Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 18. Wie ein Knecht Jesu sich gegen Widersacher hält.
„Paulus aber sah den Rat an und sprach: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe mit allem guten Gewissen gewandelt vor Gott bis auf diesen Tag. Der Hohepriester aber, Ananias, befahl denen, die um ihn standen, dass sie ihn aufs Maul schlügen. Da sprach Paulus zu ihm: Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand. Sitzt du, mich zu richten nach dem Gesetze, und heißt mich schlagen wider das Gesetz? Die aber umherstanden, sprachen: Schiltst du den Hohenpriester Gottes? Und Paulus sprach: Liebe Brüder, ich wusste es nicht, dass er der Hohepriester ist. Denn es steht geschrieben: Dem Obersten deines Volkes sollst du nicht fluchen!“
(Apostg. 23, 1-5.)
„Zeigt mir der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll!“ sagt einer von den Berühmten dieser Welt. Achtet auf dieses Wort, die ihr nicht von dieser Welt seid. Es ist nicht gut, wenn wir die Mahnungen und Urteile der Widersacher an unserm Gewissen abgleiten lassen und uns hinter die Behauptung verschanzen: Sie sind Feinde des Christentums; was sie sagen, hat der Hass eingegeben. Das hat Paulus nicht getan, wie wir aus der Geschichte sehen, die zu Anfang dieser Betrachtung steht. Vor entschiedenen Feinden und von Leuten, die ihm bitteres Unrecht taten, ließ er sich ob seiner Übereilung strafen und durch das tadelnde Wort aus Feindesmund auf das feste Wort aus Gottes Mund hinleiten. Das merke! Es ist dem Fleisch und Blut freilich angenehm, wenn ein lieber Freund zu unserer Verirrung schweigt, noch angenehmer, wenn er die Lieblingspläne fördert, welche der Eigenwille geschmiedet hat. Licht aber und Erleichterung hat solche Harmonie der Seelen noch nie gebracht. Oder war es für Abraham heilsam, dass sein Weib Sarah aus falsch verstandener Liebe zweimal auf ihres Mannes lügenhaften Vorschlag einging, sich seine Schwester zu nennen, nicht sein Eheweib? (1. Mos. 12. 13 und 20, 2 u. 5) War es Davids Rettung, dass in schwerer Zeit sein Freund Jonathan allzu bereitwillig schwur: „Ich will an dir tun, was dein Herz begehrt!“ und aus Freundesschwäche dem eigenen Vater eine Lüge ins Angesicht sagte?
Joab, der Feldhauptmann Davids, redete nicht so freundlich wie Jonathan, war auch ein recht derbes Kind dieser Welt. Aber es hätte dem frommen Könige tausend blutige Tränen erspart, wenn er, da sein Herz ihn zum Dünkel verlockte, auf des Weltmannes Rat zur Demut sich gewendet hätte. (2. Sam. 24.) So lange David, geängstet durch seinen Feind Saul, auf Gottes Wink und Willen merkte, hielt er sich klüglich in allem seinen Tun. (1. Sam. 18, 14. 30.) Aber sobald der Mann nach dem Herzen Gottes das gute, strafende Wort eines Weltkindes missachtete, musste er ausrufen: „Ich habe schwer gesündigt und sehr töricht getan!“ (2. Sam. 24, 10.) Großen Frieden dagegen hat es ihm gebracht, als er, durch seines Feindes Simei lästerndes Wort getroffen, an die längst vergebenen Sünden dachte und sprach: „Der Herr hat's ihn geheißen; vielleicht wird der Herr mein Elend ansehen und mir mit Gutem vergelten sein heutiges Fluchen!“ (2. Sam. 16, 11. 12.) Vorher schon hat es Abraham, dem Vater der Gläubigen, aus der Lüge wieder zurecht geholfen, dass er schamrot auf des Feindes, des philistäischen Königs, Strafrede merkte: „Du hast mit mir gehandelt, nicht wie man handeln soll!“ (1. Mos. 20, 9.)
