Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - „Vater, Ich danke Dir!“ - „Lazarus, komm' heraus!“
„Da hoben sie den Stein ab, wo der Verstorbene lag. Jesus aber hob Seine Augen empor und sprach: Vater, Ich danke Dir, dass Du Mich erhört hast! Doch Ich weiß, dass Du Mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage Ich's, auf dass sie glauben, Du habest Mich gesandt. Da Er das gesagt hatte, rief Er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit einem Schweißtuche. Jesus spricht zu ihnen: Löst ihn auf und lasst ihn gehen! Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an Ihn; etliche aber unter ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte.“
„Da hoben sie den Stein ab, wo der Verstorbene lag.“ O liebe Freunde, was für ein wunderbarer Augenblick muss das gewesen sein! Endlich muss es sich entscheiden, was geschehen soll. Die Jünger des Herrn und die Schwestern sollen endlich erfahren, was Er mit Seinen rätselhaften Worten: „Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes; hab' ich dir nicht gesagt, so du glaubtest, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ gemeint hat; die ungläubigen Juden, ob Der, welcher dem Blinden die Augen geöffnet, auch machen kann, dass dieser im Tode nicht bleibe; der Sohn Gottes soll neues Zeugnis von oben erhalten, dass der Vater dem Sohn Ehre schaffen und darum den Sohn wie Sich selbst geehrt haben will. Das Grab ist offen, der Leichnam liegt vor ihnen, es weht Geruch der Verwesung. Niemand getraut ein Wort zu sprechen, Alle schauen ängstlich bald nach dem verwesenden Leichnam, bald-nach dem Heiland hin. Was wird geschehen? Die Menschen haben Alles getan, was sie vermochten: sie hoben den Stein ab, wo der Verstorbene lag.
„Jesus aber hob Seine Augen empor“, dahin, wo kein Tod, kein Leid, noch Geschrei, noch Schmerz mehr ist, da wo ewiges Leben aus der Liebe des Vaters quilt. Die Menschen sind am Grabe, aber Er muss sein in dem was Seines Vaters ist. Ihr Blick haftet am Staube, Er schaut in Gottes heiliges, gewaltiges, barmherziges Wesen. Sie bangen, weil sie Tod und Verwesung sehen. Er ist fröhlich im Geiste: denn Er sieht im Leibe des Todes den verborgenen Keim des Auferstehungsleibes und in der Verwesung den Aufgang des neuen Lebens. Der von Anfang an in des Vaters Schoße war und durch den alle Dinge geschaffen sind, kennt den Vater und der Vater kennt Ihn und Sie sind Eins, und darum weiß Er, dass Er eines Wortes bedarf und frisches kräftiges Leben ersteht aus dem Tode. Zum Quell des Lebens sah Er empor und sprach: „Vater Ich danke Dir, dass Du Mich erhört hast.“ Lieber Mensch, dein Heiland betet. Falte deine Hände, blicke zum Himmel, bete du mit Ihm und seufze zu Gott, dass Er dich beten lehre, wie der Heiland gebetet hat. Vater, Ich danke Dir! so beginnt unsers Meisters Gebet. Vater, ich danke Dir! so soll auch unser Gebet beginnen. Heiligere Bewegung, größere Seligkeit kann der Mensch auf der Erde nicht empfinden, als wenn Er auf seinen Knien liegt, die Hände gefaltet sind, das Angesicht zum Himmel gerichtet und vom Angesichte Gottes wie von heiligem Morgenglanze überstrahlt ist und der Mund nun kindlich, innig die Worte spricht: Vater, ich danke Dir! Da sind alle dunkle Stunden, Tage, Wochen, Jahre des Lebens wie Nebel zerronnen und Alles innen und außen ist heilige Klarheit. Da vergisst die Seele, dass sie einst von Gott getrennt war und Sein Angesicht nicht finden konnte, und fühlt in seligem Versenktsein, dass sie in Gott ihre Heimat hat, und ist fröhlich, ewig in ihr bleiben zu dürfen. Die Stunden des Dankens, Lobens und Preisens sind die schönsten Feierstunden in unserer Pilgrimschaft, geben die kräftigsten Triebe, nicht abzulassen, bis die Seele den unverwelklichen Kranz erlangt und im weißen Kleide unter die Zahl der Brüdern und Schwestern Christi, der