Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 3. Die Schule des Bekehrten.

Saulus war etliche Tage bei den Jüngern zu Damaskus. Und alsbald predigte er Christum in den Schulen, dass derselbige Gottes Sohn sei. Sie entsetzten sich aber alle, die es hörten, und sprachen: Ist das nicht, der zu Jerusalem verstörte alle, die diesen Namen anrufen, und darum hergekommen, dass er sie gebunden führe zu den Hohenpriestern? Saulus aber ward immer kräftiger und trieb die Juden in die Enge, die zu Damaskus wohnten, und bewährte es, dass dieser ist der Christ. Und nach vielen Tagen hielten die Juden einen Rat zusammen, dass sie ihn töteten. Aber es ward Saulus kund getan, dass sie ihm nachstellten. Sie hüteten aber Tag und Nacht an den Toren, dass sie ihn töteten. Da nahmen ihn die Jünger bei der Nacht, und taten ihn durch die Mauer und ließen ihn in einem Korbe hinab. Da aber Saulus gen Jerusalem kam, versuchte er, sich zu den Jüngern zu tun; und sie fürchteten sich alle vor ihm, und glaubten nicht, dass er ein Jünger wäre. Barnabas aber nahm ihn zu sich und führte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie er auf der Straße den Herrn gesehen, und er mit ihm geredet, und wie er zu Damaskus den Namen Jesu frei gepredigt hätte. Und er war bei ihnen, und ging aus und ein zu Jerusalem, und predigte den Namen des Herrn Jesu frei. Er redete auch und befragte sich mit den Griechen; aber sie stellten ihm nach, dass sie ihn töteten. Da das die Brüder erfuhren, geleiteten sie ihn gen Cäsarea, und schickten ihn gen Tarsus.“ (Apostelgesch. 9, 19-30. Vgl. auch Gal. 1, 15-21.)

Zwei große Dinge haben wir Arbeiter im Reiche des Herrn bereits aus der Geschichte Sauli gelernt. Alle Gewissenhaftigkeit und Aufrichtigkeit samt allem Eifer des bloß natürlichen Menschen vermögen nicht, uns zu Mitarbeitern Gottes zu machen. Man kann eifrig sein, wie Saulus, aufrichtig und gewissenhaft, wie er, und das will viel sagen, und doch noch Licht für Finsternis, Freund für Feind ansehen und das Werk Gottes zerstören, statt bauen. Nur das Geheimnis der Bekehrung, - das war das zweite Stück, die Umwandlung der alten Natur in eine ganz neue ist der Wunderweg, auf dem man als Knecht und Magd Christi in das Arbeitsfeld Gottes eingeht. Wer des Herrn Knecht sein will, muss erfahren haben, dass der Herr sich zuerst für ihn zum Knecht gemacht hat. Aber auch nachdem Saulus ein anderer Mensch geworden war, sehen wir ihn doch noch nicht fertig, zu treiben das Evangelium des Friedens. Er muss, wie die heutige Geschichte erzählt, zuvor noch in eine andere Schule. Er muss statt in die Arbeit erst in die Stille hinein, um dort zu erstarken; und als er endlich in den Kreis der Brüder tritt, muss er statt entgegenkommender, vertrauensvoller Liebe eine fast misstrauische Zurückhaltung erfahren. Das ist die Schule des Bekehrten, in welche wir alle nach der Bekehrung noch hinein müssen, wenn wir anders echte Gottesknechte werden wollen.

