Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 15. Knechte Jesu Christi dienen einander.
„Gleicherweise, als wir in Einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerlei Geschäft haben: also sind wir viele Ein Leib in Christo, aber unter einander ist einer des andern Glied.“
(Röm. 12, 4. 5.)
Wie ein Glied des Leibes dem andern dient, damit der ganze Leib gedeihe, also hat jeder Knecht Jesu Christi die schöne Ausgabe, seinen Mitarbeitern zu dienen, damit die ganze Gemeinschaft wachse und erstarke. Hier liegt der Probierstein, ob jemand in der Tat und Wahrheit ein Knecht nach dem Herzen Gottes ist oder nicht. „Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt.“ (Joh. 13, 35.)
„Liebe unter einander!“ sagt der Herr dem ersten, kleinen Kreise seiner Knechte, nicht Liebe zu mir oder dem Vater, auch nicht Liebe zu der verlorenen Welt. Im eignen Hause nur lernt man jeden kennen, im engsten Kreise der Seinen. Da gibt sich der Mensch, wie er ist. Unter Fremden präsentiert er sich im Sonntags-Staat. Inmitten der Seinen lässt er sich gehen und seine Fehler und Einseitigkeiten ungehindert zum Ausbruch kommen. Unter Fremden hält er sich in Zucht und Zaum und verdeckt das Arge, was ihn verunziert. So ist es auch mit jedem Knechte Gottes. Sein Inneres wird nur offenbar, wenn er sich unter seinesgleichen bewegt. Da beobachte ihn, nicht unter Fremden, wenn du erkennen willst, was in ihm lebt, der Geist des Dünkels oder der Demut, der Selbstverleugnung oder der Selbstsucht, der Himmelsliebe oder der Erdenlust, des Friedens oder des Haderns, des Dienens oder des Herrschens!
So wehe es tut, muss ich hier an die traurige Erfahrung erinnern, dass unter den Arbeitern Jesu Christi häufiger, als sie sich selbst gestehen wollen, eine so starke Unlust am gegenseitigen Dienen und Tragen, dagegen ein so kräftiger Hang zum gegenseitigen Kritisieren und Herabdrücken herrscht, dass auch weltlichen Augen dieser Krebsschaden nicht verborgen bleibt. Wir zuerst, welche wir zu Hirten der Gemeinden gesetzt sind, wollen es uns nicht verhehlen, sondern ehrlich heraussagen, was doch alle Welt weiß und offen bespricht, dass die Geistlichen einer Gemeinde mehr als zu oft neben einander, nicht miteinander arbeiten, dass nicht selten sogar eine innere Gleichgültigkeit, Entfremdung und Spannung unter ihnen gefunden wird. Mancher Pfarrer sieht scheel, wenn sein Kollege Vertrauen genießt und von Gott mit Segen gekrönt wird, und mehr als einmal hat man mir gesagt: „Ihr Pastoren, wir merken es wohl, mäkelt viel an einander herum, langweilt euch sehr oft aneinander; warum sollen wir uns nicht an euch langweilen?“
Tritt man in einen Kreis von Frauen oder Jungfrauen, welche alle mit ehrlichem, eifrigem Gemüte an der Abhilfe menschlicher Not arbeiten, dann merkt oder fühlt man in zahlreichen Fällen so viel größere oder geringere Reibereien, gegenseitige Missstimmungen, Unzufriedenheiten und dergleichen, dass Damen-Vereine und Damen-Vorstände schon anfangen, sprichwörtlich zu werden. Werde ich dadurch anstoßen, dass diese Tatsache, welche kein Geheimnis ist, auch von mir und hier ausgesprochen wird? Ich hoffe nicht. Denn was hilft es, dass wir an andern und für andere arbeiten, wenn wir gerade in dieser Arbeit und unter dem Scheine der Selbstlosigkeit das eigensinnige Selbst heimlich festhalten und unser Gewissen mit gröberem oder feinerem, verborgenem oder offenbarem Hader und Hass, Neid und Scheelsucht gegen den Mitarbeiter belasten? Wer bisher nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit andern seine Arbeit hat tun müssen, wird sich gewiss nicht rein sprechen wollen. Er weiß und bekennt es, dass die größten Schwierigkeiten den Arbeitern Christi nicht die Umstände, die Widersacher, die Pflegebefohlenen, die Welt, sondern, es ist traurig zu sagen, die Mitknechte und Mitmägde bereiten, und dass auch er von solcher Versündigung gegen seine Mitarbeiter keineswegs frei ist. Hat aber jemand bis auf diese