Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Der Gang zum Grabe.
„Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit ihm kamen, ergrimmte Er im Geiste und betrübte Sich selbst und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu Ihm: Herr, komm und siehe es! Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat Er ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht stürbe? Jesus aber ergrimmte abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft und ein Stein darauf gelegt. Jesus sprach: Hebt den Stein ab. Spricht zu Ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon, denn er ist vier Tage gelegen. Jesus spricht zu ihr Habe Ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?“
„Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit Ihm kamen, ergrimmte Er im Geiste und betrübte sich selbst und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu Ihm: Herr, komm und siehe es! Und Jesu gingen die Augen über.“ Auf dem Gange zum Grabe des Lazarus, den wir jetzt mit unserem Heiland antreten wollen, ist uns vergönnt, einen tiefen Blick in die Seele des Gottmenschen zu tun. O, dass wir doch klar erkennten, was in ihr vorgeht! Für den Gläubigen gibt es kein freudenreicheres Werk, als in den Evangelien das Bild Jesu Christi aufzusuchen, auf jeden noch so kleinen und unscheinbaren Zug zu merken, all die Worte, die Er gesprochen, die Taten, die Er verrichtet, die Gebärden, in denen Er sich gezeigt, zu einem Gesamtbild zusammenzufassen, das uns als die Fülle der Gottheit in Leibesgestalt, das ewige Leben in zeitlicher Erscheinung, der Glanz des Himmels in irdischer Armut auf unserer Pilgrimschaft voranleuchtet. Aber Liebe müssen wir mitbringen, wenn wir den Herrn erkennen wollen. Der Verstand wirft gerne das Wunderbare, das Göttliche, was uns erzählt wird, hinweg und kann so nicht einmal ein wahres Menschenbild darstellen, weil das Bild Jesu Christi nur gedacht und gezeichnet werden kann in dieser wunderbaren und einzigen Verbindung göttlicher und menschlicher Natur, als Gottes- und Mariensohn. Und wenn er auch alle Züge sorgfältig sammelte, so lägen sie zerstreut vor ihm und es fehlte das warme Leben, das sie zusammenfügte. Die Liebe findet das geistige Band, das aus ihnen ein lebendiges Bild macht. Sie dringt bis zu dem tiefsten Quellpunkt hinein, aus dem dies heilige Leben sich ergießt, bis zu dem Lichtkern, aus dem die Strahlen Seiner Herrlichkeit hervorbrechen. Wir müssen lieben, wenn wir erkennen wollen. Ja, die heilige Liebe ist nicht blind, sondern sehend und sieht da hinein, wo das natürliche Auge uns verlässt: in das Herz Jesu Christi. Und da hineinzuschauen tut uns heute Not. Maria war, nachdem sie zu des Herrn Füßen bekannt: „Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“ in Tränen ausgebrochen und die Juden, vielleicht teils aus Mitgefühl, teils nur, weil sie um des Weinens willen von Jerusalem herübergekommen waren, weinten mit. Da nun Jesus in allen Augen Tränen sah, „ergrimmte Er im Geiste und betrübte sich selbst.“ Wundersames Nebeneinander entgegengesetzter Empfindungen: erst Zorn, dann Mitleid; eben fühlt Er sich stark im heiligen Eifer, und gleich darauf weich in Betrübnis. Stimmt das mit dem Bilde des Heilands? Es haben Manche jenes „Ergrimmen“ nur als eine sehr heftige Gemütsbewegung und zwar des Schmerzes gefasst, ohne dass sie gegen irgendetwas ihm Widerliches gerichtet gewesen wäre. So wäre kein Wechsel in des Heilands Empfindung. Aber diese Auslegung geht nicht an, weil das griechische Wort, welches Luther mit „ergrimmen“ übersetzt, sonst überall bedeutet: seinen Zorn, seinen Unwillen äußern, drohen, und dasselbe ist, was Matth. 9, 30 und Mark. 1, 43 mit „bedrohen“ und Mark. 14, 5 mit „murren“ ins Deutsche übersetzt wird. Es wird also auch hier von irgendeinem Unwillen des Herrn verstanden werden müssen. Und dass der Herr in Seinen Gefühlen so schnell wechselte, das soll uns nicht wundern, sondern den Trost geben, dass Er wirklich geworden ist wie unser Einer, nur ohne Sünde.