Die Bekehrung des Saulus war gewiss eine wahrhafte, gründliche, vollständige. Darum meinte er auch, vollbereitet zum Dienste des Herrn zu sein. Mit frischem und fröhlichem Eifer eilte er in die Arbeit für seinen Herrn. (V. 20.) Er machte Aufsehen. Es rumorte in der Stadt. Die tote Masse kam in gärende Bewegung. Das machte den jungen, feurigen Saul noch feuriger. (V. 22.) Da plötzlich - die Veranlassung dazu wird nicht berichtet, - verlässt er Damaskus und geht, wie er Gal. 1, 17 erzählt1), aus dem vielversprechenden Arbeitsfelde nach Arabien, wo er nichts tut für seinen Herrn, wo niemand von ihm spricht, wo er in der Stille und Einsamkeit wie vergraben ist. Nach längerer Zeit (Apg. 9, 23 vergl. mit Gal. 1, 17.) kam er wieder nach Damaskus. Es fing abermals an zu rumoren. Man verfolgte ihn. Er floh nach Jerusalem. Dort gärte es ebenso gewaltig. Aber sein Herr wollte ihn noch nicht in der Arbeit dulden. Er schickte ihn noch einmal in die Stille, in seine Vaterstadt Tarsus in Cilicien. (Apg. 9, 30. Gal. 1, 21.) Abermals war er eine lange Zeit untätig, vergessen und verschollen, als könnte Gott mit ihm nichts anfangen. Das ist die Schule des Bekehrten.

Wenn der Herr in einem Menschenherzen das neue Licht angezündet hat, dann deckt er anfangs schützend den Scheffel darüber, damit das kleine Licht nicht vom Zugwinde, der draußen bläst, ausgelöscht werde, sondern zur hellen Flamme erstarke. Wenn die rechte Zeit da ist, weiß der Herr Mittel und Wege genug zu finden, wie er ein bis dahin zugedecktes und verstecktes Licht auf den Leuchter setzen soll, damit es allen denen scheine, die im Hause sind. So hat er, als seine Stunde schlug, durch Barnabas den Saulus aus Tarsus wieder geholt und ihn in die Arbeit gesandt, wie Apost. 11, 25 ff. erzählt wird.

Es ist ein stolzer Wahn vieler, die sich für gründlich bekehrt ansehen oder es auch sind, dass sie nunmehr fertige Leute seien, zu allem tüchtig, vor allem aber brauchbar zum Dienste Jesu Christi. Sie fahren wie mit vollen Segeln in die Arbeit; oder sie sind wie ein junges Ross, das stampft und wiehert, weil es den Streit von ferne riecht. Das ist ja ein schönes Ding, denn die Ernte ist groß und der Arbeiter sind wenige. Und noch schöner ists, wenn ein Neubekehrter Aufsehen macht in seinem kleinen Kreise, wenn von ihm ein Rumoren ausgeht, wenn die Leute fragen, forschen, verlangen. Aber es ist doch auch ein gefährliches Ding. Viele Geistliche, Missionare, Lehrer, auch Diakonissen und Probeschwestern, sowie Neubekehrte im allgemeinen sind dadurch zu Grunde gegangen. Darum ruft der Herr so oft: „Heraus aus der Arbeit; es ist da zu gefährlich für dich! heraus und in die Stille!“ Und das nicht einmal, sondern abermals und abermals, wie auch bei Saulus. Du aber lass dich in die Stille und unter den Scheffel führen, lass dich nur wie begraben, dass kein Auge dich sieht, kein Menschenmund dich nennt. Oder ist deine Bekehrung gründlicher, umfassender, tiefergehend, lauterer, wie die eines Saulus? Tut, was einem Saulus not war, dir etwa nicht not? Bist du fester und stärker als er, und der Versuchung weniger ausgesetzt? So murre auch nicht, wenn du durch irgendwelche äußerliche Lebensführung, durch Krankheit, Abberufung von deinem Posten oder des etwas in die Stille gebracht wirst, sondern gehe fröhlich und getrost, wie Saulus. Dabei will ich sogleich bemerken, dass diese Flucht aus der unruhevollen Arbeit, namentlich wenn sie eine gesegnete und von Menschen anerkannte oder gar gepriesene ist, und die Einkehr in die Stille sich fort und fort das ganze Leben hindurch wiederholen muss. Jesus selbst ging allein auf einen Berg, dass er betete, und Paulus ging von Troas nach Assos absichtlich zu Fuß und ließ die Gefährten zu Schiff fahren, damit er einmal wieder mit sich und seinem Gotte allein wäre. (Apost. 20, 13.)

