Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 1. Wie kann ich ein Knecht Jesu Christi werden?
„Und Paulus sprach: Ich bin ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsus in Cilicien, und erzogen in dieser Stadt, zu den Füßen Gamaliels, gelehrt mit allem Fleiß im väterlichen Gesetz, und war ein Eiferer um Gott, gleichwie ihr heute alle seid, und habe diesen Weg verfolgt bis an den Tod. Ich band sie und überantwortete sie ins Gefängnis, beide Männer und Weiber, wie mir auch der Hohepriester und der ganze Haufe der Ältesten Zeugnis gibt, von welchen ich Briefe nahm an die Brüder und reiste gen Damaskus, dass ich, die daselbst waren, gebunden führte gen Jerusalem, dass sie bestraft würden.“
(Apostelgesch. 22, 3-5.)
Paulus, der Knecht Jesu Christi, wird uns in den folgenden Blättern beschäftigen. Er hat mehr gearbeitet, auch mehr gelitten, als sie alle. Zugleich hat er so klar und bestimmt, wie kein anderer, auf die Wurzel hingewiesen, aus welcher alle Liebeswerke erwachsen müssen, wenn sie nicht im Feuer des Gerichtes wie Holz, Heu und Stoppeln in Rauch aufgehen sollen.
Wir werden wohl tun, bei ihm in die Schule zu gehen, um aus seinem Leben, Leiden und Lieben zu lernen, wie man ein Diener Jesu Christi und seiner Kirche werden kann.
„Seid doch wie ich; denn ich bin wie ihr!“ bittet der Apostel. (Gal. 4, 12.) Von Natur, will er sagen, bin ich, wie ihr, habe dasselbe Fleisch und Blut, dieselben Lüste und Begierden, dieselben Feinde und Kämpfe; werdet durch die Gnade, wie ich bin; denn die Gnade ist kein Privilegium, das mir allein gegeben wäre. Die Gnade ist für alle. Was sie aus mir trotz meiner alten Natur gemacht hat, das kann sie auch aus euch machen; sie hat ihre Kraft noch nicht verloren. Darum seid meine Nachfolger, wie ich Christi! (1. Kor. 11, 1 und 4, 16.) Das ist ein schönes Ziel, ein Knecht Jesu Christi werden, wie Paulus einer gewesen ist, nicht so begabt wie er, aber so treu wie er! nicht so bedeutend wie er, aber so voll Liebe wie er! nicht so weitwirkend wie er, aber so fröhlich wie er!
Wie kann ich ein Knecht Jesu Christi werden?
Die Jugendgeschichte Pauli gibt die Antwort: Wen der Herr zu seinem Dienste bereiten will, den lässt er zuerst in seinen besten natürlichen Trieben und Tugenden gründlich zu Schanden werden.
„Der Herr lässt es den Aufrichtigen gelingen.“ (Spr. 2, 7.) Daraus folgt auch: „Den Unaufrichtigen lässt es der Herr nicht gelingen.“ Wer mit Unaufrichtigkeit dem Herrn und den Notleidenden dient, d. h. wer unter dem Vorwande, er diene Gott und dem Nächsten, sein eigenes Interesse im Auge hat, der muss jämmerlich zu Schanden werden, wie man an Judas Ischariot sieht und an Ananias und Sapphira. Ich will davon hier nicht ausführlicher sprechen; aber ein jeder nehme sich die Geschichte dieser Leute zu Herzen.