Kinder Gottes, aufgenommen ist. Vater, Ich danke Dir! Diese vier Worte, liebe Seele, können dich tiefer erkennen lassen, was du beten und wie du beten sollst, als lange Bücher, wenn du sie nur mit sehnlichem Verlangen, beten zu lernen, in dir aufnimmst. Ach, du liebe Seele, du kannst wohl nicht beten. Du gehörst zu den vielen unglücklichen Menschen unserer Zeit, die nicht beten können. Wie du ein Kind warst, hat dich wohl deine Mutter um die Weihnachtszeit ein Kindergebet zu dem lieben Gotte gelehrt, dass Er dich fromm mache und du zu Ihm in den Himmel kommest: aber du hast sie selbst niemals beten sehen und deinen Vater auch nicht. Du kamst in die Schule, da haben die Kinder auswendig gelernte Gebete plappernd hergesagt und auch deinen Lehrer hast du niemals gehört, wie aus seinem Herzen inbrünstige Worte aufstiegen, dass der Herr sein Werk an den Kindern segnen und der Schule Meister sein möge. Du kamst in die Kirche, da warst du mit den Schulkindern fast allein und die Paar Erwachsenen schliefen teilweise und du hast deinen Pfarrer niemals gesehen, wie er auf seinen Knien lag und mit seinem Herrn rang, dass Er den Tod in der Gemeinde banne und die armen Seelen, die ihm auf die Seele gebunden seien, durch das Blut Seines Sohnes rette. Du hast niemals gespürt, wie die Stätte, wo wahrhaftig gebetet wird, im Wehen des Heiligen Geistes sich bewegt - ich wundere mich nicht, dass du nicht beten kannst, dass du nicht begreifst, wie die Alten so viel beten konnten, und dass du spottest, wenn heute wieder mit feurigen Zungen des Gebetes Kraft und Seligkeit gepriesen wird. Du findest es gar nicht nötig, so viel auf den Knien zu liegen und zu Gott zu seufzen. Du siehst Gott als den gütigen Vater an, der dir gerne beschert, was du bedarfst. O lieber Bruder, der gütige Vater, der dir so gerne seine Gaben spendet, ist doch wohl auch ein Wörtlein des Dankes wert. Siehe, ich will dich mit vielem Beten gar nicht drängen; wenn du nur die vier Worte recht beten lerntest: Vater, ich danke dir! Wenn du nur einmal dich besännest, was dir dein Vater im Himmel von Kind auf gegeben, wie Er Seine Flügel bis diesen Tag über dir gebreitet, wie Er deine Nahrung gesegnet und mit deinem Kinderhausen dich nicht hat darben lassen, wie Er mitten in der Not plötzlich als Helfer erschien, ja wie Er mit Strömen der Liebe auf dich geregnet hat und dich liebt bis auf diesen Tag, wenn du das alles bedächtest und für eines nach dem anderen danktest - o die Fülle der göttlichen Erbarmungen müsste dich erweichen, du würdest erkennen, dass du der keines wert bist und anfangen, nicht für Irdisches allein zu bitten, sondern um Rettung deiner armen Seele, und hinfort Ihm danken nicht für die irdischen Gaben, sondern dafür, dass du armer sündiger Mensch durch Jesum Christum ein Kind Gottes werden sollst. Ach, wenn du nur einmal anfingst, deinem Vater recht zu danken, dein Dank würde der erste Schritt auf dem Weg zum Himmelreich sein. - Vater, ich danke Dir! so sollst auch du beten, betrübter Mensch in deinem großen Kreuze. Es fängt an, dir schwer zu werden. Die Geduld geht dir aus und du kannst nichts als vor Gott um Hilfe jammern. Wag' es einmal, zu Gott zu sprechen: Vater, ich danke Dir für dieses Kreuz! Es ist ja wohl sehr gut, dass Du mir's aufgelegt hast. Ich wäre Dir ja sonst wohl ganz entlaufen und in der Nichtigkeit der Welt zu Grunde gegangen. Aber nun zeigst Du mir, wie doch alle Freude der Welt so gar nichts und nur bei Dir völliges Genüge zu finden ist, nun ziehst Du mich durch züchtigende Liebe zu Dir hin. Ach, lieber Vater, es tut sehr wehe; aber weil's von Deinen lieben Händen kommt, muss es ja gut sein, und ich danke Dir dafür! Liebe Seele, sprich so mit deinem Gotte, wenn das Kreuz dich drückt und es wird dir süß. Danke Gott für den Schmerz und du reißt ihm seinen Stachel aus.
