Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 16. Nährung, Störung, Klärung der Gemeinschaft unter den Knechten Jesu Christi.
„So ermahne nun euch ich Gefangener in dem Herrn, dass ihr wandelt, wie sichs gebührt eurem Beruf, darinnen ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertragt einer den andern in der Liebe, und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist, durch das Band des Friedens. Ein Leib und Ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eures Berufs. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen, und durch euch alle und in euch allen. Einem jeglichen aber unter uns ist gegeben die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi.“
(Ephes. 4. 1-7.)
„Wir viele sind Ein Leib in Christo, aber unter einander ist einer des andern Glied!“ Das war der Hauptinhalt des vorigen Abschnittes. Jedes Glied an unserm Leibe kann nur dann frisch und kräftig wachsen und wirken, wenn es in der notwendigen Verbindung mit den andern Gliedern bleibt. Sobald ein Glied, es sei Hand oder Fuß, Finger oder Zehe, von den andern Gliedern sich losreißen wollte, würde es verkümmern und absterben. Also verhält es sich auch mit allen Arbeitern im Königreiche Jesu Christi. Wer von der Gemeinschaft seiner Mitknechte sich absondert, des geistiges Leben muss hinsiechen. Willst du fröhlich gedeihen und segensreich arbeiten, dann nähre sorgsam die Gemeinschaft, welche Jesu Diener nach Gottes gnädiger Ordnung unter einander haben dürfen, aber auch haben sollen.
Drei Fragen möge uns heute Paulus durch sein Wort und sein lebendiges Beispiel beantworten:
Wodurch wird die Gemeinschaft unter den Knechten Jesu Christi genährt? Durch Demut.
Wodurch wird die Gemeinschaft gestört? Durch Hoffart.
Wodurch wird die gestörte Gemeinschaft wieder geheilt? Durch Wahrheit.
Paulus lag, als er den Brief an die Epheser schrieb, zu Rom in Ketten, getrennt von seinen Gemeinden. Er konnte nicht mehr unter ihnen umher wandeln, um durch seine gewaltige Persönlichkeit sie zusammen zu halten. Da sucht der Gebundene sie durch ein anderes und besseres Band fest zusammen zu binden. Er bildet sich nicht ein, dass er das zusammenhaltende Haupt sei, noch dass ohne ihn die Gemeinschaft der verschiedenen Gemeinden und ihrer Glieder auseinander fallen müsste. Das, was die Gemeinschaft zusammenhält und nährt, ist eine andere Kraft: Christus, das Haupt selbst. Das mögen demutsvoll alle jene von Gott reich begabten Persönlichkeiten glauben und erkennen, welche einen so überwiegenden Einfluss auf ihre Kreise ausüben, dass sie den Mittelpunkt derselben bilden. Und alle weniger hervorragenden Glieder einer Gemeinschaft mögen sich die Demut erflehen, welche um Gottes willen Gehorsam übt und in den angewiesenen Schranken bleibt, auch wenn ihr Leiter eine nicht sehr bedeutende oder weniger liebenswürdige Persönlichkeit sein sollte. Wo solche Demut in den Gemütern herrscht, da wird das Gemeinschaftsleben kräftig und lieblich blühen. Doch muss man sich ehrlich gestehen, dass diese Demut eine seltene Blume ist. Erinnern wir uns nur an unsere eigenen Erfahrungen. Oft schon ist eine Gemeinschaft nicht durch Kraft der Demut in Haupt und Gliedern, sondern durch das Ansehen, welches eine ältere bedeutende Persönlichkeit genoss, zusammen gehalten worden. Dem älteren beugte man sich gerne. Wurde dieser aber durch Krankheit oder andere Bande gefesselt oder gar durch den Tod hinweggerufen, dann trat oft Uneinigkeit ein, oder man fragte doch furchtsam: „Wer soll uns künftig zusammenhalten, da kein Haupt mehr da ist, welchem die Herzen sich willig fügen?“ Da mahnt Paulus: „Wandelt, wie sichs gebührt eurem Beruf, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertragt einer den andern in der Liebe.