Dammann, Julius - Drei Photographien.

Dammann, Julius - Drei Photographien.

Wen soll Er denn lehren die Erkenntnis? Wem soll Er zu verstehen geben die Predigt? Den Entwöhnten von der Milch; denen, die von Brüsten abgesetzt sind. Denn sie sagen: Gebiete hin, gebiete her; harre hier, harre da; harre hier, harre da; hier ein wenig, da ein wenig. Wohlan, Er wird einmal mit spöttischen Lippen und mit anderer Zunge reden zu diesem Volke, welchem dies jetzt gepredigt wird: So hat man Ruhe, so erquickt man die Müden, so wird man stille; und wollen doch solcher Predigt nicht. Darum soll ihnen des Herrn Wort eben also werden: Gebiete hin, gebiete her; gebiete hin, gebiete her; harre hier, harre da; harre hier, harre da; hier ein wenig, da ein wenig.

Erklärung nach Dächsels Bibelwerk.

Wen soll Er (der Herr durch Seine Propheten) denn lehren das Erkenntnis (das richtige Verständnis göttlicher Dinge überhaupt, namentlich aber auch der göttlichen Schickungen in den Ereignissen dieser Zeit)? Wem soll Er zu verstehen geben die Predigt (von dem bevorstehenden Gericht und dem, was damit zusammenhängt)? Den Entwöhnten von der Milch; denen, die von Brüsten abgesetzt sind! (Es würde ein ebenso vergebliches Beginnen sein, die Leute dieses Geschlechts durch Vorhaltung der Wahrheit zurechtbringen zu wollen, wie wenn einer den eben erst entwöhnten Kindern predigen wollte; unvernommen und unverstanden rauscht das Wort der Ermahnung an den Ohren vorüber. Denn sie (behandeln den, der sie den rechten Weg lehren will, als einen unverträglichen Moralisten und wenden sich mit spöttischer Rede von ihm ab, in dem sie) sagen: Gebiete hin, gebiete her; gebiete hin, gebiete her; harre hier, harre da, hier ein wenig, da ein wenig. Wohlan (mögen sie fortfahren, den Herrn in Seinen rechten Propheten so verächtlich und spöttisch von sich abzuweisen), Er wird einmal (wenn Seine Zeit kommt), ihnen mit gleicher Münze bezahlen, mit spöttischen Lippen und mit einer anderen Zunge (nämlich durch die der rohen und barbarischen Völker, deren Er zu Seiner Züchtigung sich bedient) reden zu diesem Volk, welchem jetzt (in aller Freundlichkeit und zu Seinem eigenen Besten) dies gepredigt wird; so (wie Ich es euch durch Meine Propheten sagen lasse) hat man Ruhe, so erquickt man die Müden, so (auf dem Wege, den Ich euch zeige) wird man stille; und wollen doch solcher Predigt nicht. Darum soll (zu gerechter Vergeltung) ihnen auch des Herrn Worte eben also werden (wie sie vorhin selber gesagt haben V. 10): Gebiete hin, gebiete her; gebiete hin, gebiete her; harre hier, harre da; harre hier, harre da; hier ein wenig, da ein wenig. Jesaja 28, 9-13.

Drei Photographien.

Man kann die Heilige Schrift ein Photographie-Album nennen und auch einen photographischen Apparat. Die Photographien von den Menschenkindern, die sie enthält, sind alle scharf und klar, sprechen ähnlich und niemals geschmeichelt. Da fehlt kein hässlicher Fleck, den die Photographen, wenn sie es eben machen können, hinterher noch gerne beseitigen. Seht euch die Bilder an von Adam, Eva, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Josua, Moses, Saul, David, Salomo, Ahab, Elias, Elisa, Petrus, Johannes, Judas, Thomas, Paulus und wie sie alle heißen die Jünglinge und Jungfrauen, Armen und Reichen, wahre Gestalten sind es, Moment-Photographien nach dem Leben, nicht im Sonntags-Anzuge photographiert. Es gibt sehr geschickte Maler, die können von einer Person ein sprechend ähnliches Ölgemälde herstellen und doch sagt jeder: Das Bild ist idealisiert, so verjüngt, so schön und lieblich, ansprechend und geistig sind die Züge der betreffenden Person doch nicht. Die Bibel kennt diese Kunst nicht. Hat Abraham oder Johannes, David oder Elias, Petrus oder Thomas einen hässlichen Flecken oder zwei auf ihren Bildern, sind sie deutlich zu sehen. Die Bibel hängt nie der Sünde ein Mäntelchen um und bedeckt nie einen Flecken mit Schminke. Doch eine Reihe von Bildern liegt in diesem Album, auf denen ist kein Flecken noch Runzel zu sehen. Das sind die Photographien von Jesus. Bei den verschiedensten Gelegenheiten ist Jesus aufgenommen: als kleines Kind, als 12jähriger Knabe, auf einer Hochzeit, in der Synagoge, im Tempel, auf dem Berge, auf dem Meere, an Kranken- und Sterbebetten, in der Familie, auf der Straße am Ölberg, in der Dornenkrone und im Purpur-Mantel, auf dem Schmerzens-Wege nach Golgatha, am Kreuze aber alle Bilder sind ideal, von vollendeter Schönheit, auf allen Bildern ist über Ihn ausgegossen, wie ein Schein himmlischer Verklärung. Wer die Serie dieser Jesusbilder aufmerksam betrachtet, der sieht etwas hindurchschimmern von göttlicher Heiligkeit und versteht das Wort des Johannes, des Jüngers, der Ihm am nächsten stand und an Seiner Brust gelegen: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

