Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - Vorwort.
Bibelstunden zu veröffentlichen, möchte einer besonderen Rechtfertigung wenig bedürfen. Ihre Literatur verschwindet vor der Flut von Predigten, die aus alter und neuer Zeit hoch über den Büchermarkt geht. Dass diese Flut, die manchmal eine Überschwemmung genannt werden wollte, Berechtigung hat, erweist sich aus ihrem ziemlich stetigen Bestande. Es muss ein Bedürfnis sein, dem sie dient, sonst wäre sie längst verlaufen.
Bibelstunden sind eine neuere Erscheinung, und ist wohl im Charakter unserer Zeit die Erklärung ihres Ursprungs zu suchen.
„Es wird zuviel gepredigt!“ ist eines jener schillernden Schlagwörter, deren man sich bedient, um dem protestantischen Kultus allerlei Elemente einzupfropfen, die seinem Wesen, wie es aus den Grundsätzen der Reformation sich gebildet hat, eben so widersprechen, wie dem gottesdienstlichen Leben und Bewusstsein unsrer Gemeinden. Nein, es wird nicht zuviel gepredigt; ein solches Zuviel hätte der Apostel Paulus nicht zugegeben, der hätte des Predigens, selbst des unverständigen Predigens, gern noch viel mehr gesehen, wenn nur aus der dürftigen Predigt noch Christus, der Herr, zu erkennen gewesen wäre. Hätte man gerufen: „Es wird zuviel neben Christo her gepredigt!“ dann hätte mancher Geistliche demütig an seine Brust geschlagen, und der Predigt, die ihm immer lieb ist, eine größere Sorgfalt zugewendet. So aber ist jener Ruf nicht ein Ruf zur Buße, sondern eher zum Ärgernis geworden; weil man in allerlei selbstischem Gelüsten mehr, als im Worte des Herrn, Grund davon vermuten musste.
Es gab eine Zeit in unserer Kirche, wo gewaltig viel mehr gepredigt wurde, als gegenwärtig, und doch pflegen die grade Lobredner dieser Zeit zu sein, die am meisten an der heutigen Form unseres Gottesdienstes herummarkten. Spräche man das Wort so: „Es wird zuviel bloß gepredigt!“ dann hätte man die Wahrheit getroffen, aus deren Gefühl die Bibelstunden geworden sind, und daraus ihr Bedürfnis sich erklärt.
Beachte man die Zeit ihrer Entstehung. Es ist die Zeit, wo mehr oder weniger vorbereitet sich das Gefühl offenbarte, dass es mit unserm christlichen Leben nicht zum Besten stehe; dass namentlich unser kirchlicher Gottesdienst nicht für sich allein das leiste und leisten könne, was für eine gedeihliche Entwicklung des christlichen Lebens Erfordernis ist. Mit der Sorge um häuslichen Gottesdienst erwuchs auch die Bibelstunde. Nach und nach waren die Augen dafür aufgetan worden, dass eine über die Maßen verkümmerte oder ganz mangelnde Bibelkenntnis Ursache ist, dass die Predigt keinen Halt in den Herzen der Hörer hat, alsbald darum auch wenig Hörer mehr sammeln wollte; und der öffentliche Gottesdienst in einen verhältnismäßigen Verfall geraten musste. Und das ganz nach seiner Idee. Denn ist der kirchliche Gottesdienst ein gemeindlich darstellender Ausdruck des christlichen Glaubenslebens, so muss er notwendig mit der Verkümmerung eben dieses Lebens in den Gemeindegliedern selbst verkümmern, und kann durch die Predigt allein der Verfall des Gottesdienstes nicht überwunden, nur unvollkommen aufgehalten werden.
Eine Hilfe wird hier also nicht durch allerlei Künsteleien am Kultus, geschweige denn durch schnöde Herabsetzung und Anklage der Predigt geschafft; sondern allein dadurch, dass man die Quelle des Übels offenlegt und an sie mit besonnener Arbeit herantritt.