Vater, ich danke Dir, lieber Bruder, liebe Schwester, so wollen wir allemal zu beten anfangen, wenn unser Geist dürre Tage hat und das Gebet matt zum Himmel aufsteigt. Ach, diese Tage sind so traurig! Wir wissen wohl, dass wir ohne das Gebet nichts vermögen und wollen auch beten. Aber es fehlt der Gebetsgeist, die Gebetslust. Wenn der Morgen gekommen ist, fühlen wir wohl, dass wir unser Tagewerk nicht ohne Gebet beginnen dürfen, und wenn wir am Abend müde sind und nach der Ruhe des Schlafes verlangen, brächten wir es nicht zu Stande, ohne Gebet zu Bette zu gehen. Und doch bangt uns vor dem Gebete, weil der Trieb fehlt und wir fühlen, ein äußerliches Gebet, bei dem nicht das ganze Herz ist, kann Gott nicht wohlgefällig sein. Da greifen wir gerne nach einem Gebetbuch, wie nach einer Krücke für unsere geistliche Lahmheit oder, wenn wir frei aus dem Herzen zu beten versuchen, so versagt uns die Kraft und wir sagen Amen, wo wir noch gar Vieles dem Herrn zu vertrauen hätten. Was sollen wir dann tun, dass die Seele vom Tau des Gebetsgeistes wieder erfrischt und erweicht werde? Lasst uns dann unser Gebet beginnen: Vater, ich danke Dir! Lasst uns all' die Gnade, die der Herr uns je und je erwiesen, zurückrufen und Dank dafür sagen. Eine um die andere wird uns wieder erscheinen, selige Stunden uns vorführen, mehr und mehr wird sich das Herz ergriffen fühlen, der Geist der Gnade und des Gebetes wird über uns kommen, die wir kalt angefangen; wir werden feurig werden und die wir mit Bangen uns niedergekniet, wir werden fröhlich aufstehen und dem Herrn ein Loblied singen:
O, dass ich tausend Zungen hätte
Und einen tausendfachen Mund,
So stimmt ich damit um die Wette
Aus allertiefstem Herzensgrund
Ein Loblied nach dem anderen an,
Von dem was Gott an mir getan!
„Vater Ich danke Dir, dass Du Mich erhört hast. Doch ich weiß, dass Du Mich allezeit hörst.“ O meine Freunde, wie wäre unser Leben so glücklich, wenn wir wie der Heiland sprechen könnten: ich weiß, dass mich mein Vater allezeit hört! Sein Vater kennt Ihn und liebet Ihn. Er weiß, dass es des Sohnes Speise ist, des Vaters Willen zu tun, und dass niemals die. geringste Sünde von Ihm getan, niemals ein Trug in Seinem Munde erfunden wird, dass Er gerne tut, was der Herr Ihm befiehlt und ob's auch gilt, für arme Sünder zu sterben und darum neigt sich der Vater in überschwänglicher Liebe zu dem Sohn. Und der Sohn kennt und liebet den Vater. Er allein hat in Sein Wesen geschaut, ja Er ist Seines Wesens teilhaftig und alle Tiefen der Gottheit sind Ihm offenbar. Und darum liebt Ihn der Sohn mit einer Liebe, die in eines Menschen Herz nicht gekommen ist. Der Vater und der Sohn sind Eins. Was der Vater will, tut der Sohn, und was der Sohn bittet, hat der Vater schon erhört. O liebe Brüder, wir fühlen es wohl, dass wir durch unsere Sünde die rechte Erkenntnis und die rechte Liebe Gottes verloren haben und darum nicht zu dem Vater hintreten und zu ihm beten können wie der Sohn. Und dennoch - wie glückselig wären wir, sagen zu können: ich weiß, dass mich der Vater allezeit hört! Liebe Seele, freue dich, solch Glück soll dir zu Teil werden! Da unser lieber Heiland nicht lange, nachdem Er an des Lazarus Grabe dem Vater für Seine Gebetserhörung gedankt, von Seinen Jüngern scheiden soll und sie traurig sieht, gibt Er den reichsten Trost in den Worten: „Ich gehe zum Vater und was ihr bitten werdet in Meinem Namen, das will Ich tun; auf dass der Vater geehrt werde in dem Sohne.“ (Joh. 14, 13.) „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen, so wird Er es euch geben.“ (Joh. 16, 23.)
