Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 9. Wer kann sich zu jedermanns Knecht machen?
„Wir hätten euch auch mögen schwer sein als Christi Apostel; aber wir sind mütterlich gewesen bei euch, gleichwie eine Amme ihre Kinder pflegt. Also hatten wir Herzenslust an euch und waren willig, euch mitzuteilen nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser Leben, darum dass wir euch lieb haben gewonnen.“
(1. Thess. 2, 7. 8.)
Die letzte Betrachtung hat uns den Grundsatz ins Gewissen schreiben wollen: „Ein Knecht Jesu Christi ist keines Menschen Knecht und doch jedermanns Knecht.“ Heute wollen wir von Paulo die seltene Kunst lernen, wie man sich selbst jedermann zum Knechte machen kann. Ich will das Geheimnis mit einem Worte aussprechen: „Nicht ein Zuchtmeister, nur ein Vater- und Mutterherz kann sich zu jedermanns Knecht machen.“
Wir wollen zuerst Pauli warmes Vater- und Mutterherz schlagen fühlen und dann sehen, welche Wunder der dienenden Liebe sein Mutterherz verrichtet hat.
Es tut uns schwachen Leuten ungemein wohl, wenn wir auf unserm Lebenswege einem starken und festen Geiste begegnen, der wie eine Säule dasteht, an der sich in bewegter Zeit viele emporranken können. Und fühlt man dann in einem solchen stahlfesten Manne ein warmes Herz schlagen, so weiß man kaum, wie man Gott für solche Gabe würdig danken soll. So ein Mann ist Paulus. Er ist fest, wie ein Fels, ungebeugt von Sturm und Wetter. Legt man aber die Hand auf seine Brust, so fühlt man sofort, dass in diesem gewaltigen, eisernen Manne ein Herz schlägt, wie es zarter, wärmer, hingebender auch nicht in dem Jünger der Liebe geschlagen hat. Starken Naturen pflegt es eigen zu sein, dass sie fest auftreten und die ihnen Anbefohlenen stark und fest anfassen. Auch aus Pauli Wesen atmete, wenn er mit den Seinen verkehrte, Kraft und Ernst. „Was wollt ihr? Soll ich mit der Rute zu euch kommen?“ hat er die Korinther einmal gefragt. (1. Kor. 4, 21.) Aber Ernst und Strenge ist doch nicht der innerste, tiefe Born, aus dem sein Verkehr mit den Gemeinden geflossen ist. „Denn ob ihr“, schreibt er in demselben Kapitel, „ob ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet in Christo, so habt ihr doch nicht viele Väter, denn ich habe euch gezeugt in Christo Jesu durch das Evangelium.“ (V. 15.) Er wollte also kein Zuchtmeister sein, sondern ein Vater. Damit stimmt auch das Wort überein, das am Anfang dieser Betrachtung steht. Paulus hatte nämlich kraft seines apostolischen Amtes bestimmte Rechte über die Gemeinden, und er hätte sich aller dieser Rechte zu jeder Zeit mit vollem Recht bedienen können. Aber er hat, um ihnen, wie er sagt, nicht schwer zu sein, in gewissen Fällen auf seine Rechte verzichtet; denn er wollte nicht herrschen, sondern dienen. Das aber kann kein Zuchtmeister, das kann nur ein Mutter- und Vaterherz, daher auch der Apostel sagt: er sei mütterlich gegen die Thessalonicher gewesen, gleichwie eine Amme ihre Kinder pflegt; er habe sie lieb gewonnen und Herzenslust an ihnen gehabt und habe einen jeglichen unter ihnen, wie ein Vater, vermahnt. Ein Zuchtmeister will fort und fort von seinem Rechte Gebrauch machen, spricht allezeit von der Autorität, die ihm verliehen ist, und wird dadurch schwer und drückend. Er kann nicht dienen, kann sich nicht zu den Schwächen und Bedürfnissen seiner Pflegebefohlenen herablassen, sondern will herrschen, befehlen, zurechtweisen, kritisieren, strafen. Ein Vater dagegen und eine Mutter machen sich zum Diener der Kinder, und büßen doch dabei ihre Rechte und Autorität nicht ein. Ein Zuchtmeister verlangt, dass sich das Kind nach ihm richte und in sein Wesen sich schicke; aber ein Vater und eine Mutter richten sich nach dem Kinde, nach seinen Bedürfnissen und seiner Fassungskraft, und was ihm nützlich und notwendig ist. Darum muss jeder, der seinem Bruder wahrhaft dienen will, vom zuchtmeisterlichen Geiste sich losmachen und von Gott sich ein Vater- und Mutterherz in die Brust sehen lassen, wo anders, bleibt er immerdar am Zuchtmeistern und kommt niemals zum Dienen. Insbesondere aber soll eine Diakonissin, die, wiewohl sie frei ist von jedermann, sich doch selbst zu jedermanns Magd gemacht hat, keine Zuchtmeisterin unter ihren Pflegebefohlenen sein, sondern nach dem schönen Ausdruck der Prophetin und Richterin Debora eine Mutter in Israel (Richt. 5, 7). Dann wird sie, wie Paulus, das Dienen gründlich lernen, und grade durch ihr Dienen hundertmal mehr Einfluss und Macht über die Pflegebefohlenen erlangen, als eine herrschende und strafende Zuchtmeisterin, die Tag und Nacht eifersüchtig über ihrem Ansehen und Rechte wacht.