„Der Herr lässt es den Aufrichtigen gelingen.“ Das Gotteswort soll fest bleiben. Es wird aber leider oft sehr missverstanden. Man steht häufig im Wahn, als heiße es: Wer eine gewisse, natürliche Aufrichtigkeit, ein ehrliches Gewissen hat, es gut und treu meint, dem muss sein Vorhaben sofort gelingen. Wir wollen aus der Geschichte Pauli sehen, ob das wahr ist. Er erzählt uns: „Ich bin ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsus in Cilicien“, einer Provinz Kleinasiens. Sein Vater war ein römischer Bürger (Apst. 22, 28), also ein reicher, vornehmer, höchst angesehener Mann. Tarsus selbst lag am Fuße des hohen Taurusgebirges, etliche Stunden vom Meer, in herrlicher Gegend, war eine bedeutende Handelsstadt und zugleich berühmt als eine der ersten Stätten heidnischer Bildung. Stand und Geburtsort boten also dem jungen Saulus viele Gelegenheit zur Zerstreuung und Weltlust. Er hat sich nicht davon verstricken lassen. Ein ernster Sinn, der unausgesetzt auf die göttlichen Dinge hingerichtet war, beherrschte schon den Knaben und Jüngling. Er verließ früh seine glänzende Vaterstadt (Apst. 26, 4) und eilte nach Jerusalem, um hier das väterliche Gesetz zu studieren. Es war dazumal auch in Jerusalem leichtfertige Zeit. Die reichen und vornehmen Leute waren meist Sadduzäer, die über Gott und Ewigkeit sich lachend hinwegsetzten, um ihrer Lust zu leben. Der junge Saulus ließ sich nicht anstecken. Er vertiefte sich in das väterliche Gesetz. „Ich bin, sagt er, ein Pharisäer gewesen, welche ist die strengste Sekte unsers Gottesdienstes.“ (Apst. 26, 5.) Den Galatern erzählt er (1, 14): „Ich nahm zu im Judentum über viele meinesgleichen in meinem Geschlecht, und eiferte über die Maßen um das väterliche Gesetz.“ „Nach der Gerechtigkeit im Gesetz bin ich unsträflich gewesen.“ (Phil. 3, 6.) Er darf sich sogar auf das Zeugnis der Feinde berufen, dass von Jugend auf an seinem Leben kein Makel hafte. (Apst. 26, 4.) „Ich habe mit allem guten Gewissen gewandelt vor Gott bis auf diesen Tag.“ (Apst. 23, 1.) Noch kurz vor seinem Ende sagt er auch von dieser Jugendzeit: „Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Voreltern her in reinem Gewissen.“ (2. Tim. 1, 3.) Das will viel sagen. Wir sehen an Saulus die Blüte selbst erworbener Gerechtigkeit, einen sittlichen Ernst, eine strenge Gewissenhaftigkeit, die kaum größer sein konnte. Selbst das erleuchtete Auge des Apostels vermochte an dem Dienst, welchen er Gott schon in der Jugend geleistet hatte, keine Unaufrichtigkeit, nur ernste Gewissenhaftigkeit zu sehen. Und bei dieser Lauterkeit der Seele, welcher rastlose Wirkenstrieb! Er war, wie er sagt, ein Eiferer um Gott (V. 3). Es flammte in ihm ein Feuergeist für seinen Herrn und sein Volk. Nichts tat er halb, und was er tat, tat er nicht für sich, sondern für den Gott seiner Väter. Für ihn zu wirken, zu arbeiten, wo er konnte, das väterliche Gesetz zu schirmen und zu schützen, das war die Aufgabe seines Lebens!
Wer will sich mit dem jungen Saulus an Ernst, Aufrichtigkeit, Gewissenhaftigkeit und Eifer messen?!
Und doch die besten angeborenen oder selbst errungenen Tugenden und Vorzüge und in diesen der edelste Kern, Lauterkeit und Gewissenhaftigkeit, sind nicht die Bedingungen, die uns zum Dienste des Herrn schon fähig machen. Trotz ihrer kann man in arge Irrtümer und auf die traurigsten Abwege geraten. Wie später die Macht der Gnade, so ist vorher die Unzulänglichkeit aller natürlichen Lauterkeit, Gewissenhaftigkeit und Gottesfurcht an Saulus offenbar geworden. Erst hat Gott in diesem Manne die natürliche Gerechtigkeit aufs erhabenste glänzen, dann sie in den dunkelsten Abgrund stürzen lassen. Denn der edle Saulus machte, wie wir wissen, gemeinschaftliche Sache mit den von bitterem Hass und Neid, von offenbarer Selbstsucht getriebenen Priestern und Pharisäern. Er erniedrigte sich zum Schergen dieser heuchlerischen Seelen, zu ihrem Henker und Handlanger, als er denen die Kleider verwahrte, die Stephanum steinigten. Er hatte sogar, wie er gesteht, Wohlgefallen an dem Tode des Stephanus. Das selige, triumphierende Ende dieses Märtyrers machte vorerst keinen andern Eindruck auf ihn, als dass er, wie ein Blutdürstiger, mit Drohen und Morden wider die Christen schnaubte. „Ich meinte bei mir selbst, ich müsste viel zuwider tun dem Namen Jesu von Nazareth. Durch alle Schulen peinigte ich sie oft, und zwang sie zu lästern und war überaus unsinnig auf sie.“ (Apst. 26, 9 ff.) So tief ist der gestürzt, der Gott dienen wollte, und ihm gedient hat mit aufrichtigem und gutem Gewissen! Merken wir nun mit Zittern, dass mit einer gewissen natürlichen Aufrichtigkeit und einem edlen Gewissen noch niemand fähig ist, ein Diener Jesu zu werden? Wir können diese Eigenschaften, ob welcher man sich so gern aufbläht, besitzen und dennoch statt Diener Verfolger des Herrn, statt Bauleute an seinem Reiche Zerstörer seines Werkes werden.
Wir wollen uns davon noch einige andere Beispiele vor Augen stellen. Moses hatte solchen ehrlichen Eifer um Gott und sein Volk, dass er nicht mehr ein Sohn der Tochter Pharaos heißen wollte, die Schätze Ägyptens gering achtete und allem Erdenglück und Glanz den Rücken kehrte. Trotzdem ist er so tief gesunken, dass er, Gottes vergessend, nur Menschen nach den Augen sah und zum Mörder wurde. (2. Mos. 2, 12.)
