Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 3. Stunde.
Herr, die dein Wort wissen wollen, segnest du aus der Kraft deines Geistes. So hilf auch unserm Forschen, damit wir recht erkennen, welches da sei der vollkommene und lautere Gotteswille, auf dass unser Glaube zuversichtlich, unsere Hoffnung freudig, unsere Seelen also geheiligt werden zum ewigen Leben, dass wir Frucht bringen in Geduld!
Amen.
Zur Betrachtung für diese Stunde lesen wir Mark. 1, 21-39: “Und sie gingen gen Kapernaum. Und bald an den Sabbaten ging er in die Schule und lehrte, und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten. Und es war in ihrer Schule ein Mensch, besessen mit einem unsauberen Geist, der schrie und sprach: Halt, was haben wir mit dir zu schaffen, Jesu von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben, ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes. Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme and fahre aus von ihm. Und der unsaubere Geist riss ihn und schrie laut und fuhr aus von ihm. Und sie entsetzten sich alle, also dass sie untereinander sich befragten und sprachen: Was ist das? Was ist das für eine neue Lehre? Er gebietet mit Gewalt den unsauberen Geistern, und sie gehorchen ihm. Und sein Gerücht erscholl bald umher in die Grenze Galiläa. Und sie gingen bald aus der Schule und kamen in das Haus Simons und Andreas mit Jakobus und Johannes. Und die Schwiegermutter Simons lag und hatte das Fieber. Und alsbald sagten sie ihm von ihr, und er trat zu ihr und richtete sie auf, und das Fieber verließ sie bald und sie diente ihnen. Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke und Besessene, und die ganze Stadt versammelte sich vor der Tür. Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Seuchen beladen waren, und trieb viel Teufel aus und ließ die Teufel nicht reden, denn sie kannten ihn. Und des Morgens vor Tag stand er auf und ging hinaus. Und Jesus ging in eine wüste Stätte und betete daselbst. Und Petrus mit denen, die bei ihm waren, eilten ihm nach, und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns in die nächsten Städte gehen, dass ich daselbst auch predige, denn dazu bin ich gekommen. Und er predigte in ihren Schulen in ganz Galiläa und trieb die Teufel aus.“
Ob auch hier ganz Verschiedenartiges erzählt zu sein scheint, so ist es doch von einem und demselben Geiste gegeben, der, wie er alle die verschiedenen Menschenkinder zu Einem Reiche des Friedens führen, alle zu Bewohnern des großen Vaterhauses droben machen will; so auch hier eine und dieselbe Wahrheit Schritt für Schritt uns immer tiefer in die Seele, immer fester zum Glauben führen will. Wie ihr über das, was vor unserm Texte geschrieben steht, die Aufschrift sehen könntet: „Jesus, der Sohn Gottes;“ so denkt euch auch über die verlesenen Worte geschrieben: „Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes.“
Der Evangelist will, dass wir Jesum dafür erkennen aus der Art, wie er als Lehrer auftritt.
V. 21. 22. „Und sie gingen gen Kapernaum. Und bald an den Sabbaten ging er in die Schule und lehrte, und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.“
Von der Zeit seines öffentlichen Auftretens an finden wir den Herrn öfter in Kapernaum, er nimmt da hauptsächlich seinen Aufenthalt. Wir könnten es seinen Wohnort nennen, wenn wir nicht von dem, der uns den Himmel zur Wohnstätte auftun will, gelernt hätten, dass er nicht hatte, wohin er sein Haupt legte.
Denkt euch vorerst dieses Kapernaum; es war ein Städtchen von ein paar Tausend Einwohnern, da gelegen, wo der Jordan den See von Genezareth, oder das galiläische Meer bildet. Hier hatten die Söhne Zebedäi und die Jonassöhne ihr Fischerhandwerk getrieben, von welchem sie der Herr abgerufen, dass sie Menschenfischer werden sollten. In diesem Städtchen war ein ziemlich lebhafter Verkehr, weshalb auch die Römer, die Herren des Landes, eine Soldatenbesatzung hineingelegt hatten.
Da heißt es nun: „Bald an den Sabbaten ging er in die Schule.“ Lasst euch zuerst ein Wort sagen über die sogenannten Schulen der Juden.