Aber der bleibt auch ganz bei der Sache, der die Bibel einen photographischen Apparat nennt. Und dieser Apparat arbeitet sehr fein und genau. Man könnte sagen, er arbeitet mit Röntgenstrahlen. Er photographiert nämlich auch die Herzen. Es ist nur gut, dass die Photographen das nicht können. Sie würden auch wenig Kundschaft haben. Wer lässt gern sein Herz photographieren? O, ihr Herren Photographen, in euren großen Schaufenstern würde gewiss dann kein Bild zu sehen sein, wenn ihr die Herzen mitphotographiertet. Diese junge reizende Dame da in der entzückenden Toilette und ihrer kunstvollen Haarfrisur würde es sich sehr verbitten, ihr Bild, das allgemein bewundert wird, auszustellen, und der junge schneidige Herr würde lebhaft protestieren, wenn er sein Bild sehen würde. Nun, ihr Photographen könnt das Inwendige der Herzen nicht photographieren. Aber die Bibel kann es. Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und stärker, denn kein zweischneidiges Schwert, und dringt durch, bis dass es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und keine Kreatur ist vor Ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor Seinen Augen. Hebr. 4, 12 und 13.

Und nun komme ich zu unserem Text. Es soll mich nicht wundern, wenn nun viele erstaunt fragen: Was hat denn dieser sonderbare Text mit einem photographischen Apparat zu tun?

Viel, sehr viel. Die drei Bilder, die durch diese Worte angefertigt werden, sind wahre Meisterstücke biblischer Photographie.

Der Prophet Jesaja geht mit dem Königreich Juda in diesen Versen scharf ins Gesicht. Er hatte vorher über das Königreich Israel bitter klagen müssen. Aber auch in Juda sah es nicht besser aus. Und doch hatte Juda, was Israel nicht hatte, den Tempel zu Jerusalem, die Stätte der Anbetung und der Opfer mit dem Allerheiligsten, hatte Leviten, Priester und Hohepriester, hatte das Gesetz und Verheißung, hatte viele fromme Könige gehabt und geistesvolle Propheten. Man hätte denken sollen, das Königreich Juda wäre wie ein Garten Gottes voll von Früchten der Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Heiligkeit, voll von Leuten, die ein tiefes Verständnis hätten für göttliche Wahrheiten und Gedanken. Es sind bald 500 Jahre, dass Luther in Deutschland auftrat und dass man anfing zu predigen von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt an Christum den Gekreuzigten. Fünfzehn Generationen haben es gehört, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben; 15 Generationen haben die Bibel in der Hand gehabt; fünfzehn Generationen haben deutsche Gottesdienste gehabt mit deutschen Liedern und Gebeten - und doch wie groß ist die Unkenntnis in den einfachsten Wahrheiten des Evangeliums bis auf den heutigen Tag in allen Schichten unseres Volkes, wie groß ist die Gleichgültigkeit gegen unser evangelisches Bekenntnis, wie groß die Selbstgerechtigkeit! Auf der einen Seite ein krasser Unglaube, auf der andern Seite totes Wesen. Die Schilderung des Propheten Jesajas passt Zug um Zug auf die heutige Zeit. Auch heute wird gepredigt:

So, nämlich durch das Evangelium, hat man Ruhe, so werden die Müden erquickt, so wird man stille.

Der Heiland ruft in diese unruhige Welt hinein: Kommt her zu Mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.

Und gepriesen sei Gott, der in diesen Zeitläufen, wie nie zuvor, vor so vielen Zeugen und auf so vielen Kanzeln das Evangelium lauter und rein verkündigen lässt.

Heute ist es nicht bloß „eine Wittenberger Nachtigall“, wie Hans Sachs von Luther sagte, heute hören wir die Nachtigallen überall diese Weisen singen:

Am Kreuze meines Heilands,
Das ist mein sicherer Stand,
Da labt der Allmacht Schatten mich
Im dürren Wüstenland.

Hier beut sich mir ein süßes Heim,
Der Seele Ruhestatt.
Wenn Trübsalshitze ringsum brennt,
Wenn ich werd' müd und matt.

Hier unter diesem Kreuze
Verliert der Tod sein Grau'n;
In Jesu Wunden tief und weit
Darf ich die Rettung schau'n.

Die Arme hält Er ausgestreckt
Zu aller Sünder Heil;
Als Himmelsherold weist er hin
Nach unserm Erb und Teil.