Liebe Seele, dieser Spruch ist ein güldenes Kleinod: Er lehrt uns, wie wir beten müssen, damit uns der Vater allezeit höre. Im Namen Jesu beten heißt erhörlich beten. Ach, liebe Brüder, wir haben durch unsere Sünde Gottes Zorn und den ewigen Tod verdient, und seitdem wir Sein Gesetz freventlich gebrochen haben, dürfen wir von Rechtswegen gar nichts anderes von Ihm erwarten, als das, was Er den Übertretern zuvor verkündigt, Strafe und Verdammnis. Wie sollten wir Freudigkeit haben zu Ihm zu beten? Wie könnten wir erwarten, dass Er uns erhört? Aber wir sollen nicht Kinder des Zornes bleiben, sondern Seinen Sohn hat Er uns gesandt, dass wir durch den Glauben an Ihn Kinder der Gnade werden. Und „nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum, durch welchen wir auch den Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darinnen wir stehen.“ (Röm. 5, 1. 2.) Wenn wir im Glauben die Hand erfassen, welche Jesus Christus uns entgegenstreckt, im Glauben Ihn anziehen, die eigene Gerechtigkeit, das zerfetzte Kleid, mit Seiner Unschuld und Heiligkeit ganz zu decken und so vor Gottes Thron hintreten, so will Gott an uns nicht unsere Sünde, sondern des Sohnes Tod für unsere Sünde, nicht unsere Übertretung, sondern des Sohnes Gesetzeserfüllung schauen. Und wenn wir nun im Namen Jesu Christi beten, mit dem demütigen Gefühl, dass wir keines, das wir bitten, sondern eitel Strafe verdient haben, aber zugleich mit der herzlichen Zuversicht, dass uns der Vater um Jesu Christi willen unsere Sünde vergeben und uns zu Seinen Kindern wieder annehmen will, so hört Gott der Vater aus unserem Armensündergebete beständig Jesum Christum schreien: Abba, lieber Vater! und wie Er den Sohn allezeit erhört hat, so hört Er auch das Gebet in des Sohnes Namen. Und wenn du, lieber Mensch, auf dein Gebet noch keine Erhörung gefunden, so hast du sicherlich nicht im Namen Jesu gebetet. Du berufst dich vielleicht in deinem Gebet, wenn auch nicht mit Worten, aber doch in geheimen Gedanken, darauf, welch ein guter, rechtschaffener Mensch du seist und wie viel Ursache Gott habe, dir für deine vielen guten Werke zu lohnen. Aber das ist ein Pharisäergebet, das der Vater nicht erhören kann, du musst erst an deinem Verdienst gründlich verzagt und in der Gnade Anker geworfen haben, sonst ist's kein Gebet im Namen Jesu und du wirst nicht erhört. Du betest vielleicht, Gott möge deine Feinde strafen und verderben oder, um was du beten magst, vielleicht trägst du Hass gegen deinen Bruder dabei im Herzen aber der Heiland spricht: Liebt eure Feinde, segnet die euch fluchen! Er hat dich selbst beten gelehrt: vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern! Du musst erst bedenken, dass dir Gott die zehntausend Pfund erlassen und dir siebzigmal siebenmal verziehen hat (Matth. 18), damit die warme Bruderliebe bei dir einziehe, sonst ist's kein Gebet im Namen Jesu und du wirst nicht erhört. Du betest vielleicht nur um irdische Güter. Nun sollst du zwar, wie alle gute und vollkommene Gabe, auch des Leibes Nahrung und Notdurft vom Vater erbitten und der Heiland hat dich selbst ums tägliche Brot bitten gelehrt.