Ihr wisst, nach der Ordnung Mosis sollte das gesamte Israel eine große Familie, ein Gottesvolk bilden, denen Alles gemeinsam sei. So hatten sie nur Eine Kirche. Das war in der Wüste die Stiftshütte; dann, als sie das heilige Land endlich in Frieden besaßen, der Tempel zu Jerusalem, der nach dem Muster der Bundeshütte gebaut war. Dahin musste jeder erwachsene Jude des Jahres wenigstens einmal an einem der hohen Feste kommen. Aber des Jahrs einmal in die Kirche gehen, wie hätte damit ein Volk bestehen können, ohne aller Gottesfurcht und alles Glaubens alsbald bar und ledig zu werden? Darum waren an jedem Orte, selbst an ganz unbedeutenden, Bethäuser, Schulen oder Synagogen. Wo man zum Bauen zu arm war, hatte man wenigstens einen umzäunten Platz eingerichtet, wohin man zum Gottesdienst zusammenkam. Der wurde fast grade wie bei uns abgehalten, nur fehlte die Predigt. Denn man fing an mit Gesang und Gebet. Der Psalter war das Gesangbuch; dazu hatte man einen Vorbeter und Vorsänger. Dann wurde ein Abschnitt aus dem Gesetz vorgelesen, ähnlich wie bei uns das Evangelium am Altar. Dann kam ein Abschnitt aus den Propheten, wie unsere Episteln. Dazu hatte man die Einteilung getroffen, dass die fünf Bücher Mosis und gleicher Weise die großen und kleinen Propheten in so viele Abschnitte eingeteilt waren, als das Jahr Sabbate hatte, so dass jedes Jahr so ziemlich das ganze Alte Testament durchgelesen wurde. Gesang und der Segen Aarons, wie wir noch heute ihn beten, schloss den Gottesdienst.
Die Predigt fehlt. Denn im Alten Bunde stand die Predigt den Propheten zu, die da redeten getrieben vom Heiligen Geist. Ein Predigtamt war nicht eingesetzt, denn der war noch nicht erschienen, der nicht bloß das Gesetz, sondern auch die Propheten erfüllen sollte. Der setzt erst das Amt der Predigt ein, als er seinen Erwählten sagt: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Es war der Heilige Geist noch nicht im Sakrament der Taufe bleibend an die Menschheit gegeben; es waren noch nicht von dem Meister die bestimmt, die von sich sagen dürfen: Dafür halte uns Jedermann, nämlich für Botschafter an Christus Statt und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Hatten sie dort keine Predigt, so fühlte man doch so gut, ja mehr oft wie wir, das Bedürfnis nach Erklärung des Gotteswortes. Wie darum einst Prophetenschulen bestanden, so hatten sich durch Männer, welche die Schrift besonders studiert hatten, denkt an Gamaliel in der Apostelgeschichte Schulen gebildet, in welchen man die Schriftgelehrsamkeit trieb. Die nun in solchen Schulen gebildet waren, hieß man Schriftgelehrte, oder Rabbinen, das heißt: Lehrer oder Meister. Solche erklärten dann am Sabbat einzelne Abschnitte der Schrift. Da aber nicht jede Schule im Stande war, einen solchen Schriftgelehrten zu unterhalten, so reisten Rabbinen im Lande umher. Auch das aber konnte nicht ausreichen. So mussten die Ältesten, der Vorstand der Schule, öfter Erklärung der Schrift versuchen.
Wenn nun auch sonst Einer gedachte, er möge ein Wort zur Erklärung einer Schriftstelle reden können, so musste er dreißig Jahre alt sein. Er setzte sich dann in der Schule auf eine besonders dafür bestimmte Bank; damit war sein Wunsch angedeutet, sprechen zu dürfen. Dann berieten die Ältesten mit einander, ob sie wohl dem das Wort überlassen könnten, der es verlangt hatte. Nach dieser Ordnung nur durfte Einer in der Schule das Wort nehmen, sonst verfiel er in eine ernste Strafe, denn man wollte auch damals nicht Gotteswort nach der Menschen Gelüsten und Einfällen verdreht haben.
So sehen wir nun nach unserem Texte Jesum am Sabbattage in Kapernaum auf der Rabbinenbank sitzen. Da er nun die Erklärung der Schrift anhob, da er lehrte; da entsetzten sie sich über seine Lehre. Es erfasst Alle Erstaunen und Bewunderung, Etwas der Art hatten sie noch nimmer gehört; denn er lehrte gewaltig; das heißt eigentlich: Er lehrte wie Einer, der dazu die Macht, die Berufung, die Kraft von Oben hatte; nicht wie die Schriftgelehrten, deren Weisheit oft nicht über den Buchstaben hinausging.
Hier also offenbart der Herr zum ersten Mal seine Lehrerkraft, jene Gabe, das Wort Gottes aus- und in die Menschen hineinzureden, dass es ihnen durchs Herz ging.