Dass der gekreuzigte Jesus uns erlöste von der Schuld der Sünde, die Er auf Sich nahm, dass Er am Fluchholz hing, um uns zu erretten vom Fluch, dass alles vollbracht ist und wir nur zu nehmen brauchen, dass der auferstandene Christus ein ewig lebendiger persönlicher Heiland ist, dass Er uns erlösen kann und will auch von der Macht jeder Sünde, dass Er durch Seinen Heiligen Geist neue Kreaturen aus uns macht, dass Er durch diesen Heiligen Geist sich in uns verklären will, dass Er, der Verklärte, Sein Verklärungsleben uns mitteilen will, dass wir in Seiner Kraft triumphieren über Sünde, Tod und Teufel, dass alle Seine Gläubigen in allen Kirchen und Denominationen und Gemeinschaften Glieder sind an Seinem Leibe, dass Er wiederkommen wird, Seine erlöste Gemeinde um sich zu sammeln, das wird mit einer größeren Entschiedenheit und Begeisterung verkündigt. Pastoren predigen es auf den Kanzeln, Evangelisten bezeugen es in großen Versammlungen, in 100.000 Sonntags- und Pfennigs-Blättern wird es gedruckt und verbreitet.

Wie stehen die Menschen dazu? Das hören wir eben in unserem Text.

Was die Juden zur Zeit des Propheten Jesaja dazu sagten, ist genau dasselbe, was in der heutigen Christenheit gesagt wird.

Die einen sagten: Gebiete hin, gebiete her!

Die anderen: Harre hier, harre da!

Die dritten: Hier ein wenig, da ein wenig!

Die ersten wiederholen ihre Worte: Gebiete hin, gebiete her! Gebiete hin, gebiete her!

Ihr Herz ist voller Abneigung gegen das Wort Gottes. In dieser Wiederholung zeigt sich ihr Widerwillen und Entrüstung.

Die zweiten wiederholen auch ihr Wort: Harre hier, harre da! Harre hier, harre da!

Vielleicht wollen sie damit kundgeben, dass sie wirklich die ernste Absicht haben, späterhin dem Joche näher zu treten. Darum bitten sie durch die Wiederholung dringend um Aufschub.

Die dritten sagen nun einfach: Hier ein wenig, da ein wenig!

Sie sind wohl bereit, auf das Wort Gottes einzugehen, aber es ist ihnen nicht heiliger, bitterer Ernst. Sie wollen sich auf bequeme Weise der Sache entledigen. Darum sagen sie nur einfach: Hier ein wenig, da ein wenig.

Mit diesen paar Worten hat der biblische photographische Apparat die Herzen in der schärfsten Weise photographiert.

Sehen wir zu, ob nicht auch eine Photographie unseres Herzens dabei ist. Was sage ich: Sehen wir zu, ob…? so ist keiner unter uns, unter meinen Hörern und Lesern, dem diese Photographien nicht etwas zu sagen hätten, dem einen mehr, dem andern weniger. Holen wir uns Mut und Demut genug, diese Bilder uns genau anzusehen. Geschmeichelt sind wir nicht darauf und das wollen wir auch nicht sein. Wir wollen es auch nicht machen, wie jene afrikanische Prinzessin. Der hatte man auch vorgeschwindelt, wie hübsch sie wäre. Da kam ein europäischer Kaufmann ins Land, der allerlei Sachen, auch Spiegel, mit sich führte. Als sie zum ersten Male ihr Gesicht in einem Spiegel sah, warf sie ihn entrüstet fort mit den Worten: Du lügst, du infames Ding! Aber der Spiegel hatte nicht gelogen, sondern die Prinzessin hatte sich belügen lassen. Das ist uns heilsam und gut, wenn ein Blick in diese Photographien uns beunruhigt.

Ich war einmal bei einem vornehmen, gebildeten Herrn, der zugleich Mitglied des Presbyteriums meiner Gemeinde war, der sagte mir unter anderem: „Herr Pastor, ich kann im Abendgottesdienst nicht mehr zu Ihnen in die Kirche gehen. Ich habe neulich von Ihnen eine Predigt gehört, die hat mich so aufgeregt, dass ich die ganze Nacht nicht habe schlafen können. Und das ist hart für mich in meinem Alter, denn ich bin ein Siebziger und bedarf sehr der Nachtruhe.“ Darauf ich: „Es kommt darauf an, wodurch Sie aufgeregt worden sind. Habe ich einen ungeschickten, hässlichen Ausdruck gebraucht, dann, bitte, vergeben Sie mir. War es aber ein Wort Gottes oder eine Folgerung aus dem Worte Gottes, was Sie beunruhigte, dann können Sie mir nicht zürnen.“

Die erste Photographie.

Gebiete hin, gebiete her! Gebiete hin, gebiete her!

