Baur, Wilhelm - Lazarus von Bethanien und seine Schwestern - Der Meister ist da und ruft nach dir!
„Und da sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach: Der Meister ist da und ruft nach dir. Dieselbige, als sie das hörte, stand sie eilend auf und kam zu Ihm. Denn Jesus war noch nicht in den Flecken gekommen, sondern war noch an dem Orte, da Ihm Martha war entgegen gekommen. Die Juden, die bei ihr im Hause waren und trösteten sie, da sie sahen Maria, dass sie eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr nach und sprachen: Sie geht hin zum Grabe, dass sie daselbst weine. Als nun Maria hinkam, wo Jesus war und sah Ihn, fiel sie zu Seinen Füßen und sprach zu Ihm: Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“
„Und da sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihrer Schwester Maria heimlich und sprach: Der Meister ist da und ruft nach dir!“ Sie hatte dem Herrn gesagt, ihr Bruder wäre nicht gestorben, wenn Er hier gewesen wäre, aber der Vater werde ihm auch jetzt noch geben, um was Er Ihn bitte. Vom Bekenntnis des Glaubens eilt sie zum Werke der Liebe. Sie gedenkt ihrer Schwester Maria. Diese sitzt noch, von der Stärke ihres Gefühls überwältigt, allein zu Hause. Schmerz, Liebe, Freude durchwogen sich in ihrer Seele und sie weiß nichts Besseres zu tun, als sich mit all' ihrem Leid, ihrer Sehnsucht und ihrer Hoffnung in Gott zu versenken. Wie in einen tiefen Grund, dessen Ende sie nicht finden kann, schaut sie hinab: kein bestimmter Gedanke, keine besondere Hoffnung, kein einzelnes Gefühl gewinnt in ihr die Herrschaft: Sie verhält sich ganz leidend. Aber bei der reinen Leidentlichkeit soll es nicht bleiben. Wie ein Lichtstrahl in der Nacht trifft es ihre Seele, als die Schwester, vielleicht von der aus der Außenwelt Abgeschiedenen unbemerkt, zu ihr hinschleicht und ihr heimlich, damit sie ganz gewiss erkenne, sie sei's gemeint, ins Ohr spricht: „Der Meister ist da und ruft nach dir!“ Unscheinbare Worte stehen vor mir, die ich euch deuten soll, aber ich verzage, aussprechen zu können, was der Geist Gottes in ihnen verborgen hat. Sie lehren mich, wie ich aus der Sünde zur Kindschaft Gottes, aus der armen Kreatürlichkeit in des Schöpfers Fülle, aus Leid in Freude, aus der Zeit in die Ewigkeit gerettet werden soll. Der Herr macht die Welt durch Kreuz mir bitter, ich flieh' aus ihr in die Abgeschiedenheit und versenke mich in Gott. Ruhe finde ich wohl in diesem Versenktsein: aber das neue Leben, die auffliegende Kraft, die lichte Freude sind mir noch versagt. Da hör ich durch Gottes Gnade eines seiner Werkzeuge zu mir sprechen: „Der Meister ist da und ruft dich!“ Aus dem dunklen Grunde der Gottheit steigt die Klarheit des Sohnes auf und tritt zu mir hin. Nachdem der Vater mich durch Kreuz der Welt entzogen und mit Sehnsucht nach seiner Kindschaft erfüllt hat, erscheint der Sohn, ohne den Niemand den Vater völlig erkennen und wahrhaftig zu ihm kommen kann und führt mich zum Vater hin. Jetzt ist mir Gott nicht mehr der dunkle Abgrund allein, in den ich mein Leid versenke, jetzt ist Er der klare Born der Liebe, aus dem seliges Leben, himmlische Kraft, unvergängliche Freude aufsteigt.
