Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 2. Noch einmal die Frage: Wie kann ich ein Knecht Jesu Christi werden?
„Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe gen Damaskus an die Schulen, auf dass, so er etliche dieses Weges fände, Männer und Weiber, er sie gebunden führte gen Jerusalem. Und da er auf dem Wege war und nahe bei Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel, und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der Herr sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es wird dir schwer werden, wider den Stachel löcken. Und er sprach mit Zittern und Zagen: Herr, was willst du, dass ich tun soll? Der Herr sprach zu ihm: Stehe auf und gehe in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ (Apostelgesch. 9, 1-6.)
Die Jugendgeschichte Sauls hat uns auf obige Frage die erste Antwort gegeben, nämlich: Wen der Herr zu seinem Dienste bereiten will, den lässt er zuerst in seinen besten natürlichen Tugenden und Vorzügen gründlich zu Schanden werden Die Bekehrungsgeschichte Sauls gibt uns die zweite Antwort, ohne welche die erste uns nichts nützen, vielmehr uns nur zum Verzagen bringen würde. Aber die zweite Antwort wird niemand verstehen, welcher die erste nicht tatsächlich an sich erfahren hat, ich meine, wer nicht durch die gewaltige Hand des Herrn vom hohen Pferd, wie man zu sagen pflegt, so empfindlich zu Boden geworfen ist, dass er sich wie zermalmt vorkommt. Beide Antworten zusammengenommen bilden erst die rechte, volle Antwort. Nach dieser kurzen Vorrede will ich die zweite Antwort sogleich hersetzen. Sie lautet: Liegen alle deine wirklichen oder eingebildeten Vorzüge und Tugenden zertrümmert am Boden, alsdann lass dir zuerst vom Herrn den Dienst erweisen, der dir notwendig ist; dann nur kannst du dem Herrn wieder dienen.
In den Evangelien wird uns erzählt, wie der Herr dem armen Menschengeschlechte in allerlei Weise gedient, wie er für dasselbe gearbeitet und seine Liebesarbeit sich hat blutsauer werden lassen. Darauf lesen wir in der Apostelgeschichte, wie etliche aus dem erlösten Menschengeschlechte für ihren Herrn und Meister und sein hohes, heiliges Reich gearbeitet haben, und wie sie es sich aus Liebe auch haben sauer werden lassen. Die meiste und sauerste Arbeit von allen hat der Apostel Paulus gehabt. Damit wir nicht im Dunkeln blieben, woher dem Paulus alle Lust und Kraft dazu gekommen ist, wird uns in der Apostelgeschichte dreimal die Geschichte von seiner Bekehrung erzählt, oder mit anderen Worten, dreimal erzählt, welchen Liebesdienst Jesus Christus dem Saulus erwiesen hat, und Saulus sich von ihm nach anfänglichem Widerstreben endlich hat erweisen lassen. Jesus hat dem Selbstgerechten einen Stachel ins Gewissen geworfen, und der Selbstgerechte hat wider diesen Stachel gelöckt. Jesus hat den Stachel tiefer eingedrückt, bis das starre Herz brach, und Saulus hat sich brechen lassen, Herz und Kopf und Willen und das ganze, alte, widerspenstige Wesen, hat sich seine Gerechtigkeit wie ein unflätiges Kleid und wie Auskehricht vor die Füße werfen lassen. Jesus hat den Gebrochenen neugeschaffen, und der Gebrochene hat sich neuschaffen lassen. Mit einem Wort: Jesus hat sich dem Saulus als Herrn und Heiland, als Sündentilger und Lebensfürsten angeboten, und Saulus hat ihn als solchen an- und aufgenommen. Das ist die geheimnisvolle, wunderbare Kraft, die den Saulus zum Paulus, zu jenem Diener Jesu Christi gemacht hat, der mehr gearbeitet und gelitten hat, als sie alle..