Simon Petrus gab in gutgemeinter Aufrichtigkeit seinem Meister den Rat, seiner zu schonen. Er ist aber mit dieser Dienstfertigkeit so in die Irre geraten, dass der Herr ihm sagen musste: „Hebe dich, Satan, von mir, du bist mir ärgerlich!“ (Matth. 16, 23.) Im Garten Gethsemane wollte derselbe Simon mit demselben aufrichtigen Eifer und guten Gewissen dem geliebten Meister einen neuen Liebesdienst erweisen, da er mit dem Schwerte drein schlug, um mit Gefahr des eignen Lebens jenen zu befreien. In welche Tiefe ist er da abermals gestürzt!
Er würde, wenn er seinen Willen durchgesetzt hätte, die Sache Jesu nicht nur befleckt, sondern die Erlösung der Welt verhindert haben.
Auf Martha noch wollen wir sehen, die sich viel zu schaffen machte, dem Herrn zu dienen, und die der Herr, wie ausdrücklich bemerkt wird, lieb hatte, die also gewiss mit aller Aufrichtigkeit, deren ein natürliches Herz fähig ist, ihrem geliebten Jesu anhing. Wir freuen uns an ihrer raschen, eifrigen, lauteren, liebenswürdigen Dienstfertigkeit. Ach, und wie ist sie damit zu Schanden geworden! Wie bald und wie traurig hat sie Schiffbruch gelitten. Kaum hatte sie angefangen, für Jesum zu arbeiten, da wurde ihr das, was ihr anfangs die süßeste Lust gewesen war, zu einer schweren Last. Sobald sie im Dienste Jesu für das eigne Herz keine Befriedigung mehr fand, wurde sie gegen ihre Schwester Maria bitter, voll Neid, lieblos, verdammungssüchtig. Und Jesum selbst fuhr sie an, als wäre sie die weise Meisterin und er der unverständige Knecht, dem sie erst sagen müsste, wie er handeln sollte. Sie begann damit, Jesu zu dienen, und endete damit, Jesum zu meistern, Jesum anzuklagen, Jesu zu befehlen. Das ist das Los aller nicht aus Gott geborenen Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit. dass eine Furcht vom Herrn auf uns fiele! Es ist mancher an die Arbeit für den Herrn und seinen Nächsten mit gutem und aufrichtigem Gewissen und lauterem Eifer gegangen, und dennoch ein überaus unsinniger Zerstörer des Werkes Gottes geworden, wie Saulus, ein Menschendiener und Mörder, wie Moses, ein ärgerlicher Satanas und Hinderer des Werkes Jesu, wie Simon. Er hat angefangen, frisch und froh wie Martha, und eben sobald, wie sie, die Flügel hängen lassen, ist in der Seele müde und matt und sehr verdrossen geworden, hat sich hoffärtig und tadelsüchtig über andere erhoben, und sich sogar vermessen, dem Herrn selbst Vorschriften und Vorwürfe zu machen. Trotz seiner Aufrichtigkeit gelang ihm nichts. Alle Pläne missglückten, auch die schönsten. Er hat nur Schaden angerichtet, das Werk Jesu verwirrt, befleckt, gehindert, gestört. Aber der Herr wacht. Er lässt es dem Aufrichtigen doch gelingen. Denn wen er zu seinem Dienst ausgesondert hat, den führt er mit Absicht und aus Liebe also, dass er alle eigenen Tugenden zertrümmert sieht und erleben muss, in wie traurige Irrwege ein gutes Herz und aufrichtiges Gewissen ihn geführt hat. Das ist der rechte Weg. Denn wer ganz und allein auf die Gnade sich gründen will, der muss gründlich erfahren, dass die besten Triebe und Kräfte des natürlichen Menschen nicht vor Fall und Frevel bewahren, und dass, wer sich auf sein Herz, sein edles, gutes, wohlwollendes, treues, gewissenhaftes, lauteres, eifriges, festes Herz verlässt, ein Narr ist! Zwar geht diese Erfahrung nicht ohne vernichtenden Schmerz ab. „Es tut mir wehe im Herzen und sticht mich in meinen Nieren, dass ich muss ein Narr sein und nichts wissen und muss wie ein Tier sein vor dir!“ (Ps. 73, 21. 22.) Aber es folgt auch das Bekenntnis: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand; du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an!“ (Ps. 73, 23. 24.)
Merke also: die Zertrümmerung aller unserer natürlichen Tugenden und Vorzüge ist die erste und notwendigste Vorbereitung für den Dienst des Herrn und seiner Gemeinde. Wir wollen zerschlagen heimgehen. Denn „Opfer und Brandopfer gefallen Gott nicht. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten!“