Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 4. Wer ist ein Knecht Jesu Christi?
„Die Liebe Christi dringt uns also; weil wir halten, dass, so Einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, auf dass die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“
(2. Kor. 5, 14. 15.)
Nach dem, was wir Arbeiter im Reiche Gottes in den drei ersten Betrachtungen aus der Geschichte Sauli gelernt haben, fragen wir jetzt: Wer ist ein Knecht Jesu Christi?
Knecht und Magd ist ein bildlicher Ausdruck, welcher von unsern irdischen Verhältnissen hergenommen ist. Wer ist ein rechter Knecht, eine rechte Magd?
Etwa wer alle Tage seine Arbeit tut und dafür seinen Lohn bekommt? Der ist ein Tagelöhner, aber kein Knecht! Ein wahrer Knecht war z. B. jener älteste Knecht im Hause Abrahams, der für Isaak ein Weib suchte, und den wir Elieser zu nennen gewohnt sind. Er betrachtete Abrahams, seines Herrn, Sache als seine eigene Sache. Er hatte kein eigenes, selbstsüchtiges Interesse mehr; die Angelegenheit seines Herrn ging ihm über alles. Er ging ganz in seinen Herrn und seines Herrn Wunsch und Willen auf. „Ich will nicht essen, bis dass ich zuvor meine Sache geworben habe!“ (1. Mos. 24, 33) sagte der Wegemüde, als man ihm nach langer Reise eine Erquickung anbot. Und nachdem er seine Sache treulich und trefflich ausgeführt hatte, und man ihn bat, sich noch einige Tage Ruhe zu gönnen, ehe er wieder auf die lange und beschwerliche Rückreise ging, antwortete er: „Haltet mich nicht aus; lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe!“ (V. 56.)
Ein wahrer Knecht war auch Joseph in Potiphars Hause und eine rechte Magd das gefangene Dirnlein im Dienste des syrischen Feldhauptmanns Naeman, wie man das 1. Mos. 39 und 2 Kön. 5 nachlesen kann. Alle diese lebten nicht für sich, sondern für ihren Herrn. Für ihre eigenen Angelegenheiten waren sie wie tot. Und damit sind wir auf unsere Stelle 2. Kor. 5, 14 und 15 gekommen. Wer sich abgestorben ist und hinfort nicht mehr für sich selbst lebt, sondern für den, der für ihn gestorben und auferstanden ist: der ist ein Knecht Jesu Christi.
So war es mit Paulo. Er konnte sagen: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal. 2, 20.) Christus ist mein Leben!“ (Phil. 1, 21.) „Unser keiner lebt ihm selber, und keiner stirbt ihm selber; leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn; darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Röm. 14, 7. 8.) Darum durfte sich Paulus mit Recht einen Knecht und Diener Jesu Christi nennen (Röm. 1, 1 und 1. Kor. 4, 1), weil er nicht mehr sich, sondern Christo angehörte. Er war für sich und die Welt tot. Die Welt konnte nichts mehr mit ihm anfangen und er nichts mit der Welt. „Die Welt ist mir gekreuzigt, und ich der Welt!“ (Gal. 6, 14.) Er lebte, webte, atmete nur für seinen Herrn und dessen Sache. Ob er begeistert oder nüchtern war, arbeitete oder litt, fastete, redete, wachte, reiste, hungerte, weinte oder sich freute: es geschah alles für seinen Herrn und die große Reichssache des Herrn; seine eigenen Leiden und Freuden kamen dabei nicht mehr in Betracht. Seine Losung war: „Alles und in allen Christus!“ (Kol. 3, 11.) Er ist von Ort zu Ort gezogen, gehetzt und vertrieben, gegeißelt, gestäupt, gesteinigt, zu Wasser, zu Lande und in der Wüste umher geworfen. Was wollte der Mann? Was suchte der Mann? Als man ihm sein täglich Brot für seine Arbeit geben wollte, nahm er es nicht. As man ihn in Korinth für seine Aufopferung ehren wollte und nach ihm sich paulisch nannte, da strafte er die scharf, welche solches taten. Als man ihm opfern wollte, da zerriss er seine Kleider. Wenn er hörte, dass irgendwo eines seiner geistlichen Kinder in Sünde gefallen war, dann sank er in Trauer und Not; wenn er hörte, dass es wieder aufgerichtet war, dann lebte er auch wieder auf. Wenn man an dem Evangelio, das Christus ihm gegeben hatte, ändern wollte, dann flammte er auf, wie ein verzehrendes Feuer; aber wenn ein Schwacher Anstoß daran nahm, dass er, Paulus, von seiner christlichen Freiheit Gebrauch machend, Fleisch von heidnischen Opfern aß, dann sagte er: „So die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht ärgerte.“ (1. Kor. 8, 13) Siehe, das heißt: für Christum und die Sache Christi leben! das heißt, ein Knecht Christi sein.
