Beets, Nicolaas - Das Wesen und die Kraft der Sünde.
Gen. 3, 1-6.
Und die Schlange war listiger, denn alle Tiere aus dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zum Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt ihn auch nicht an, dass ihr nicht sterbt. Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; denn Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, eure Augen aufgetan und ihr sein werdet wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib schaute an, dass von dem Baume gut zu essen wäre und dass er eine Lust wäre für die Augen, ja ein Baum, der lieblich wäre anzusehen; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Manne auch davon und er aß.
Welch ein Frieden lacht uns aus dem zweiten Kapitel der Genesis entgegen. Durch einen allmächtigen und liebreichen Gott „Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer vollendet.“ Dieser Gott in seine erhabene, in seine selige, in seine allezeit wirksame Ruhe eingegangen. Die fruchtbare Schöpfung von fruchtbarem Tau benetzt. An ihrer Spitze der Mensch, Staub der Erde, aber beseelt von dem Lebensodem Gottes. Dieser Mensch, gesetzt in einen Garten, in ein Paradies, das bestimmt ist, ein kurzer Inbegriff aller Lieblichkeiten der Natur zu sein. Unter tausend schönen Bäumen der Baum des Lebens, seinen Schatten ausbreitend, zu seinen Früchten einladend. Frische Wasser, die auf- und untergehende Sonne wiederspiegelnd. Dieser Mensch glücklich durch allen Reichtum, welcher und worin die Liebe Gottes ihn umringt; noch glücklicher durch die Sprache der Liebe Gottes in seinem Gemüt; noch glücklicher durch das Bewusstsein mit ganzer Seele und ganzem Wesen seinen Gott lieb zu haben; glücklich durch Weisheit, durch Heiligkeit und durch den Besitz einer ewigen Lebenskraft; glücklich auch durch das prüfende Gebot, welches ihm vergönnte gut zu sein, nicht bloß wie die unfreie Natur durch anerschaffene Vollkommenheit, sondern durch eine Wahl seines Herzens; glücklich durch die Herrschaft des Verstandes, durch die Macht des Geistes; und ach, wie glücklich durch den Besitz der Gehilfin ihm gegenüber, aus seinem Busen genommen, Teil seiner selbst! Dieser Mensch mächtig und sich nicht erhebend; nackend und sich nicht schämend!
Wie entsetzlich klingt uns nach diesem allen das Wort: Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte. Wir wissen, wessen Name hier genannt wird, wessen Werk wir betrachten werden; von welch einer Erniedrigung wir Zeugen sein werden und welch eine lange schreckliche Geschichte von Jammer und Elend durch dieses Wort eingeleitet wird, eine Geschichte, wovon auch unser eigenes Elend einen Teil ausmacht. Ja, hier stehen wir an dem Brunnen, woraus all unser Elend geflossen ist. Sollen wir stillstehen? Sollen wir verweilen? Sollen wir noch einmal vernehmen, was wir schon längst wissen? noch einmal überdenken, was uns so peinlich ist, uns so wehmütig stimmt? wehmütig? oder überfällt uns bisweilen ein Gefühl wie von gekränktem Hochmut?
Die Geschichte des Falls kann nie genug wieder bedacht werden. Die meisten haben sie viel zu wenig überdacht. Jedermann erzählt von ihrer Dunkelheit; und wer unternimmts die sprechende Schlange deutlich zu machen? Nicht alle geben Acht auf das Licht, das sie von Stund an über das eigentliche Wesen der Sünde verbreitet, auf die Einsicht, die sie mit Einem Male in die ganze Kraft der Sünde gibt.
