Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 14. Ein Knecht Jesu Christi in leiblicher Schwachheit.
„Und auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe. Dafür ich dreimal dem Herrn gefleht habe, dass er von mir wiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.“
(2. Kor. 12, 7-9.)
Auch dem Leibe muss nach göttlicher Ordnung seine Ehre geschehen zu seiner Notdurft. Darum darf in diesen Betrachtungen ein Hinweis auf solche Zustände nicht fehlen, welche aus unserer Leiblichkeit entspringen. Zur Selbsterkenntnis gehört auch die Erkenntnis unseres Leibeslebens, das hemmend oder fördernd auf unser geistiges Leben und unsere Berufsarbeiten einwirkt. Aus der Geschichte Pauli fällt auch auf diesen Gegenstand ein erhellendes Licht, gegen welches kein Knecht Jesu Christi sein Auge verschließen sollte.
Wir sind geneigt, uns den Apostel Paulus, der mehr als alle gearbeitet und gelitten hat, als einen Mann von kräftigem Körperbau, von eiserner, unverwüstlicher Gesundheit und Leibesfrische vorzustellen. Denn, so urteilen wir, wem Gott so viele und schwere Lasten und Leiden aufbürdet, wie Paulo, dem wird er nach seiner Weisheit und Liebe gewiss auch das entsprechende Maß von Körperstärke geben. Hätte, so sagen wir weiter, dem Apostel auch noch seine Leibeshütte Not und Beschwerden gemacht, so wäre es für ihn unmöglich gewesen, alles das zu leisten, was Gott durch ihn zustande gebracht hat; dazu war eine glückliche, durch nichts angreifbare Körperbeschaffenheit das notwendige Erfordernis. So denken wir; aber „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.“ (Jes. 55, 8.)
Pauli Körper war keineswegs groß und kräftig, auch nicht, wie man sagt, imponierend. Die Leute in Lykaonien hielten Barnabas für Jupiter, den König der Götter, dessen äußere Erscheinung man sich majestätisch dachte, den Paulus dagegen nur für den Merkurius, den Götterboten, welchen die Bilder und Statuen viel weniger stark und kräftig darstellten. (Apostelg. 14, 11, 12.)
Zu Korinth wiesen die Widersacher Pauli sogar mit Verachtung auf seine schwache und unscheinbare Leiblichkeit hin, in welcher nichts von der Kraft und dem gebietenden Ansehen zu spüren sei, womit er seine Briefe schreibe. (2. Kor. 10, 10.)
Bei dieser unansehnlichen Körperbeschaffenheit wurde ihm überdies noch ein Pfahl ins Fleisch gegeben, irgendein uns unbekanntes, leibliches Leiden, welches ihm große Not und Anfechtung verursacht und in seinem Amte ihn überaus gehindert haben muss. (2. Kor. 12, 7.)
Die vielen Peitschen- und Geißelhiebe, die Steinwürfe, Schiffbrüche, die hundert Gefahren, welche er zu Wasser und zu Lande, unter Feinden und scheinbaren Freunden unaufhörlich erdulden musste, der Hunger, die Blöße, der Frost, die steten Anläufe, in denen er sich befand (2. Kor. 11, 23-29), sind an seinem Leibe nicht wirkungslos vorübergegangen. Sie haben ihm tiefe Spuren und Narben in seinem Antlitz und seiner ganzen äußern Erscheinung zurückgelassen, weshalb er sagt, er trage die Malzeichen des Herrn Jesu an seinem Leibe. (Gal. 6, 17.)
Auch war Paulus keineswegs unempfindlich gegen die Schmerzen und Nöte, welche die körperlichen Leiden und Schwachheiten ihm verursachten. „Hinfort“, sagt er unmittelbar vor der oben angeführten Stelle, „hinfort mache mir niemand weiter Mühe!“ d. h. mehr Mühe, als durchaus notwendig ist, denn man brauche ihn nur anzusehen, um zu merken, wie tief und schwer er unter allen Berufspflichten auch körperlich leiden müsse.