Aber worüber ergrimmte der Meister? Sah Er in den Tränen, die vor Ihm flossen, Unglauben? Erregte es Seinen heiligen Eifer, dass auch Maria, die so oft zu Seinen Füßen gesessen und noch eben zu Seinen Füßen ihren Glauben bekannt, doch zur vollen Freudigkeit des Glaubens noch nicht durchgedrungen ist und noch nicht den Schmerz des Todes durch Seine Kraft überwindet? Ward Er zornig über die Juden, die gehört hatten, was Er am Jünglinge von Nain und am Töchterlein des Jairus getan, die mit eigenen Augen Seine Wunderwerke in Jerusalem gesehen, dass sie noch immer sich verstockten, vor Seinen Worten die Herzen verriegelten, ja Lust hatten, Ihn ans Kreuz zu schlagen? Aber, da der Maria Tränen, auch wenn sie glaubte, so natürlich und die Juden ohnedies zum Weinen geneigt waren, und da Ihm selbst bald die Augen übergehen, ist es unwahrscheinlich, dass Er gerade jetzt gegen die Tränen der Umstehenden als Zeugnisse des Unglaubens ergrimmt. - Oder war es vielleicht der Tod, gegen den er ergrimmte? Dieser Sein Feind, den zu bändigen, Er in die Welt gekommen, ist jetzt in den Kreis Seiner Lieben hineingetreten und hat Ihm den Freund geraubt. Er steht in seiner ganzen Gewalt und Hässlichkeit vor Jesu Augen. Aber es gilt, ihm seine Beute zu entreißen und nach wenigen Tagen alle Macht zu nehmen. Da wappnet sich der Herr gegen den Tod mit heiligem Zorn. Aber die Tränen der Umstehenden stimmen ihn bald wieder weich und er betrübt sich selbst. Vielleicht dünkt dir diese Deutung nicht einfach und natürlich genug, und es soll dir eine dritte vorgelegt werden. Der Herr ergrimmet im Geiste, nicht gegen etwas außer ihm, Er ergrimmet gegen etwas in Sich selbst, gegen das weiche Gefühl, das beim Anblicke der Weinenden sich Seiner bemächtigen will. Er hat ein Herz für fremden Schmerz, Er sehnt sich, ihn zu stillen, so mächtig ist das Mitgefühl in Ihm, dass es schon in Tränen hervorquellen will. Aber soll Er auch weinen, dass gar Niemand mehr da ist, der sich als Herrn über den Schmerz bewiese? Wer soll dem Tode gegenüber stark sein, wenn nicht Er? Er ergrimmt gegen die Weichheit in sich selbst, Er rafft sich innerlich zusammen. So hemmt er zwar die Tränen, aber das Mitgefühl ist zu groß, als dass Er die Trauer ganz unterdrücken könnte.
„Er betrübte sich selbst und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu Ihm: Komm und siehe es!“ O liebe Freunde, versenkt euch in diesen einzigen Augenblick! Unser Heiland geht zum Grabe des Lazarus, den Er lieb hatte. Noch jüngst hatte Er bei ihm geweilt und Sich seines freudigen Lebens gefreut und nun ist die frische Gestalt ein verwesender Leichnam. Er weiß zwar, dass dieser Leichnam zur Ehre Gottes zu verwesen begonnen - aber zu des Freundes Grabe zu gehen, von den weinenden Schwestern begleitet, ihn als Leiche, als vermodernde Leiche wiederzusehen, den Er so lieb hatte - das ergreift das Herz des Heilands mächtig, länger kann Er den Schmerz nicht in sich zurückhalten, die Tränen, die Er gerne erstickt hätte, dringen hervor.