Es würde uns gewiss nicht schaden, wenn wir diese uralten Geschichten wie lebendige Mahner mit aufgehobenem Zeigefinger aus dem Grabe steigen ließen. In unserer feindlich zerrissenen Zeit liegt die Gefahr sehr nahe, dass Anhänger ein und derselben Anschauung, Glieder ein und derselben religiösen oder staatlichen Gemeinschaft sich einander eben so üble Liebesdienste leisten, wie Abraham und Sarah, David und Jonathan. Eben so nahe liegt die Versuchung, dass Glieder der einen Partei auch gegründete Winke, Ratschläge und Zurechtweisungen der andern, als einer feindlichen, verächtlich von der Hand weisen. Ich rede zu euch, teure Mitpilger. Wer vom rechten Wege abgetreten ist, lässt sich gerne wieder auf den rechten Weg hinweisen, sollts auch von einem offenen Feinde geschehen, im Zorn und Hass und mit rauem Tone. Warum wollen wir denn nicht von den Widersachern Christi uns sagen lassen, wenn uns im Kampfe für die Ehre des Herrn ein Wort, ein Satz entfahren ist, welcher beweist, dass auch wir Fleisch gewesen sind, vom Fleische geboren, welcher Zeugnis ablegt, dass wir noch wachsen müssen in der Sanftmut und Demut, in dem herzlichen Erbarmen mit dem, welchen wir beurteilen, bekämpfen. Jetzt, Bruder, Schwester, stecke die Hand in deinen Busen! Heraus mit dem Bekenntnis: Weil ich von einem, den ich für feindselig, für ein Weltkind hielt, mich nicht warnen und strafen ließ, hat mir mehr als einmal das Herz bange geschlagen, wie dem David, bin ich, wie er, mehr als einmal vor Gott zerknirscht zusammen gebrochen und habe unter vielen Tränen stammeln müssen: „Ich habe schwer gesündigt, ich habe sehr töricht getan!“
Erst lerne von den Feinden Gottes und seines Gesalbten, was du von ihnen lernen kannst und sollst; dann kämpfe gegen sie, aber dann nicht mattherzig, nicht als einer, der auf beiden Seiten hinkt, nicht als ein Neutraler, der weder kalt noch warm ist, kämpfe mit der Kraft und Glut eines Paulus, welcher den Galatern bezeugte: „So auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht!“ (Gal. 1, 8.) Doch diesen Schwerthieb, diesen Keulenschlag im Geisteskampfe versteht nur, wer dem Paulus bis ins Herz gesehen hat. Traten Feinde des Kreuzes Christi ihm in den Weg, stets war die erste Waffe, womit er gegen sie stritt, ein herzliches Erbarmen. Die Augen gingen ihm über. (Phil. 3, 18.) Schalten sie ihn, so segnete er; lästerten sie, so flehte er. (1. Kor. 4, 12.) Die bittersten Widersacher entstanden ihm aus seinem Volke. Wie Donner und Blitz fuhr sein Wort unter sie. Zu dem Juden Bar Jehu, dem Zauberer und falschen Propheten, der nicht aufhörte abzuwenden die rechten Wege des Herrn, sprach er, Auge gegen Auge: „O du Kind des Teufels, voll aller List und aller Schalkheit, Feind aller Gerechtigkeit!“ Aber wie hat er gerade diese Feinde geliebt! „Ich habe gewünscht, verbannt zu sein von Christo für meine Brüder, die meine Freunde sind nach dem Fleisch!“ (Röm. 9, 3.) Verbannt zu sein von Christo! Das ist eine Liebe, zu der meine nicht hinan reicht. Beides ist unzertrennlich in Pauli Charakter: seine Liebe zu den Feinden und sein Kampf gegen die Feinde.
Brüder! Kein Vater, kein Erzieher hat ein Recht zur Züchtigung und Strafe über ein widerspenstiges Kind, es sei denn, dass er es liebt, wie Gott uns liebt, wenn er straft und züchtigt, und kein Streiter Christi hat ein Recht, gegen die Widersacher Christi mit scharfen, niederschmetternden Waffen zu kämpfen, es sei denn, dass er sie liebt, nicht mit Worten, sondern mit der Tat und der Wahrheit, dass er sie liebt, wie Paulus sein verblendetes Volk.