Stunde allein gearbeitet, seiner eigenen Anschauung von dem, was heilsam und zweckdienlich ist, folgen können, hat er nicht nötig gehabt, auf die Ansichten anderer, welche auch den Herrn lieb haben, auch gewissenhaft und vernünftig sind, bei jedem Schritte und Tritte Rücksicht zu nehmen, dann bilde er sich nicht ein, weder dass er sein Herz und dessen verborgene Windungen und heimliche Tücke kenne, noch dass er als Knecht Jesu Christi die Probe bestanden habe. Es hat schon mancher, so lange ihm niemand in seine Arbeit drein redete und er seinem Plan und Kopfe folgen konnte, fest und tapfer auf seinem Posten gestanden und den schönen Ruhm der Treue und Selbstlosigkeit geerntet; konnte er aber nun nicht mehr nach seinem eigenen Ermessen vorwärts gehen, sondern musste er in Mitarbeitende sich fügen und schicken, von seinen wohlgemeinten Plänen etwas aufgeben, vielleicht gar sich andern unterordnen: da hat sich auf einmal Not, Plage und Klage, Unzufriedenheit und Mutlosigkeit erhoben, und es ist in ungeahnter Weise plötzlich und zweifellos offenbar geworden, wie tief und fest bei aller Arbeit für den Herrn und die elenden Brüder Eigensinn, Selbstsucht, Dünkel, Unlust am Dienen und Gehorchen in ihm noch wurzelten. Dabei also wird jedermann erkennen, dass wir Jesu Jünger und Arbeiter sind, so wir dienende Liebe gegen einander beweisen.
Ein Glied am Leibe Christi, welches dienen will, muss sich selbst von allen Gliedern dienen lassen. Kein Knecht Jesu Christi fahre aus, wie Petrus, wenn sein Mitknecht nach dem Gebote des Meisters ihm die Füße waschen will. Er gestehe, dass Staub und Flecken an seinen Sohlen haften, und dass er keineswegs an seiner eigenen Person und Kraft genug besitzt, um des dienenden, helfenden, aufrichtenden, läuternden Bruders nicht zu bedürfen. Selbst Paulus, der Reiche, hatte nicht genug an sich selbst und seinen Gaben; ein kräftiges Bedürfnis drang ihn, von eben denen sich dienen zu lassen, welche so zu sagen alles erst von ihm empfangen hatten. „Ja, lieber Bruder“, schreibt er an Philemon, „gönne mir, dass ich mich an dir ergötze in dem Herrn; erquicke mein Herz in dem Herrn!“ Und an die Römer: „Mich verlangt euch zu sehen, auf dass ich euch mitteile etwas geistlicher Gabe, euch zu stärken, das ist, dass ich samt euch getröstet würde durch euren und meinen Glauben.“ (Röm. 1, 11. 12.) Wie innig und häufig er seine Gemeinen bittet, mit Gebet ihm kämpfen zu helfen, dafür zeugen alle seine Briefe z. B. Röm. 15, 30-32; 2. Kor. 1, 11; Eph. 6, 19; Kol. 4, 3; 2. Thess. 3, 1. Er, der selbständige Mann, konnte nicht allein stehen, nicht allein fertig werden, sondern sehnte sich nach der Gemeinschaft seiner Mitarbeiter, um an ihrem Nahesein neue Kraft und Frische zu gewinnen. Er, der ältere, der allen weit überlegene, ihr geistlicher Vater und Berater, ist unter ihnen doch nur wie der ältere Bruder und Freund, stellt sich ihnen gleich, setzt selbst in seinen Briefen ihren Namen als ebenbürtige neben den seinen (siehe den Anfang von 1. und 2. Kor., 1. und 2. Thess., Philipper, Kolosser), freut sich von Herzen ihrer dienenden Hilfe und scheut nicht das Bekenntnis, dass er derselben bedürfe und sie nur schmerzlich entbehren könne. Seine jüngeren Mitknechte, seine geistlichen Kinder werden durch solche Herablassung Pauli nicht übermütig und eitel, nicht von der Sucht nach falscher Selbständigkeit trunken, klagen und jammern auch nicht, dass sie, welche doch auf eigenen Füßen stehen könnten, in kindischer Vormundschaft und knechtischer Abhängigkeit gehalten würden. Oder ist etwa ein Timotheus, welcher doch Bischof einer Gemeine war, empfindlich und unwirsch geworden, als der alte Paulus für heilsam fand, auch ihm zu schreiben: „Fliehe die Lüste der Jugend!“ (2. Tim. 2, 22.) oder: „Niemand verachte deine Jugend!“ (1. Tim. 4, 12.) Er hat allezeit zu Paulo wie zu einem Vater hinausgeschaut und die Weisheit von oben her bewiesen, welche gelinde ist und sich sagen lässt. (Jak. 3, 17.)