„Und Jesu gingen die Augen über.“ Liebe Seele, der Heiland weinet. Die Tränen sind der Menschen Eigentum. Mit ihnen treten wir ins Leben, sie begleiten uns auf seinen verschlungenen Wegen und fließen in den entscheidendsten Stunden am reichlichsten. Der müsste sein menschliches Wesen ertötet haben, der keine Träne mehr hätte. Ach, es ist so schmerzlich wahr, so ganz aus unserem Leben herausgeschrieben, was der Dichter sagt:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Der Heiland weint, so ist Er wahrhaftiger Mensch wie wir, Er ist nicht bloß der gewaltige König, dem alle Reiche untertan sind, der nur einen flüchtigen Besuch auf der Erde gemacht, in unser Elend einmal einen Blick zu werfen, aber dereinst als Richter in großer Kraft und Herrlichkeit wiederkommen wird, Er ist auch der treue Hohepriester, und nicht ein solcher, der nicht könnte Mitleiden haben mit unserer Schwachheit, sondern der versucht ist allenthalben gleich wie wir, doch ohne Sünde (Hebr. 4, 15); denn der Heiland weint. Und einen solchen haben wir ja nötig, der nicht bloßen Rat, kalte Belehrung, harte Ermahnung gibt, sondern Einen der treulich hört, wenn die Seele ihr Leid ausschüttet, und dem das Leid des Bruders so sehr zu Herzen geht, dass Ihm selbst die Tränen kommen. „So lasst uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe Not sein wird.“ (Hebr. 4, 16.) - Der Heiland weint; so sind unsere Tränen durch die Seinen geweiht und wir brauchen uns ihrer nicht zu schämen. Hat der Heiland, der da heißt „Kraft“ und „Held“, geweint, so gehört es wohl zur rechten Männlichkeit, den feurigen Mut und die siegende Kraft, die durch alle Hindernisse und Gefahren hindurchbrechen, mit der zarten Liebe, die auch zu dem Kleinsten sich herablässt und mit dem innigen Mitgefühl, das durch jede Not des Bruders schnell erweckt wird, zu verbinden. Aber der Heiland hat wohl selten geweint. Nur dreimal im ganzen Neuen Testament wird Seiner Tränen Erwähnung getan. (Luk. 19, 41; Joh. 11, 35; Hebr. 5, 7.) So sollen auch wir zwar nicht mit kaltem Gleichmut gegen das Gefühl uns zu wappnen suchen, aber ringen, durch den Glauben, der die Welt überwindet, auch den eigenen Schmerz zu überwinden, an fremdem Schmerz aber nicht durch Tränen allein Anteil nehmen, sondern durch die helfende Tat der Liebe. Und worüber hat der Heiland geweint? Aus ganz anderer Quelle sind Seine Tränen geflossen, als unsere so oft fließen. Hat Er jemals aus Ärger geweint, dass die Menschen Ihm feindlich entgegentraten, dass sie Ihm so große Schmach zufügten? Er schalt nicht wieder, da Er gescholten ward, Er drohte nicht, da Er litt, Er stellte es aber Dem heim, der da recht richtet; dieser Sinn des Gehorsams und der Geduld hat Ihn vor solchen Tränen bewahrt. Hat der Neid Ihm Tränen ausgepresst? Sein Herz war lauter Liebe, Er gönnte den Menschen alles Gute, ja Er war gekommen, das reiche Erbe des himmlischen Vaters mit ihnen zu teilen. Hat Er über Seine Armut geweint? Er ist gerne ein armer Mann geworden und die Liebe, die Ihn zu uns herabtrieb, hat Ihm alles Leid der Armut versüßt. Die Tränen, die aus der Sünde und aus der Trauer über irdisches Elend fließen, sind Ihm fremd geblieben. Aber hat Er nicht jene reinen Tränen vielleicht geweint, die, wenn mit heiligem Schauer das Gefühl des ewigen Lebens, der Seligkeit des Himmels, der Kindschaft Gottes wie ein hoher Geist in armer Hütte in uns einkehrt, aus unseren Augen strömen, weil dies Gefühl zu groß und herrlich ist, um in unserem schwachen Wesen Raum zu finden? Dem Heiland war der Himmel und Seine Seligkeit nicht fremd und Seine Bahn ging durch Seinen irdischen Beruf geraden Wegs dahin zurück. Solche Tränen braucht Er darum nicht zu weinen. Worüber hat der Heiland geweint? Als die Juden ihn weinen sahen, sprachen sie:
„Siehe, wie hat Er ihn so lieb gehabt!“ Der unmittelbare Eindruck, den die Juden von den Tränen des Heilands empfangen, leitet sie sicher: Er weint, weil Er lieb hat.
