Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 5. Stunde.

Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 5. Stunde.

Deine Gnade, o Herr, stärke uns, alle Tage zu trinken aus dem Brunnen des Lebens, zu trinken das lebendige Wasser deines göttlichen Wortes, das da kann unsre Seelen selig machen. Sei auch jetzt mit uns in der Kraft des Geistes von Oben, damit wir klarer erkennen, wie allein dein Wort uns lehrt, gewisse Tritte tun auf dem Wege zum Himmelreich. Segne uns mit Erkenntnis und mit Liebe und mit Frieden! Amen.

Zur andächtigen Betrachtung hört Mark: 2, 13 - 17.

“Und er ging wiederum hinaus an das Meer; und alles Volk kam zu ihm, und er lehrte sie: Und da Jesus vorüber ging, sah er Levi, den Sohn Alphäi, am Zoll sitzen, und sprach zu ihm: Folge mir nach. Und er stand auf, und folgte ihm nach. Und es begab sich, da er zu Tische saß in seinem Hause, setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tische mit Jesu und seinen Jüngern. Denn ihrer waren viele, die ihm nachfolgten. Und die Schriftgelehrten und Pharisäer, da sie sahen, dass er mit den Zöllnern und Sündern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern? Da das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken; ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen, und nicht die Gerechten.“

Als Gottessohn hatte der Herr sich erwiesen, da er eben vor unsrem Texte einen Gichtbrüchigen nicht nur von seiner Sündenstrafe, von dem Elende seines Leibes, sondern auch von seiner Sündenschuld lossprach vor allem Volke. Die erste Missgunst der Schriftgelehrten war gegen ihn dabei offenbar geworden, aber vor dem Worte und der Tat des Herrn zerstoben, wie ein Nebel vor der Sonne, also dass alles Volk in lautes Preisen Gottes ausbricht.

Ähnliches lassen auch die ebenverlesenen Worte uns erkennen; wiederholen wir zuerst:

V. 13. 14. „Und er ging wiederum hinaus an das Meer, und alles Volk kam zu ihm, und er lehrte sie. Und da Jesus vorüberging, sah er Levi, den Sohn Alphäi, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: folge mir nach. Und er stand auf und folgte ihm nach.“

Aus Kapernaum, wo er eben den Gichtbrüchigen geheilt, den man vom Dache herab zu seinen Füßen niedergelassen hatte, und wo der Zudrang der Menschen ihm wohl wieder zu groß ward, geht der Herr heraus nach dem See Genezareth. Dort lehrte er das Volk, das ihm nachgefolgt war. Da er nun von dort sich wieder heimwärts gewendet, sieht er Levi, den Sohn Alphäi, am Zoll sitzen, und spricht zu ihm: Folge mir nach. Und er stand auf und folgte ihm nach.

Also abermals ein Jünger berufen zu den Brüderpaaren Simon und Andreas, Johannes und Jakobus. Der Neuberufene heißt mit seinem hebräischen Namen: Levi, bekannter ist er uns unter seinem griechischen Namen: Matthäus. Das erste Evangelium hat er uns geschrieben.

Von seinem Leben ist uns weiter nichts bekannt, als was uns eben hier erzählt wird, dass er nämlich ein Zöllner in Kapernaum war. Da dieses Städtchen grade da lag, wo der Jordan den großen See Genezareth oder das galiläische Meer bildet, hierdurch ein lebhafter Handelsverkehr bestand, auch die Grenze des jüdischen Landes dort nahe vorbei ging: so befand sich auch in Kapernaum ein Zollhaus und eine ziemliche Anzahl von Zöllnern.

Hier nun kommt der Herr das erste Mal mit Zöllnern zusammen, ja, er beruft einen Zöllner zu seinem Jünger und muss sich vor Schriftgelehrten und Pharisäern darüber verantworten. So lasst uns hören, was wir unter den im Neuen Testamente oft erwähnten Zöllnern und dem Zolle zu verstehen haben.

