser Saulus war schon seinem Leibe nach klein und unansehnlich und seine Redegabe gering und verächtlich. (2. Kor. 10, 10.) So wollte es Gott. Wer begreift das? Noch nicht genug. Saulus trug ein quälendes Leiden, er nennts den Pfahl im Fleisch, mit sich herum. War es möglich, mit so geringer, so gehemmter Kraft im großen Geisteskampfe zu siegen? Dreimal flehte Saulus Gott an um Erlösung von der krankhaften Schwäche. Aber der ihn zum Paulus machen, mit gründlicher Demut schmücken und panzern wollte, der sprach zu ihm: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ „Darum,“ jauchzt Paulus, „will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne; darum bin ich gutes Muts in Schwachheiten, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark!“ (2. Kor. 12, 9, ff.)
Mehr als tausend Jahre früher hatte schon einmal ein Mann namens Saul gelebt. Auch zu diesem hatte der Herr gesprochen: „Ists nicht also, da du klein warst vor deinen Augen, wurdest du das Haupt unter den Stämmen Israels.“ (1. Sam. 15, 17.) Er fiel, als er groß sein wollte. Und der an seine Stelle trat, war nicht Eliab, dessen Gestalt und große Person Samuel staunend ansah; nein, es war der kleinste von allen Söhnen Isais. Michal, Sauls Tochter, Davids Weib, verstand das nicht. Sie verachtete den König in ihrem Herzen, als er vor Gottes Angesicht mit den Mägden seines Volkes auf gleiche Linie sich stellte. Er aber, David, bekannte furchtlos und frei: „Ich will noch geringer werden denn also, und will niedrig sein in meinen Augen und mit den Mägden, davon du geredet hast, zu Ehren kommen.“ (2. Sam. 6, 22.) War dieser Geringe nicht der Mann nach dem Herzen Gottes? Sieger über den Philister, den Riesen, und Retter seines Volkes?
Freunde, wie können wir den Spöttern von heute den Mund stopfen? wie kräftiglich dartun, dass das Blend- und Zauberlicht der falschen Propheten unserer Zeit dunkle Finsternis ist? wie Männer und Frauen, welche gleich jenem Landvogt noch Verstand annehmen, von dem Leben und der Liebe und dem Lichte Gottes überführen, dass sie glauben und sich verwundern?? Lasst uns beten: „Herr, Herr, der du die Gewaltigen vom Stuhl stößt und die Niedrigen aus dem Staube erhebst, drücke auf unsere Stirne das Siegel der Demut!“
Was ist Demut? Es war einmal ein Hausherr, der tat seinen Knechten seine Güter aus. Einem übergab er fünf Zentner, einem andern nur einen. Der erste dachte: „Fünf Zentner sind eine große Summe. Sie gehören aber nicht mir, sondern meinem Herrn. Für ihn muss ich sie auch verwerten.“ Also handelte er mit ihnen, gewann andere fünf Zentner, legte seinem Herrn die ganze Summe zu Füßen und sprach: „Dir gehört alles; denn mit deinem Gute ist der Gewinn gemacht.“ Der andre dachte bei sich: „Ein Zentner ist so viel wie gar nichts. Ich wäre fähig genug, mehr zu verwalten. Mit einem Zentner lässt sich nichts beginnen!“ Er versuchte auch gar nicht einmal, nur das Geringste zu erarbeiten. Wer unter diesen beiden war der Demütige? Ich meine, der erstere. Aber, sagst du, er wusste doch, dass er fünf Zentner hatte. Ist mit solchem Selbstbewusstsein die Demut vereinbar? Eine Gegenfrage: Wusste er nicht auch, dass sie ihm vom Herrn gegeben waren, dass er von sich selbst nichts besaß? Siehe doch, für sich erwarb er nichts; für sich behielt er nichts. Er brachte alles seinem Herrn, dem es gehörte.