Tränen der Liebe hat Jesus geweint für uns alle. Denn also spricht die Schrift: „Er hat in den Tagen Seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert zu dem, der Ihm von dem Tod konnte aushelfen.“ (Hebr. 5, 7.) O liebe Brüder, wie hat uns der Heiland so lieb gehabt! In unser sündiges Fleisch hat sich der ewige Gott gekleidet, damit wir arme Sünder zu Gott zurückkämen. Da weint Er als schwaches Kindlein in der Krippe zu Bethlehem, auf der Flucht nach Ägypten, Er trägt den ganzen Jammer dieses Lebens für uns todeswürdige Sünder, Er ringt die Nacht hindurch in Gethsemane und betet heftiger, sich in den Willen Gottes völlig hineinzuringen, der Schweiß rinnt Ihm wie Blutstropfen vom Angesicht und Tränen rinnen sicherlich auch. Er lässt sich binden, vor weltliches und geistliches Gericht schleppen, schlagen, anspeien, verspotten, Er trägt Sein Kreuz nach Golgatha, Er lässt sich dran schlagen. Ach, da opfert Er Gebet und Flehen, mit starkem Geschrei und Tränen für dich und mich, da legen sich die Schauer des Todes um Sein Herz und der Gottes Sohn, der mit dem Vater eins ist, der ruft laut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und heiße Tränen fallen hernieder - ach, dass sie dir und mir wie feurige Tropfen ins harte, kalte Herz fielen, es in weiche Glut zu bringen und wir erkennten, dass Er für uns Sünder gestorben ist. Ach siehe doch, o Menschenkind, siehe, wie hat Er dich so lieb gehabt!
Tränen der Liebe hat Jesus geweint über die verstockten Sünder. Er kommt von Bethanien her über den Ölberg, zum letzten Mal nach Jerusalem zu ziehen, um da zu sterben. Da liegt die Stadt vor Ihm, nicht mehr wie zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft, da Jeremia klagte, dass sie sei wie eine Witwe und die Tore öde stehen und die Priester seufzen und die Jungfrauen jämmerlich sahen, weil Niemand zum Fest komme. I nein! Da steht der Tempel auf dem Berge Moria, herrlich wieder aufgebaut, mit seinen Vorhöfen und Hallen, die hohen Zinnen glänzend im Sonnenschein und hinter ihnen prangen Paläste und Häuser und die festliche Menge, die Ostern feiern will, wogt durch die Straßen und strömt aus den Toren und rings umher blüht ein Kranz von Gärten im ersten Frühlingsschmuck. Es ist ein Anblick voll Glanz und Duft und Farbenpracht diese Stadt Jerusalem. „Aber Jesus sah die Stadt an und weinte über sie“ (Luk. 19, 43). Er weint, dass sich diese Stadt nicht bekehren will. Wie oftmals hat Er sie wie die Henne ihre Küchlein unter Seine Flügel tun wollen, und sie hat nicht gewollt. Er hat ihr das Leben angeboten und sie bietet Ihm den Tod. Und den Tod will Er gerne leiden, darüber vergießt Er keine Träne. Aber was wird aus diesen verstockten Sündern werden, da sie sich nicht bekehren und zur Zeit der Heimsuchung nicht erkennen, was zu ihrem Frieden dient? Schon sieht der Herr im Geiste die Feinde über diese Stadt kommen, die Mauern brechen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Die Stadt, die einst das wahrhaftige Brot Jesum Christum verwarf, sieht ihre Kinder zu Hunderttausenden am Hungertode sterben, die nicht von dem Wasser des Lebens trinken wollten, suchen in Pfuhl und Pfützen ihren Durst zu löschen; die Stadt, die im wilden Wahnsinn: Kreuzige, kreuzige schrie und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder - über die kommt das Blut Jesu Christi, das den Gläubigen rein macht von aller Sünde, wie verzehrendes Feuer, und die Ihn ans Kreuz schlugen, deren Kinder zu Hunderten zu kreuzigen, können die Römer nicht Holz genug auftreiben. Und weil der Herr das Verderben der verstockten Stadt voraussah, darum weint Er über sie. O Menschenkind, es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes fallen! Weine du selbst über deine Sünden, ehe es zu spät ist! Schaue, wie der Herr über deine Verstockung, über deine einstige Verdammnis weint! Siehe, wie hat Er dich so lieb gehabt!