Das Wesen der Sünde wird alsbald aus der Art und Weise ersichtlich, wie der Satan seinen Anfall macht. Denn dass er es doch ist, „der Menschenmörder von Anfang“, dessen Wesen Lüge ist, welcher in und vermittelst der Schlange auftritt, das braucht hier nicht erst bewiesen zu werden. Mit wie viel List naht er dem Menschen, den er nicht durch Gewalt zu Fall bringen kann, ebenso wenig wie es Gott gefallen konnte, durch Gewalt ihn beim Guten zu bewahren. Was sagt er zu der Frau, gegen welche er lieber noch als gegen Adam, der Gottes Gebot ja aus Gottes eigenem Munde empfangen hat, alle Kraft seiner Arglist richtet. Sagt er mit eigener Begierde in den Augen, mit einer vor Lust und vor Lust zu verführen bebenden Stimme: schau diesen lieblichen Baum, diese köstliche Frucht; warum solltest du sie nicht kosten, nicht genießen? Versichert er sogleich: „du wirst mitnichten sterben; wie Gott wirst du sein?“ Nichts davon.
Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zum Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Es ist nur eine Frage; eine einfache, wissbegierige, interessante Frage; was ist Verkehrtes darin? Nichts. Aber das Haupt der Frau schwindelt davon und ihr Herz ist erschüttert.
Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen dieses Gartens? Es ist nur eine Frage im Interesse freier Untersuchung. Was ist verdächtig an der Frage? Dieses: Der Böse fragt hier nach dem, was er besser weiß; und dieses: er fragt nach dem, was nicht sein kann.
„Sollte Gott der Herr gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen dieses Gartens? Nein! Sagte er doch im Gegenteil: du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; von diesem einen, von dem Baume der Erkenntnis bloß nicht. Aber dieser Frager - woher kommt er an seine Frage? - setzt die Möglichkeit, dass er, der uns den Genuss einer Frucht verboten hat, uns auch den Genuss aller, die uns umringen, sollte verboten haben können, haben wollen. Sollte Gott denn grausam sein können? Ist er willkürlich? Ist auch das Verbot dieses einen Baumes bloß willkürlich geschehen? Sollte es aus einem andern Grund geschehen sein, geschehen sein können als aus Weisheit und Liebe? Sollte es in diesem seinen Grund nicht gar verschieden sein von jenem andern Verbot, womit der Frager es verwechselt? Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen dieses Gartens. Sollte auch solch' ein Verbot bei dem Herrn möglich sein?
Solche Erwägungen in dem Herzen des Weibes aufkommen zu lassen, das bezweckte eben die Frage. Ihren unbegrenzten Glauben an die unbegrenzte Liebe Gottes wankend zu machen - siehe, das bezweckte der Satan. Darum warf er, mit allem Schein von Einfalt und ganz im Tone der Aufrichtigkeit, in ihre Seele ein verdrehtes, ein umgekehrtes Gotteswort, welches das Bild Gottes, so wie es in dieser Seele eingeprägt stand, umnebelte und entstellte. Gleich wird sie fallen; schon wankt sie.
Schon wankt sie. Des Gotteswortes, so wie er es ausgesprochen hat, so wie sie es von Adams Lippen gehört hat, erinnert sie sich noch wohl; aber ihr Herz gibt es jetzt nicht zurück mit derjenigen Treue der Wahrheit, welche nur da herrscht, wo die Festigkeit der Überzeugung unerschüttert geblieben ist. Sie sagte zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten - freilich von allen Bäumen hat Gott der Herr gesagt - aber von der Frucht des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon; rührt ihn auch nicht an - diesen Zug fügt sie hinzu; es ist im Geiste der Worte der Schlange - dass ihr nicht sterbt. Und in welchem Geiste ist es, dass sie die feierliche Drohung: denn welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben! so abschwächt, dass das Sterben eher als eine Folge denn als eine Strafe der Übertretung erscheint?
Nun ist für den Versucher der Augenblick gekommen, einen kühneren Angriff zu machen und einen gröberen Pfeil abzuschießen. Einen Zweifel hat er aufgeworfen; und der Zweifel hat bald der Verkennung Platz gemacht.
Da, wissend was sie wagen konnte und des Gelingens so gut wie gewiss, da sprach die Schlange zum Weibe: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben.“ Es ist ungefährlich, dieses Wort so in seiner ganzen Kraft auszusprechen; denn mit der Sache selbst ist es kein Ernst. Eine eitle Drohung ist es von dem, der euer Glück oder doch euer höchstes Glück nicht will…. Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist.