Und wie hat Paulus jedermann als Knecht gedient? Er ist den Juden geworden wie ein Jude, den Heiden wie ein Heide, den Schwachen wie ein Schwacher; er ist jedermann allerlei geworden, auf dass er ja allenthalben etliche selig mache. (1. Kor. 9 20-22.) Mit andern Worten: er hat sich durch die Liebe in jedermanns Lage versetzt, des Nächsten Anschauungen und Bedürfnisse kennen gelernt und ihm danach das einige Heil in Christo Jesu von der Seite und in einer solchen Weise nahe gebracht, wie es für jeden einzelnen sachgemäß war. Dazu hat die Mütterlichkeit ihn gelehrt, mehr zu arbeiten, als sie alle, wie wir wissen, und auch mehr zu leiden. Weil er Herzenslust an seinen geistlichen Kindern hatte, darum war er willig, nicht allein um ihretwillen Tag und Nacht zu arbeiten und sich abzumühen, sondern selbst sein Leben ihnen mitzuteilen. (1. Thess. 2, 8. 9.) Wer einen Eindruck davon bekommen will, was alles Paulus in seinem Amte als Christi und jedermanns Knecht getragen und gelitten hat, der muss sich mit rechtem Bedacht in das lange Verzeichnis der Nöte versenken, welches Paulus selbst gegen seinen Willen, von seinen Neidern gezwungen, den Korinthern gegeben hat. (2. Kor. 11, 23 ff.) Oder er bedenke, was der Herr selbst zu Ananias schon bei der Bekehrung Pauli von diesem auserwählten Rüstzeuge gesagt hat: „Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.“ (Apost. 9, 16.) Daraus kann man genug ahnen, wie groß Pauli Mühe und Arbeit gewesen sein mag, denn wenn der Herr selbst sagt: „wie viel er leiden muss!“ so kann man sicher sein, dass seine Leiden wirkliche gewesen sind, und nicht bloß eingebildete, wie tausend der unseren.
Was das Vater- und Mutterherz den Paulus gelehrt hat, wird es auch uns lehren. Denn es ist der Liebe eigen, sich immerdar zum Knecht und zur Magd anderer zu machen. Sie will nie herrschen, sie will immer dienen. Durch diese Lust am Dienen erlangt sie, ohne es zu wollen, Macht und Herrschaft. Will man nicht bloß eines Menschen, sondern jedermanns Knecht und Magd sein, sich in jedermanns Lage versetzen, um jedermann dienen zu können, mit den Armen wie ein Armer, mit den Reichen wie ein Reicher, mit den Kindern wie ein Kind, mit den Kranken wie ein Kranker, mit den Verlorenen wie ein Verlorener werden, so muss man freilich viele und seltene Eigenschaften besitzen. Man muss lange Mut behalten und auch da freundlich in Wort und Wesen sein können, wo andere sauer und finster sehen; man darf nicht ungebärdig werden, sich auch nicht erbittern lassen; man muss gar vieles glauben und hoffen und tragen und dulden können. Alles dies versteht die Liebe. Denn die Liebe ist langmütig, d. h. sie hat lange Mut, sie ist freundlich, stellet sich nicht ungebärdig; lässt sich nicht erbittern; sie verträgt nicht nur manches oder vieles, sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (1. Kor. 13, 4 ff.)
In vielen Volkslesebüchern findet sich die Geschichte jener Mutter, deren Kind von einem Adler auf einen schroffen Felsen getragen war. Niemand wagte sich hinauf, das Kind zu retten. Die Mutter holte es herunter. Mutterliebe vermag vieles, was andern unmöglich ist. Mutterliebe kann den Kindern Dienste leisten, vor denen andere sich entsetzen würden. Stärker noch und wunderbarer als die natürliche Mutterliebe ist die geistliche. Sie lehrt das Geheimnis, im Dienste für die Hilfsbedürftigen als jedermanns Knecht oder Magd zu arbeiten und zu leiden. Und wenn es auch nicht jedem gegeben ist, solche Arbeiten und Leiden auf sich zu nehmen, wie ein Paulus, so lehrt doch die Liebe jeden ohne Ausnahme so viel zu arbeiten und zu leiden, als er im Dienste des Nächsten arbeiten und leiden muss, um von seinem Herrn als ein treuer Knecht, eine treue Magd erkannt zu werden.