Tränen der Liebe hat Jesus geweint über das Leid Seiner Gläubigen. Da Er zum Grabe Seines Lazarus schreitet mit den trauernden Schwestern, da Er ihr Leid sieht und bald die Verwüstung sehen soll, die der Tod an diesem lieben Menschen angerichtet hat, da gehen Ihm die Augen über. Des tut Ihm wohl, wenn Ihm Menschenherzen in besonders inniger Liebe entgegenschlagen und gerne kehrt Er bei ihnen ein. Aber wenn dann solche teure Menschen in Betrübnis versetzt werden, da kommt Er auch und weinet mit den Weinenden. Ja, liebe Seele, so ist es. Das hast du reichlich erfahren. Immer, wenn ein großer Schmerz dich bedrängte und deine Augen Tränenquellen waren, ist Er zu dir gekommen, hat mit dir geweint, all' deine Klagen angehört und auf jede einen Trost gegeben. O du gläubige Seele, wie hat Er dich so lieb gehabt! Bei all' der Trübsal, die du tragen, bei all' den Tränen, die du weinen musstest wie hat Er dich doch so lieb gehabt! Immer wärmer goss Er Seine Liebe in dein Herz, immer fester zog Er dich zu Sich heran, immer klarer ist dir geworden, dass in Ihm Fülle ist für jeden Mangel. O, wenn du in dein vergangenes Leben zurückschaust, wie Er dich geführt, getragen, in dein jetziges, wie es mit Seiner Liebe ganz erfüllet ist, es muss dir ja das Herz beben in Dank und auf der Zunge muss Lob und Preis brennen für den treuen, barmherzigen Hohenpriester, der deine Tränen gesehen und mit dir geweint, weil Er dich so lieb gehabt. Lege das Büchlein hin, wir wollen singen:
Mein Lebetage will ich Dich
Aus meinem Sinn nicht lassen,
Dich will ich stets, gleich wie du mich
Mit Liebesarmen fassen.
Du sollt sein meines Herzens Licht
Und wenn mein Herz in Stücke bricht
Sollst Du mein Herze bleiben.
Ich will mich Dir, mein höchster Ruhm,
Hiermit zu Deinem Eigentum
Beständiglich verschreiben.
„Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hatte, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht stürbe?“ Was ist's wohl gewesen, was die Juden zu dieser Frage trieb? War es der kalte Spott, der wie ein herber Misston in Stunden des Leidens klingt, ein Spott wie jener, der zu dem Gekreuzigten sprach: Du hast Andern geholfen, nun hilf dir selbst! Ich denke mir die Juden, die zu den Schwestern in Bethanien gekommen waren, wenn auch nicht gläubig, doch so feindlich gegen den Herrn nicht gesinnt. Das Mitleiden mag wohl die Frage entlockt haben. Warum muss denn solch' Leid hier sein? Hat Er doch Andere gerettet, warum rettet Er Seinen Freund nicht? Das ergreift den Heiland 'aufs neue. Sein Herz ist weich. Aber Er ergrimmt abermals in sich selbst, Er rafft Sich noch einmal innerlich zusammen, damit der Schmerz Ihn nicht übermanne und kommt zum Grabe. „Es war aber eine Kluft und ein Stein darauf gelegt.“ Nun ist Er am Ziele angekommen: vor einem Grabe steht Er, wie Seiner eines wartete im Garten des Joseph von Arimathia. Er beginnt Sein Werk. Es muss sich bald zeigen, ob des Lazarus Krankheit zum Tode war oder zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt werde.