Aber das ist erst die vierte Bitte. Zuvor sollst du beten, dass Gottes Name geheiligt werde, Sein Reich komme und Sein Wille geschehe und nachher, dass Er dir deine Schuld vergebe, dich nicht in Versuchung führe, sondern vom Übel erlöse. So lange du nicht auch im Gebet nach dem Reiche Gottes zuerst trachtest, wie Jesus Christus will, ist's kein Gebet in Seinem Namen und du wirst nicht erhört. Du betest vielleicht zu leidenschaftlich und 'heftig, der Herr möge grade dieses Gut dir schenken, vor diesem Übel dich bewahren, aber der Herr spricht: „Lass dir an Meiner Gnade genügen!“ und betet selbst: „Nicht wie Ich will, sondern wie Du willst.“ So lange du nicht wie Er durchs Gebet vor Allem in den göttlichen Willen, Er tue dir wohl oder wehe, dich hineinbeten willst, ist's kein Gebet im Namen Jesu und du wirst nicht erhört. Siehe, liebe Seele, das grade ist des Gebetes geheime Kraft und Herrlichkeit, dass durch dasselbe unser Wille mit Gottes Willen geeinigt werde. I, wenn du nur einmal erkannt hättest, dass in dieser Einigung deines Willens mit Gottes Willen die Seligkeit besteht, dann würdest du fröhlich sein, wenn Sein Wille nur geschieht und ob dann auf dein Gebet der Herr auch dir nicht gäbe, um was dein Herz gebeten hat, ja wenn Er grade das Gegenteil von dem geschehen ließe, bist du durch dasselbe nur in Gottes Willen wieder eingefügt worden, so ist dein Gebot auch durch Nichterhörung erhört; es ist nicht geschehen, was dein Herz in seiner Angst oder seiner Sehnsucht begehrte, aber was der heilige, verborgene Mensch in dir, der nach Christi Bild geschaffen ist, allezeit begehrt, Gottes Wille der ist geschehen und darum ist dein Gebet erhört und du bist fröhlich. Liebe Brüder, ich habe von einem seligen Geheimnis ein wenig gestammelt. Gott helfe durch Seinen Geist, dass wir alle beten lernen, wie Jesus in Gethsemane gebetet, so werden wir den Kelch leeren und warten, bis die Erhörung kommt. Und sie kommt; der gekreuzigt werden musste, ist am dritten Tage wieder auferstanden!
„Ich weiß, dass du mich allezeit hörst. Aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage Ich's, auf dass sie glauben, Du hast Mich gesandt.“ Der Heiland hatte schon vorher zu dem Vater um das Leben des Lazarus gerufen und war der Erhörung gewiss geworden.
Das laute öffentliche Gebet soll zugleich eine Predigt für das Volk sein, ihm Seine Herrlichkeit und Seine Demut zu verkündigen. Seine Herrlichkeit musste dem Volke durch die innige Gemeinschaft, die Er mit dem Vater hatte, offenbar werden. Wenn Der Ihn allezeit erhörte, wenn Er Ihm Kraft gab, einen Toten, der vier Tage im Grabe gelegen, ins Leben zu rufen, wer wagte da noch zu zweifeln, dass Er von Gott gesandt, dass Er der von dem Propheten verkündigte Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater sei? Und bei all dieser Wesensgemeinschaft mit dem Vater welche Demut! Die Leute sollen es wissen, dass Er nichts von sich selber tut, sondern um Alles Gott zuerst bittet, dass Er wie ein Menschenkind die Augen emporrichtet, ob Hilfe kommt, dass Er nicht Seine Ehre sucht, sondern die Ehre des Vaters. Das Gebet ist gesprochen. Das Werk muss geschehen.