Kannst du den Widersacher lieben, dann kannst du auch, wie Paulus, die eigene Person von der Sache unterscheiden, eine schwere, wenig verstandene, noch weniger geübte Kunst und doch unerlässlich im Streite für den Herrn und seine Ehre. Als Paulus in Rom gefangen lag, schrieb er den Philippern: „Etliche predigen Christum auch um Neides und Haders willen, aus Zank und nicht lauter, denn sie meinen, sie wollen eine Trübsal zuwenden meinen Banden. Was tut's aber? Dass nur Christus verkündigt werde allerlei Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich doch darinnen, und will mich auch freuen; denn ich weiß, dass mir dasselbige gelingt zur Seligkeit durch euer Gebet und durch Handreichung des Geistes Jesu Christi.“ (Phil. 1, 15-19.) Wir sehen, der Apostel hatte in Rom unter den Brüdern persönliche Feinde. Sie wollten, vom Geiste des Hasses und Zankes getrieben, seine Trübsal und Bande noch drückender machen, und predigten zu dem Zweck mit Eifer das Evangelium. Die Frage, inwiefern sie dadurch die Lage des Apostels verschlimmerten, können wir hier unerörtert lassen. Genug, sie wollten ihn mit Absicht quälen; er aber, Paulus, der Gefangene, ist soweit davon entfernt, Hass mit Hass, Feindschaft mit Feindschaft zu vergelten, dass er sich über das Wirken dieser argen Widersacher noch freut, weil Christus auch durch böse Werkzeuge Gutes schaffen kann. Wohl dem, welcher getragen vom Geiste Jesu Christi und dem Gebete echter Freunde, so hoch und sicher über den Angriffen und Ränken persönlicher Feinde steht! Er fühlt wohl den Schmerz, den sie ihm bereiten; aber er klagt und seufzt nicht wider sie; denn die gewisse Erfahrung, dass selbst das Gift der Feindschaft ihm zur Seligkeit dienen muss, labt und stärkt mit einer Freude, welche zu den unverstandenen Geheimnissen gehört, womit Gott die Seinen in den Trübsalen speist.
Hier stehe gleich noch ein anderer Zug aus dem Leben Pauli. Er war als Gefangener auf einem Schiffe, um nach Rom gebracht und vor des Kaisers Gericht gestellt zu werden. Es war Winter und Paulus hatte die feste Ahnung, dass, wenn man weiter schiffte, große Gefahr die Folge sein würde, und ermahnte die Mannschaft, in einem sicheren Hafen vor Anker zu bleiben. Man verachtete seinen Rat. Es kam, wie er gesagt. Großer Sturm erhob sich. Alle Hoffnung des Lebens war dahin. Es war Nacht. Kein Stern schien. Was tat Paulus? Macht er denen bittere Vorwürfe, die ihn und seine Ahnung verspottet hatten? Nein, er betet für sie, seis in einem einsamen Winkel, seis mitten im Gewirre der Unglücklichen, ringt für sie, und etliche von ihnen wollten ihn hernach töten, ringt mit Gott so inbrünstig, bis der Engel Gottes bei ihm stand und sprach: „Fürchte dich nicht Paulus, siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir schiffen!“ Jetzt erst, nachdem seine Seele für die Verächter also gearbeitet und gesiegt hatte, jetzt trat er in ihre Mitte und sprach: „Liebe Männer, man sollte mir gehorcht und nicht von Kreta aufgebrochen und uns dieses Leides und Schadens überhoben haben. Und nun, seid unverzagt, denn keines Leben aus uns wird umkommen!“
Ich hab es öfter erlebt, dass ein Rat, aus Überzeugung von mir gegeben, in den Wind geschlagen wurde. Das tut wehe. Wenn dann die Folgen fühlbar über das Haupt des Unfolgsamen hereinbrachen, was war das erste, unmittelbar mich durchdringende Gefühl? Wars stets erbarmungsreiche Fürbitte? Ich muss mich schämen. Eine andere Stimmung nahm öfters Besitz von mir, eine gewisse Genugtuung über die neue Bewährung der alten Regel: Wer nicht hören will, der muss fühlen! Mitleid und Fürbitte kam erst hintennach, wenn der Geist mich strafte. Vielleicht hast du, mein Bruder, in gleichem Falle dem Apostel Paulus ähnlicher gehandelt!