Die einfältige Frage der freien Untersuchung hat einen Zweifel in das Herz geworfen, welcher es nicht zittern lässt vor der unverschämtesten Verkennung; und wo diese nicht abgewiesen wird, da ist Platz für eine gotteslästerliche Auslegung, die mit einer gewissen Wahrheit spielend sie in eine abscheuliche Lüge verkehrt.
Mit dem Gift dieser Lüge im Herzen schaut das Weib noch einmal auf den Baum der Erkenntnis Gutes und Böses. Ohne ihn angerührt zu haben, hat sie schon mehr, als sie weiß, von seiner Frucht gegessen. Was sie niemals gesehen hat, was ihr reines und unschuldiges Herz niemals hätte sehen können, das sieht sie jetzt. Was in ihrem heiligen Gemüt niemals aufkommen konnte, lässt jetzt ihren Busen glühen und wallen. Von Gedanken, die sie noch nie dachte, schwindelt ihr Haupt. Und das Weib schaute an, dass von dem Baume gut zu essen wäre und dass er eine Lust wäre für die Augen, ja ein Baum, der lieblich wäre anzusehen und sie nahm von der Frucht und aß.
Eva ist gefallen.
Eva ist gefallen. Und was ist die Ursache, was der Beginn ihres Falles gewesen? Begierde? Hochmut? Ach, sie war schon am Fallen, als sie an der Kraft und der Wahrheit des Wortes Gottes zweifeln konnte; als sie seiner Liebe misstrauen konnte. Misstrauen gegen Gott ist die Ursache ihres Falles gewesen. Als dieses durch die Stimme des Versuchers bei ihr erweckt wurde, wankte der feste Grund, worauf sie allein stehen bleiben konnte; als sie diesem nachgab, sank sie von Gott weg. Der Glaube an seine Liebe ist das Band der Vereinigung mit ihm. Und als dieses Band von schändlicher Hand angetastet wurde, als sie es selbst losmachte, da gewann der Unglaube Kraft; der Unglaube in der Stimme des Versuchers, der Unglaube in dem Genusse einer Frucht, der Unglaube in einem begaukelnden Traumbild von Größe und Ehre; der Unglaube in allem, was sich schön hören, schön ansehen, schön einbilden lässt; der Unglaube in dem ersten Besten, was sich der Seele bemeistern wollte. Nicht durch den Drang der Begierde, nicht durch die Kraft des Hochmuts hat der erste Mensch sich von seinem Gott losgerissen; sondern durch Unglauben von ihm losgerissen ist er eine Beute jeder Begierde, jedes Hochmuts geworden. Nicht durch diesen fiel er, sondern durch Abfall von Gott fiel er diesem in die Arme.
So lehren uns der Angriffspunkt des Versuchers und die Geschichte der ersten Sünde, was eigentlich der Grund und das Wesen der Sünde und welches der Zustand einer sündigen Menschheit ist. Ihr Grund ist Misstrauen, ist Unglauben an Gott; ihr Wesen Abfall von ihm. „Des Fleisches Lust, der Augen Lust und hoffärtiges Leben“, der Durst nach Genuss, der Durst nach Besitz, der Hochmut, der Gott reizt, sind nichts anders, als die dreifache Offenbarung eines Zustandes, welcher die natürliche Folge des Abfalls von Gott ist. Nicht die Sinnlichkeit, nicht ein voreiliges und vermessenes Greifen nach dem Gipfel von Herrlichkeit, das auf einem anderen Wege eher und sicherer erreicht werden sollte, hat den langen und bangen Streit zum Vorschein gerufen, welcher sechzig Jahrhunderte lang die Erde mit Blut und Tränen bedeckt hat; aber nicht anders als sinnlich und trotzig kann der Zustand einer Menschheit sein, welcher durch Misstrauen und Unglauben, sofort durch Furcht, durch Hass, durch Verfinsterung des Verstandes, durch Hingebung in einen verkehrten Sinn,1) erst innerlich, dann