Levi, oder Matthäus, saß am Zoll, war also ein wirklicher Zoll- oder Mautbeamter, wie wir ihn nennen würden. Er hatte die Abgabe zu erheben, welche durch die Römer nicht bloß auf die Waren gelegt war, die in das Land, sondern auch auf die, welche aus dem Lande gebracht werden sollten. Dieses Geschäft an sich war ein ganz ehrliches. Die Obrigkeit hatte durch Gesetz die Abgabe bestimmt; wer die Abgabe erhob, vollzog das Gesetz, und konnte also ein vollkommen rechtschaffener Mann dabei sein. Aber die den Zoll angelegt hatten, waren die Römer, die fremden heidnischen Herrn des Landes; darum war die ganze Sache schon den Juden verhasst. Und wenn Einer für sich Etwas auswärts gekauft hat, oder Etwas zum notwendigen Verkauf nach auswärts bringen will, und soll davon noch bezahlen: so dünkt ihm das ungerecht, so ist ihm das zuwider. So waren dort Zoll und Maut verhasst, wie sie es bei uns waren. Dieser Hass gegen die Sache wurde, wie es immer geht, auf die Leute übertragen, die mit der Sache zu tun hatten. So war der Hass gegen die Zöllner allgemein, und wurde noch vermehrt, weil bei diesem Geschäfte gar zu leicht Betrügereien, Unterschleife, Ungerechtigkeiten und selbst Gewalttätigkeiten verübt werden können.

Nun aber finden wir nicht bloß in Kapernaum, an der Zollstätte, Zöllner, sondern noch oft begegnen sie uns in der heiligen Geschichte; denn man nannte auch noch eine andere Klasse von Beamten Zöllner, nämlich die, welche wir heutzutage Steuererheber nennen. Aber die Steuer war damals nicht ständig und festgeordnet, wie bei uns, dass Jeder sich ausrechnen kann, was er zu den Lasten des Staates beizutragen hat. Sondern wenn der Kaiser zu Rom Geld brauchte, so legte er dieser oder jener Provinz eine bestimmte Summe auf, welche sie in einer gewissen Zeit abzuliefern hatte. Häufig auch wurde bei der Eroberung eines Landes gleich bestimmt, welche Abgaben es fortan dem römischen Staat als jährlichen Tribut entrichten sollte. In Rom waren nun Leute, die das Geschäft übernahmen, das auferlegte Geld sofort zu bezahlen, und es sich dann in dem fremden Lande wieder einzutreiben, wozu sie Vollmachten und, wo nötig, Unterstützung von Soldaten bekamen. Natürlich wurde ein angemessener Gewinn ihnen zugesprochen. Solche Leute reisten nun in das fremde Land, nahmen dort Andere in ihren Dienst, welche mit dem Vermögen und Erwerbe der Einwohner bekannt waren; danach verteilten sie die Abgabe auf jeden einzelnen Ort. Dann wurden wieder geringere Leute angenommen, welche die Abgabe von jedem Einzelnen selbst erheben mussten. Natürlich konnte es nicht ausbleiben, dass jeder dieser Steuerpächter, und jeder der einzelnen Steuererheber sich für seine Mühe bezahlt machen wollte, das geschah denn auf Kosten der Einwohner, so dass diese, wenn 10.000 Gulden nach Rom kommen sollten, gewiss 15.000 Gulden und oft noch weit mehr bezahlen mussten. Auch diese Steuererheber heißen Zöllner, und waren wohl noch mehr verhasst, als die Mautbeamten; denn gegen sie war fast gar nicht Recht zu erhalten, weil es mit den Steuerlisten gar trübselig aussah. Und wenn nun ein Jude einen solchen Dienst annahm, so musste er mit den heidnischen Römern verkehren; das wurde ihm als Gleichgültigkeit, ja Verachtung seines Glaubens angesehen; so erklärt es sich, warum dort Zöllner und Sünder für ganz einerlei geachtet wird. Soweit ging der Hass, namentlich der Pharisäer, gegen die Zöllner, dass sie dieselben nicht nur für unehrlich erklärten, sondern sie fast wie Aussätzige behandelten. Wer mit einem Zöllner umging, galt bei ihnen für unrein, durfte in der Schule und im Tempel nicht neben Andern sitzen, konnte nicht Zeuge vor Gericht sein; kurz der Zöllner wurde gehalten, wie vor Zeiten bei uns etwa die Henkersknechte.

Unbegreiflich wird euch das dünken, denn bei dem Zöllnergeschäfte war an sich nichts Schlechtes, keine Sünde. Aber bei den Juden kam hierbei wieder der alte Stolz zum Vorschein, dass ihnen, dem erwählten Volke, es unerträglich war, Fremde und gar Heiden als ihre Herrn anzuerkennen; sie wollten es nicht einsehen, dass sie selbst schuld daran waren. Denn hätten sie Jehovah Wort und Treue gehalten, so hätte er sie nicht durch die Hitze solcher Trübsal führen müssen.