“ Von sich weist er fort und hin auf das eine, unsichtbare und doch stets nahe und kräftig herrschende Haupt, Christus, denn von ihm allein geht jene Demut und Sanftmut, jene Geduld und vertragende Liebe aus, durch welche die Einigkeit im Geist und das Band des Friedens geschaffen und erhalten wird. Es ist und bleibt eine ungeistliche, römisch-katholische Ansicht, auch wenn sie von einem evangelischen Herzen gehegt wird, dass ein Mensch, ein sichtbares Haupt uns zusammenhalten könne und müsse. Wo Geister durch bloß menschliche Rücksichten, Mächte und Ordnungen zu einer äußeren Einheit sich verbinden lassen, da ist nur ein Schein von Einigkeit; tief innen steckt doch der Keim der Zersplitterung, der seiner Zeit auch kräftig sich offenbaren wird. In Gott allein ist Einheit, und nur wo reich, mittelmäßig und gering Begabte gleichmäßig vor diesem Gott und dem, den er gesandt hat, Jesum Christum, sich demütigen, nur da ist auch unter Menschen Einheit. Das weiß Paulus. Darum straft er jedes Haften und Hangen an seiner Person (1. Kor. 1, 12), darum aber will er auch nicht, dass Christen, die freie Untertanen ihres Königs sind, sich an ein anderes menschliches Haupt hängen, Parteien und Parteiführer schaffen. Eine Partei, so einig sie scheint, bildet keine Einheit und Gemeinschaft. Es kann ein etwas begabter, liebenswürdiger oder fester Charakter in einem Kreise leicht sich solche Geltung verschaffen, dass man auf ihn hört, von ihm sich leiten, sich sein Gepräge aufdrücken lässt, namentlich wenn er unter weiblichen Gemütern wirkt. Aber er wähne nicht, dass er eine wahre Gemeinschaft geschaffen habe, wenn er auch alle einzelnen, wie man zu sagen pflegt, am Leitseile hält, wenn alle seine Sprachen sprechen, alle auf seine Worte schwören. Denn dort waltet hoffärtige Eigenheit, hier unfreie, selbstsüchtige Ergebenheit. Nur Christus und sein Geist gründet Gemeinschaften und die Demut, welche auf der einen Seite Christum als das alleinige Haupt wirklich und wahrhaft walten lässt, und auf der andern Seite um Christi willen untertänig ist.
Demut nährt. Hoffart zerstört. Durch die Hoffart ist der erste, große Riss zwischen Gott und Menschen gerissen. Durch die Hoffart werden noch fort und fort Menschen von Menschen losgerissen. Zwei Demütige werden immer Gemeinschaft haben; zwei Hoffärtige können sich niemals einen. Zwei Demütige ziehen sich an, zwei Hoffärtige stoßen sich ab. Sie werden sich so feind, dass sie sich nicht sehen mögen, dass sie die gegenseitige Nähe, den Ton der Stimme, die Art der Bewegung nicht tragen können. In weiteren Kreisen hat man Raum genug, sich auszuweichen und einen Zusammenstoß, der Aufsehen erreget, zu vermeiden. Wo aber der Kreis enger gezogen ist, wie bei den Vereinigungen zu gemeinschaftlicher Arbeit im Reiche Gottes, wird ein Ausweichen unmöglich. Die hoffärtigen Geister müssen aufeinander platzen und durch die gegenseitige Abneigung, welche sie schließlich auch nicht einmal mehr zu verbergen suchen, die Hoffart und den Dünkel des Herzens offenbaren. Man möchte sich die Augen ausweinen über die innere Entfremdung, die ermüdenden Reibereien, über das Neiden und Streiten, das Beißen und Fressen, welches auch unter Arbeitern im Reiche Gottes gefunden wird. Was ist die Wurzel dieses giftigen Geschwürs? Die leidige Eitelkeit, die hohe dünkelhafte Meinung von der eigenen Persönlichkeit! Man ist nicht mit dem gegebenen Maße der Gabe Christi (V. 7.) zufrieden; man will höher gehalten sein. Und wird man nicht so hoch und gut und fein und zart gehalten, wie der stolze Sinn es zu verdienen meint, dann überzieht eine finstere Wolke das Antlitz, die Seiten des Gemütes werden verstimmt, und ein verstimmtes Instrument gibt stets schrille, verletzende Töne von sich.