auch äußerlich, von Gott geschieden, entfernt und entfremdet worden ist; und welche von keiner vollkommenen Wiederkehr weiß, so lange sie nicht will, nicht darf, nicht kann vollkommen glauben. Nicht die sinnliche Welt, welche den Menschen umgibt, und woran seine Seele hängt; nicht der Staub, wovon sein Leib genommen und womit diese Seele auf geheimnisvolle Weise vereinigt ist, tragen die Schuld des sündigen Zustandes der Menschen; sondern seine Seele hängt an dieser sinnlichen Welt und ihre edelsten Kräfte werden von den sinnlichsten Neigungen beherrscht, weil sie nicht mehr an Gott hängt, weil sie nicht mehr durch einen aufrichtigen Glauben Gott eingepflanzt ist. Wo der Abfall am größten, die Entfernung am weitesten ist, die Entfremdung ihre äußerste Grenze erreicht zu haben scheint; wo die Losreißung völlig zügellos, der Schmerz darüber so gut wie betäubt ist, da ist auch der Ausbruch der Ungerechtigkeit am größten; da schreitet, wie bei den heidnischen Völkern, die Sinnlichkeit auf die scheußlichste Weise in Wollust und Grausamkeit aus; da erreicht, wie bei Gottesleugnern und Weltweisen, der Hochmut seinen steilsten Gipfel, bis zur offenbaren Selbstvergötterung; aber das Wesen der Sünde ist vorhanden, wo der Abfall von Gott vorhanden; und nicht nur derjenige ist ein Sünder, der alle Sünden ausübt und Sünden in seinem Busen nährt, sondern schon derjenige, welcher für seine Jugend den Stützpunkt in seinem Gott vermisst. Diesen Stützpunkt in Gott zu vermissen, stellt ihn, wie die Eva, allen Begierden bloß. Ihn in sich selber zu suchen und festzustellen ist ein Gedanke, ist eine Tat des schnödesten und vermessensten Hochmuts.
Das Wesen der Sünde ist Abfall von Gott, aus erwecktem Misstrauen entspringend. Was dieses Misstrauen vermehrt, das vermehrt auch die Sünde, macht die Kluft größer; so wird das Schuldgefühl selbst, wenn es nicht zu Gott bringt, eine Ursache zu tieferem Fall. Und deutlich ists wer, wenn unsre Betrachtung Wahrheit ist, die gefährlichsten Verführer, die abscheulichsten Verwüster der Menschen und der Menschheit sind! Fürwahr nicht jene, die zur Sinnlichkeit und Begierde durch Lehre und Leben anstacheln; nicht „das fremde Weib, die glatte Worte gibt“2), obschon sie viele verwundet und gefällt und allerlei mächtige von ihr erwürgt sind“3); nicht „der Wein, wenn er so rot ist und im Becher perlt und glatt ein geht“4), obschon er zuletzt „beißt wie eine Schlange und sein Gift aussprüht wie eine Otter“; nicht die Lockung des Reichtums, obschon sie „Tausende hat fallen lassen in Versuchung und Stricke, und versinken lassen ins Verderben und Verdammnis.5)“ Die gefährlichsten Verführer, die grausamsten Verwüster der Menschheit sind diejenigen, die auf dem Wege des Abfalls von Gott weiter leiten und ruhig machen; sind diejenigen, die Unglauben predigen gegen sein Wort, Misstrauen erregen gegen seine Liebe; sind diejenigen, die falsche Grundsätze, ungöttliche Lehren ausbreiten und allerlei arglistige Zweifel aufwerfen, um bei den Menschenkindern die letzte Spur des Bandes auszuwischen, welches den ersten Menschen mit seinem Gott vereinigte und vereinte. Es sind die gewissenlosen Schreiber jener schlechten Bücher, deren Bestreben ist, die unglücklichen Völker ihres heiligsten Pfandes, ihrer frommen Erinnerungen zu berauben. Es sind die kaltblütigen Spötter, die mit Scheingründen von