Eifrige Verbreitung des Bibelbuches war die erste Hilfe, die der protestantische Geist zu schaffen suchte. Aber wenn auch die, namentlich in Deutschland fast allgemein verbreitete, Lesefähigkeit des Volkes Erfolg versprach, die gehegten Erwartungen wurden nicht erfüllt. Man suchte deshalb bald die notwendige Ergänzung zu schaffen in einer gewissen Organisation der Bibelverbreitung, indem man zu diesem Zwecke befähigte und unterwiesene Bibelkolporteure umhersendete. Aber auch diese Hilfe konnte nicht ausreichend erfunden werden. Ein nicht in jeder Beziehung unberechtigtes Misstrauen stand ihr entgegen. Die Autorität, welche den Sendboten ausgehen hieß, war öfters eine zweifelhafte.
Der Verbreitung des bloßen Bibelbuchs dürfte weiter entgegen gehalten werden, dass das Verständnis des Bibelwortes ein dem nicht geförderten Christen mannigfach schweres erscheine, das ihn vom Lesen zurückschrecke. Bibeln mit einfachen entsprechenden Erklärungen waren seltener geworden, oder gegen frühere Zeiten weniger in den lesenden Familien verbreitet. War das Bedürfnis des Hausgottesdienstes geweckt, so fühlte man, dass die Kluft zwischen dem gelesenen Bibelworte und der gehörten Predigt eine zu weite sei.
Diesem abzuhelfen, sich also zwischen die Predigt und das Vorlesen einer mit Erklärungen versehenen Bibel zu stellen, nicht so frei wie die Predigt, und doch in lebendigem Worte aufzutreten; das ist die Aufgabe der Bibelstunde. Sie will Bibelverständnis, Liebe zur Bibel, nicht wider die Predigt, sondern für dieselbe schaffen und beleben.
Wie weit nun die hier vorliegenden Bibelstunden dem angedeuteten Zwecke gemäß sind, stelle ich billiger Beurteilung anheim; muss freilich für mich gestehen, dass sie dem, was mir eigentlich vorschwebte, nicht ganz entsprechen; doch beruhigt mich die Erfahrung, dass bei dem Dienste am Gotteswort das Gleiche wohl bei jeder Menschenarbeit erfahren wird.
Ihre Entstehung verdanken sie nicht bloß meiner oben angeführten persönlichen Ansicht über das Bedürfnis von Bibelstunden, sondern auch dem Wunsche eines Teils meiner Gemeinde, mit welcher gelegentlich über jenes Bedürfnis verhandelt worden war. So sind sie im Jahre 1850/51 gehalten und zwar der Hauptsache nach so, wie sie hier vorliegen. Denn sie sind vor dem Halten fast ganz konzipiert worden. Es geschah dieses nicht darum, weil ich es für unbedingt notwendig erachtete, sondern weil ich dafür hielt, nach schriftlicher Vorbereitung mehr leisten zu können, namentlich die Auswahl des Stoffes und die Ausdehnung der einzelnen Betrachtungen sicherer in der Hand zu haben, wie auch in formeller Beziehung Entsprechenderes zu geben. Im Dienste des theologischen Seminars erachtete ich dieses unbedingt pflichtmäßig. Aber wenn auch konzipiert, so wurden die Vorträge nicht eigentlich memoriert.
Bei einer Vergleichung der ersteren und späteren Stunden wird man leicht erkennen, dass jene in ihrer Form noch der homilienartigen Predigt sehr nahe stehen, allmählich erst sich freier bewegen. Ich hielt das für notwendig, um die Gemeinde aus ihrer gewohnten Art, den Geistlichen über Gottes Wort reden zu hören, nach und nach in die eigentliche Form der Bibelstunden überzuführen. Dass manche Bemerkungen und Ansprachen, die lokaler und temporeller Natur waren, im Drucke weggeblieben sind, muss ich kaum erinnern, bemerke aber, dass die hier angefügten Gebete neu entworfen sind. Dass sie nur homiletische sein konnten, wird sich von selbst erklären.
Warum ich das Evangelium St. Marci zu der Einführung der Bibelstunde benutzte, wird für den, der dieses Evangelium kennt, wenig der Erklärung bedürfen. Es war mir der Wunsch ausgesprochen, die heilige Geschichte einmal in einem leicht überschaubaren Zusammenhang und in möglichster Vollständigkeit erbaulich behandelt zu hören. Welches Evangelium wäre dazu geeigneter, als gerade das zweite, mit seiner gedrungenen dramatischen Darstellung und seinem festen dispositionsmäßigen Fortschritt?