Grade aber dieses Gehasst, dieses Verfolgt, dieses Ausgeschlossensein von ihrem Volke musste bei manchem Zöllner Trotz wecken und das unlautere Bestreben, für diese Ungerechtigkeit sich dadurch bezahlt zu machen, dass sie umso mehr Geld erpressten und herrlich und in Freuden zu leben suchten. Bei bessern Naturen, bei religiösen Gemütern weckte ihre Lage die Sehnsucht, Gott wenigstens zum Freunde zu haben, wenn die Menschen ungerecht dem Zöllner Feinde waren. Manche unter ihnen warteten begierig auf die Zeit der Erlösung ihres Volkes, wo sie hofften, nicht mehr als Zöllner gehasst zu sein. Von dieser Art begegnen uns Einzelne im Neuen Testamente; so der Levi unsers Textes. Der Herr, der jetzt schon gewaltig in Wort und Tat sich in Kapernaum erwiesen hat, der ruft ihm: Folge mir nach! und er geht.

Wahrlich, nicht ein Geringes! Denn Jesus von Nazareth kam nicht daher in Glanz und Herrlichkeit, er versprach den Seinen nicht goldene Berge, er verhieß nichts weniger, als dass man bei ihm alle Tage herrlich und in Freuden leben werde. Er forderte Buße; und wer ihn kannte, wusste, dass er selbst nicht einmal hatte, wohin er sein Haupt lege. Schon auch ward es offenbar, wie die Mächtigen im Lande, wie Pharisäer und Priester mit missgünstigem Auge und mit heimlicher Feindschaft auf ihn hinsahen. Und doch spricht der Herr zu Levi nur: Folge mir nach! und er folgt. Er verlässt, was er hat; er verlässt seinen sicheren Erwerb, sein bequemes Leben; und folgt dem Herrn ohne erst zu fragen: Was wird mir dafür?

Sind wir eben so bereitwillig, wann des Herrn Ruf an uns ergeht; oder pflegen wir nicht immer erst mit Fleisch und Blut zu Rate zu gehen, ehe wir dem Herrn Folge leisten?

Und seht nun, wie die Freude seines Herzens bei Levi sich ausspricht, von dem Herrn angenommen zu sein:

V. 15. „Und es begab sich, da er zu Tische saß in seinem Hause, setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesu und seinen Jüngern, denn ihrer waren viele, die ihm nachfolgten.“

Jesus tritt auf seine Bitte in das Haus Levis ein, nimmt da eine Mahlzeit an, die er ihm und seinen Jüngern anrichtet; viele Zöllner, die bei Levi sind, nehmen daran teil. Auch Sünder werden genannt, als die sich mit zu Tische setzen, und dabei erzählt: „Ihrer waren viele, die ihm nachfolgten.“ Wie schon gesagt, war es hässliche Sitte bei den Juden, zu dem Worte Zöllner auch gleich Sünder zu sagen. Hier könnte es immerhin auch sein, dass unter den Sündern auch deren etliche gemeint sind, die durch eigne Schuld sich in allerlei Elend gebracht haben, und die dafür bekannt sind; die aber nun dem Herrn nachfolgen, weil sie Errettung von ihm hoffen. Gewiss die Mehrzahl sind hier solche, die ihre Sünde erkennen, die der Sünde Sold auch wissen; diese gedenken in getrostem Glauben, von dem Herrn Hilfe zu erlangen. So ist Freude in ihren Seelen, als er einen Zöllner, einen der Verachteten in Israel, zu seinen Jüngern beruft; als er mit ihnen sich zu Tische setzt, die Zöllner also nicht mehr für unrein erklärt. Und auch seine Jünger sehen es getrost an, wie ein Zöllner in ihre Mitte aufgenommen und berufen wird, mit ihnen am Reiche Gottes zu bauen. Auch sie richten schon nicht mehr, wie die Mehrzahl ihres Volkes richtete.

Denn seht, es waren auch andere Gemüter dort, die nicht sich freuten, wenn der Herr einen Sünder annimmt, die nicht die eigne Sünde einsehen, darum ohne Scheu Andere richteten und verdammten.