Ich erwarte von keiner menschlichen Gemeinschaft etwas Ideales, wie einige sich ausdrücken, oder Engelhaftes, wie andere sagen. Die Hoffart, das weiß ich, bleibt auch im Christenherzen. Sie wird gebändigt; sie wird immer mehr ausgerottet; aber es bleibt ihr böser, fruchtbarer Same. Darum wird es auch in den christlichen Gemeinschaften eben so lange Spannungen und Spaltungen geben, als noch eine Faser Hoffart im Herzen bleibt. Aber das kann und muss in einer christlichen Gemeinschaft erreicht werden, dass die innere Spannung nicht bleibt, dass der Riss geheilt wird. Und wodurch wird er geheilt?
Durch Wahrheit!
Aber Wahrheit ist nicht Schroffheit und Bitterkeit, noch weniger Grobheit, Tadelsucht, Verdammungsgeist! „Ich bin die Wahrheit!“ kann allein der Sohn der Liebe sagen, der Sanftmütige und von Herzen Demütige, der sich aufopfert für die, denen er die Wahrheit sagt. Nur wo die Liebe das Regiment im Herzen führt, kann der Mund die Wahrheit sprechen. Wie lange wollen wir uns noch selbst betrügen und unser rücksichtsloses Herausfahren Wahrheitsliebe nennen??
„Wes das Herz voll ist, geht der Mund über.“ Der Mensch kann die Gefühle und Gedanken nicht in sich verschließen, die in ihm wogen oder an ihm nagen. Er muss sie aussprechen. Das ist die göttliche Naturordnung. Lerne nur, Freund, am rechten Orte dich aussprechen. Und was ist der rechte Ort? „Schüttet euer Herz vor ihm aus!“ (Ps. 62, 9.) Gottes Vaterherz ist der rechte Ort im Himmel, wo man dem gedrückten Herzen durch Aussprache Erleichterung verschafft. Und der rechte Ort auf Erden? „Sündigt dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein!“ (Matth. 18, 15.) Strafe ihn! heißt nicht: schelte und schlage, sondern überzeuge und überführe ihn, aber zwischen dir und ihm allein! Nun weißt du, wo du nach dem Wort deines Herrn und Meisters zu reden hast, wenn ein Bruder wirklich oder vermeintlich dir Unrecht getan hat. Vor ihm selbst, von welchem du dein Herz abwenden möchtest, nicht vor einem dritten, auch nicht vor einem guten und vertrauten Freunde. Erst wenn die ruhige, vor Gottes Angesicht geführte Aussprache mit deinem Bruder nicht zur Versöhnung führt, dann sage es, wie Jesus weiter lehrt, einem oder zweien, denen ihr beide vertrauen könnet, danach denen, die über euch beide als Leiter oder Wächter gesetzt sind. (Matth. 18, 16. 17.) Das ist der gerade Weg, welchen die Wahrheit wählt. Wer aber nicht diesen Mut der Wahrheit hat, am rechten Orte sich auszusprechen, der wird und muss am falschen Orte seinem Herzen Luft machen. Er steht in Gefahr, hinter dem Rücken dessen zu reden, gegen welchen er eine Spannung oder Abneigung in sich trägt, also um deutsch herauszureden, ein Klatschbruder oder eine Klatschschwester zu werden. Afterreden und Klatschen macht die Spannung und Spaltung größer und größer, endlich unheilbar. Das ist eine Erfahrungs-Tatsache, welche sich zum Jammer für uns arme Menschen im öffentlichen und Privat-Leben, im kleinen und großen leider nicht tausend-, sondern millionenfach wiederholt. Wir alle haben einen inneren Abscheu vor dem Klatschen, wie denn schon das Wort das Hässliche der Sache ausdrückt. Aber wer, der dieses liest, kann sich von der unverwüstlichen Lust am Klatschen, dem groben oder feinen, lossprechen?? Freilich gibt es auch schweigsame, verschlossene Naturen, welche weniger das Bedürfnis haben, sich in Worten Luft zu machen. Diese sind oft ganz stumm über das, was sie gegen den Mitknecht im Herzen tragen. Aber dann frisst die innerliche Abneigung am Herzen wie ein Geier. Argwohn auf Argwohn zieht in die Seele und macht die Ursache der Abneigung, welche anfangs klein war wie ein Sandkorn, groß und schwer wie einen Berg.
Hier hilft und heilt kein Jammern und Klagen, kein Schweigen und Verstummen, hier hilft nur Offenheit und Wahrheit, lauteres, demütiges Aussprechen am rechten Orte, wie man von Paulus Gal. 2 lernen kann, und der feste Glaube, dass Gott der Wahrheit, Demut und Sanftmut den Sieg gibt.