Es sind große Massen inmitten der Christenheit, die auf die Predigt des Evangeliums nur diese Antwort haben: Gebiete hin, gebiete her. Sie lachen oder spotten über solche Predigt. Eine Torheit ist sie ihnen oder ein Ärgernis, oder beides zugleich. Vergebens war der Schulunterricht und der Konfirmationsunterricht. Ach, oft genug verwischte die Schule die Eindrücke, die sie im Konfirmandenunterricht empfingen, und oft genug nahmen sie auch aus der Konfirmandenstande nichts mit nach Haus für Herz und Gemüt. Und dazu im Hause der Eltern kein Wort Gottes, kein Gebet. So sind sie schon in der Jugend dem Evangelium völlig entfremdet. Seht sie euch an, diese Scharen junger Leute auf den oberen Klassen der Realschulen und Gymnasien, auf den Universitäten und technischen Schulen, diese Lehrlinge und Gesellen am Sonntag-Vormittag in der Fortbildungsschule, am Sonntag-Nachmittag in den Wirtschaften, die Handlungsbeflissenen und Industriearbeiter - o wie schrecklich, dass auch unsere Jugend schon diese Sprache führt: Gebiete hin, gebiete her!

Vergebens sind Krankheiten, Todesfälle, Prüfungen, Züchtigungen, vergebens stehen für solche die Kirchen, vergebens läuten für solche die Glocken, vergebens ist für sie die Bibel gedruckt, vergebens laden christliche Vereine ein, vergebens werden Evangelisations-Versammlungen veranstaltet: Gebiete hin, gebiete her!

Wie er es auch anfängt, der arme Prediger, immer dieselben Worte: Gebiete hin, gebiete her.

Da gibt's heutzutage viele nach Besitz und Bildung maßgebende Leute, wie die Kölnische Zeitung sich ausdrückte, die meinen, die Kirche müsse ein vernünftiges Evangelium predigen lassen, so wie es der modernen Zeit entspräche. Die alten Katechismus-Wahrheiten seien abgetane Sachen. Wer glaube noch an den Christus, für unsere Sünden gekreuzigt und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt? Was sollen wir denn predigen?

Predigt Moral, sagt die Welt. Macht die Bergpredigt zu eurem Evangelium. Predigt nicht das Evangelium von Jesu, dem Sohne Gottes, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, sondern das Evangelium, wie es Jesus selbst in der Bergpredigt verkündigt hat. Sagt den Leuten, dass sie sich lieb haben sollen; ermahnt die Reichen und die Armen, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, die Eheleute, die Kinder, die Eltern. Im Übrigen tauft die Kinder, kopuliert die Brautleute, tröstet die Kranken und Sterbenden, begrabt die Toten, dann seid ihr vernünftige Pastoren. Das ist eine törichte Rede. Als wenn die Leute auf alle unsere Moralpredigten etwas anderes antworteten als: Gebiete hin, gebiete her. Wir lassen uns von dir nichts gebieten, wir tun schließlich doch, was wir wollen. Moralpredigten schaffen kein Leben, helfen nicht zum Frieden, führen nicht zur Freude, erquicken keine Bekümmerten, trösten keine Betrübten. Das Gesetz richtet Zorn an, sagt Paulus. Da wird man kleinmütig und verzagt, trostlos und unruhig, man verzweifelt an sich selbst in Erkenntnis seiner eigenen Schwachheit. Nach einer Moralpredigt wird niemand sagen können: So hat man Ruhe, so erquickt man die Müden, so wird man stille. Moralpredigten geben keine Kraft, keine Hoffnung, keine Begeisterung. Das Gesetz ist nur ein Zuchtmeister auf Christum. Moralpredigten können uns nur erkennen lassen, wie nötig wir einen Heiland haben, der uns von dem Fluch und von der Macht aller Sünden erlösen kann und will.

Gott gebietet im Evangelium keine Moral. Er weiß ja, dass wir aus eigener Kraft das Gesetz nicht halten können. Die Geschichte des Volkes Israel ist ein lauter zum Himmel schreiender Beweis dafür. Man lese nur das ergreifende Gebet des Daniel (Daniel 9), um sich zu überzeugen, wie schrecklich Israel zu Schanden geworden ist am Gesetz. Gegen diese Gräuel der Unzucht, gegen diese Völlerei und Sauferei, gegen diese Zuchtlosigkeit und Unbotmäßigkeit heutzutage richten Strafpredigten nichts aus, garnichts. Man geht darüber zur Tagesordnung mit den Worten: Gebiete hin, gebiete her. Wie verkennen die vielen „moralischen“ Predigten der heutigen Zeit den Sinn und den Zweck des Evangeliums, wenn sie das Evangelium nur zu einer elenden glatten Moral machen. „Ich fasse das Evangelium nur ethisch auf und nicht dogmatisch,“ sagte mir mal einer von vielen, die sich haben von der ritschl'schen Theologie bezaubern lassen. Diese theologischen Ausdrücke in gut Deutsch übersetzt lauten: Ich glaube nicht, dass Jesus der eingeborene Sohn Gottes gewesen; ich glaube nicht, dass wir durch Sein Blut erlöst sind von allen Sünden, vom Tode und der Gewalt des Teufels; ich glaube nicht an die erneuernde Kraft des Heiligen Geistes; ich glaube nicht an eine persönliche Bekehrung und Wiedergeburt; ich glaube nur, dass Jesus uns ein heiliges Vorbild hinterlassen, und ich betrachte es nur als meine Aufgabe, zu predigen: Folge diesem Jesus nach! Ich habe ihm geantwortet: „Lieber Herr Amtsbruder, Ihre Predigt ist töricht und vergeblich. Ihre Ethik ohne Dogmatik ist ein Hausbau, der mit dem Dache beginnt. Wenn Sie die Dogmatik über den Haufen werfen, wenn Sie die Tatsachen der Erlösung leugnen, die gottmenschliche Geburt Jesu, Seinen sühnenden Kreuzestod, Seine siegreiche, leibhaftige Auferstehung, die Realität des Heiligen Geistes und was sonst zu diesen Tatsachen gehört, bemühen Sie sich nur nicht weiter um die Ethik, die fällt von selbst trotz Ihrer Ermahnungen. Was gebietet denn Gott?