Da das Kreuz die Maria in die Abgeschiedenheit geführt, wird Martha des Herrn Botin, ihr zuzurufen: „Der Meister ist da!“ O ihr lieben Einsamen in der Welt, wollte Gott mir den Weg in eure Kammern zeigen, wie gerne möcht' ich zu Euch allen hin und es so fröhlich und innig wie Martha euch in die Seele sprechen: „Der Meister ist da!“ Aber abgeschieden müsstet ihr sein, der Welt Bitterkeit geschmeckt, das Leid ihrer Freude, das Elend ihres Glanzes erkannt und euch nach des Lebens Bächen hin gesehnt haben. Und heimlich müsst' ich mit euch sprechen dürfen. Die vier Wörtlein: „Der Meister ist da!“ haben schon so viel Millionen Seelen überhört, weil der Lärm der Welt zu groß war. Und wie die Martha es die ungläubigen Juden nicht merken ließ, was sie der Schwester zu sagen hatte, so dürfte kein Ungläubiger zugegen sein, kein Spötter, der das süße Wort mit scharfer Lauge wegätzte, kein Zweifler, der es zu einem leeren Klang aushöhlte, auch kein gutmütiger Schwätzer, der es mit einer lauen Wasserflut übergösse: du lieber Einsamer, ich möchte allein mit dir sein, gerne ruhig dein ganzes Leid hören, mit dir beten, aber dann so hell und fröhlich, als es der Herr mir gäbe, zu dir sprechen: „Der Meister ist da und ruft nach dir!“ Ich will zu euch reden, ihr Einsamen, vielleicht hört doch eine Seele mein Wort. Du, liebe Jungfrau, gehörst wohl zu den Einsamsten, die zu finden sind. Den Vater, dem du sonst sein Alter durch deine Jugend leicht gemacht, die Mutter, mit der du des Hauses Lasst fröhlich getragen, hast du längst zum Grabe geleitet. Auch kein Bruder ist da, der dich in sein Haus riefe und dir Arbeit und Liebe böte, ohne die du nicht leben kannst. Zwar bist du an vielen Orten gerne aufgenommen und gehst so Jahr aus Jahr ein von einer Familie zur anderen, für ein paar Wochen deine Hände, dein Auge, dein Wort, dein Herz zum Dienste der Liebe anzubieten und um Lohn der Liebe zu bitten. Aber du hast keinen Halt in den Schwächen deines Geschlechts, keine Heimat, in ihr zu leben, keine Zuflucht in der Krankheit und dem Alter, da du den Tod ruhig erwarten könntest. Wie fromm deine Seele ist, so bleibt sie doch von Bitterkeit nicht ganz bewahrt und du sprichst klagend: ach, es ist ein Jammer, wenn der Mensch keinen Beruf hat! O liebe Seele, der Meister ist da und ruft dich! Er möchte dir gerne Vater, Mutter, Bruder und Schwestern ersetzen und dir Schätze der Liebe auftun, die unerschöpflich sind. Er will dein Halt sein in der Schwachheit und bei dir stehen im Leben und im Sterben. Und Arbeit will Er dir geben, Liebesarbeit in Fülle. Er zeigt dir Kinder, Kranke, Arme, Alte und bringt sie nahe zu deinem Herzen, als wären sie Eltern und Geschwister. Willst du denn nicht gehen? Seither hast du dich durch das Gerede der Menschen beirren lassen und sie haben dir doch den Frieden nicht geben können. Der Meister ist da und ruft dich! Endlich, stolzer Jüngling, find' ich dich einmal allein. Seither scheinst du diese Kammer nur gehabt zu haben, um darinnen zu schlafen. Dein Leben war in zwei Hälften auseinandergerissen: in der einen trugst du das Joch geistloser Arbeit, in der anderen ließest du die Wellen des natürlichen Lebens mit wilder Fröhlichkeit an