Ich hätte nun noch ein Wort zu sagen über den angedeuteten Gebrauch dieser Bibelstunden.
Für den gewöhnlichen Hausgottesdienst möchten sie zu lang sein. Sie dauerten mit Gesang zu Anfang, mit Gebet, Gesang und Segen zum Schluss, ziemlich eine Stunde, nahmen also für sich allein immer eine halbe Stunde in Anspruch. Diese Zeitdauer möchte bei Familiengottesdiensten, wo Kinder und Gesinde zugezogen wären, in der Regel zu lang sein. Dagegen erachte ich dieselben für einen sonntäglichen Hausgottesdienst nicht für zu ausgedehnt; und möchte da solche Bibelstunden im Gebrauche für zweckmäßiger halten, als das Vorlesen von Predigten.
Wegen des Vorlesens von Predigten überhaupt, besonders aber bei den kirchlichen Lesegottesdiensten möchte ich meine in einer mehr als zwanzigjährigen Dienstzeit gewordene Überzeugung hier in der Kürze aussprechen.
Eine Predigt, die den an eine solche zu stellenden Anforderungen entspricht, ist zum erbaulichen Vorlesen nur ausnahmsweise geeignet, zumal bei einem in kirchlicher Form auftretenden Gottesdienste.
Christum zu predigen, wer erkennt es nicht als Ziel der Predigt und als Maßstab ihres Wertes? Aber ein Unterschied wird hier zwischen der Missionspredigt und der Gemeindepredigt sofort geltend gemacht werden müssen. Bei der Missionspredigt herrscht das historische Zeugnis von Christo vor, bei der Gemeindepredigt das persönliche, natürlich aber nicht eines das andere ausschließend. Die Schleiermachersche Ansicht, welche die Predigt Wort der Gemeinde nennen möchte, ist ebenso einseitig, wie die gegenüberstehende Art, welche die Predigt schlechthin Gottes Wort nennt. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte.
Die Predigt geht zu einem Teile aus der von Christo erfüllten Gemeinde hervor, deren christliches Glaubensleben der Geistliche, tätlich mit der Gemeinde, wie predigend vor der Gemeinde, zur Darstellung zu bringen hat. Darum ist diese „Beredsamkeit eine Tugend.“ Aber wer noch in dem Glauben ins Gotteshaus geht, dass der Herr sich darin nicht unbezeugt lasse, sollte der nicht der Hoffnung sein, dass der Herr auch durch seine Diener sich in der Gemeinde bezeugend, belebend, fördernd, ihr christliches Leben weiter führend, offenbaren werde? Wer wollte sich dem Glauben verschließen, dass der Herr, wie er seinen Jüngern es verheißen hat, noch seinen Zeugen selbst gebe, was sie reden sollen? Wer ein glaubendes Herz auf die Kanzel bringt, hat das schon erfahren. Der Prediger betet, ehe er sein Wort erhebt, erst um den Heiligen Geist, nicht nur, dass der ihn halte bei demjenigen, was er zum Zeugnis vor der Gemeinde gesammelt und bereitet hat; sondern dass er auch dazu tue und bessere, was daran fehlt. Darum verlangt die Kirche zum Prediger nicht bloß einen von Christo ergriffenen Mann, sondern auch einen von Christo ordnungsmäßig berufenen Mann. Sei einer der christlichste Mann in der Gemeinde, er ist noch nicht zur Predigt berechtigt; er darf sich die Predigt nicht nehmen, sie muss ihm gegeben sein.
Eben weil in der Predigt das persönliche christliche Leben mit dem Faktor des göttlich Gegebenen zugleich zur Darstellung zu kommen hat, darum ist eine Predigt zum erbaulichen Vorlesen nur ausnahmsweise geeignet. Sie kann es nur in ganz engen Kreisen sein, wo man mit dem Willen zusammengetreten ist, die Persönlichkeit des Predigers möglichst vor seinem Worte verschwinden zu lassen, oder eigentlich zunächst ihrer gar nicht zu gedenken.