„Da Er das gesagt hatte, rief Er mit lauter Stimme: Lazarus komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Händen und Füßen und sein Angesicht verhüllt mit einem Schweißtuche. Und Jesus sprach zu ihnen: „Löst ihn auf und lasst ihn gehen.““ O Menschenkind, Menschenkind, schau hierher, dass du erkennest: in Jesu von Nazareth ist das Wort Fleisch geworden, das ewige Wort, das aus Gott geboren, in des Vaters Schoß war und durch das alle Dinge geschaffen sind! Denn dieser Jesus von Nazareth spricht und es geschieht, Er gebeut und es steht da. Er ruft dem Tode zu: bis hierher und nicht weiter! und er gibt seine Beute zurück. Der stärkste Feind des Menschengeschlechts liegt besiegt zu den Füßen des Gottmenschen. Er war zu allen Menschen hindurchgedrungen, er hatte in allen Häusern Jammer angerichtet und alle Herzen in Angst versetzt. Aber „Liebe ist stark wie der Tod und Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn.“ (Hohel. 8, 6.) Was des Teufels Hass und der Menschen Sünde herbeigeführt, den Tod die ewige Liebe Gottes tilgt ihn aus, und der, in welchem des Vaters Liebe sich offenbarte, der Herr Jesus Christus, Gottes- und Mariensohn ist stärker als der Tod. Er hat es bewiesen, da Er auf Erden wandelte. Die Witwe von Nain konnte dem Tode nicht Einhalt gebieten; sie musste es geschehen lassen, dass er ihren einzigen Sohn hinwegnahm. Aber der Herr Jesus spricht ein Wort und der im Sarge aus dem Städtlein getragen ward, tritt auf seine Füße und, als wäre nichts geschehen, kehrt er nach Hause zurück. Jairus mit seinem Weibe konnte das liebe Töchterlein mit aller Sorge und Angst dem Tode nicht entreißen; das Mägdlein starb. Aber der Herr tritt mit Seinen drei Jüngern in das stille Kämmerlein, Er fasst das Kind bei der Hand: „Mägdlein stehe auf!“ sprach Er und es stand auf, schlug die Augen auf, und ein lebendiges Kind konnte die Mutter wieder an ihr Herz drücken. Und hier in Bethanien wie haben die Schwestern um den Bruder gerungen! Aber er starb und ward begraben und lag vier Tage im Grabe und verweste schon. Da erscheint der Todesüberwinder und spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ und ruft: „Lazare komm' heraus!“ Und aus der Stätte der Verwesung und des Grauens, umhüllt noch mit den Gewändern des Todes, steigt eine frische, kräftige Gestalt hervor, die getrost das Totenhemd wieder ausziehen und in die Gewänder des fröhlichen Lebens sich hüllen kann. Der Herr Jesus Christus ist stärker als der Tod.
Er hat's bewiesen, da Er selbst dem Tode durch Seine Auferstehung entrann. Die Juden hatten Ihn ans Kreuz geschlagen, begraben und Wächter an Sein Grab gestellt. Nun, dachten sie, sind wir geborgen. Aber was geschieht? Am dritten Tage, früh morgens ehe die Sonne aufgeht, wird im Garten des Joseph von Arimathia ein wundersam' Beben verspürt, der Stein hebt sich von des Grabes Tür, die Wächter erschrecken und sinken zu Boden und hervortritt der Fürst des Lebens, Jesus Christus! Es ward gesät verweslich und ist auferstanden unverweslich; es ward gesät in Unehre und ist auferstanden in Herrlichkeit; es ward gesät in Schwachheit und ist auferstanden in Kraft; es ward gesät ein natürlicher Leib und ist auferstanden ein geistlicher Leib. Der Herr Jesus Christus ist stärker als der Tod. Er beweist es bis auf diesen Tag, indem Er Ale, die an Ihn glauben, vom geistlichen Tode befreit. Da ist ein Mensch, der ganz in der Sünde Gewalt geraten ist. Er hat den Schein, als ob er lebe, aber er ist tot. Sein Geist kann sich zu Gott nicht mehr aufschwingen; sein Herz kann Gott nicht mehr lieben; seine Zunge kann nicht mehr beten; die Knie versagen den Dienst, wenn sie sich beugen, die Füße, wenn sie zur Kirche gehen sollen. Da lässt Der, welcher lebt und sitzt zur Rechten Gottes, Sein Wort diesem Menschen in die Seele rufen: „Ich sage dir, stehe auf!