deine Brust schlagen. Den Tag über hast du im Dienste des Brotes gestanden und Abends musstest du einen Ort haben, wo dein Geist sprudeln und deine Lust ihre Zügel schießen lassen durfte. Und dies Kämmerlein hatte dich nur zum Schlafe! Aber nun ist einmal eine bittere Wurzel aus deiner Sünde aufgesprossen und das Gewissen regte seine letzte Kraft, dass dir's auch unter den Genossen deines seitherigen Lebens nicht wohl ist. Du sitzt allein und erkennest, dass du auf dem Wege gewesen, der durch Lust zum Jammer führt. Aber du musst doch neben deinem irdischen Berufe etwas haben, was dein Sehnen stillt und deinen Geist beschäftigt? Und wo sind Freuden, die kein Leid in sich bergen? Wer lehrt dich, Schwung des Geistes und irdische Berufsarbeit zu vereinigen? O lieber Freund, ehe diese seltene Stunde des Besinnens vorüber geht, höre: „Der Meister ist da und ruft dich!“ Der ist da, der deine Sünde dir vergeben, dein Herz fröhlich, deine Arbeit leicht machen und auch das tiefste Sehnen des Herzens stillen, auch dem höchsten Fluge des Geistes ein Ziel und den Schwingen Kräfte geben kann. Er hätte so gerne dein warmes Herz, deinen blitzenden Geist, deine feurige Rede in seinem Dienst - er gäbe so gerne deiner Seele den Frieden. Der Meister ist da und ruft dich: Jüngling, stehe auf! - Arme junge Frau, wie ist dein Hochzeitskranz so welk geworden! Aber so geht's, wenn man den Herrn Jesum zur Hochzeit nicht einlädt. Die Welt gibt erst den guten Wein und dann den geringen. Sie beginnt in Herrlichkeit und Freuden und endigt in Jammer und Elend. Die Flatterliebe ist bald dahin und das tägliche Zusammensein, wonach das feurige Sehnen gerichtet ging, ist zur kalten Notwendigkeit, zur unerträglichen Qual geworden. Der Herr Jesus Christus aber kann auch den geringen Wein, den die Welt in den Becher des häuslichen Lebens eingegossen, noch in köstlichen verwandeln. Du sitzt einsam in deiner Kammer, die Kinder schlafen, dein Jüngstes wiegest du noch und bist so traurig, so gedrückt und möchtest so gerne wissen, wie dir geholfen werden könne. „Der Meister ist da und ruft dich!“ Er steht jetzt vor der Tür deines Herzens und klopft an. Lass Ihn `ein, sag' Ihm deinen Kummer, lerne in Seinem Namen beten, lerne von Ihm Sanftmut, Demut, Geduld, wandle in einem neuen Leben, lass deinen Schmuck ferner nicht auswendig sein mit „Haarflechten und Goldumhängen oder Kleideranlegen, sondern den verborgenen Menschen des Herzens unverrückt, mit sanftem und stillem Geist“ (1 Petr. 3, 3. 4), so hast du Frieden für deine Seele, so haben deine Kinder eine Mutter, die sie dem Herrn zuführt, und wer weiß, ob du nicht deinen Mann gewinnst durch deinen Wandel ohne Wort, wenn er ansieht deinen keuschen Wandel in der Furcht? (1 Petr. 3, 1 u. 2.) Und du, angesehener, mächtiger Mann, der du seither so kalt an uns Kleinen vorübergegangen bist, als ob du von all' den Gefühlsanwandlungen der Schwachen und Armen am Geist ganz frei wärst, jetzt scheinst du Mensch geworden zu sein und menschlich Leid zu fühlen. Was macht dir die Einsamkeit und das stille Sinnen so lieb? Sind die Schlösser, die du aufgebaut, zusammengefallen? Oder hat dir der Herr über alle Herren ein Kind genommen, vielleicht