Bei Lesegottesdiensten, wie sie hier und da als Ersatz des Predigtgottesdienstes bestehen, tritt es noch mehr hervor, wie selbst tüchtige gedruckte Predigten zum Vorlesen ungeeignet sind. Hatte der Prediger sein eigenes christliches Leben, sein Ergriffensein von dem Herrn zur rednerischen Darstellung bringen wollen, so diente ihm dazu nicht bloß das Wort, sondern der ganze Ausdruck seiner Persönlichkeit, Mimik, Deklamation, Aktion. Ja es gehörte dazu selbst das in der Gemeinde vorhandene Bewusstsein von dem christlichen Leben des Predigers; auf diesem Grunde kann das auf der Kanzel dargestellte Lebensbild erst ins rechte Licht treten.
Beim Vorlesen fällt nun außer dem Worte nicht nur alles dieses, was zur Belebung und Verleiblichung des Wortes zugleich mitdiente, hinweg; sondern wird durch eine andere Persönlichkeit verdrängt, die möglicher Weise nichts weniger als von dem Geiste ergriffen ist, der in der Predigt waltet; ja aus deren Munde die Predigt vom Anfang bis zum Ende nur manchen Misston anschlagen kann. Versucht gar der Vorleser das Bild, das er sich von dem Prediger entworfen hat, durch seine Lesedeklamation nachahmend zur Darstellung zu bringen; so mag nicht selten eine Karikatur zum Vorschein kommen.
Etwa mit Ausnahme der Festpredigten, in denen eben der Festgegenstand über die Persönlichkeit des Predigers mehr übergreifen wird, als bei gewöhnlichen Predigten, sind diese zum Gebrauche bei regelmäßigen Lesegottesdiensten ungeeignet.
Dagegen findet die Bibelstunde in solchen Lesegottesdiensten geeignete Stelle. Sie will erbauliche Erklärung der Heiligen Schrift geben, wird also der Predigt nicht nur keinen Abbruch tun, sondern vielmehr die Hörer befähigen, mit größerem Segen an den Predigtgottesdiensten Teil zu nehmen; wird selbst größere Lust zu denselben wecken. Das regelmäßige öffentliche Predigtvorlesen schadet dem geordneten Gottesdienste, namentlich der Schätzung seines vornehmsten Stückes, der Predigt, indem man sich gewöhnt, ein falsch gefärbtes Surrogat zu genießen und der lebendigen Predigt aus dem Wege zu gehen. Bußwirkung wird einer öffentlich vorgelesenen Predigt selten nachgesagt werden können.
Dass endlich die vorliegenden Bibelstunden der Förderung eines praktischen Verständnisses des Gotteswortes dienen sollen, wird nicht anmaßend erscheinen. Es liegt ihnen wissenschaftliche Durcharbeitung zu Grunde. Mögen auch nicht neue Resultate der Erklärung hervortreten, nicht neue Ansichten über streitige Punkte mitgeteilt sein; das Gegebene wird überall wissenschaftlich sich verteidigen lassen, und die entwickelte Ansicht wird vorwiegend aus dem praktischen Gesichtspunkt aufgenommen sein. Hierdurch mögen diese Bibelstunden auch dem angehenden Theologen dienen können, indem sie aus der Gedankenzersplitterung, in welche man durch die kommentatorische Bearbeitung des Textes so leicht gerät, wieder zur Einheit des Offenbarungswortes zurückführen und zur Predigtbearbeitung sammeln helfen.
Wird auch bei dem Bibellesen in der Schule für die einzelnen Stunden in der Regel ein größerer Abschnitt vorgenommen werden müssen, als hier für eine Bibelstunde geschah; so möchte ein fleißiger Lehrer doch nicht leicht eine gesegnetere Vorbereitung auf seine Bibellesestunden halten können, als durch einen solchen gesammelten Blick über den Zusammenhang, den praktischen Inhalt und die Bedeutung des Textes, wie er für sein zu behandelndes Lesestück aus der Benutzung von Bibelstunden gewonnen werden kann.
Weitere persönliche Gründe für Herausgabe dieser Bibelstunden anzugeben, bedarf es für die Bekannten nicht; für die Fremden wären sie leicht missverständlich.
Dass mir es um des Herrn Ehre mit dieser Arbeit zu tun war, wird Jeder erkennen, der unbefangen sie würdigt; so darf ich den Wunsch aussprechen, dass der Herr Segen dazu gebe.