V. 16. „Und die Schriftgelehrten und Pharisäer, da sie sahen, dass er mit den Zöllnern und Sündern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?“

Pharisäer und Schriftgelehrte sind es, die namentlich laut in die Ohren der Jünger es missbilligen, dass sich Jesus mit den Zöllnern und Sündern zu Tische setzt.

Eins könnte uns dabei gefallen, nämlich, dass sie Jesum für zu gut, für zu hoch halten, als dass er mit Zöllnern und Sündern in Gemeinschaft stehe. Und dieses Zeugnis, das sie wider ihren Willen geben, ist uns ein recht bedeutsames; denn es ist ihnen, möchte ich sagen, ohne dass sie es wollen, als die rechte Meinung ihrer Herzen entschlüpft; und das Herz spricht manchmal anders und besser, als der Wille, besonders bei Pharisäern.

Von jetzt an kommen die Pharisäer öfter im Leben Jesu vor, und zwar, wie ihr wisst, als seine unversöhnlichen Feinde. Darum muss ich euch die Art der Pharisäer einmal vollständiger schildern; wenn wir darüber heute auch nur einen kleinen Teil der evangelischen Geschichte betrachten können.

Pharisäer und Sadduzäer waren zwei Religionsparteien, die sich schon vor Jesu Zeit unter den Juden gebildet hatten, und die auch nach ihm noch fortbestehen; ja, die man verändert selbst unter den Christen noch erkennen möchte. Pharisäer nun nannte man solche, welche das ganze Alte Testament natürlich ohne die apokryphen Bücher, als geradezu von Gott gegeben, so ansahen, dass die Menschen nur die Feder führten, welche vom Geiste Gottes selbst getrieben wurde, das bestimmte Wort zu schreiben. So achteten sie denn selbst den Buchstaben der Schrift für heilig und göttlich, statt, dass sie die Lehre, das Wort, hätten für heilig und göttlich, ansehen sollen. Ein Exempel davon, dass sie Eide einführten, die nur bei einem Buchstaben des Namens Gottes geschworen wurden. So verlangten sie, dass man jede Anordnung der Heiligen Schrift genau nach dem Buchstaben halte. Sie hatten nach dieser Art eine Auslegung des Alten Testamentes festgestellt, die von den meisten Schriftgelehrten jener Zeit angenommen war, und gar manchmal dahin führte, dass über Nebendingen grade die Hauptsache des Gesetzes dahinten gelassen wurde. Dazu hatten sie eine Menge Gebote ausgesonnen, die weit mehr forderten, als Gottes Gesetz. Weil zum Exempel das Gebot gegeben ist, den Sabbattag zu heiligen, so setzten sie fest, dass man am Sabbat nicht mehr als ungefähr eine halbe Stunde Weges gehen dürfe. So wisst ihr, wie der Pharisäer im Tempel sich rühmet, wie er Alles verzehnte, was er habe. Das Gesetz schrieb den Priestern den Zehnten zu; so verzehnteten die Pharisäer selbst die Küchenkräuter, wie Dill, Fenchel und Minze, wie der Herr ihnen vorhält.

Eine solche kleinliche, buchstäbliche Auslegung und Beobachtung des Gesetzes wurde Ursache, dass die Hauptsache dahinten gelassen ward, und noch mehr, dass sie mit dieser kleinlichen Erfüllung viel Wesen machten und sich vor den Leuten wollten sehen lassen. Dadurch wurden sie die Heuchler, die Scheinheiligen, die vor den Leuten das Kleine hielten, aber heimlich das Große übertraten, die, wie der Herr sagt, außen glänzend waren, wie übertünchte Gräber, inwendig aber voller Moder.

Die Partei der Pharisäer war die größte unter den Juden; sie nahmen den Buchstaben der Schrift, aber nicht ihren eigentlichen Sinn und Geist, gaben sich den Schein, auch das Geringste im Gesetz zu tun, und taten grade das Größte gegen das Gesetz.

