Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 5. Wie ein Knecht Jesu Christi seine Vernunft gebraucht.
„Und ich, liebe Brüder, da ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch zu verkündigen die göttliche Predigt. Denn ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch mit Schwachheit und mit Furcht und mit großem Zittern. Und mein Wort und meine Predigt war nicht in vernünftigen Reden menschlicher Weisheit, sondern in Beweisung des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube bestehe nicht auf Menschen Weisheit, sondern auf Gottes Kraft.“ (1. Kor. 2, 1-5.)
„Wer ist ein Knecht oder eine Magd Jesu Christi?“ das war unsere letzte Frage. Paulus gab uns durch Wort und Beispiel die Antwort: Wer, gedrungen von der Liebe Christi, nicht mehr für sich lebt, sondern für Jesum, der mag Jesum seinen Herrn und sich seinen Knecht nennen. Wer aber noch ganz oder halb für sich selbst lebt, der nenne sich seinen eigenen Tyrannen oder auch seinen eigenen Sklaven, wie ers am liebsten will.
Wenn Christus mein Leben geworden ist, und also mein ganzes Leben nicht mir, sondern Jesu gehört, so müssen auch alle einzelnen Kräfte, Triebe und Äußerungen meines Lebens, also mein Denken, mein Wollen, mein Empfinden von Jesu erfüllt sein und Jesu zu eigen gegeben werden. Darüber muss ich nach einander eingehender sprechen. Für heute soll uns Paulus lehren: Wie ein Knecht Jesu Christi seine Vernunft gebraucht!
Die erste Antwort lautet: Er gebraucht seine Vernunft, um im Schweiße seines Angesichtes alles zu lernen, was für seinen Beruf nötig und nützlich ist; aber er hält sich nicht dafür, als wüsste er etwas, ohne allein Christum, den Gekreuzigten.
Während die andern Apostel ungelehrte Leute und Laien waren, könnte man Paulum nach unserm Sprachgebrauch einen studierten Mann nennen. Er war auf allen Gebieten des menschlichen Wissens zu Hause. Er war bewandert in den weltlichen Wissenschaften, wahrscheinlich hat er dieselben auf der blühenden Schule in seiner Vaterstadt Tarsus kennen gelernt, - er verstand das römische Recht (Apost. 16, 37; 22, 25; 25, 10 ff.) und kannte auch die weltliche Literatur, wie er denn mehrmals und zweimal ganz wörtlich Verse aus griechischen Dichtern anführt. (Apost. 17, 28; 1. Kor. 15, 33 und Tit. 1, 12.1) Die geistlichen und religiösen Wissenschaften, namentlich das Alte Testament hatte er in Jerusalem zu den Füßen Gamaliels studiert. Auch in seinem Alter, als die Zeit seines Abscheidens schon nahe vor und er vor dem Gerichte des Kaisers Nero stand, gedachte er noch seiner Bücher. Er bat von Rom aus den Timotheus, ihm die Bücher, sonderlich aber das Pergament mitzubringen, die er zu Troas bei Karpus gelassen hatte. (2. Tim. 4, 13.) Ob diese Bücher weltlichen oder geistlichen Inhalts waren, bemerkt er nicht. Jedenfalls aber sehen wir hieraus, dass der Mann, welcher die unmittelbaren Offenbarungen Gottes und Jesu Christi hatte, auch noch in seinem Alter und in den ernstesten Augenblicken seines Lebens, angesichts des Märtyrertodes, das menschlich Lernbare zu lernen suchte. - Endlich wissen wir, dass Paulus auch mit den Händen etwas gelernt hatte. Er war ein vornehmer Mann, von hohem Adel, wie wir heutiges Tages sagen würden, denn er war als römischer Bürger geboren. Nichtsdestoweniger hat er ein Handwerk gelernt, die Teppich- und Zeltweberei, und er verstand die Kunst so gut, dass er sich sein täglich Brot damit verdiente.
Paulus wusste und verstand also viel. Dennoch sagte er: „Ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten.“ Er will sagen: „Wiewohl ich manches gelernt habe und vieles weiß, so hielt ich mich doch dadurch nicht für fähig, ein Knecht und Arbeiter Jesu Christi und seiner Gemeinde zu sein; der bin ich allein dadurch geworden, dass ich Jesum Christum, den Gekreuzigten kenne. Das, womit ich als Knecht Jesu Christi euch gedient habe und dienen will, ist auch nicht das Wissen und die Weisheit meiner Vernunft, sondern eine lebendige Gotteskraft. Diese ist die weltüberwindende Macht, die euch bekehrt und rettet, nicht meine Kenntnisse.“ Aber gelernt hatte er doch etwas.