Tut Buße! Glaubet an das Evangelium! Glaubet an den Herrn Jesum Christum!

Buße tun, das heißt in sich gehen, den jammervollen Zustand seines sündhaften Wesens und Lebens erkennen, seine Gesetzesübertretungen tief bereuen, Abscheu haben vor seiner Sünde, sich sehnen, erlöst zu werden von der Macht der Sünde, verzweifeln an sich selbst. An den Herrn Jesum glauben, das heißt Ihn annehmen als seinen Gott, auf Ihn sich werfen mit ganzem Vertrauen, mit seinen Sünden Ihn belasten, Sein Fleisch und Blut essen und trinken, Ihn zu haben als einen persönlichen, lebendigen, gegenwärtigen Heiland, mit Seinem Heiligen Geist sich erfüllen, Ihm nach Leib und Seele sich zu übergeben.

Können wir das? Freilich, das können wir. Das hat mit unserm Kopfe, mit unserm Verstande, mit unserer Vernunft nichts zu tun. Das ist eine Tat des Willens. Wer da will, sagt Christus, der komme zu Mir. Wenn Jesus gesagt hätte: Wer da kann, der komme zu Mir, dann gäbe es eine Entschuldigung, die da lautet: Gerne, ich kann nicht. So aber haben wir keine Entschuldigung, wir wollen nicht und weisen die Einladung des Herrn, zu Ihm zu kommen, mit den Worten ab: Gebiete hin, gebiete her!

Sprechen nur die so, die vom Evangelium nichts wissen wollen, denen das Wort vom Kreuz eine Torheit oder ein Ärgernis ist, die weder beten noch im Worte Gottes lesen, die weder zur Kirche noch zum Abendmahl gehen, die völlig gebrochen haben mit dem alten Glauben? Oder sind's auch die, die wohl kirchlich sind, aber kein Leben haben aus Gott, die noch niemals Buße getan haben und mit ihrer Bekehrung noch niemals Ernst gemacht haben, die das Wort Gottes hören, aber nicht annehmen, die es wissen, aber nicht glauben?

Wir wollen uns alle demütigen vor diesem Worte. Jesus sagt: Meine Schafe hören Meine Stimme und folgen Mir. Lassen wir uns alle von Jesu gebieten in allen Dingen? Leben wir alle im Gehorsam des Glaubens? Hängt unser Ohr an Seinem Munde? Lassen wir unsern Willen bestimmen von den leisesten Winken des Heiligen Geistes? Ach wenn es doch so wäre! Wenn wir doch in Wahrheit sprechen könnten: Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern und Dein Gesetz habe ich in meinem Herzen! Wenn wir doch Ihm noch ähnlicher würden, der gesagt hat: Das ist Meine Speise, dass ich tue den Willen des, der Mich gesandt hat. Du, du, hat uns oft die Stimme des guten Hirten zugerufen: Lass das, brich den Umgang ab, ziehe dich zurück! Haben wir es getan? Und wenn nicht, was taten wir denn anders, als dass wir sagten: Gebiete hin, gebiete her!

Da ist ein junges Mädchen.

Sie hat den Herrn lieb, sie will eine von den Jungfrauen sein, die dem Lamm nachfolgen, wohin es geht. Ein junger Mann wirbt um sie. Ihr Herz entbrennt in Liebe. Ein ehrenwerter junger Mann mit trefflichen Eigenschaften, aber sein Herz ist fern vom Heiland. Es ist, als wenn sie die Stimme des guten Hirten klar und deutlich hörte: Tue den Schritt nicht! Lass es nicht zur Verlobung kommen. Du wirst Schaden an deiner Seele nehmen! Aber sie überredet sich mit Fleisch und Blut und hört auf die Stimme ihres Herzens. Der Bund wird geschlossen. Was hat sie getan? Sie hat dem Herrn geantwortet: Gebiete hin, Gebiete her!

Der Herr will die Herrschaft haben über das ganze Herz mit allen Empfindungen und Regungen. Geben wir Ihm uns ganz hin? Was für Gebiete sind es, wo wir Ihn nicht hineinreden lassen? Wenn Er von unserem Gelde haben will, sind wir bereit, Ihm zu geben? Wenn Er unsere Empfindlichkeit straft, geben wir unser Ich in den Tod? Wenn Er unserm Zorngeist gebietet: Schweig und verstumme! wird es da ganz ruhig in uns?