den Sohn, den hoffnungsvollen Sohn, dein Bild, deinen Stolz, deine Freude und deine Krone? Ach, wie weich bist du doch geworden, ich glaube, du hast gar geweint? Lieber Mann, der Meister ist da und ruft dich! Auch du hast einen Meister; Er hat dir wehe getan, aber Er ruft dich, dir Trost zu bieten! Ach, gehe doch hin, brich doch den Stolz, du bist ja nicht der erste, der seine Weisheit Ihm zu Füßen gelegt. Ach, lass dich durch Ihn mit dem Vater versöhnen und dein Ansehen, deine Macht, dein Geist, wenn sie in des Meisters Dienste stehen, können noch reichen Segen über dein Volk bringen! Nach dir, du gute, ehrwürdige Frau, sehne ich mich sehr, weil du so einsam bist. Ales was du am innigsten liebtest, ist dir gestorben, Kinder, Mann, Geschwister, Enkel. Du hast auf der Erde nur Gräber, dahin gehst du oft, um zu weinen. Du möchtest so gerne zu deinen Lieben hinauf und siehst mit Freuden, dass deine Kräfte sich mindern. O du liebe Seele, „der Meister ist da und ruft dich!“ Eher sollst du doch nicht gehen, als du Seinen Ruf vernommen, Ihn klar erkannt, ganz ins Herz geschlossen, du musst noch eine Hannah werden, eine Prophetin Jesu Christi und dann magst du sterben. Und nun zuletzt noch zu dir, mein teurer Simeon! Du sitzt noch immer in deinem armen Kämmerlein und dein Weib neben dir, dem der Herr den äußerlichen Sinn geschwächt und den inneren verwirrt hat. Die achtzig Jahre haben deine Glieder mürbe gemacht und sie tragen dich kaum noch Abends in die Versammlung der Gläubigen und Sonntags in die Kirche. Und da bist du auch einsam, ein ehrwürdiger Zeuge vergangener Zeit, da die Menschen noch beteten und nach dem Worte und Sakrament hungerten und dürsteten. Sei getrost. Darum hast du so lange leben müssen, dass deine Augen den Meister noch sehen, wie Er in unseren Tagen erscheint, Seine Kirche zu erneuern. Jetzt darfst du bald heim gehn und droben vor dem Throne des Lammes sehen wir uns alle wieder und singen weiter, wie wir hier unten angefangen.
Der Meister ist da und ruft euch, ihr Einsamen! Der Meister über euer Leid, der Freudenmeister, wie Ihn ein frommer Dichter nennt. Werdet ihr den Ruf hören?
„Dieselbige, als sie das hörte, stand sie eilend auf und kam zu Ihm. Denn Jesus war noch nicht in den Flecken gekommen, sondern war noch an dem Ort, da Ihm Martha war entgegengekommen.“ Jetzt rafft sie sich auf und geht aus der Kammer. Die Andern, die gekommen waren zu trösten, hatten sie nur immer weiter in die Einsamkeit getrieben, in immer stilleres Sinnen versenkt. Aber der Ruf des Meisters ist ein Weckruf, und die Liebe zu Ihm verscheucht alle anderen Gefühle wie die Sonne die Nebel. Der Herr ist draußen vor dem Dorfe, sie geht Ihm eilig entgegen. O liebe Einsame, wollt ihr euch nicht auch aufmachen und Ihm entgegengehen? Er hat einen weiten Weg euch zu Liebe gemacht. Die große Wanderung vom Himmel zur Erde, von des Vaters Herrlichkeit zu unserer Sünde hat Er willig unternommen, uns mit in des Vaters Wohnungen zurückzuführen. Er ist uns nahe gekommen, hat uns zugerufen, - jetzt gilt es, dass wir die Hand, die Er ausstreckt, ergreifen, das Wort, das Er spricht, hören, die Gnade, die Er gibt, empfangen. Wohlan dem Heiland entgegen!