Weisheit die Kraft des Wortes Gottes für das Herz der Jugend kraftlos machen und aus dem Gemüte eurer Kinderschar, gottesfürchtige Eltern! einer für Gott und seinen Dienst auferzogenen Kinderschar den guten Samen wegnehmen, den ihr darin gesät habt. Die gefährlichsten Verführer, die grausamsten Verwüster sind diejenigen, welche nach dem Beispiel des Satans, im Namen einer freien Untersuchung, im Namen der Wissenschaft, im Namen der fortschreitenden Aufklärung einer sündigen Menschheit, im Namen eurer höchsten Interessen, so heißt es, aber in keinem andern Interesse als dem der Sünde, die sich durch das Gewissen belästigt sieht - Zweifel aufzuwerfen suchen gegen die deutlichsten Aussprüche, gegen die Vollkommenheit der Liebe, gegen den Ernst der Heiligkeit Gottes; welche sogleich die Verkennung dem Zweifel hinzufügen; und sodann freie Hand haben, mit vollem Winde in die lüsterne Seele Lügen auszustreuen. Es sind diejenigen, die durch aufgeweckte Gedanken oder stolze Worte den Schrecken vor des Herrn Drohungen wegnehmen, seine Verheißungen geschmacklos machen; die, um das Licht seiner Heiligkeit zu schwächen, auch das Licht seiner Liebe verdunkeln; ja seine Person aus Herz und Gedanken entfernen, um Herz und Gedanken hin zu geben jeder Augenlust, jeder Fleischeslust, jedem Verführer und jeder Verführung. Es sind diejenigen, die dem frischen Jüngling, welcher sich in seiner Jugend freut, zuzuflüstern beginnen: „Ja, sollte Gott gesagt haben: du sollst auf keinerlei Weise deine Jugend genießen?“ sie, die den alten Sünder mit der lieblichen Lüge trösten: „du wirst mitnichten sterben!“ sie, die nicht aufhören, einem tiefgefallenen Geschlecht das Traumbild von Gottgleichheit auf dem Wege der Sünde vorzuspiegeln und die zwar nicht aussprechen, aber desto mehr einprägen jene Überzeugung, dass es nur einem ängstlichen Gebrauche der verbotenen Frucht zuzuschreiben ist, wenn der höchste Gipfel bis heute noch nicht erreicht ist.
Armer Mensch, aus den Gefallenen geboren trittst du verderbt, aus den Sündigen sündig auf, auf diesen Schauplatz von Verführung. Eine fromme Mutter, ein ernster Vater hat vielleicht gestrebt, dir Ehrerbietung vor dem Worte Gottes, Überzeugung von seiner Liebe einzuflößen. Fast war es ihnen gelungen, als das Schlangengeflüster zu dir kam, um dich in der Liebe deiner Eltern an der Liebe Gottes Misstrauen fassen zu lassen; alsbald an deiner Bibel, gegen welche einen einzigen Zweifel zu nähren deiner unerfahrenen Jugend eine Heiligtumsschändung schien; in kurzem an deinem Gewissen. Noch ist Rettung möglich; das Wort des Trostes würde dich retten können! Aber dein Herz ist bereits zu sehr vergiftet; Hass und Furcht haben es ganz verwüstet! Der stets tiefer Gefallene ist zerschmettert.
Kehren wir zu der Geschichte der ersten Sünde zurück. Sie offenbart uns ihr Wesen; sie gibt uns auch eine Vorstellung von ihrer entsetzlichen Macht. Diese erhellt in der Größe der ersten Missetat; und in dem schnellen Verlauf ihrer Entwicklung.
Wer ist dieses Weib, wer ist diese Eva, die das Gebot Gottes übertritt und ihre Hand nach der Frucht vom Baume der traurigsten Erkenntnis ausstreckt? Ach, ein Geschöpf Gottes, gut und recht, vor wenigen Augenblicken noch heilig und rein, und ohne einen einzigen sündigen Hang oder Gedanken; Königin der Schöpfung und ihre höchste Zierde; Lust der Engel, Bild Gottes.