“ und der Tote steht auf und fängt an zu reden, was er zuvor nie geredet hat, von der Gnade Gottes in Christo Jesu, der Geist brennt im Feuer des Heiligen Geistes, das Herz wird weit in heiliger Liebe und die Füße sind eilig hinzugehen, wo der Name des Fürsten des Lebens gepredigt wird. Dort führt der Herzog unserer Seligkeit, der Erzhirte Seiner Herde, einen Hirten in die Gemeinde, ach, auf ein Totenfeld und spricht zu ihm: „Du Menschenkind, meinest du auch, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Und der Hirte antwortet: „Herr, Herr, das weißt Du wohl!“ Aber er predigt den auferstandenen Christus und Der lässt Seinen Geist von allen vier Winden wehen. Da strömen die Menschen zur Kirche und Gesang, und Gebet steigt graden Wegs zum Himmel auf, die Häuser werden voll des Wortes Gottes, des Gebetes und der geistlichen lieblichen Lieder, die Herzen voll heiliger Freude und auch Wald und Flur müssen von dem Herrn aller Herren hören, der die Menschen so selig macht - Auferstehungsodem durchdringt die tote Gemeinde und sie lebt. Der Herr Jesus Christus ist stärker als der Tod. Das wird Er einst beweisen, wenn Seine Stimme in alle Gräber schallen wird und alle Toten sie hören werden und hervorgehen müssen, die da an Ihn geglaubt haben zur Auferstehung des Lebens, die sich gegen Sein Wort verstockt haben zur Auferstehung des Gerichtes; das wird Er beweisen, wenn Er Leben austeilt Seinen Getreuen und in den zweiten, den ewigen Tod stürzt Alle, die sich durch Sein Blut nicht versöhnen, durch Seinen Geist nicht wollten erneuern lassen. O liebe Brüder, der Herr Jesus Christus ist wahrhaftig stärker als der Tod! Das Wort, das Er zur Martha gesprochen, hat Er durch die gewaltigsten Taten besiegelt: Er ist die Auferstehung und das Leben. Wer an Ihn glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an Ihn, der wird nimmermehr sterben. Er ist die Auferstehung und das Leben, und wer mit Ihm keine Gemeinschaft hat, der hat keine Auferstehung und kein Leben. Wer nicht an Ihn glaubt, der hat hier die Angst des geistlichen, der versinkt dort in die Schrecken des ewigen Todes. Und der treue Fürst des Lebens möchte uns gerne Allen das Leben geben und darum ruft Er dem Verstockten Sein mahnendes Wort zu: „Wache auf, der du schläfst; stehe auf von den Toten, damit dich Christus erleuchte!“ und Seinen treuen Jüngern das Wort des Trostes: „Fürchte dich nicht, Ich bin der Erste und der Letzte, und der Lebendige; Ich war tot und siehe, Ich bin lebendig in alle Ewigkeiten und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“ (Offenb. 1, 18). Was sollen wir tun? „Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen was Jesus tat, glaubten an Ihn, etliche aber unter ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte.“ Liebe Brüder und Schwestern! Es hat sich herrlich offenbart, dass die Krankheit des Lazarus nicht zum Tode war, sondern zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt würde. Und wer nicht zum Grabe gekommen war, den Satan im Herzen, der musste gestehen: hier ist mehr denn ein Prophet! Hier ist Gott offenbart im Fleisch! Uns gebühret, hinfort den Sohn zu ehren, wie wir den Vater ehren, die Knie in Anbetung vor Ihm zu beugen und Ihm alles Lob, allen Preis, alle Namen zu geben, mit denen der ewige Gott verherrlicht wird. Ward Ihm solche Ehre zu Teil? Was die drei Geschwister taten, berichtet uns der Evangelist nicht. Aber wir sehen sie im Geiste, wie hinfort Lazarus, der