Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 11. Die Freuden der Knechte Jesu und des Nächsten.
„Ob ich geopfert werde über dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen. Desselbigen sollt ihr euch auch freuen und sollt euch mit mir freuen.“
(Phil. 2, 17. 18.)
Arbeitest du im Dienst des Nächsten nicht als ein Zuchtmeister, vielmehr wie ein Vater, eine Mutter, so werden ohne Zweifel die Freuden eines Vater- und Mutterherzens reichlich über dich kommen, und sie sind die tiefsten und höchsten, welche es gibt auf Erden. Auch ein Zuchtmeister will Freude haben. Er sucht sie darin, dass er sich und seinen Willen behauptet; doch damit zerplagt und martert er sich und scheucht alle wahre Freude von sich. Ein Vaterherz dagegen wallt vor Freude, wenn es für die Kinder sich hingibt, denn Selbsthingabe ist Liebe und lieben ist selig.
Nehmen ist seliger als geben! wird stets die Losung der Zuchtmeister bleiben. Ein Elternherz rühmt: „Geben ist seliger denn nehmen!“ (Apostelg. 20, 35.) Demselben Herzen, aus welchem der Urborn der Vater- und Mutterliebe quillt, ist auch dieses Wort entsprungen, und der, welcher es uns aufbewahrt hat, in den vier Evangelien finden wir es nicht, ist Paulus, jedermanns Knecht, welcher den Korinthern schrieb: „Ob ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet in Christo, so habt ihr doch nicht viele Väter.“ (1. Kor. 4, 15.) „Ich suche“, sagt er „darum auch, nicht das Eure, sondern euch; denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern.“ (2. Kor. 12, 14.) Paulus also begehrte nichts von seinen geistlichen Kindern. Er wollte ihnen alles geben, was er war und was er hatte. Dies und dass sie seine Gabe und Liebe annahmen, dass sie dadurch reich und rein, frei und lebendig wurden, das war seine Freude, seine Ehre, sein Ruhm. „Wer ist“, fragt er die Thessalonicher, „wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Krone des Ruhms? Seid nicht auch ihr es vor unserm Herrn Jesu Christo zu seiner Zukunft? Ihr seid ja unsere Ehre und Freude!“ (1. Thess. 2, 19. 20.)
Als der Apostel von seinen jungen geistlichen Kindern in Thessalonich südwärts nach Athen, der glänzenden, leichtfertigen Hauptstadt der Griechen, gezogen war, flog sein Herz, wiewohl es mit glühendem Eifer auch in Athen für den Herrn und sein Reich arbeitete, immer nach Thessalonich hinüber. Bittere Trübsale waren über die kaum gegründete, noch unbefestigte Gemeinde gekommen. Zwar hatte Paulus ihnen von Anfang an offen heraus gesagt, dass wir Trübsale haben müssen, ja dass wir zu Trübsalen gesetzt sind. Aber fern von seinen Kindlein fragte er sich stets: „Werden sie, die noch zarten, nicht weich werden in dieser Trübsal?“ Er sandte, damit er sichere Nachricht erhielt, seinen Gehilfen Timotheus nach Thessalonich und blieb allein in Athen, der Menschenwüste. Endlich kam Timotheus zurück und verkündete dem harrenden Apostel den Glauben und die Liebe der Thessalonicher. „Da sind wir, liebe Brüder,“ ruft Paulus,“ getröstet worden an euch in aller unserer Trübsal und Not durch euren Glauben. Denn nun sind wir lebendig, wenn ihr steht in dem Herrn!“ (1. Thess. 3, 7. 8.)
Als er später die korinthische Gemeinde wegen der schweren Sünde eines Gliedes scharf strafen musste, war er darüber trauriger als die Korinther. „Wer ist“, schrieb er an sie, „der mich fröhlich mache, ohne der da von mir betrübt wird?“ (2. Kor. 2, 2.) Das allein also war Pauli Freude, dass sein armes, verirrtes, gestraftes Kind die Freude eines geretteten, begnadigten Sünders erlebte. Damit stimmt auch der Apostel Johannes, wenn er sagt: „Ich habe keine größere Freude denn die, dass ich höre meine Kinder in der Wahrheit wandeln.“ (3. Joh. 4.)