„Jesus sprach: hebt den Stein ab.“ Was will Er tun? Wil Er den Leichnam seines Freundes noch einmal sehen, eine Träne ihm ins Grab weinen, das Grab dann wieder schließen lassen und heimkehren? Das wird's wohl sein. Da spricht Martha zu Jesu: „Herr er stinkt schon, denn er ist vier Tage im Grabe gelegen.“ Ach, wie stark, wie unbarmherzig ist doch der Tod! Welch eine gräuliche Verwüstung richtet er an! Die Gestalt des Lazarus hat er in vier Tagen so geschändet, dass die eigene Schwester vor ihr zurückschaudert. Die lieben Augen, aus denen sie sonst Freude saugte, sind ganz eingefallen, der Mund, der so freundlich lächeln konnte, flößt Grauen ein, die Hände, deren warmen Druck sie sonst spürte, sind schlaff und fallen auseinander, von der Gestalt, von der ihr sonst süße Liebe entgegenatmete, geht Gestank der Verwesung aus. Ach, was ist aus dem Ebenbild Gottes geworden! Wo ist die Frische der Gesundheit, die Blüte der Schönheit, die der Mensch von Gott erhalten hatte? Das Gras ist verdorrt, die Blume abgefallen. Der über alle Kreaturen herrschen sollte, wird von den Würmern zerfressen. „Herr, er stinkt schon, denn er ist vier Tage gelegen“, spricht Martha zu Jesu, als dächte sie gar nicht mehr an Rettung, nun das Elend schon so weit gekommen ist, als wollte sie dem Meister den Anblick des Grauens ersparen.
„Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?“ Wie magst du vor diesem Grabe zurückbeben? Kann auch Verwesung dir die Hoffnung rauben? Hast du vergessen, was Ich eben zu dir gesagt: dass Ich die Auferstehung bin und das Leben? Hast du vergessen, dass Jeglicher, der an Mich glaubt, leben wird, ob er gleich stürbe? Und dass, wer an Mich glaubt, nimmermehr sterben wird? Und hast du nicht selbst geglaubt, dass Ich bin Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist? Wohlan, schlage die Augen des Glaubens an den Sohn Gottes auf: Der spricht und es geschieht, Der gebeut und es steht da; wo nichts ist, ruft Er Leben hervor und lässt in das Elend der Erde die Herrlichkeit Gottes leuchten! Menschenkind, Menschenkind, höre, was der Herr am offenen Grabe spricht: „So du glaubst, sollst du die Herrlichkeit Gottes sehen!“ Deine natürlichen Augen sehen menschliches Elend; Er will dir Augen geben, welche Gottes Herrlichkeit schauen. Deine natürlichen Augen sehen Verwesung, umhergeworfene Gebeine; deine Glaubensaugen sollen neues Leben, verklärte Leiber schauen. Glaube und du wirst sehen! Der Herr sagt nicht, dass wir durch Sehen zum Glauben, sondern dass wir durch Glauben zum Sehen kommen sollen. Wie arm sind wir, wenn wir nur glauben wollen, was wir sehen können, aber wie reich, wenn wir glauben, auf dass wir schauen! Was können wir denn ohne den Glauben, mit unseren natürlichen Augen, sehen? Wir sehen die Menge der Kreaturen, wie sie entstehen, eine Zeit lang leben und dann dahinsterben; aber den persönlichen Willen, der in ihnen wirket und ohne den kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserem Haupte fallen kann, sehen wir nicht. Wir sehen, wie Völker kommen und gehen, Könige sich aufwerfen und niedergeworfen werden, Reiche stark sind und zusammenbrechen, aber das heilige Walten eines liebenden Gottes in der Völkergeschichte erkennen wir nicht. Wir sehen, wie wir selbst aufwachsen, unser irdisch' Tagewerk tun und dann alt, schwach, stumpf werden, wir sehen den Tod mit sichern Schritten herannahen, uns ergreifen und dann erlischt das Licht des Auges und unser Sehen hat ein Ende. Aber wenn wir glauben, werden wir die Herrlichkeit Gottes sehen, denn der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht“ (Hebr. 11, 1), „und selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20, 29). Das Auge des Glaubens dringt durch die sichtbare Welt hindurch, wie durch die dunkle Hülle, bis zu der Klarheit des Angesichtes Gottes; ja der Glaube schwingt sich aus der Kreatürlichkeit, in der er Schmerz und Tod empfindet, in das Wesen und Wirken des lebendigen Gottes hinein. Und wie der lebendige Gott im Nichts das Etwas, im Tod das Leben, im Sünder den neuen Menschen schaut, so der Glaube. Der natürliche Mensch hält nur das für gewiss, was er sehen, hören und betasten kann, der Gläubige ruht am Herzen Gottes und da werden ihm Dinge gewiss, die die ungewissesten scheinen, denn