Der junge Saulus hatte noch eine zweite Lektion zu lernen. Drei Jahre war er schon bekehrt (Apost. 9, 23 u. Gal. 1, 18), hatte auch in dieser Zeit durch sein Leben und mancherlei Leiden bewiesen, dass seine Bekehrung eine rechtschaffene war. Als er nach so langer Bewährung endlich nach Jerusalem kam, hätte er doch wohl erwarten können, dass er dort mit jubelnder Freude aufgenommen wäre, und wenn nicht mit lauter Freude, so doch mit stillem Vertrauen, dass man ihn wenigstens nicht zurückgestoßen hätte. Er musste aber nach Gottes Willen eine ganz andere Erfahrung machen. Als er versuchte, sich zu den Jüngern zu tun, fürchteten sich alle vor ihm und glaubten nicht, dass er ein Jünger wäre. Sie wollten sich davon erst selbst überzeugen. Sie verlangten eine Erprobung, eine Bewährung. Und das ist recht. Saulus hat es auch für recht gehalten. Er ließ sich nicht von Empfindlichkeit überwinden; keine Klage über unverdientes Misstrauen, über argwöhnische Zurücksetzung kam über seine Lippen. Er ließ sich in Demut von Barnabas vorstellen und einführen, erwarb und verdiente sich das Vertrauen der Brüder, bis er als ein Glied ihrer Gemeinschaft bei ihnen war und aus und einging (Apost. 9, 26-28). Auch dieser Punkt ist der Aufmerksamkeit wert. Mancher hielt sich für bekehrt und darum für eine wichtige Person. Und es ist ja die Bekehrung des Sünders in der Tat ein so wichtiges Ereignis, dass der Himmel darüber in Bewegung gerät und Freude vor den Engeln Gottes ist, wie der Herr Christus selbst bekanntlich erzählt, der nichts übertreibt. Darum meint denn der alte, wahrlich noch nicht tote Adam im Neubekehrten, es müsse sich über ihn, seine Bekehrung und seinen Eintritt in die Arbeit des Herrn auch die Erde bewegen und der ganze Kreis der Brüder und Schwestern. Und wenn das nicht geschieht, wenn ihm statt dessen, ich sage nicht Kälte, nicht Scheu, nicht Misstrauen, sondern nur nüchterne, nicht überschwängliche Freundlichkeit entgegenkommt, so klagt er bitterlich über Kälte, Argwohn, Misstrauen, Zurücksetzung usw. Mein Lieber, gedenke doch an Saulus. Wenn du auch nach rechter und jahrelanger Bewährung in einen neuen Kreis, eine neue Arbeit kommst, und die Arme und Herzen sich dir nicht so türweit auftun, als du nach deiner Einbildung erwartet hast, so danke deinem Herrn in tiefer Demut und wisse, dass das also sein muss. Du hieltest deine geringe Person sonst gar leicht für zu wichtig und blähtest dich noch mehr auf, als es geheim oder offenbar schon der Fall ist. Schweige du, sei demütig und verbanne die Empfindlichkeit. Hätte jemals einer Ursache gehabt, sich über Mangel an entgegenkommendem Vertrauen zu beklagen, wahrlich so ists Saulus gewesen! Bist du besser als Saulus?

Findest du einen Barnabas, der für dich redet, dich einführt und empfiehlt, so freue dich und danke Gott. Jedenfalls aber lass dein Wesen und Leben, deine Worte und deinen Wandel für dich und deine Bekehrung reden. Und bist du eine Jüngerin des Herrn, so schmücke dich mit sanftem und stillem Geiste. Der ist köstlich nicht allein vor Gott, sondern auch vor Menschen, ein Siegel der Bekehrung und ein Schlüssel, mit dem du dir vieler Herzen ausschließen wirst!

1)
Zwischen dem 22. und 23. Vers des 9. Kap. der Apostlg. liegt Gal. 1, 17, was man zum Verständnis festhalten muss.
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