Wie lautet das Gebot, das sie ruchlos zu übertreten nicht unterlassen kann, dessen schweres Joch sie von ihrem Halse wirft, das nicht für ihre Kräfte berechnet war?… Mutter aller Lebendigen! mit solchen Worten will ich dich wahrlich in deinem Fall nicht verspotten. Von allem Obst des reich bepflanzten Gartens stand der Genuss dir frei, war er dir zugesagt; Eine Frucht war ausgeschlossen, eine einzige und diese war es, welche du nahmst und aßest, die einzige unter tausend, in welcher der Tod für dich verborgen lag; vor deren Abpflücken, mehr als durch tausend Dornen, du durch das entsetzliche Drohungswort des Heiligen gewarnt warst.
Und wer war dieser Heilige, welcher das Wort ausgesprochen hatte? war es nicht der Liebreiche, der dich unter dem Herzen des Mannes hergenommen hatte, um dich erwachen zu lassen für die Liebe dieses Mannes und für seine eigene Liebe? der dir, von lauter Freude umringt, lauter Freude ins Herz gegeben hatte? dessen Liebe du mitten in diesem Paradiese mit Auge und Ohr und mit jedem Atemzuge einsogst? Ach, du kannst diese Liebe verdächtigen, du kannst diese Liebe vergessen, du kannst Gehör leihen der Stimme eines, der sie nicht ehrt, der sie verkennt, der sie als erheuchelt darstellt! Und was für Gründe hast du, dieser Stimme Glauben zu schenken? welche Bürgschaften hat diese Schlange anzubieten sowohl für ihre Wahrheit als für ihre Bewährung, dass sie die Stimme einer ganzen Schöpfung, dass sie die Stimme in deinem Herzen überwältigt? Ein Gedanke von Misstrauen und der Unglaube ist da; Ein Augenblick von Unglaube und die Begierde steigt auf; Ein Augenblick von Begierde und die Hand ist schon ausgestreckt, die Frucht schon genommen. Wirf sie weg, Betrogene! wirf sie dem Betrüger ins schamlose Angesicht! Aber du isst sie… und kaum gekostet, teilst du sie deinem Ehemann mit. Bild Gottes, wessen Bild bist du nun?
Aber wie das Bild Gottes, durch einen schnellen und tiefen Fall, bereits das Bild des Verführers ausdrückt, so tritt uns auch unser eigenes Bild in der ersten Sünderin entgegen; ihre Geschichte war tausendmal die unsrige. Wie in diesem einzelnen Augenblick, so haben wir tausendmal die Macht der Sünde durch die Schrecknisse kennen lernen, wozu sie uns brachte, und in der schnellen Entwicklung, für welche sie fassbar, ja die vielmehr ihr eigen ist. Wer weiß nicht aus Erfahrung, wie schnell ein hingeworfener Gedanke den Brand im Innern entzündet; wie die Flamme um sich greift und durch alles genährt wird, um alles zu vernichten. Wie in einem Augenblick allerlei Betrachtungen, allerlei Begierden einander der Reihe nach aufwecken, verdrängen, sich kreuzen, sich vermählen, befruchten; neue Begierden, neue Betrachtungen gebären; wie schnell der Verführte Verführer wird; wie natürlich es ist, dass der, welcher Sünde tut, sie nicht bloß tut, sondern auch Wohlgefallen hat an dem, der sie tut, sich der Nachfolge tröstend, wie der andere sich auf das Beispiel beruft.