im Herzen Gottes, in diesem Urquell der Liebe, ist Alles beschlossen, was noch geschehen soll, und des Herrn verborgenen Rat hat der Gläubige dort erlauscht. O liebe Freunde, was wäre denn unser Leben, wenn der Glaube nicht schaute? Wenn er nicht über den Jammer der Zeit, das Elend der Vergänglichkeit hinausschaute in die Herrlichkeit Gottes, die allein Leben und Freude ist? Ohne Glauben sind wir die Knechte der Welt, die Gefangenen der Kreatur: durch den Glauben überwinden wir die Welt und dringen zur Freiheit der Kinder Gottes empor. Möchtest du leben ohne zu glauben? Jammert dich dein Volk, wenn es schwach ist, da es doch stark, verachtet, da es doch herrlich sein sollte? Glaube, und du wirst die Herrlichkeit Gottes noch über dasselbe anbrechen sehen. Es war eine Zeit, da hatte Gott einem Menschen erlaubt, dies Volk in Fesseln zu schlagen: über die Länder, da Freiheit, Treue, Glaube, Sitte ihre Heimat hatten, ergoss sich ein Volk, das im Munde die Freiheit führte, aber durch fleischliche Lüste geknebelt war, das, durch und durch leichten Sinnes, die deutsche Treue zum Gespötte hatte, das an nichts glaubte, als an seinen eitlen Ruhm, und die fromme Sitte mit der Losgelassenheit des sinnlichen Lebens zerstörte. Die deutsche Freiheit war dahin, und die deutsche Sprache mit ihrer Tiefe und Innigkeit sollte sich vor der Buhlerin verkriechen. Da schien unser Volkstum erstorben und mehr denn vier Jahre hat es im Grabe der Knechtschaft gelegen. Aber zornesmutige deutsche Männer, fromme deutsche Frauen hoben die Augen empor zu den Bergen, von denen Hilfe kommt: sie glaubten, dass das Vaterland gerettet werden würde. Sie hatten eine gewisse Zuversicht des, das sie hofften: dass der Herr den Eroberer zerschmettern würde wie ein irdenes Gefäß; sie zweifelten nicht an dem, das sie nicht sahen, dass des Herrn Herrlichkeit über das deutsche Volk wieder leuchten würde. Und ob rings Totengebeine lagen, und ob die Kinder des eigenen Volkes Todesgeruch aushauchten durch Feigheit und Knechtessinn, die deutschen Herzen glaubten und beteten und harreten, bis der Gott, groß und wunderbar, dem Volke in Flammen sich zeigte, Odem in die Glieder hauchte und sie zu einem starken Leibe zusammenfügte. Der Tyrann ward gestürzt und das betende, streitende Volk erhöht. Darum, du deutsches Herz, sollst du nicht verzagen, wenn deutsche Ehre darniederliegt, sondern an den deutschen Gott glauben und im Glauben beten und arbeiten. Denn wir haben solchen Schatz in irdischen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns. Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängsten uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen, wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um“, ja wir werden die Herrlichkeit Gottes noch über unserem Volke aufgehen sehen, so wir bleiben ein Volk des Glaubens! Oder jammert dich deine Kirche? Du seufzt: Hilf, Herr, die Heiligen haben abgenommen und der Gläubigen ist wenig unter den Menschenkindern. Du siehst, dass der Gräuel der Verwüstung hie und da noch bis vor den Altären steht und der Herr verzieht, Sein Heiligtum zu reinigen. Noch wird mancher Orten statt des gesunden Brotes der evangelischen Lehre dem Volke ein Stein geboten, und statt dass es durch die Lieder der Väter seinen Glauben stärkte und seine arme Seele tröstete, singt es sich Unglauben und Trostlosigkeit ins Herz. Aus den Häusern ist das Wort Gottes und das Gebet gewichen und in der Gemeinde fehlt die Zucht. Du bist traurig über die Schäden unserer Kirche und es ist gut, dass du trauerst. Aber du sollst auch beten und glauben, so wirst du die Herrlichkeit Gottes schauen. Siehe, schon strahlt sie wunderbar aus unserer Kirche wieder hervor. Es wird gebetet, gesungen, gepredigt, wie es nicht geschehen war seit den Tagen der Apostel und der Reformatoren. Die Glieder schließen sich wieder an das Haupt, und der Herr erweist sich als König. Und ob die äußerlichen Augen nur den Jammer sehen, die Augen des Glaubens sehen die Freuden, und ob Zügellosigkeit zur Linken und Knechtschaft zur Rechten uns droht, wir glauben an den Herrn Jesum Christum und brauchen Sein Wort: „Das Reich muss uns doch bleiben!“
Oder dir ist bange um dein selbst willen. Der Welt Freude ist dir längst zum Leid geworden.