Er wird einmal mit spöttischen Lippen und mit einer andern Zunge reden zu diesem Volke ganz dieselben Worte: Gebiete hin, gebiete her! Gebiete hin, gebiete her!

Das hat das Volk Juda erfahren, als es in die babylonische Gefangenschaft geführt wurde. Da saßen sie an den Wassern Babels und weinten, wenn sie an Zion gedachten. Da mussten sie hören, wie die barbarischen Völker sie verhöhnten mit frecher Zunge und ihrer spotteten: Singt uns doch ein Lied von Zion. Und wenn sie dann zum Himmel schrien um Errettung und Erlösung, dann antwortete ihnen Jehovah mit ihren eigenen Worten: Gebiete hin, gebiete her!

Ein ergreifendes Gegenstück zu dem, was die Schrift von Josua berichtet. Dieser treue und gehorsame Knecht Jehovas redete mit dem Herrn des Tages, da der Herr die Ammoniter dahin gab vor den Kindern Israels und sprach vor dem gegenwärtigen Israel: Sonne, stehe still zu Gibron und Mond im Tale Ajalon! Da stand die Sonne mitten am Himmel und verzog, unter zu gehen beinahe einen ganzen Tag; und war kein Tag diesem gleich, weder zuvor noch danach, da der Herr der Stimme eines Mannes gehorchte!

Und warum gehorchte der Herr der Stimme eines Mannes?

Antwort: Weil Josua dem Herrn gehorchte und nicht zu denen gehörte, die da sagten: Gebiete hin, gebiete her!

Hier ist der Schlüssel zu manchem Geheimnis unerhörter Gebete. Denke an jene Stunden, wo du deinem Gott antwortetest: Gebiete hin, gebiete her! und dann wundere dich nicht, wenn du schreien musst: Ach, Herr, wie so lange! Warum verbirgst Du Dein Antlitz? Du hörst dieselbe Antwort, die du deinem Gott gabst. Wehe, wehe, wenn wir in der Ewigkeit diese Antwort hören müssten!

„Vater Abraham, erbarm dich meiner und sende Lazarum, dass er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme!“ So rief und sprach der ungläubige Reiche in der Verdammnis. Und was antwortete Abraham? Wenn auch nicht mit diesen Worten, so doch in diesem Sinne: Gebiete hin, gebiete her!

Herr, Herr, tue uns auf! rufen die törichten Jungfrauen, vor der verschlossenen Tür des Hochzeitssaales stehend. Er antwortete aber und sprach: „Wahrlich, Ich sage euch, Ich kenne euch nicht.“ Das heißt mit anderen Worten: Gebiete hin, gebiete her!

Die zweite Photographie.

Harre hier, harre da; harre hier, harre da! das heißt: Nur jetzt noch nicht. Man will nur augenblicklich noch nicht solche Predigt annehmen. So ähnlich dachte ja auch im Gleichnis vom großen Abendmahl einer der Geladenen. Ich habe 5 Joch Ochsen gekauft, sagte er, und gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.

Ich gehe jetzt hin, sagt er. Ja, wenn es morgen oder nächste Woche wäre, könnte ich vielleicht kommen. Nur jetzt gerade nicht. Es ist sehr freundlich, dass du mich einlädst, und ich bin überzeugt, dass dein Abendmahl herrlich sein wird; aber ich bedaure sehr, heute nicht kommen zu können.