Paulus war in seiner Arbeit wie ein rechter, treuer Gärtner. Er freute sich nicht bloß über die reifen Früchte. Er freute sich über jeden lebendigen Keim, ob derselbe gleich schwach war und bis zur vollen Reise noch durch viele Gefahren hindurch musste. Es pulsierte doch inmitten der unreinen Heidenwelt hier und da ein neues Leben aus Gott, ein kleines frisches Gemeindlein, und wenn in diesen Gemeinden die alte Finsternis auch noch nicht vollkommen überwunden war, wenn sie auch nur wie beginnende Lichtpunkte in der ungeheuren Nacht leuchteten, Paulus freute sich darüber mit so großer Freude, wie die Weisen, da sie den Stern sahen. Diese Freude machte ihn sehr demütig und dankbar. „Was“, ruft er einmal aus, „was für einen Dank können wir Gott vergelten um euch für alle diese Freude, die wir haben von euch vor unserm Gott!“ (1. Thess. 3, 9.)
Wahrlich, in solcher Freude liegt etwas von dem verborgenen Manna. Sie hielt den Apostel aufrecht, wenn ihm Leib und Seele verschmachten wollten. Dadurch erquickt, konnte er, wenn das Amt und dessen Lasten ihn schwer drückten, seinem Heilande nachsprechen: Ich habe eine Speise zu essen, davon wisst ihr nicht! Diese Speise ist die Freude zu sehen, dass Gott durch unsern Dienst Herzen und Angesichter, die vorher finster waren, in das lichte heilige Bild seines Sohnes verklärt, von einer Klarheit zur andern, dass er durch uns Traurige tröstet, Verirrte zurecht führt, Hungernde speist, Gefangene frei macht, mit einem Wort Liebe, Leben und Licht ausstrahlt. „Dieweil wir nun“, sagt Paulus, „solche Hoffnung haben, brauchen wir großer Freudigkeit!“ (2. Kor. 3, 12.)
Noch immer ist solche Freude das Erbteil derer, die Jesu und jedermanns Knechte sind. Es ist etwas wunderbares um diese Freude. Wenn sie einen Menschen durchdringt, so wird seine Seele still und stark. Er kann dann, wie Paulus, mit Geduld laufen in dem Kampf, der ihm verordnet ist. Er kann die Lasten seines Amtes tragen, den Kelch trinken, welchen Gott ihm einschenkt. Vor keiner Not bebt er zurück. Er ist mächtig und geschickt zu allem. Er versteht unsers Luthers Wort: „Des Christen Herz auf Rosen geht, Wenns mitten unterm Kreuze steht!“ Denn „die Freude am Herrn ist eure Stärke!“ (Neh. 8, 10.) Und hier komme ich auf einen Hauptpunkt. Die Freude, welche Paulus über die Frucht seiner Arbeit hatte, war nicht eine Freude über seine eigene Bedeutsamkeit. Es war die Freude am Herrn und dessen starker Gnade, welche auch durch arme, sündige Rüstzeuge Leben und Licht auf Erden schafft. „Ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle“, sagte er; „nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist!“ (1. Kor. 15, 10.)