In der Kreatur findest du keinen Frieden. Du siehst, dass die Hütte deines Leibes täglich gebrechlicher wird und täglich den Todesstoß empfangen kann. Du siehst wenig Licht in diesem Leben und der Tod ist dir nichts als Finsternis. Du möchtest Gottes Herrlichkeit schauen. Manchmal trifft auch ein Strahl derselben deine Seele und sie erbebt dann in Freude. Aber viel öfter, wenn du Sein Angesicht schauen möchtest, verbirgt es sich vor dir. Ach, dann ist deine Seele so traurig, dein Geist so dürr und die Tränen strömen dir aus den Augen. O liebe Seele, verzage nicht! Solche dunkle Stunden haben auch die Helden im Glauben erfahren. So lange wir in der Hütte sind, sehnen wir uns und sind beschwert. Hier schauen wir nur stückweise. Aber wie müssen wir dem Herrn danken für die Tage, die Stunden, die Augenblicke, in denen Er sonder Hülle vor unseren inwendigen Menschen tritt und das inwendige Leben selig erglänzen lässt! Daran haben wir doch ein Pfand, dass das Stückwerk einst aufhören und das Vollkommene erscheinen wird. Und wenn wir nicht ablassen, Gottes Angesicht zu suchen im Gebet und Ihm die Verheißungen, dass Er sich uns offenbaren will, im Glauben vorhalten, und wenn wir immer ernstlicher die Augen von den sündlichen Erscheinungen der Welt abziehen und Seine Herrlichkeit unser einziges Leben sein lassen, und wenn wir den Herrn Jesum Christum, in dem der dunkle Gott Klarheit ist, anziehen und durch Ihn reines Herzens werden, so werden wir Gott immer deutlicher schauen und durch die Nacht des Todes leuchtet rosiges Morgenrot der zukünftigen Welt, wo wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen. O liebe Seele, wie glücklich sind wir, dass der Herr uns schauen lassen will, wenn wir glauben. Denn die Zeit des Schauens wird wahrlich kommen. Dann werden wir ins himmlische Jerusalem hinausgerückt und wir sehen Gott wie Er ist; wir sehen den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist und erkennen zu unserer Seligkeit, wie die drei Eines sind, was uns in seiner Verborgenheit schon hier beseligte. Und so nahe werden wir unserem Gotte sein, dass wir eines Tempels nicht mehr bedürfen, denn der Herr, der allmächtige Gott ist unser Tempel, und das Lamm. Und nicht nach Sonne und Mond sehnen wir uns, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet die Stadt und ihre Leuchte ist das Lamm. Und aus allen Völkern werden Menschen eingehen, so viele ihrer geschrieben sind in dem lebendigen Buche des Lammes. Alles Unreine aber wird ausgeschlossen sein. Da werden die Kreaturen nicht mehr die Herrlichkeit Gottes verhüllen, sondern sie wird Alles durchdringen, ja uns selbst durchscheinen und verklären. Wo wir wandeln, umgibt sie uns, wohin wir schauen, glänzt sie, was wir hören, ist ihres Ruhmes voll. Da können auch wir nicht anders, als in das ewige Halleluja mit einstimmen. Ach, dass wir dahin kämen! Der zur Martha gesprochen: „Wenn du glaubtest, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen!“ spricht zu uns durch Sein Wort: „Ja, ich komme bald.“ Und was sagen wir?
Zion hört die Wächter singen:
Das Herz tut ihr vor Freuden springen;
Sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig:
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm', du werte Kron,
Herr Jesu, Gottes Sohn!
Hosianna!
Wir folgen all'
Zum Freudensaal,
Und halten mit das Abendmahl.
Amen.