Zu ihnen gehörten besonders die Schriftgelehrten und Priester, auch manche Vornehme, am meisten aber hielt das Volk zu ihnen, denn das nahm das Äußere ihrer Frömmigkeit umso leichter für wirkliche Frömmigkeit, weil es keine Bibel in der Hand hatte, sondern glauben musste, wie pharisäische Lehrer ihnen die Schrift erklärten. Grade sie brachten auch hauptsächlich das Volk in sein Unglück, indem sie statt Religion nur äußern Buchstaben- und Zeremoniendienst es lehrten, so es um die Religion betrogen. Sie brachten es in das andere Unglück, dass sie selbst sich äußerlich jedem Gesetz gehorsam stellten; aber heimlich beständig Aufruhr und Empörung im Volke schürten; ein Exempel dafür habt ihr in jener Pharisäerfrage an den Herrn: Ist es Recht, dass man dem Kaiser Zins gebe? Sie waren es, durch die der Heiland verworfen, und Jerusalem dem Untergang geweiht wurde. Sie wollten nicht Wahrheit, sondern Lüge; nicht Barmherzigkeit, sondern Herrschaft.

Aber wenn der Glaube nicht mehr Sache des Herzens und der Tat ist, sondern zum Heuchelglauben und Aberglauben gemacht wird, so tritt daneben auch immer Unglaube, der Feind alles Glaubens auf. Wo es Pharisäer gibt, da bleiben die Sadduzäer nicht aus. Unter diesem Namen ist nämlich im Neuen Testamente die andere jüdische Glaubenspartei genannt.

Um nicht ihren Unglauben allzu offen zu verraten, nahmen die Sadduzäer nur das Gesetz, also die fünf Bücher Mosis, für göttlich an; von dem übrigen Teil des Alten Testamentes wollten sie nichts hören, überhaupt nur das annehmen, was man mit dem Verstande einsehen könne. So glaubten sie keine Auferstehung der Toten, keine Engel und höhere Geister. Ihr Wahlspruch war: Lasst uns essen und trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot. Zu ihnen gehörten besonders die Vornehmen, die das Leben ohne Scheu vor Gericht und Ewigkeit genießen wollten; öfters selbst Hohepriester. Sie hielten meistens zu den Römern. Den Sadduzäern gleichen zu unsrer Zeit jene Leute, die Kirche und Gottesdienst zwar nicht geradezu verhöhnen, aber auch sich nichts darum kümmern; die die Bibel nur für ein Menschenwerk, nicht für Gottes Wort halten; die nichts glauben, als was, wie gesagt wird, man mit Händen greifen kann; die grade keine Räuber, Ungerechte, Ehebrecher sein mögen, und sehr zufrieden mit sich sind, wenn man sie nur für ehrliche Leute erkennen muss.

Nun gab es in Israel noch eine dritte Partei, die zwar nicht ausdrücklich in der Schrift genannt wird, auf die aber in manchen Aussprüchen hingewiesen ist. Sie heißen Essäer, oder Essener. Sie hatten Ähnlichkeit etwa mit unsern heutigen Herrnhutern. Aus der Welt zurückgezogen, lebten sie in kleinen Dörfern im südlichen Teil des Landes am Toten Meere, wohin Jesus niemals nach der Geschichte gekommen ist. Sie schlossen sich besonders gegen Fremde und alle ab, die nicht zu ihnen gehörten; erlaubten sich keinen Genuss einer geselligen Freude; gingen nicht auf die hohen Feste nach Jerusalem; hatten viele Fasttage, bestimmte Gebetszeiten und äußerliche Reinigungen; genossen keinen Wein, Einzelne selbst kein Fleisch. Ein sittliches, d. h. ein sehr eingezogenes und geordnetes Leben musste man ihnen nachsagen. Öfters wurden sie als Kinder schon verlobt und wuchsen so fast im Ehestande heran, blieben vor manchen Ausschweifungen bewahrt. Dabei aber waren sie auf ihre Werkheiligkeit sehr stolz, und Christus mit seinem Gebote der Demut konnte bei ihnen keinen Glauben finden. Für das Leben blieben sie ziemlich ohne allen Einfluss, was sie Gutes an sich hatten, konnte eigentlich sich außer dem engsten Kreise nicht geltend machen. Sie gingen allem Kampfe, aller Versuchung ganz aus dem Weg; ihre Tugend war vielfach nur abgerichtete Gewöhnung. Statt dessen wissen wir, dass die Tugend im Kampfe sich bewähren muss an der Stelle, wohin uns der Herr gestellt hat; und dass nicht der ein Tugendhafter und ein Freund Christi ist, der sich in sein Haus, wie in ein Kloster einschließt; sondern wer für die Ehre seines Herrn auch Zeugnis ablegt, das Licht seines Glaubens nicht verbirgt, sondern es leuchten lässt vor den Leuten.