„Nicht aber ich!“ damit macht Paulus ganzen und vollen Ernst. Dies Wort in seinem Munde ist Wahrheit, nicht eine phrasenhafte Verschleierung versteckten Dünkels. „Denn ich wollte nicht wagen“, sagt er ein andermal, „etwas zu reden, wo dasselbige Christus nicht durch mich wirkte.“ (Röm. 15, 18.) Darum ist Pauli Freude auch so wahr und warm, so voll und frisch, so still und stark. Es ist ganz und gar die Freude an der wunderbar wirkenden Liebeskraft Jesu. Der Gedanke: du hast auch etwas getan! oder wenigstens: durch dich hat es der Herr getan, durch dich! schleicht sich nicht mit ein Mein Freund, hast du dir schon jemals grundehrlich gestanden, dass du keine größere Freude hattest, als wenn dir Lob gespendet ward, wenn man es vor deinen Ohren aussprach, was dein Herz dachte, nämlich dass man diesen oder jenen Erfolg im Reiche Gottes dir, deinem Eifer, deiner Liebe, deiner Umsicht und unermüdlichen Arbeit verdankte! Du wiest das Lob zurück. Es war dir aber doch süß, tat dir doch gut, machte dir heimliche Freude. Und diese Freude, nicht wahr, sie machte dich stark und spornte dich zu neuen Taten? Nein, sie betrog dich und machte dich trunken. Es war dir freilich eine kurze Zeit, als fühltest du neue Schwungkraft. Du eiltest auch hoffnungsfrisch in die verordnete Arbeit. Aber es kam Sturm und Welle und du lagst am Boden und dein Mut war gebrochen und der Freudenrausch verflogen. Wie konnte es auch anders sein! Alle Selbstgefälligkeit ist ein eitles Ding. Ein eitles Ding muss darum auch die Freude sein, die aus der Selbstgefälligkeit geboren wird. Die Freude am Herrn macht stark; aber die Freude an der eigenen Wirkenskraft macht schwach; denn sie gibt dem Leben aus Gott nicht Nahrung, sie bläht nur den alten Menschen auf. Merke, als die siebzig, die Jesus ausgesandt hatte, wieder kamen, sprachen sie mit Freuden: „Herr, es sind uns auch die Teufel untertan in deinem Namen!“ In deinem Namen, aber uns! Sehr ernst antwortete Jesus: „Ich sah den Satanas vom Himmel fallen, als einen Blitz!“ Er wollte sagen: Auch er Satanas, freute sich der Macht, die ihm gegeben war; aber diese Freude hat ihn gestürzt. Siehe, euch und allen meinen Knechten gebe ich zwar Kraft und Macht. „Doch darin freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“ (Luk. 10, 17-20.)
Getrost! Sind unsere Namen im Himmel angeschrieben, so schreibt Jesus Christus durch unsern armen Dienst auch anderer Namen ins Buch des Lebens. Wir freuen uns dann nicht mehr, dass wir uns einen guten, klangreichen Namen auf Erden und in der Gemeinde machen; nein, wir freuen uns, dass er selbst, der Herr, uns und denen, die er uns gegeben und anbefohlen hat, einen großen Namen macht.
„Wohlauf, gearbeitet, Taten getan, dass wir uns einen Namen machen!“ (1. Mos. 11, 4.) Diese Freude beseelt und treibt jedes Kind dieser Zeit. Zu seinem Kinde spricht Gott: „Ich will dir einen großen Namen machen!“ (1. Mos. 12, 2.) Freund, wem dieser große, neue Name gemacht ist, der freut sich mit so unaussprechlicher Freude, dass er darüber den selbstgemachten Namen und sein Ich gänzlich vergisst. Das ist ein seliges Selbstvergessen! Das ist eine fröhliche Demut! Durch sie führt Jesus Christus seine Werke aus auf Erden. Der Jünger sieht sie und freut sich. Aber er weiß nichts mehr von sich. Er weiß nur vom Herrn. Christus ist ihm alles in allem geworden. Er selbst ist gestorben; Christus lebt in ihm, auch in seinen Werken und Taten. Er spricht: „Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben von oben her. Alles, was wir ausrichten, das hast du uns gegeben! Was habe ich, dass ich nicht empfangen habe. Was sollte ich mich denn rühmen, als der es nicht empfangen hätte?!“ Und je weniger der Demütige von sich und seinen Taten, je mehr er vom Herrn und dessen großen Werken weiß, je größer wird seine Freude, denn er sieht und hört in allem, was zur Auferbauung der Kirche geschieht, den Herrn der Gemeinde und spricht mit Johannes: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Dieselbige meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen!“ (Joh. 3, 29. 30.) Diese Freude kann nicht von uns genommen werden, auch nicht durch die Trübsale und Leiden, welche den Knechten und Mägden Gottes aus ihrem Amt und Beruf kommen müssen. Denn sie wissen, dass gerade durch sie Jesus Christus in ihnen selbst und andern sein Reich baut, seinen Namen verklärt, seine Kirche dem Sieg und Triumphe entgegen führt.
Darum freuen sie sich wie Paulus in seinen Banden und sprechen mit ihm in allerlei Trübsal: „Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangelii geraten. Und ob ich geopfert werde über dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen; desselbigen sollt ihr euch auch freuen und sollt euch mit mir freuen!“ (Phil. 1, 12 und 2, 17. 18.)