Wer uns nicht hört, den halten wir leicht für einen Feind. Das ist nicht gut. Paulus schreibt: „So jemand nicht gehorsam ist unserm Wort, mit dem habt nichts zu schaffen, auf dass er schamrot werde; doch haltet ihn nicht als einen Feind, sondern vermahnt ihn als einen Bruder!“ (2. Thess. 3, 14. 15.) So nun ein Mensch, mit dem wir zusammen leben, etwa von einem Fehler im Leben oder in der Lehre übereilt würde, sollen wir ihn als einen Widersacher richten und von uns weisen? „Helft ihm wieder zurecht,“ sagt Paulus, „mit sanftmütigem Geiste, ihr die ihr geistlich seid; und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest!“ (Gal. 6, 1.) Das gilt allen Jüngern Jesu. Vornehmlich aber muss ein Knecht des Herrn die, so ihm entgegen sind, nicht sofort als Feinde verurteilen, sondern die Bösen tragen können und mit Sanftmut die Widerspenstigen strafen. (2. Tim. 2, 24. 25.) „Strafen!“ Verstecke dich nicht hinter das Wort strafen! Es bedeutet hier nicht, was man normalerweise mit dem Ausdruck strafen bezeichnen will. Es bedeutet an unserer Stelle nach dem griechischen Urtext: erziehen. Ach, unsere Strafen, womit wir über die Widerspenstigen herfahren, dienen oft wenig zur Erziehung, belasten uns häufig mit Sünde und stoßen den Irrenden nur mehr ab von Jesu. Aber noch in vielen andern Stellen, sagst du, gebietet uns Paulus, die Widersacher zu strafen, wie z. B.: Strafe die Widersacher! Strafe sie scharf um der Sache willen! Strafe sie mit ganzem Ernst! (Tit. 1, 9. 13 und 2, 15.) Ich kenne, lieber Bruder, diese Stellen und andere mehr. Es bedeutet das griechische Wort, was Paulus gebraucht hat, überführen. So lass uns denn die Feinde des Herrn und seines Evangeliums dadurch strafen, dass wir sie überführen. Aber lass uns nicht die für Feinde ansehen, welche, vom Kern des Evangeliums sich nährend, über alle Punkte nicht sprechen wie wir. Paulus schreibt für solche Fälle: „Solltet ihr sonst etwas halten, das lasst euch Gott offenbaren; doch so ferne, dass wir nach derselben Regel, darein wir kommen sind, wandeln und gleich gesinnt seien!“ (Phil. 3, 15. 16.)
Doch, fragst du mich, ist es auch Sanftmut und tragende Liebe, wenn Paulus von seinen Feinden Hymenäus und Alexander sagt: „Ich habe sie dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern!“ (1. Tim. 1, 20.)
Freund, wer ein langes Leben voll aufopfernder Liebe gegen Feind und Freund hinter sich hat, der darf zu einem lieben geistlichen Kinde, wie Timotheus, über Leute, die das gute Gewissen von sich gestoßen haben, sich auch einmal etwas kurz und knapp ausdrücken. Das Kind sieht doch dem Vater ins weite Herz. Wo Paulus, um verstanden zu werden, ausführlicher reden muss, da drückt er seine Stellung zu einem derartigen Widersacher vollständiger so aus: „Im Namen und mit der Kraft unsers Herrn Jesu Christi habe ich beschlossen, ihn zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu!“ (1. Kor. 5, 4. 5.)
Was für eine Freude würde Paulus gehabt haben, wären, wie dieser Sünder zu Korinth, auch Hymenäus und Alexander, die Widerspenstigen, nüchtern geworden aus des Teufels Strick! Aber Alexander wenigstens fuhr fort, das Gift seiner Feindschaft immer gehässiger und bewusster auszuströmen. Die in Tränen und Fürbitten durchwachten Nächte Pauli waren für ihn ganz so umsonst, wie für einen Ischariot die Liebe des Meisters. Wie hat ein Knecht Jesu gegen solche Widersacher sich zu halten? „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses bewiesen; der Herr bezahle ihm nach seinen Werken!“ (2. Tim. 4, 14.)
„Der Herr!“ sagt Paulus, nicht ich. Noch einmal: Der Herr! Die Ordnung steht fest: Was der Mensch sät, das wird er ernten. Von dem Feinde Gottes, welcher den Segen nicht wollte, wird der Segen auch ferne bleiben. Der Fluch, welchen er begehrte, der wird ihm auch kommen. Er wird ihn anziehen wie sein Hemd; er wird in sein Inwendiges gehen wie Wasser und wie Öl in seine Gebeine. Denn auch Feindesliebe rettet den nicht, der nicht gerettet sein will!