So liegt es vor Augen, dass weder die Pharisäer, noch die Sadduzäer, noch die Essäer recht auf dem Grunde des Alten Testamentes standen, und dass das Volk zu bedauern war, das nun nicht wusste, wie es den Weg zum Himmelreich finden sollte; der Herr nennt es eine Herde ohne Hirten.

Wir sehen daraus aber auch, wie es fast notwendig kommen musste, dass der Herr wenig Glauben in Israel fand, und das Reich darum von den Juden hinweggenommen und zu den Heiden gebracht werden musste.

Darum auch die Antwort des Herrn, die hier steht:

V. 17: „Da das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken; ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße und nicht die Gerechten.“

Wie stürzen diese Worte das ungerechte Gericht der Menschen! Jesus sagt nicht, dass die Zöllner keine Sünder seien, nein, eben weil sie Sünder sind, ist er in ihrer Mitte. Er ist gleich dem Arzte, der will den Leib erretten von seinem Übel; er, der Heiland, rettet die Seelen. Der Arzt geht nicht zu den Gesunden, sondern zu den Kranken; nicht zu den Starken, sondern zu den Schwachen. So ist der Herr nicht gekommen zu den Gerechten, sondern zu den Sündern, die will er zur Buße rufen. Jene Pharisäer und Sadduzäer und Essäer waren fast alle dahin gekommen, dass sie sich für Gerechte hielten, weil sie eben Gottes Wort nicht nach seinem einfachen Sinn und Heiligen Geiste nehmen, und sich darunter demütigen, sondern nach ihrem eigenen Gutdünken es zurechtstellen wollten. So suchten und begehrten sie so wenig einen Heiland, als die Gesunden einen Arzt.

Sie, die sich selbst für gerecht halten, will der Herr gar nicht rufen, denn sie verstehen seinen Ruf nicht, und der Herr drängt sein Heil Niemanden auf. Wenn er ruft: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken; so hören sie nicht; denn wie wollten sie vor der Welt als Mühselige und Beladene gelten? Wenn er von Buße redet, so denken sie nur an Andere, nicht an sich; denn sie sind ja nach ihrem Bedünken besser, als man eigentlich fordern darf.

Ach, wehe den Pharisäern und Sadduzäern und Essäern auch zu unsern Tagen; der Herr ist ihnen ein Stein des Anstoßes, er ist ihnen zum Gerichte erschienen. Zöllner müssen wir werden, wie wir Sünder sind; unsere Sünden erkennen und bekennen; grade uns, ganz allein uns, wie mit Namen gerufen, müssen wir vor dem Herrn uns fühlen; dann ist er unser rechter Arzt, unser Heiland.

Die Welt, die Welt mag immerhin über uns richten; wir haben den Gottessohn, der das ungerechte Gericht aufhebt. Wir richten uns selbst, damit wir nicht gerichtet werden. Sünder vor dir, o Herr; um deine Gnade rufen wir hinauf; Herr, treuer Heiland, sprich auch in unsre Seelen das teure Wort: Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben! Amen.

Gebet.

Herr, dein Wort ist allein unseres Fußes Leuchte und das Licht auf unserem Wege; und doch so oft vergessen wir, erst dein Wort zu fragen, ehe wir auf die Wege treten, die vor uns liegen; ja, so oft verachten wir dein Wort und tun nach unserm stolzen Gutdünken, wo die Lust der Welt uns lockt. Und wenn wir dein Wort nicht ganz zu vergessen vermögen, dann suchen wir es zu drehen nach unserem Sinne, wollen Herren sein über dein heiliges Wort, statt dass dein Wort Herr sein soll über uns. Dass solches Tun vom Übel ist, wir können es nicht leugnen. Es droht uns das Gericht als Knechten, die des Herrn Willen gewusst, und doch sich nicht bereitet und nicht danach getan haben. Das bezeugt das Gewissen, das uns verklaget. So bitten wir dich, den einigen Helfer, du wollest es bessern. Vergib uns die Verachtung deines Wortes; ziehe uns immer mehr zu demütigem Gehorsam gegen dein Gebot; lehre mit kindlichen Herzen uns hören die Worte des Lebens, die du uns sagen lässt: Dann, Herr, hoffen wir getrost, dein heiliges Wort wird unsere Herzen umschaffen, dass wir freudig dir uns zusagen mit dem Bekenntnis: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens! Amen.

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