„Die Juden, die bei ihr im Hause waren und trösteten sie, da sie sahen Maria, dass sie eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr nach und sprachen: Sie geht hin zum Grabe, dass sie daselbst weine.“ Arme Juden! Bei ihnen war es Sitte, nicht allein die Leiche mit vielem Klagen und Heulen zum Grabe zu bringen, sondern auch an den darauf folgenden Tagen noch öfter das Grab zu besuchen, um neue Klagetöne in die Luft zu senden und neue Tränen sich auszupressen. Sie wissen nicht, wo anders die Maria hingehen könnte, als zum Grabe, da zu weinen. Aber Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum! Die Jüngerin des Herrn eilt zu Ihm hin, der die Auferstehung ist und das Leben, und mit Ihm allein hat sie Lust, nach des Bruders Grabe zu wandeln. O liebe Christen, sind wir der Maria gleich? Wie steht es mit unseren Besuchen an den Gräbern? Sollen wir denn überhaupt zu den Gräbern gehen? Gewiss hat die Scheu, einem Toten ins Angesicht zu sehen, einem Leichenzuge zu begegnen, den Friedhof zu betreten, etwas Krankhaftes. Ein Christ soll nicht sein wie Einer der keine Hoffnung hat (1 Thess. 4, 13), oder wie ein Kind und glauben, wenn er den Tod nicht sehe, so werde ihn der Tod auch nicht sehen. Ein Christ soll auch vom Tode gerne sprechen, gerne dem Bruder oder der Schwester im Sterbestündlein zur Seite sein und den Friedhof zu besuchen, soll er nicht versäumen. Hat ihm der Herr noch Keines seiner Lieben hier gebettet, so ruft doch das ganze Gefilde gar eindringlich das Wort in die Seele: - „Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume“, und er kann seine Gedanken auf den Tag hinwenden, der so bald kommen wird, da man ihn heraustragen wird. Sind ihm aber teure Menschen hier begraben, dann hilft das Grab der Erinnerung gar treulich, Gestalt und Sinn und Wort zurückzurufen und auf die Bilder der Entschlafenen sanften Frieden auszugießen. Die Seele kommt an Gräbern leicht in eine Stimmung sanfter Trauer, weicher Liebe und heiligen Ernstes und verspürt ein Heimweh nach oben, das uns im Geräusch des Lebens selten befällt und doch so heilsam ist. Lasst uns darum gerne zu unseren Gräbern wallen. Aber das wäre nicht Christenart, nun mit Weinen und Jammern sich in den Staub zu werfen und die Verstorbenen zurückzurufen, als ob man an der zeitlichen Hülle, die schon verwest, an dem Staub der Verstorbenen sie selbst wieder herbeiziehen, umfassen und halten könne. Es mögen auch Tränen fließen an den Gräbern. Wer wagt diese einem Menschen zu wehren? Aber beten gilt mehr denn weinen, und die Augen über die Gräber hinweg hinauf zu richten, da Jesus Christus wohnet, ist heilsamer, als an deine Gräber schmerzhaft sich zu klammern. Liebe Christen, wir wollen unseren Entschlafenen ein einfaches Kreuz aufs Grab setzen, weil der Gekreuzigte durch Seinen Tod uns vom Tode befreit, und Blumen wollen wir auf die Gräber pflanzen, freundliche, duftige Blumen und grüne Sträucher, zum Zeichen, dass wir Hoffnung haben, es werde aus dem Samen, den wir eingesenkt, dereinst ein neuer, schöner, verklärter, unsterblicher Leib hervorgehen. Und wenn wir die Gräber wieder besuchen, wollen wir viel mehr an die Auferstehung denken als den Tod. Ja, ich wollte, die Gemeinde zöge jährlich einmal, in der Frühe des ersten Ostermorgens, um die Zeit da der Frühling, selbst ein Held der Auferstehung, aus der Starrheit des Winters sich hervorringt, auf den Friedhof hinaus, und der Geistliche läse die Ostergeschichte und 1 Kor. 15 oder dieses Kapitel vom Lazarus und riefe mit lauter Stimme über die Gräber hin: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum“ (1 Kor. 15, 55 u. 57). Die Gemeinde aber müsste Oster- und Auferstehungslieder anstimmen, dass sie sich Freudigkeit und Sterbensmut in die Seele sänge. Wofür hat unser Heiland so feierlich gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ wenn wir an den Gräbern nur weinen können? Darum, dass die bange Furcht vor Tod und Grab schwinde, wollen wir oft unsere Gräber besuchen, aber wie Maria tat, erst zu dem Heiland hingehen.