Sehen wir nun auf uns. Wir bekennen, dass uns Gott Vernunft und alle Glieder gegeben hat und noch erhält. Ich denke, er hat uns Kopf und Hände deswegen gegeben, dass wir etwas Tüchtiges damit lernen. Es ist nicht gerade nötig, dass ein frommer Christ unwissender, ungeschickter, unbeholfener, unerfahrener und zerfahrener, gedanken- und kopfloser sei, als ein Weltkind. Willst du deinem Herrn dienen, so diene ihm auch mit deinem Kopf und deiner Vernunft. Durch Unwissenheit und Dummheit ehrest du deinen Herrn nicht. „Nie bist du dümmer“, lässt Schiller einen Vater zu seiner Tochter sagen, „als wenn du um Gottes willen gescheit sein solltest!“ Es ist nicht gut, wenn eine Magd Jesu da töricht handelt, wo sie um Gottes willen weise sein sollte. „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“ sagt Jesus. Darum lerne im Schweiß deines Angesichtes, was dir für dein Amt und Fach nötig und nützlich ist, je tüchtiger und gründlicher, desto besser. Du brauchst in deinem Fach von Weltkindern dich nicht beschämen, noch überflügeln zu lassen. Die Liebe Christi dringt uns auch, den Kopf anzustrengen und die Vernunft dazu zu gebrauchen, wozu Gott sie gegeben hat. Ich will diesen Gedanken nicht weiter ausführen, noch ihn auf einzelne Fälle anwenden. Genug, wer Christo dienen will, der muss mit Ernst und Eifer alle die irdischen und religiösen Kenntnisse, sowie die Fertigkeiten zu lernen suchen, die er für seinen Beruf gebraucht. Wenn er nun aber alles dies gelernt hat, soll er nicht in den Wahn verfallen, als sei er dadurch tüchtig zur Arbeit für Christum und sein Reich. Das wird er allein, wenn er Jesum recht kennen gelernt hat. Ist dies aber der Fall, dann wird er alles, was er weiß, nicht für sich und seine Ehre oder seinen Nutzen anwenden, sondern allein zur Ehre Christi und zum Frommen der Gemeinde. Und dies eben ist die zweite Antwort auf die Frage: Wie ein Knecht Jesu Christi seine Vernunft gebraucht?
Sehen wir wieder auf Paulum. Er hat sein ganzes Wissen zu den Füßen Jesu niedergelegt. Der hat es verklärt, geheiligt und in seinen Dienst genommen. Da ist etwas sehr Wichtiges und Wirksames daraus geworden. Weil er die weltlichen Wissenschaften kannte, war er, erfüllt von der Liebe Christi, imstande, den Heiden wie ein Heide zu werden, auf dass er die Heiden gewänne, und weil er das väterliche Gesetz und die Verheißungen studiert hatte, konnte er den Juden wie ein Jude werden, um die Juden zu gewinnen. Auch seine Handwerkskunst hat er in den Dienst Jesu gestellt. Dadurch nämlich, dass er sich selbst sein Brot erarbeitete, schnitt er allen Lästerern, die da sagten, er predige, um sich von den Leuten ernähren zu lassen, den Grund zur Lästerung ab. Ich denke auch, sein Studium des Handwerks hat ihn praktisch gemacht und ihm etwas mit dazu geholfen, dass er mit allerlei Arten von Leuten umzugehen und allen alles zu werden verstand.
Noch einmal: Alles, was du lernst, irdische und geistliche Kenntnisse und allerlei Fertigkeiten, Waschen, Kochen, Bügeln, Schreiben, Rechnen, Englisch, Französisch, Wunden-Verbinden, Nähen, Stopfen, Flicken, Singen, Katechismus, Gesangbuch und was sonst gelernt mag werden, alles ist nichts, wenn Jesus nicht im Herzen wohnt. Ist er aber der Herrscher deines Lebens, dann kannst und wirst du alles, was du gelernt hast, zur Arbeit in seinem Reich und Dienst verwerten und gebrauchen, und er wird es segnen. Dann können deine Fertigkeiten und Kenntnisse dazu dienen, den Tempel Gottes zu bauen, Seelen zu gewinnen, Werke für die Ewigkeit zu vollbringen. Alles Wissen ist Stückwerk; und alles Wissen und alle Erkenntnis wird aufhören. Die Frucht aber, welche man mit dem Gelernten schafft, wenn man Jesum kennt, bleibt in Ewigkeit.