Auferstandene, mit neuer Liebeskraft Den umfängt, der ihn aus des Todes Fesseln gerissen; wie Maria Tag und Nacht sinnet, wie sie die heilige Fülle ihres Herzens Ihm kund geben soll, bis sie die Salbe über Ihm ausgießt und Seines eigenen Begräbnisses Prophetin wird; wie Martha wie verjüngt durchs Leben schreitet, lauft und nicht matt, wandelt und nicht müde wird, und ihr ganzes Leben dem Auferstandenen zum Dankopfer bringt; wir sehen, wie Bethanien immer mehr ein Bild der ewigen Hütte Gottes wird, von so heiligem Sehnen, so himmlischem Wesen erfüllt, als sollte es von der Erde emporgehoben werden. Wir hören auch im Geiste, wie die Jünger, in ihrem Glauben gestärkt, des Petrus Bekenntnis erneuern: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens und wir haben geglaubt und erkannt, dass Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Joh. 6, 68.69.) Und nicht allein des Herrn Freunde erweisen Ihm Ehre. Auch der Juden viele, die gekommen waren, da sie Jesu Taten sahen, glaubten an Ihn. Die Redlichen, Demütigen konnten nicht widerstehen: der Herr Jesus Christus war stärker als der Tod in ihrem Herzen und die Auferweckung des Lazarus ward auch ihnen zum Geruche des Lebens. Andere aber, die ihre Herzen verstockten, gingen in ihrer Verstockung hin, den Pharisäern zu sagen, was Jesus getan hatte, dass sie Ihn griffen. Es gab eine Entscheidung am Grabe des Lazarus. Wer nicht für den Herrn war, der musste wider Ihn sein. Des Simeon Weissagung ward erfüllt: „Siehe, Dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen Vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird“ (Luk. 2, 34. 35). Wo so gewaltige Taten predigen, da werden wir kleinen Menschen zunichte und vermögen nichts mehr: es zieht uns unwiderstehlich zu einer größeren Kraft hin. Die Einen werden des Herrn, die Andern des Teufels Jünger. liebe Brüder und Schwestern! Lege Gott Seinen Segen doch auf unsere Betrachtung dieser Auferstehungsgeschichte, dass sie uns Allen zur Entscheidung verhelfe, zur Entscheidung des Lebens, des Auferstehens! Ach, dass wir an Ihn glaubten! Er ist zu uns hingetreten in Seiner herrlichen Kraft und Seiner erbarmenden Liebe, in Seiner Einheit mit dem Vater und in Seiner Herablassung zu unserem Elend, wir haben die Heldenkraft verspürt, die Er um unsertwillen regte, und die Tränen gesehen, die Er um unsertwillen weinte. Er hat Sich uns als Der offenbart, der zu Hölle und Himmel den Schlüssel hat, und in Sein treues hohenpriesterliches Herz ließ Er uns schauen, dass wir die Liebe erkennten, die uns gerne Alle ins Himmelreich ziehen möchte. O liebe Christen, Er hat sich als der wahrhaftige Gott erwiesen, lasst uns Ihn anbeten. Er hat uns durch Sein Blut erkauft, so wollen wir uns Ihm zu eigen geben. Er wird uns einst vom Tode erwecken, so wollen wir nicht von Ihm lassen, dass es geschehe zur Auferstehung des Lebens. Er wird uns im Triumph durch den Himmel führen, so wollen wir gleich jetzt unter Seine Fahne uns stellen, die Kreuzesfahne, die Auferstehungsfahne, die Fahne des ewigen Lebens. Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod wo ist dein Stachel? Hölle wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!
Einer ist König, Immanuel sieget!
Bebet ihr Feinde und gebet die Flucht!
Volk des Almächt'gen sei innig vergnüget!
Labe die Herzen mit himmlischer Frucht!
Ewiges Leben, unendlicher Frieden,
Freude die Fülle hat Er uns beschieden.
Nicht nur getrauert und nicht nur geweinet!
Auf und erhebe dein sinkendes Haupt!
Siehe, die Sonne der Freuden erscheint
Tausendmal heller als du es geglaubt.
Jesus, Er lebt, die Liebe regieret,
Die zu den Quellen des Lebens dich führet.
Amen!