Große Scharen erkennen und fühlen die Wahrheit des Evangeliums. Sie haben keine wahre Ruhe, keine herzliche Erquickung, keinen tiefen Frieden. Sie suchen in irdischem, sinnlichem Genuss, in der Arbeit, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Gelderwerb, in der Jagd nach Glück ihres Lebens Genüge, aber sie finden sie nicht. Wenn sie ehrlich sind, bekennen sie es offen. Nun hören sie das Evangelium: Gott hat Seinen Sohn in die Welt gesandt, dass wir in Ihm und durch Ihn Leben hätten und selige Genüge. So kommt zu Ihm, glaubt an Seinen Namen. Tretet mit Ihm in eine lebendige, gläubige Gemeinschaft. Sucht Sein Antlitz. Werft alle Lasten und Sorgen eurer Seele auf Ihn. Fangt an zu bitten, ernstlich zu bitten um Seinen Heiligen Geist. Fangt an, ernstlich zu brechen mit der Welt, der das Evangelium von Christo eine Torheit und Ärgernis ist. Fangt an, die Bibel auf den Knien zu lesen und Gottes Wort zu hören aus dem Munde lebendiger Zeugen. Er wird sich euch offenbaren. Ihr werdet je länger je mehr überzeugt werden von der Verdorbenheit eures Herzens, von der Eitelkeit eures Wandels, von den Sünden eures Lebens, aber auch davon, dass Er der Heiland ist, der uns errettet hat von dem Fluch, der auf uns liegt von wegen unserer Sünden Schuld. Ihr werdet noch andere Erfahrungen machen in Seiner Gemeinschaft. Er in euch wird euch zu Überwindern machen, dass ihr nicht mehr Knechte der Sünde seid, sondern Überwinder in der Kraft Seines Geistes. Er wird euch die Augen öffnen über die Vergänglichkeit und Armseligkeit dieser in Sünde und Not und Tod verlorenen Welt. Er wird euch etwas schmecken lassen von den Kräften der zukünftigen Welt. Ihr werdet erkennen, dass Er uns gemacht ist von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. Aus den Elementen dieser Welt herausgenommen, werdet ihr anfangen zu atmen in der Atmosphäre der Ewigkeit. Diese Welt wird euch immer kleiner und die Ewigkeit wird euch immer größer werden. Ihr werdet euer Leben betrachten im Lichte der Ewigkeit und die Führungen eures Gottes verstehen lernen. So hat man Ruhe, so werden die Müden erquickt, so wird man stille. So kommt und tut den entscheidenden Schritt. Macht aus eurem Kirchentum ein Christentum, aus euren religiösen Gefühlen einen heiligen Willensentschluss. Beugt eure Knie, tut Buße für euer bisheriges Leben ohne Gott, bekehrt euch von ganzem Herzen zu dem lebendigen Heiland. Fangt ein neues Leben an, ein Leben mit Gebet und Gottes Wort, ein Leben in einer wesenhaften Gemeinschaft mit eurem Gott und Heiland, aber nicht von morgen, nein, von heute an!

Nun, was sagen die, die solche Predigt hören? Du hast recht geredet, Prediger. Ich fühle die Wahrheit deiner Worte. Ich weiß, ich würde ein glücklicher Mensch werden, ich würde endlich zur Ruhe kommen, ich würde erquickt und getröstet werden und den Frieden haben, den ich bis jetzt vergebens gesucht habe, wenn ich deinem Rate folgte. Aber harre hier, harre da. Warte noch ein wenig. Jetzt geht es noch nicht. Ich bin noch so jung. Ich habe noch dies und das zu tun. Meine Familienverhältnisse gestatten es noch nicht. Es würde so viel Aufsehens machen. Ich fürchte mich ein wenig vor meinen Kollegen, Freunden und Freundinnen, meinem Mann oder meiner Frau, meinem Bruder oder meiner Schwester. Ich werde wohl auch noch dahin kommen, aber jetzt noch nicht. Wenn es mal zum Sterben geht, will ich mich auch bekehren.

Es war große Konferenz in der Hölle, der Satan hatte alle seine Unterteufel und Dämonen versammelt. Es wurde beraten über das Thema: Wie fangen wir es an, damit noch mehr Abbruch dem Evangelium getan werde und noch größere Scharen verloren gehen? Die Debatte war sehr heftig, der eine machte diesen, der andere jenen Vorschlag. Da trat ein Unterteufel auf und sagte: Eure Vorschläge haben nicht viel zu bedeuten. Ich weiß einen besseren Weg. Wir wollen auf die Erde gehen und den Menschenkindern sagen: Hört, ihr müsst euch bekehren, ihr müsst besser werden. So, wie ihr seid, könnt ihr das ewige Leben nicht ererben. Aber das hat noch Zeit. Das braucht nicht von heute auf morgen zu geschehen. Geht nur weiter fleißig zur Kirche und auch zum Abendmahl. Lebt nur weiter so fort, wie ihr bis jetzt gelebt habt, aber später müsst ihr ernst machen!

Bravo, Bravissimo! riefen alle Teufel. Unser Kollege hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

Lache nicht, lieber Leser, liebe Leserin, über diese phantastische Geschichte. Es steckt ein tiefer Ernst darin. Harre hier, harre da! Mit diesen Worten wird der Herr vertröstet von zahllosen Menschenkindern. Ich finde kein Wort in der Schrift, das uns bestimmen könnte, den Herrn warten zu lassen. Die Schrift hat eine große Eile. „Eile und rette deine Seele! Heute, da ihr Seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht.“ Du hast lange genug den Herrn hingehalten. Fühlst du die Wahrheit der Predigt von Jesu, so nimm sie an. Morgen kann es zu spät sein. Sprich heute das entscheidende Wort. Mit diesem Harren und Hinhalten ist schon manch einer um sein ewiges Seelenheil gekommen. Wehe uns, wenn der Tod uns an jenen Ort bringt, der die furchtbare Inschrift trägt: Harre hier, harre da!

Ja, wie scharf wird doch vom göttlichen Wort das menschliche Herz photographiert! Auch die dritte Photographie ist ein Zeugnis dafür. Was sagen die Dritten zu der Predigt des Evangeliums?

Die dritte Photographie.

Hier ein wenig, da ein wenig! Die ersten verhalten sich schroff ablehnend. Auf der Photographie ihres Herzens stehen die Worte: Gebiete hin, gebiete her! Die anderen lehnen für den Augenblick höflich ab. Vielleicht, dass sie später kommen. Ihre Photographie enthält die Worte: Harre hier, harre da! Die dritten endlich antworten auf die Predigt vom Heiland der Welt, der den Menschenkindern Ruhe, Erquickung und Frieden geben will: Hier ein wenig, da ein wenig!