Wärst du, Freund, von deiner Mutter Leibe an, wie Saulus, von Gott ausgesondert zum Dienst Jesu Christi, so bleibt doch auch für dich die enge Tür, durch welche man ins Reich Gottes eingeht, die einzige Tür, durch welche du in den Weinberg und das Ackerfeld Gottes als sein Arbeiter eintreten kannst. Wer anderswo hineinsteigt, der ist ein Dieb und ein Mörder und verwüstet nur Gottes Weinberg. Die enge Tür ist Jesus Christus, ist die Bekehrung und Neuschaffung durch Jesum Christum. Ich will hier nicht darüber reden, worin das Geheimnis der Bekehrung und Wiedergeburt bestehe; ich will dir hier nur zurufen: „Lass dir diesen Liebesdienst, den Jesus an dir tun will, gefallen!“ Lass dir den Stachel ins selbstgerechte Herz, in das Mark deiner eigenen Tugenden hineinstoßen! Lass dich brechen, Kopf, Herz und Willen brechen und alles, was an und in dir ist! Das ist für alle Gottesknechte der Anfang der Liebesoffenbarung Jesu Christi, von der ergriffen, sie das paulinische Jubellied singen: „Die Liebe Christi dringt uns also!“ Aber bist du von Jesu niedergeschmettert, ausgezogen, wie Saulus, dann strecke deine Hand auch nach ihm aus, und lasse dich von ihm aufrichten, heilen, kleiden, retten, herrlich machen wie Saulus. Ja, du armer Aussätziger, lass den Herrn Jesum Christum seine Hand erst auf dich legen, damit du rein wirst, ehe du deine Hand an die Arbeit für Christum legst. Denke an Mose! Er musste die Hand, mit der er Gott dienen wollte und durch die er ein Mörder geworden war, zuerst in seinen eigenen Busen stecken, den Aussatz darin ans Licht holen und von Gott hinwegtun lassen; danach konnte er seine Hand auch an das Werk Gottes legen. Also ehe du deine Hand in deine Geldtasche steckst, um einen Groschen oder Taler oder hundert Taler für Zwecke des Reiches Gottes heraus zu langen, oder ehe du deine Hand an den Strickstrumpf oder das Hemd und den Rock legst, den du für Witwen und Waisen nähen willst, oder an die Wunden, welche du verbinden musst, stecke deine Hand in deinen Busen, ziehe den darin verborgenen Aussatz ohne Schonung ans Licht und lass ihn von Jesu hinwegtun. Hast du dir diesen Liebesdienst von Jesu gefallen lassen, dann gib ruhig dein Geld den Armen und stricke und nähe mit deiner Hand Strümpfe und Kleider und verbinde Wunden, je mehr, desto besser.
So oft ein Notdürftiger irgendwelcher Art und in ihm dein Heiland zu dir kommt, so erinnere dich des Wortes: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene!“ (Matth. 20, 28.) Der eigentliche Unterschied zwischen Martha und Maria ist nicht der, dass Martha, wie man gemeiniglich sagt, eine rührige, dem tätigen Leben zugewandte, und Maria eine innige und betrachtende Persönlichkeit war, sondern der, dass Maria jenen Zweck des Kommens Jesu verstand und benutzte, und Martha nicht. Martha ahnte nicht, weshalb Jesus zu ihr gekommen war. Sie meinte, er suchte bei ihr etwas, Ruhe oder Speise oder Beweisen der Liebe und Ehre oder irgendetwas anderes, und lief nun hin und her, um ihm zu dienen. Dass Jesus ihr etwas bringen wollte, begriff sie nicht, eben so wenig wie das samaritische Weib, zu welchem Jesus sagte: „Gib mir zu trinken!“ und welchem Er doch eigentlich mit dem besten Tranke, mit dem Lebenswasser dienen wollte. Darum ist auch Martha in die dreifache Sünde gefallen, wovon ich schon in der ersten Betrachtung gesprochen habe. Maria hingegen fühlte, dass der Herr ihrer Gaben nicht bedurfte, dass sie viel mehr ihn und seine Dienste sehr nötig hatte. Darum ließ sie sich still von ihm dienen, sog seine Lebensworte, den Samen der neuen Kreatur, durstig in sich. Dadurch hat sie gelernt, später Jesu einen solchen Gegendienst zu leisten, von dem er selbst ausdrücklich sagt: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan!“
Hier haben wir aus dem eignen Munde des Herrn die Erklärung, welche Werke gute Werke, welche Dienste, ihm getan, wahrhaftig Dienste nach seinem Herzen sind. Lass du dir also von Jesu dienen, lass dir dienen mit seinem Ernst und seiner Güte, mit dem Stabe Sanft und dem Stabe Wehe, mit seinem Wort und Geist und Sakrament, mit seinem ganzen Leben und Leiden und seiner Herrlichkeit, dann wird dankbare Gegenliebe dich dringen, ihm so wieder zu dienen, wie du gerade kannst und die Gelegenheit sich bietet, und solcher Dienst ist ihm angenehm und wohlgefällig, er mag sich äußerlich gestalten, wie er will.