„Als nun Maria hinkam, wo Jesus war, fiel sie zu Seinen Füßen und sprach zu Ihm: Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Erinnert euch noch einmal daran, meine Lieben, was in der Seele der Maria vorgegangen war. Ihr Leid hatte sie in die Einsamkeit getrieben, wo sie in Gott versenkt blieb, bis der Schwester herzlicher Zuruf: „Der Meister ist da!“ einen klaren Stern in der Nacht zeigte. Die Jungfrau, die sonst gerne ruhig sitzt, eilt jetzt auf Flügeln der Liebe zu dem Meister hin. Er ist es ja, zu dessen Füßen sie so oft gesessen, der sie so liebte, Er ist es, der auf ihre Bitte, dem Bruder zu helfen, verzogen und ihr das rätselhafte Wort gesendet hatte: „Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes.“ Jetzt muss sich das Rätsel lösen. Sie kommt zu Ihm. Sie wirst sich zu Seinen Füßen. Zu Seinen Füßen, da ist ihr am wohlsten. Ich bin nichts, gar nichts, ich weiß nichts, kann nichts, gehe unter, wenn ich mir selbst helfen soll. Aber Du bist Alles, weißt Alles, vermagst Alles, wirst mir helfen. „Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Das ist Alles, was sie spricht. Ob sie noch mehr sagen wollte, erzählt der Evangelist nicht. Aber er erzählt, dass ihr die Tränen kamen wenn sie auch reden wollte, die Tränen erstickten die Worte. I welche Tränen waren das! Tränen zu Jesu Füßen, Tränen des Verzagens an der eigenen Kraft, Tränen, die zwischen der Rede des gläubigsten Vertrauens hervorbrechen, wie wohl müssen sie dem Heiland getan haben, der so viel andere Tränen gesehen!
O ihr lieben Einsamen in der Welt, ich muss noch einmal zu euch reden. Ich habe euch zugerufen: „Der Meister ist da.“ Ich will annehmen, Gott habe durch Seinen Heiligen Geist den Ruf euch zu Herzen gehen lassen. Ihr habt euch aufgemacht, seid aus euren Kammern dem Meister zugeeilt und nun steht ihr vor Ihm. Was wollt ihr jetzt tun? Seht in Maria der Einsamen Vorbild. Zu Jesu Füßen mit dem Bekenntnis, dass Er Alles vermag das wird euch helfen. Ganz klein müsst ihr euch machen und den Heiland ganz groß, so wird der Schmerz von euch weggenommen und Lebenslust und Lebenskraft in euer welkes, mattes Wesen sich ergießen. Zu Jesu Füßen! Da das Kreuz euch beugte, wollte es euch zu Jesu Füßen beugen. Dass ihr nichts seid, habt ihr ja wohl erfahren. Euer Wiz hat euch verlassen, die Kraft ist lahm, der Reichtum genügt euch nicht, die Freuden der Welt widern euch an. Und wie weit ihr nach Hilfe umherschaut, ihr seht nirgends eine Kreatur, die in der Hitze der Trübsal nicht verdorrte und abfiele wie eine Blume. Ihr seid nichts, so bekennt es auch zu Jesu Füßen, dass Er euch Alles werde. Sagt es Ihm, wie Maria, dass ihr glaubt, Er hätte längst euer Leid wenden können, Er könne es noch, erinnert Ihn daran, wie Er den Mühseligen und Beladenen Erquickung, den Leidtragenden Trost, den geistlich Armen das Himmelreich versprochen, o