Er hat es mit innerem Beben gefühlt, wie der Pfahl im Fleische ihn schmerzte, seine Seele zu Boden drückte und in seinem Amte ihm Ketten anlegte, darum er auch meinte, diese Pein, dieses quälende Hindernis müsse von ihm genommen werden, damit er ungehinderter, freier, frischer, kräftiger zur Ehre Gottes und zum Heile der Brüder arbeiten könnte. Dreimal hat er den Herrn um Erlösung von der leiblichen Not angefleht; aber der Pfahl blieb. (2. Kor. 12, 7 ff.) Eben der Apostel, welcher mehr gearbeitet hat, als alle, ist auch der, welcher an seiner Leiblichkeit, so viel wir wissen, mehr getragen und gelitten hat, als alle. „Ich will ihm zeigen“, so hatte der Herr über ihn gesprochen, „wie viel er leiden muss, um meines Namens willen!“ (Apostelg. 9, 16)
Wunderbare Weisheit Gottes!
Paulus hat also die leiblichen Beschwerden sein Leben lang und in reichem Maße gefühlt; aber er hat sie andere, er hat sie seine Umgebung, seine Pflegebefohlenen nicht fühlen lassen. Wir merken nirgends an ihm eine Verstimmung, eine Missstimmung, einen peinlichen Druck in seiner Seele, wodurch er andere mit niedergedrückt und trübe gestimmt hätte. Noch viel weniger zeigt er sich in seinen Leibesnöten jemals gereizt, mürrisch, bitter, ungeduldig. Wenn ich alle meine Briefe, die ich mit Tinte oder nur in Gedanken geschrieben habe, wieder durchlesen wollte, wie müsste ich mich schämen über den Wechsel der Stimmungen! Ging es mir wohl, so waren die Briefe fröhlich, getrost, sogar sonnig; ging es dem armen Leibe übel, so war auch die Stimmung übel, schwarz, wolkig, regnerisch, als wäre Gott nicht immer die Liebe und Weisheit! als hätte er nicht immer Gedanken des Friedens! als wären seine Gaben zuweilen böse Gaben, seine Wege mitunter schlechte und verkehrte Wege, als wäre bei ihm ein Wechsel von Licht und Finsternis!!
Lesen wir dagegen Pauli Briefe, so weht uns überall dieselbe Frische und Kraft an, dieselbe Freude, derselbe Friede. Wohl spricht er oft von seinen ungewöhnlichen Trübsalen auch des Leibes; aber er seufzt und klagt nicht, er sieht die Menschen und die Verhältnisse darum nicht schwärzer, die Schwierigkeiten nicht schauerlicher an, als sie wirklich sind. Er weiß leibliche Müdigkeit von Müdigkeit der Seele wohl zu unterscheiden, und Druck und Gepresstheit des Körpers macht er nie zu geistlichen Empfindungen. Es ist ein geheimnisvoller Triumph des göttlichen Geistes, dass gerade aus dem Herzen und Munde des Mannes, welcher vor allen zu Leiden gemacht war, Freude und Friede im Heiligen Geiste wie ein wogender Strom hervorquillt. „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freut euch!“ schreibt er den Philippern, als eiserne Ketten seine Arme schlossen. „Ich bin überschwänglich in Freuden in aller unserer Trübsal!“ rühmt er vor den Korinthern. (2. Kor. 7, 4.) Nur einmal in allen seinen Briefen dringts wie ein Seufzer aus seinem Munde, wie eine wehmütige Klage, dass sein armer, müder Leib kaum mehr tragen könne, ein leiser Anklang an des Elias Ausruf: „Es ist genug!“ Das ist jenes Wort an die Galater, das ich schon anführte: „Hinfort mache mir niemand weiter Mühe; denn ich trage die Malzeichen des Herrn Jesu an meinem Leibe!“
So können wir alle, die wir Christi teilhaftig geworden sind und uns seine Arbeiter nennen, Herr werden über die leiblichen Stimmungen, denn was der Geist in Paulo gewirkt hat, das kann er auch heute in uns und unserm Leibe wirken. Ist jemand wirklich krank und wird von Gott für kürzere oder längere Zeit aus der Arbeit ausgespannt, so halte er der läuternden Hand des Herrn stille, lasse Leiden seinen Gottesdienst sein, und begehre nicht vor der von Gott bestimmten Zeit in die Arbeit zurück; ist aber jemand in dem Zustande leiblicher Müdigkeit und Mattigkeit, ohne krank und von Gott ausgespannt zu sein, der lasse von dem, welcher in Paulo mächtig gewesen ist, mit frischem Öle sich salben, damit nicht auch die Seele müde und matt, verdrossen und lahm werde, sondern unverworren und ungebeugt von jenem Drucke bleibe, welcher auf dem Leibe lastet! Ich brauche nicht zu sagen, wie oft und schwer wir Arbeiter Christi in Leiblicher Müdigkeit unsere Seele und Gewissen verletzt und durch Sauersehen, Ungebärdigkeit, Ungeduld, mürrisches Wesen, Eckigkeit, Starrheit, Teilnahmslosigkeit gegen Mitarbeiter, Pflegebefohlene und unsere sonstige Umgebung gesündigt haben! Wer Lust an der Wahrheit hat und auf seines Leibes Erlösung wartet, an dessen Gewissen werden diese wenigen Worte stark genug anklopfen; wer ein Sklave seiner Leiblichkeit bleiben will, den würden auch mehr Worte nicht frei machen.