Auch Paulus wusste sehr gut, dass von Gott ihm viel anvertraut war und dass die Gabe Gottes großes gewirkt hatte. Vielleicht zu oft ist in diesen Betrachtungen schon sein Wort angeführt: „Ich habe viel mehr gearbeitet, als sie alle!“ Gegen solche, welche die von Gott ihm gegebene Würde verachteten, tritt er fest auf und sagt: „Ich achte, ich sei nicht weniger, denn die hohen Apostel sind.“ (2. Kor. 11, 5.) Und gleich darauf: „Ich sollte von euch gelobt werden, weil ich nichts weniger bin, denn die hohen Apostel sind!“ (2. Kor. 12, 11.) Aller Orten in Pauli Briefen strahlt dieses Bewusstsein von dem, was Gott ihm gegeben hat, klar wie die Mittagssonne; aber ebenso klar und kräftig auch das Bewusstsein: „wiewohl ich nichts bin! ich bin der geringste unter den Aposteln, nicht wert, dass ich ein Apostel heiße, bin wie eine unzeitige Geburt, der vornehmste unter den Sündern ich könnte nichts tun, wo solches Christus nicht in mir und durch mich wirkte; ich habe nichts erarbeitet, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“ Wo in solcher Innigkeit und Lebendigkeit das Bewusstsein von dem, was ich bin und kann, mit dem Bewusstsein von dem, was Gott durch Christum gibt und wirkt, zu einem unauflöslichen Bunde sich vermählt hat, da wohnt die Demut. In ihr ist das durchdringende Gefühl von der menschlichen Unwürdigkeit und Ohnmacht und von der allmächtigen Gnadenkraft Gottes wesentlich eines. In demselben Atemzuge sagt darum Paulus den Korinthern: „Ich war bei euch mit Schwachheit und mit Furcht und großem Zittern!“ und sofort: „Mein Wort war bei euch in Beweisung des Geistes und der Kraft.“ (1. Kor. 2, 3. 4.) Das eine ist Grund und Bedingung des andern. „Ob wir auch schwach sind in Christo, so leben wir doch mit Christo in der Kraft Gottes unter euch.“ (2. Kor. 13, 4.) In Christo schwach sein und in Christo stark sein, das heißt demütig sein. Daher kommt die wunderbare Tatsache, dass der Demütige der schwächste und stärkste, der ärmste und der reichste Mensch ist. Er ist so schwach, dass er ohne Christum nichts vermag; er ist so stark, dass er mit Christo alles vermag. Er ist so arm, dass er ohne Christum nichts hat; und ist so reich, dass er in Christo alles hat. Fehlt mir das freudige, kindliche, unmittelbar gewisse Bewusstsein von der Kraft und dem Reichtum in Christo, so macht das Gefühl der eigenen Ohnmacht und Armut mich nicht demütig, sondern verzagt, oder aber ich verfalle in jene falsche, selbsterwählte Demut und Geistlichkeit, bei welcher ich doch ohne Ursache aufgeblasen bin und bleibe in meinem fleischlichen Sinn, wie Paulus sagt. (Kol. 2, 18. 23.)
Suchst du einen Probierstein echter Demut? Hier sind Fragen, die ihn dir bieten. Bist du, wie Paulus, imstande, von Feinden, die dir Unrecht tun, dich weisen zu lassen und deine Übereilung vor ihnen rundweg zu bekennen? (Apostg. 23, 3-5.) Kennst du, wie Paulus, die versteckten Tücke deines Herzens so gründlich, dass du, wie Paulus, die Notwendigkeit fühlst, auch heimliche Schande zu meiden und nicht mit Schalkheit umzugehen? (2. Kor. 4, 2) O dass du deinen Leib betäubst und ihn zähmst, damit, was du andern vom Ernste und der Güte Gottes sagst, du allezeit zuerst und kräftig auf dich anwendest und du nicht ein Verächter deiner eigenen Worte wirst? (1. Kor. 9, 27.) Gibt Gott deinem Geiste irgendeine hohe Freuden-Offenbarung, kannst du, wie Paulus, vierzehn Jahre davon schweigen, und kommst du dir, wenn du endlich davon reden müsstest, gleich ihm wie ein Narr vor? (2. Kor. 12, 1 ff.) Und wenn man dir Weihrauch streut, groben oder feinen, bebt dir wie Paulo das Herz, dass du vor Schmerz dein Kleid zerreißt und rufst: „Ihr Männer, was macht ihr da?“ (Apostg. 14, 14 ff.) Tut es dir wehe, wie Paulo, wenn jemand deine Taten für den Herrn ausposaunt und gebietest du ihm: Verstumme! (Apostg. 16, 17 ff.) Und freust du dich, wie Paulus, wenn durch einen, der dir persönlich Böses zufügt, Christus sein Reich ausbreitet? (Phil. 1, 16 ff.) Ist es dir wie dem Paulus, eine innere Notwendigkeit, so schlicht von dir und deinem Wirken zu sprechen, dass nicht jemand dich höher achtet, denn er an dir sieht oder von dir hört? (2. Kor. 12, 6.) Kann man von dir und deinem Zusammenwirken mit andern Gottesknechten wie von Paulo lernen, dass niemand höher von sich halte, denn geschrieben ist, auf dass sich nicht einer wider den andern um jemandes willen aufblase? (1. Kor. 4, 6.)
Meine Brüder, wir werden wohl alle von unserm Meister, dem von Herzen demütigen, noch lange zu lernen haben, bis wir auf diese Fragen mit einem vollen und wahren Ja antworten können. Wir werden auch, bis solche Demut uns eignet, noch gründlich die gewaltige Hand Gottes, den Pfahl im Fleisch fühlen und besser noch durch die Praxis studieren müssen, was es heißen will, täglich das Kreuz auf uns zu nehmen. Nur unter der gewaltigen Hand Gottes, nur unter dem täglichen Kreuze wird der Stirne der Knechte Jesu das Siegel der Demut aufgedrückt. Mit diesem Siegel aber gehen sie fest und fröhlich ihren Pilgergang, arbeiten und streiten, leiden und ruhen, wie Gott es will, in Herz und Mund das Triumphlied Pauli: „Gott sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt in Christo!“ (2. Kor. 2, 14.) „Seid doch wie ich, denn ich bin wie ihr!“