Aber warum suchte denn Paulus die Gemeinschaft eines Silas, Lukas, Titus, Timotheus? Was konnten diese weit jüngeren Leute ihm, dem in Christo gereiften und ergrauten Manne, bieten? Waren sie nicht alle seine Schüler und geistlichen Kinder, alle ärmer als er? Freund, frage nicht, was kann mein Bruder mir bieten? Pflege mit ihm, auch wenn er jünger und an Geist ärmer sein sollte als du, recht innige Gemeinschaft. Denn in der Gemeinschaft der Gläubigen empfängt jeder nicht bloß das, was der andere ihm bieten kann; er empfängt unendlich mehr. Er empfängt die Gegenwart des Herrn und was die Nähe des Herrn in sich schließt: Leben und Segen, Labsal und Erquickung, Friede und Freude, Kraft und Mut, nach der Verheißung: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!“
Will ein älterer Diener Christi lernen, wie er sich gegen den jüngeren stellen möge und ein jüngerer, wie er dem älteren zu begegnen habe, so gehe er bei dem alten Paulo und dessen jungen Mitarbeitern in die Schule. Es ist nicht zu leugnen: ältere Knechte und Mägde Jesu wollen oft gerne hoch gehalten sein, etwas gelten, herrschen; sie meinen, der jüngeren nicht zu bedürfen, weil diese ihnen nichts oder nur wenig bieten können. Nicht umsonst hat Jesus uns von jenem Oberknechte erzählt, welcher in seinem Herzen sprach: „Mein Herr verzieht zu kommen!“ und anfing seine Mitknechte und Mitmägde zu schlagen und sich zu pflegen. (Luk. 12, 45.) Das ist den älteren Arbeitern im Ackerfelde Christi gesagt und denen, welche eine bevorzugte Stellung haben.
Die jüngeren hingegen mögen sich vor der Torheit hüten, dass das Ei klüger sein will als die Henne; denn leicht wähnen sie, auch ohne die Alten fertig zu werden, und deren Erfahrung durch die eigene Klugheit oder den jugendlichen Eifer ersetzen zu können. Sie dünken sich der Schule entwachsen und alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen, um nach ihrer eigenen Vernunft zu handeln, wollen sich selbst nichts sagen lassen, haben aber desto mehr über schon ergraute Knechte Christi zu sagen. Voll Empfindlichkeit und Gereiztheit fahren hundert auf, wenn ihnen einmal derselbe Liebesdienst erwiesen wird, welchen Paulus dem Timotheus erwies, da er ihn mit Ernst an seine Jugend erinnerte, und haben doch keineswegs die Reife des Timotheus. Ist ihnen von einem älteren einmal verdientes Vertrauen bewiesen und eine wichtigere Arbeit aufgetragen, dann wird überaus mürrisch drein geschaut, wenn sie wieder dienen sollen, wie es doch den jungen geziemt. Die Alten indes mögen nicht auf das Recht pochen, dass jüngere ihnen Dienst schuldig sind, auch nicht durch ihr Ansehen und ihr Alter zu diesen Diensten zwingen wollen. Paulus sandte den bekehrten Sklaven Onesimus, welcher ihm zu seinem Dienste sehr nütze und fast unentbehrlich war, an den rechtmäßigen Herrn Philemon zurück, um diesem die ganze volle Freiheit des Handelns zu lassen und auch nicht einen Schein eines moralischen Zwanges oder Druckes auf ihn auszuüben (Brief an Philemon), und doch würde es dem Philemon eine Herzensfreude gewesen sein, hätte Paulus nur ohne weiteres und kraft seines Ansehens und Alters den Onesimus zurückbehalten!
Merke wohl: ein Knecht Jesu Christi soll und darf nicht jeden Dienst, jede Hilfe und Liebesäußerung annehmen, die ihm von seinem jüngeren, unter ihm stehenden, ihn verehrenden Mitknechte gerne geleistet wird. Es ist schon viel unliebsames Gerede und Unheil dadurch entstanden, dass einer zu viele Aufmerksamkeiten und Liebesdienste sich gefallen ließ. Anfangs wollte er sie nicht zurückweisen, um nicht zu verletzen, hernach waren sie ihm angenehm und wurden seiner Bequemlichkeit und Behaglichkeit eine süße Nahrung, welche er ohne Verdrießlichkeit kaum mehr entbehren konnte.