Aber warum wurde dem Paulus der Pfahl ins Fleisch gegeben? „Damit ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe!“ ist seine eigene Antwort. Und warum musste er mit dem Pfahle im Fleische sein Leben lang sich schleppen? Damit er, so lautet die göttliche Antwort, an des Herrn Gnade sich genügen lernte! Damit er zu jener wundertätigen Schwachheit gelangte, in welcher allein die allmächtige Kraft Gottes sich wirksam beweisen kann!
Ist für uns keine Gefahr zur Überhebung da? gar keine Gefahr? Warum sträuben wir uns denn, wenn Gott unsern Leib antastet oder antasten lässt! Haben wir schon an der Gnade Gottes genug? ganz genug? Warum jammern wir denn, wenn durch Leibesnöte Gottes Treue uns gerade das entreißen will, was uns nicht zur vollen Genüge, zum Leben in seiner Gnade kommen lässt! Ist jede Ader und Faser der Selbstkraft ausgerissen, welche der heilenden und helfenden Gotteskraft Tür und Riegel vorschiebt? Warum und wozu denn in Leibesdruck jene ungläubige, bange Frage: „Wie so lange, Herr? ach, wie so lange?“ So lange, bis du in der Tat und Wahrheit im innersten Lebenskerne des alten Menschen schwach bist! Schwach! Sind wir denn nicht schwach genug? Ach, mehr als zuviel klagen wir in körperlicher Müdigkeit über unsere Schwachheit. Aber das ist nicht die Schwachheit, in welcher Gottes Kraft sich mächtig erweist. Das ist Verzagtheit, ist Überdruss, deren eigentliche und verborgene Wurzel im Hangen und Haften an der eigenen Kraft und Stärke besteht.
Werden wir fortfahren, wenn Gottes gewaltige Hand in irgendeiner Weise auf unserem Leibe liegt, zu zagen und zu klagen? uns an uns selbst und andern zu versündigen? Oder werden wir mit Paulo lernen, uns endlich bis zu jener Schwachheit demütigen zu lassen, in welcher man rühmt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark?!“
Und nun, mein Bruder, der du begehrst, in körperlichen Beschwerden deines Mutes Herr zu bleiben, gönne mir, vom Worte Pauli Gebrauch zu machen: „Dass ich euch immer einerlei schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch desto gewisser!“ und lass mich noch einmal bitten: sei du in deinem Amte kein Zuchtmeister, sei wie ein Vater und eine Mutter, gleichwie auch Paulus. Ein Zuchtmeister kann für die Pflegebefohlenen von seinem leiblichen Wohlsein wenig aufopfern. Vater und Mutter können viel tragen. Versuch es! Du wirst ahnen, dass es Wahrheit ist, wenn Paulus sagt: „Darum, weil wir ein solches Amt haben, nachdem uns Barmherzigkeit widerfahren ist, so werden wir nicht müde!“ (2. Kor. 4, 1.)