Nein, wenn wir die erste Sünde sehen und unser eigenes Herz kennen, nimmt uns in der Geschichte der Sünde und des Sünders nichts Wunder. Es befremdet uns nicht, dass schon Evas Sohn ein Mörder seines Bruders ist; und dass wir bald die Luft wiederhallen hören von Lamechs Gräuelliede: „Mannes Mord ist für die Wunde mein! Jünglings Tod gilt für die Beule mein! Siebenfach ist Kains Rach' - Lamechs siebzigsiebenfach!“ Es verwundert uns nicht, dass bereits im zehnten Geschlecht die ganze Erde lauter Wollust und Gewalttat ist; und umso weniger seit durch Zusammenschmelzen von Gottesfürchtigen und Gottlosen6) der Abfall von Gott vollständig und allgemein geworden ist. Wir verwundern uns nicht, dass auch nach dem Zurücktreten der Sündflut der Strom von Ungerechtigkeiten wieder losgebrochen und angeschwollen ist und überhandgenommen hat. Wir verwundern uns nicht über irgendwelchen Gräuel, weder bei den Heiden, noch bei Israel, noch bei Völkern, die mit dem Evangelium von Christo gesegnet sind - wir kennen die Macht, wir kennen die Fortschritte der Sünde. Uns entsetzt es nicht, dass der jüngste, der verlorene Sohn, nachdem er von seines Vaters Dach und Gemeinschaft Abschied genommen, schlechten Dirnen in die Arme sinkt und zu den Schweinen versinkt; noch auch, dass das Herz des Ältesten, der sich für rechtschaffen, der sich für bewahrt hält, mitten unter allen Vorrechten, welche das väterliche Haus ihm darbietet und von der zärtlichsten, sorglichsten Liebe umringt, für diese Liebe kalt bleibend sich über den harten Dienst beklagt und dem Böckchen mit den Freunden nachhurt. Aber über Eins verwundere ich mich, ja über Zweierlei! dass die Sünde von so vielen, so gern und mit so viel Schein von Überzeugung eine Schwachheit genannt wird, da sie doch eine so große Macht hat und ist; und dass man dieser großen Macht solche elenden Schwachheiten entgegenstellt, als ob diese aufgewachsen wären, sie zu hemmen, sie zu bemeistern.
Wie? Schwachheit eine Macht, so mächtig zu verblenden, zu verführen, zu verwüsten! Eine Macht, die den Streit aufnimmt mit der Macht des Gewissens, mit der Macht des Gesetzes Gottes, mit dem Ernst seiner Drohungen, mit den Stimmen seiner Liebe! Eine Macht, die mit dem Allerhöchsten hadert über eine verbotene Frucht und sie nimmt - und sie ist im Angesicht von Himmel und Erde, und vor seinem eigenen allsehenden Auge! Furchtbar sind die Blitzstrahlen von Sinai, aber diese Macht trotzt ihnen; stark ist die Furcht des Todes, aber diese Macht ist stärker; am Rande eines offenen Abgrundes hält sie sich aufrecht und hält aus in Kampfe gegen den Zorn Gottes, der vor ihren Augen vom Himmel offenbart wird. Wie? diese Macht, diese Macht, wovon Jeder von uns in seiner Weise bekennt: sie ist stärker als ich“, und zu deren Beherrschung es dem Stärksten an Kraft gebricht; diese Macht, die keine sechstausend Jahre heiliger Gottesregierung lahm gemacht haben, diese Macht wähnt man regieren zu können, überwinden zu können durch das, was im Vergleich mit ihr lauter Schwachheit ist und bleibt! Dieses wilde Ross, um welches herum der Pfeilköcher göttlicher Rache vergebens rasselt, meint man nicht bloß bezähmen, sondern auch beherrschen zu können durch den schwachen, aber zierlichen Zügel einer ohnmächtigen Bildung, einer hochmütigen Aufklärung! Fürwahr, dergleichen dämpft das wüste Feuer in seiner Brust nicht; lass dichs nicht befremden, wenn das Ross zu Zeiten seinen Meister in den Sand wirft. Diese Macht, unter welche „der fleischliche Mensch verkauft ist“, dieses Gesetz in seinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in seinem Gemüt“ und durch das Gesetz Gottes oft mehr gereizt als gezügelt wird7), unternimmt er zu bekämpfen mit der tausendmal erwiesenen Schwachheit guter Vorsätze, mit der Ohnmacht weiser Lehren und tugendhafter Beispiele! Ihr gegenüber erwartet er etwas von einer Weisheit, die mit den Jahren kommen soll, von einer Macht, die aus Abschwächung geboren werden soll, von den dürren Übungen, von den harten Selbstkasteiungen eines selbsterwählten Gottesdienstes, von den erschöpfenden Anspannungen einer doch eingehandelten Willenskraft, von den abmattenden Wiederholungen einer unfruchtbaren Reue. Ohnmächtiger! kannst du die Flamme, die zum Dache hinausschlägt, unter deinem Mantel dämpfen, den Wind, der dich wegstürmt, mit deiner schwachen Stimme beschwören?