Es bleibt noch die Frage übrig: Wie hat sich Paulus gegen gleichaltrige und gleichgestellte Mitarbeiter verhalten? Eine Antwort lesen wir Gal. 2, 8-10. Danach hat er die Bedeutung und Wirksamkeit seines Mitknechtes Petrus in ihrem ganzen Umfange anerkannt, ebenso wie dieser ohne Neid und mit Freuden die Gaben und Arbeitserfolge Pauli betrachtete. Dazu reichten sich beide von Herzen die Bruderhand und grenzten in Frieden ihre Arbeitsgebiete ab. Wo diese einander berührten, hat jeder gesucht, des andern Werk zu fördern. Namentlich war Paulus fleißig, der armen Gemeinden in Judäa zu gedenken, wiewohl er sein Arbeitsfeld nicht daselbst hatte. Niemals hören wir ihn sprechen: „Entweder will ich dort auch etwas zu sagen und zu tun haben, oder ich kümmere mich nicht um das, was dort vorgeht.“
„Wenn Jesus seine Gnadenzeit bald hier, bald da verklärt, so freu dich der Barmherzigkeit, die andern widerfährt!“ Freust du dich, wenn du siehst, dass dein Herr durch deinen Mitknecht reiche Frucht schafft? oder ist dir solcher Anblick peinlich, beunruhigend?
Gegenseitige Anerkennung, friedliche Auseinandersetzung, gewissenhafte Nichteinmischung und doch treue Förderung der Arbeit des andern! Wenn diese Stücke unter den Knechten Christi, die jeder einen besonderen und selbständigen Beruf haben, allezeit gefunden würden: wie würde der Herr, ihr Gott, ihnen freundlich sein und das Werk ihrer Hände sichtbar segnen!
Es soll ein Bruder zu den Schwankungen und Irrungen des andern nicht schweigen, wie ein stummer Hund; aber er rede und erzähle nicht hinter dem Rücken darüber, um sich zu heben und den Bruder herabzusetzen; vielmehr widerstehe er ihm unter Augen, wie Paulus dem Petrus tat. (Gal. 2, 11-14.) - „Habt Salz bei euch!“ sagt Christus zu seinen Jüngern. (Mark. 9, 50.) Salz! nicht Zucker oder gar Honig! Doch darf auch das Salz nicht missbraucht werden. Es soll salzen, würzen, erhalten, nicht bloß beißen. „Habt Salz bei euch und habt Frieden unter einander!“ setzt darum der Herr hinzu. (Mark. 9,50.) Arbeiter Christi, welche zusammengestellt waren, haben oft schon das Leben sich versalzen und verbittert, sogar unter einander sich gebissen und gefressen. Es ist nicht leicht für Knechte Jesu, ohne Unterlass das Gebot Pauli gegen einander auszuüben: „Eure Rede sei allezeit lieblich und mit Salz gewürzt!“ (Kol. 4, 6.) Das eine Mal ist zu wenig Salz da; dann wird die Rede statt lieblich fade; ein andermal zu viel, dann wird sie scharf und beißend. Auch Paulus hat hier lernen müssen. Er war vor seiner zweiten großen Missionsreise der bestimmten Ansicht, dass Markus, der einmal ihn und Barnabas verlassen hatte, nicht wieder zum Missionsdienst zugelassen werden dürfte; Barnabas hingegen vertrat die Meinung, dass Milde geübt und Markus noch einmal mitgenommen werden möchte. „Und sie kamen scharf an einander, also dass sie von einander zogen!“ (Apostelg. 15, 39.) Ich erinnere an diesen Zug aus Pauli Leben hier wahrlich nicht, um uns zu entschuldigen, wenn wir in der Verfechtung unserer Ansichten scharf aneinander kommen und uns trennen, sondern darum, dass wir acht auf uns haben, wenn wir einem Bruder gegenüber aus Gründen des Gewissens bei unserer Überzeugung verharren müssen. Denn ehe sie sichs versehen, geraten zwei Arbeiter Christi, die über die Arbeit im Reiche Gottes verschiedene Meinung haben, scharf aneinander und trennen sich, aber nur schwer kommen sie wieder in Frieden und Liebe so innig zusammen, wie nach dem Zeugnis seiner Briefe Paulus mit Markus und Barnabas!