Nein, sagen sie, so ganz ohne Religion kann doch ein Mensch nicht sein. Religion muss sein. Wir stehen ganz auf der Seite Kaiser Wilhelms I., der die denkwürdigen Worte gesprochen hat: Dem Volke muss die Religion erhalten bleiben. Da hat z. B. Professor Ernst Häckel in Jena ein Buch geschrieben: „Die Welträtsel.“ Der macht gründlich Kehraus mit allen religiösen Gedanken und Sätzen, Empfindungen und Gefühlen. Es gibt, sagt dieser Mann, keinen persönlichen Gott, keinen allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde. Die ganze sichtbare Welt hat sich im Laufe von Millionen oder Milliarden Jahren aus einer lebendigen Zelle nach ewigen natürlichen Gesetzen entwickelt. Der Mensch ist ein höher entwickeltes Tier, weiter nichts. Eine unsterbliche Seele hat er nicht, ein ewiges Leben gibt es nicht. Die Bibel ist ein Buch voller Irrtümer, Widersprüche, Sagen und Mythen. Jesus war ein religiöser Schwärmer, aber ein ordinärer Mensch wie wir. Nein, so weit darf man nicht gehen, wie dieser Häckel. Religion muss sein, schon von wegen der Sozialdemokraten. An einen Gott muss man glauben. Und dass ein Mensch stirbt und verdirbt wie ein Stück Vieh, das kann man doch nicht glauben. Die Bibel ist ein gutes Buch, und Jesus war ein heiliger Mensch. Man muss doch ein Christenmensch sein, der getauft und konfirmiert ist. Man muss auch zur Kirche und zum heiligen Abendmahl gehen. Die Ehen müssen eingesegnet und die Toten ein ehrlich kirchliches Begräbnis haben.

Wenn aber nun in der Kirche das Evangelium gepredigt wird: Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. Christus hat uns erlöst von dem Fluche des Gesetzes, da Er ward ein Fluch für uns. Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller unserer Sünde. Er ist um unserer Sünde willen dahin gegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt. Welche Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nein, sagen sie dann, das ist zu viel. Das ist Muckerei und Pietismus. Hier ein wenig, da ein wenig. So etwas vom Christentum, das ist vernünftig, aber das ganze Christentum mit allen seinen Konsequenzen, das ist überspannt, das geht zu weit. Man muss, sagt die Welt, nichts übertreiben, auch die Frömmigkeit nicht. Man muss die goldene Mittelstraße ziehen. Mit „Hier ein wenig, da ein wenig“ kommt man vortrefflich durch die Welt. Ganz gewiss, aber nicht in den Himmel. Jesus redet eine andere Sprache. „So jemand zu Mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht Mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und Mir nachfolgt, der kann nicht Mein Jünger sein.“ So dich aber deine Hand ärgert oder dein Fuß, so haue ihn ab. Es ist besser, dass du als Krüppel zum Leben eingehst, denn dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und fährst in die Hölle, in das ewige Feuer, da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht.“ Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absagt allem, das er hat, kann nicht Mein Jünger sein.

„ Wer sich nicht ganz dem Herrn ergeben,
Der führt ein wahres Jammerleben.
Brich' durch, es koste, was es will,
Sonst wird das arme Herz nicht still.“

Gingen eines Morgens zwei Knaben über das Feld zur Schule. Sie kamen an einem Eisenbahndamm vorbei und sahen zu ihrem Schreck, dass die Schienen von ruchloser Hand aufgerissen waren. „Das gibt ein Unglück“ sagte der eine, „wenn der Schnellzug kommt.“ „Lass' uns,“ sagte der andere, „dem Zug entgegenlaufen.“ Als der Lokomotivführer die beiden Knaben mit winkenden Taschentüchern dem Zuge entgegenkommen sah, wurde er sehr unwillig und fing an, wohl oder übel, da er ja doch die Knaben nicht überfahren konnte, den Zug zu bremsen. Mittlerweile waren sie so nahe gekommen, dass Lokomotivführer und Heizer in die vor Angst entsetzten Gesichter der Knaben sehen konnten. Da sprach der Heizer zum Führer: Du, die machen ernst!

Mit „hier ein wenig und da ein wenig“ macht man nicht ernst. Dass doch die Welt auch über uns sagen könnte: Die machen ernst mit ihrem Glauben und Leben, mit ihrer Bekehrung und Heiligung. Dann kann der Herr auch Ernst machen, uns Sein ganzes Heil erfahren zu lassen. Dann sollen wir trunken werden von den Gütern Seines Hauses.


Wo ist denn nun dein Gott?

Evangelisationsreden von Pastor J. Dammann Herausgeber von „Licht und Leben“ .

No. 10.

Drei Photographieen!

Preis 15 Pfennige.

Verlag:
Buchhandlung „Immanuel“
Hagen i. W.

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