Wenn wir, meine lieben Mitarbeiter, gegen dieses Bild eines Knechtes Christi das unsere halten, was wollen wir sagen! Unser eigenes Ich, das Herr sein will, lebt noch kräftig. Es fehlt noch sehr viel daran, dass es sich zu Tode geblutet und sein Regiment niedergelegt hätte. Ich will jetzt diesem herrischen Ich nicht auf allen seinen Gängen und Schleichwegen nachspüren. Genug, es lebt und will über uns Herr sein. Wenn wir uns selbst leben, tun, was wir wollen, und lassen, was wir wollen, so wähnen wir wohl, wir seien unsere eigenen, freien Herren. Wir sind aber unsere Tyrannen und unsere Sklaven, schlagen uns in die Ketten unserer eigenen Launen und Lüste, werfen uns in den Kerker unserer eigenen Begierden und Leidenschaften. Oder war der jüngere von jenen zwei Söhnen wirklich ein freier Herr, als er Herr über sein Geld und Gut war, und nicht mehr des Vaters Liebe, sondern des Herzens Lust ihm Befehle gab? War er frei, frage ich, und war er Herr, als er die Säue hütete?? Frei ist, wer Jesu Knecht ist, Herr über sich selbst ist wer Jesum zum Herrn über sich erhoben hat.
Aber wie komme ich dazu, mich Jesu zum Knecht zu machen? mich selbst vom Herren-Stuhl zu stoßen und Jesum darauf zu setzen? Wie komme ich dazu, nicht mehr für mich und meine Sache, sondern für Christum und seine Sache zu leben? nicht mehr an meine Freuden und Leiden zu denken, sondern an die Leiden und Freuden des Leibes Christi? Wie komme ich dazu, alles, was ich bin und habe, nicht zu Nutz und Ehre meiner Person, sondern für Jesum und sein Reich zu gebrauchen? „Die Liebe Christi dringt uns also!“ antwortet Paulus. Meint er damit die Liebe, die wir zu Christo haben? Manche junge Gemüter, welche in der ersten Liebe stehen, scheinen diese Meinung zu haben. Wenn sie das Lied: „Ich bete an die Macht der Liebe“ singen oder beten, so sagen sie ich habe es hundertmal gehört, im zweiten Verse: „Wie bist du mir so sehr gewogen, Und wie verlangt mein Herz nach dir!“ Ach wir Armen! Wenn die Sünde und Anfechtung, wenn die Lust und Begierde des eignen Ichs lockt und reizt, dann verlangen wir wenig nach ihm. Unsere Liebe zu ihm ist zu gering und schwach; sie hält nicht Stich und Stand. Sie vertrocknet in der Hitze der Anfechtung. Sie verläuft im Sande. Sie hat keine Wurzeln und keinen Saft in sich. Sie kann uns nicht dringen und treiben, nicht mehr für uns, sondern für Jesum Christum zu leben. Das vermag allein die Liebe, die Christus uns beweiset, jene Liebe, mit der er sein Leben für uns gelassen hat, da wir noch Feinde waren.
Darum bekennt auch Tersteegen:
Wie bist du mir so sehr gewogen,
Und wie verlangt dein Herz nach mir!
Und dann erst:
Durch Liebe sanft und tief gezogen,
Neigt sich mein alles auch zu dir!
Damit ist das Geheimnis ausgesprochen, welches uns aus unserer eigenen Sklaverei und Tyrannei erlöst, uns singen lehrt: „Ich bin nicht mehr mein eigen!“ und Jesum zu unserm Herrn und uns zu seinen Knechten und Mägden macht. Wohl dem, welchem dieses Geheimnis kein Geheimnis mehr ist, wer Paulo nachsprechen lernt: „Die Liebe Christi dringt mich also!“
Er versteht den Unterschied, welcher zwischen einem innerlichen Drang und dem Dringen und Treiben von außen her besteht. Siehe den Baum an, wie er im Winter dasteht, kahl und leer. Nimm einen Stecken und schlage mit Macht an seinen Stamm. Wirst du mit allem Schlagen ein einziges Blättlein hervortreiben? Zerschlagen kannst du den Baum; aber Blätter und Blüten wirst du nicht heraustreiben. Lass die Frühlingssonne strahlen, warm und lind.
Was für ein Drang erwacht im Mark des Baumes! Aus allen Ästen und Zweigen treibet das frische Leben hervor. Der Stab Mosis, das Gesetz mit seinem: du sollst! und du sollst nicht! „die Moral“ ist der Treiber von außen. Er kann das Menschenherz zerschlagen und zerschlägt doch nicht die Eigenliebe, die darin steckt; noch viel weniger vermag er Blüten und Früchte eines frischen, fröhlichen, selbstverleugnenden Liebelebens aus dem kalten, selbstsüchtigen Menschenherzen hervorzutreiben. Aber stelle dasselbe Herz in die Strahlen der warmen Liebe des Gottes- und Menschensohnes! Was gilts, im Herzen, einst von Eigenliebe erstarrt, regt sichs und bewegt sichs. Ein neues Leben dringt und treibt hervor, das Leben der Gottes- und Menschenliebe. Kannte das Herz sonst nur die Worte: Ich und mein und mir und mich! so bekennt es nun durch Wesen, Wort und Wandel: „Du, Jesu, bist meine Liebe! Dein bin ich, mein Herr und mein König! Dir, Jesu, leb ich; Dir, Jesu, sterb ich! Dich will ich lieben, meine Krone, Dich will ich lieben, meinen Gott, Dich will ich lieben ohne Lohne auch in der allergrößten Not, Dich will ich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht! Und gehöre ich meinem Jesu, gehört ihm, was ich bin und was ich habe, dann ist Jesus mein Herr, und ich bin sein Knecht, seine Magd!