Aber ich möchte hier sogleich einem Irrtume vorbeugen. Es ist nicht genug, dass du dir einmal oder zweimal in deinem Leben von Jesu dienen lässt, und dann meinst, seines Dienstes entbehren zu können. An demselben Tage und in der Stunde, wo du die Liebesdienste Jesu nicht nötig hast, sind auch alle Dienste, welche du Jesu erweisest, faule Früchte. Man muss darum allezeit an die Geschichte von der Fußwaschung denken. Jesus hat durch sie seinen Jüngern die sinnbildliche Verheißung gegeben, dass er auch die durchs Bad der Wiedergeburt Neugeborenen von ihren täglichen Sünden rein waschen will. Als er zu Simon kam, rief dieser: „Herr, solltest du mir meine Füße waschen? Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“ Da sagte der Herr: „Werde ich dich nicht waschen, so hast du kein Teil mit mir!“ Wer wirklich zu den Jüngern Jesu gehört und sich nicht täglich, stündlich, immerdar die reinigenden und lebendig machenden Liebesdienste Jesu, die oft freilich in Liebesschlägen bestehen, gefallen lassen will, der geht rückwärts, und sein Name wird bald aus der Zahl der Knechte und Mägde Jesu getilgt werden müssen.
Nun noch Eines. Wenn Jesus uns seinen Liebesdienst erwiesen hat, so steht es nicht in unserm Belieben, ob wir ihm wieder dienen wollen oder nicht. Wir sind vielmehr innerlich und äußerlich gezwungen, seine Knechte und Mägde zu werden. Als er Saulum bekehrt hatte, sagte er von ihm zu Ananias: „Dieser Saulus ist mir ein auserwähltes Rüstzeug. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen!“ Und von Saulus wird erzählt, wie er alsobald zugefahren ist und ein gut Stück Arbeit für seinen Herrn getan hat.
Wer bekehrt ist, hört sofort auf, sein eigener Herr zu sein; man kann auch sagen: er hört sofort auf, die Säue zu hüten; er muss Gott dienen, für Gott arbeiten. Schon im Paradiese gabs kein Schlaraffen-Leben, um mich einmal recht derb auszudrücken; sondern Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, dass er ihn baute und bewahrte.“ Im Paradiese, das uns durch den Dienst Jesu wieder gewonnen ist, gibts auch kein Schlaraffen-Leben, sondern eitel dienen und arbeiten. „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Es ist ein arger Wahn, wenn man meint, nach der Bekehrung folge ein süßes Genießen, ein erquickliches Ausruhen, ein zartes Empfinden usw. Nein, nach der Bekehrung folgt der Dienst des Herrn, folgt Jesu Joch und Last, folgt Entbehren, Entsagen, Kämpfen, Ringen, nur kein römisch-mönchisches, sondern ein evangelisch-kindliches.
Wenn meine kurzsichtigen Augen mich nicht trügen, dann gibts gerade in unsern Tagen viel schlaffes, weiches, träges Gefühls-Christentum, dem die geistigen Hände weich sind, wie eines Kindes, nicht schwielig, wie eines Arbeiters und Kriegers Hand. In diesen Tagen schrieb mir eine adlige Dame von der Pfarrfrau eines Dorfes, wo es über die Maßen viel Arbeit für den Herrn gibt: „Sie beschäftigt sich mit Ästhetik und ihrer Gesundheit!“ Ich habe lange den Finger auf diese Zeile gehalten und sagte dann zu mir: „Diese acht Worte sind ein Spiegel für tausend und abertausende. Ich will sie bei der ersten Gelegenheit drucken lassen. Vielleicht segnets Gott.“
Saulus war arm; aber weil er bekehrt war, so hat er viele reich gemacht. Saulus war kränklich, er hatte einen Pfahl im Fleisch; aber weil er bekehrt war, so hat er so viel gearbeitet und gelitten, dass es uns ein Wunder dünkt. Wer, wie er, bekehrt ist, der arbeitet und dient auch wie er seinem Herrn, selbst wenn er arm oder kränklich ist, und beschäftigt sich nicht mit Ästhetik und seiner Gesundheit!