der Heiland ist so treu, so barmherzig, Er wird euch sicherlich helfen, wenn Ihr nur zu Seinen Füßen gelegen habt. Es wird euch ein seliges Geheimnis offenbar werden, das Geheimnis von der Erhöhung der Demütigen, von der Kraft des Herrn in den Schwachen, von Seinem Reichtum in den Armen. Wenn du aller Eigenheit dich entleert hast, dann kommt dein Herr und gibt dir Seine Fülle. Wenn du ganz niedrig geworden bist, dann trägt Er dich über die Höhen der Erde. Wenn du verschmähst, das Kleid deiner Armut mit Flittern zu überdecken, dann wird Er dir ein Kleid anlegen, wie es Sein königliches Priestertum tragen soll. Wenn du ganz zunichte geworden der Herr schafft gerne aus nichts, es wird sich plötzlich mit neuen Kräften in dir regen und du wirst in Seinem Namen große Taten tun. O ihr lieben Einsamen, nicht zu träger Ruhe seid ihr verurteilt, wenn ihr zu Jesu Füßen liegen sollt. Siehe, euer Herz wird von dem, was ihr da erfahrt und empfangt, so weit werden und eine solche Werdelust wird euch ergreifen, dass ihr alsbald den Lauf nach dem himmlischen Kleinod beginnt und nicht ruht, bis ihr wie Maria das Eine, was Not ist, errungen, und eine solche Liebeslust wird euch durchglühen, dass ihr, da ihr nicht wie Maria die Salbe über des Heilands Glieder ausgießen könnt, eure Liebe über die reichen Menschen ausgießt, die Jesum lieb haben, und über die armen, die Seine Erlösung noch nicht geschmeckt. Erst zu Jesu Füßen, dann mit Ihm durch Kreuz und Leid, mit Ihm durch Kampf und Streit, bis Alles zu Seinen Füßen liegt!
Ihr lieben Einsamen, wie gerne hätt' ich euch einen Trost gebracht und den Weg zur seligsten Gemeinschaft gezeigt durch den Ruf: „Der Meister ist da!“ Was mir der Herr gab, hab' ich euch gesagt. Aber ich kann euch noch nicht lassen und muss noch durch des Dichters Worte zu euch reden. Vielleicht finden die weichen, innigen Klänge die Stelle, wo sie eindringen können.
Wer einsam sitzt in seiner Kammer
Und schwere, bittre Tränen weint,
Wem nur gefärbt von Not und Jammer
Die Nachbarschaft umher erscheint:
Wer in das Bild vergangner Zeiten
Wie tief in einen Abgrund sieht,
In welchen ihn von allen Seiten
Ein süßes Weh hinunterzieht:
Ich fall' ihm weinend in die Arme:
Auch mir war einst wie dir zu Mut,
Doch ich genas von meinem Harme
Und weiß nun, wo man ewig ruht.
Dich muss, wie mich, ein Wesen trösten,
Das innig liebte, litt und starb;
Das selbst für die, die ihm am wehsten
Getan, mit tausend Freuden starb.
Er starb, und dennoch alle Tage
Vernimmst du Seine Lieb' und Ihn,
Und kannst getrost in jeder Lage
Ihn zärtlich in die Arme ziehn.
Mit Ihm kommt neues Blut und Leben
In dein erstorbenes Gebein:
Und wenn du Ihm dein Herz gegeben,
So ist auch Seines ewig dein!
Was du verlorst, hat Er gefunden,
Du triffst bei Ihm, was du geliebt,
Und ewig bleibt mit dir verbunden
Was Seine Hand dir wiedergibt.
Amen.