Ist denn einer sündigen Menschheit, einem sündigen Menschen nicht zu raten noch zu helfen; ist kein Damm aufzuwerfen gegen den vernichtenden, im Paradiese entsprungenen Strom, kein Paradies mehr seit jenem unheilvollen Augenblick? keine Rettung für die erliegende, keine Hilfe für die fruchtlos streitende Seele des Sünders? Gewiss; das alles ist da. Aber erinnere dich, wenn du die schreckliche Macht der Sünde hemmen willst, dass ihr Wesen Abfall von Gott ist, Abfall aus Misstrauen, aus Unglauben ursprünglich. Vereinigung mit Gott durch Glauben, durch ein völlig wieder hergestelltes Vertrauen; Vereinigung mit dem Liebreichen, dem Heiligen, dem Allmächtigen - siehe das ist für die Menschheit, das ist für den Menschen der Weg der Rettung, der Wiederherstellung.
Für den Glauben war im Paradiese der Rechtschaffenheit das heilige und gute Gebot der eigentümliche Prüfstein. „Ob das Herz zu der Liebe Gottes ein vollkommenes. Vertrauen hätte, trotz des Enthaltens der Frucht vom Baume der Erkenntnis“, siehe das war die entscheidende Probe, in welcher der reine Mensch erlegen ist. Für den sündigen Menschen wird das Evangelium von der Gnade, das Kreuz Christi Fall oder Auferstehung sein. Die neue, die große Frage ist diese: „ob er an diese Liebe Gottes glaubt, die den Sohn zu einer Versöhnung für seine Sünden hat dahingegeben.“ Diese unendliche Liebe ist es, welche auf einer geschändeten Erde, bei einer gefallenen Menschheit und bei erliegenden Herzen Glauben sucht, ja sie zu dem Vertrauen zu bewegen sucht, worin die neue Kraft des erschöpften Sünders bestehen soll: die Kraft aus Gott, die Kraft in Gott, die Kraft mit Gott; die Kraft der Liebe, welche die Furcht austreibt, die Sünde niederkämpft, die Welt überwindet und dem Bösen den undurchdringlichen Schild der Liebesworte Gottes vorhält.
Auch das letzte ist notwendig. Denn auch in das neue Paradies, das Gottes Gnade gepflanzt hat, dringt der Versucher mit seiner Arglist durch und fängt wieder an mit seinen verräterischen Fragen, mit seiner schamlosen Verkennung und mit einem scheinheiligen Lügen. Wo der Glaube ihm seine Beute aus den Krallen gerissen, da sucht er sie noch vielfältig durch Unglauben wieder zu gewinnen. Ja, sollte Gott gesagt haben: erst die Heiligung und danach der Glaube? So flüstert er der gläubigen Seele zu; und auf das mindeste Wanken lässt er ein verwirrendes: du wirst mitnichten leben! folgen. Glücklich derjenige, welcher in der Kraft seines Gottes, mit dem Schwerte des Wortes, jeden Angriff abschlägt: „Hebe dich weg, Satan! denn es steht geschrieben: wer da glaubt, soll selig werden; wer da glaubt, wird nimmermehr umkommen, sondern das ewige Leben haben8).“ Glücklich derjenige, welcher von Gott zu der Frucht des Lebensbaumes geladen - ich meine das gesegnete Kreuz des Erlösers - sich weder durch innere, noch äußere Abschreckungen abhalten lässt; sondern anschauet, dass dieser Baum lieblich ist, und seine Hand ausstreckt und von seiner Frucht nimmt, und isst und liebreich mitteilt, soweit seine Hände reichen.