Freilich ist uns nicht gesagt, was Jesus dort in Kapernaum besonders lehrte, aber können wir das in der Schule dort Gelehrte nicht hören, so können wir doch mitsehen, denn es steht hier:
V. 23-26: „Und es war in ihrer Schule ein Mensch, besessen mit einem unsauberen Geist, der schrie und sprach: Halt, was haben wir mit dir zu schaffen, Jesu von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben, ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes. Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm. Und der unsaubere Geist riss ihn und schrie laut und fuhr aus von ihm.“
Eine schauerliche Geschichte! Doch sie ruft uns zu: Jesus, der Sohn Gottes, seht es an der Gewalt, mit welcher er in des Teufels Reich eingreift.
Es wird uns ein Blick hier aufgetan in die schauerliche Tiefe des Elendes und des Verderbens, in welche der Mensch durch die Sünde sich hinabstürzen kann. Denn unstreitig haben wir einen jener Unglückseligen vor uns, die sich durch Ausschweifung, Liederlichkeit und besonders durch viehische Wollust um Gesundheit und Verstand, in einen Zustand des halben Wahnsinns gebracht haben. Von ihrem Gewissen gepeinigt, sehnten sie sich nach Erlösung; aber ob alle Zeichen der Zeit darauf deuteten, dass der Tag des Heils, dass der Erlöser nahe sei: nur furchtbarer fühlten sie ihr Elend. Und gewiss daher auch so viele Besessene zur Zeit Jesu in Israel. Sie mussten erkennen, dass sie nicht wert waren, dem Heiligen Gottes nahe zu kommen; sie wussten, dass sie der Hölle verfallen waren, und ein finsterer Geist hatte von ihnen, als einer sichern Bente der Hölle, Besitz genommen. So sprach bald ein Geist der Finsternis aus ihnen, höhnte und spottete des Gotteswortes, lästerte und fluchte; bald auch zeigte sich noch der Rest des Menschen, der klagte und jammerte, und suchte Trost und Hilfe. So war der Unglückliche zu Kapernaum in die Schule gekommen.
Die gewaltige Predigt des Herrn schlägt, wie ein Blitz, in die umnachtete Seele; aber der Blitz kann noch nicht Licht schaffen; erst kehrt nochmals die grauenhafte Mitternachtsfinsternis zurück. Mit Stimmen, die zwischen dem Höllengeist und dem Menschen wechseln, ruft der Mund des Armen: „Halt, was haben wir mit dir zu schaffen, Jesu von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben; ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes.“ Aber nun hat auch die Herrschaft des Sündengeistes, des Geistes der Hölle, ihr Ende. Ein Mächtigerer ist über ihn gekommen. „Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus.“ Und nun gibt es noch einen grauenhaften Auftritt. „Der unsaubere Geist riss ihn und schrie laut und fuhr aus.“ Der war also gerettet, weil er noch im Gotteshaus Trost gesucht und nach dem rechten Helfer sich gesehnt hatte, ob auch schon des Teufels Reich, wie er ihm gedient, ihn hatte besitzen wollen.
Entsetzlich, wohin der Sünde Dienst, das gottlose Lasterleben bringen kann!
Gewiss möchtet ihr da die Frage stellen, ob denn auch heute noch Solches an den Menschen geschehen kann; ob auch wir noch in dem Bereich des Teufels und seiner bösen Geister stehen? Wie dürfte ich es in Abrede stellen, so lange wir noch der Sünde dienen, darum dem Teufel Raum und Gewalt über uns geben, und unsre Seelen reif machen für sein Reich. Aber bis wirklich ein Höllengeist in uns zu fahren vermöchte, da müsste es weit, entsetzlich weit mit uns gekommen sein; da müssten wir vor Allem ausgelöscht haben das heilige Zeichen, das die Taufe an uns gemacht, dass wir ein Eigentum des Herrn sind, daran der Teufel nicht rühren soll; da müssen wir Alles Glaubens los und in jede Missetat hinabgesunken sein. Aber so lange sich unsere Hand noch zum Gebete faltet, so lange noch Christus uns Herr und Heiland ist; so lange hat der Fürst der Finsternis und all' sein Reich keine Gewalt über uns: denn im Glauben haben wir den Schild, auszulöschen alle feurigen Pfeile des Bösewichts. O, lasst uns darum halten an dem teuren Glauben des Heilandes, dann sind wir gewappnet gegen die finsteren Geister, dass wir sie nimmer erfahren.
Was dort in der Schule zu Kapernaum geschehen, war ein mächtig Zeugnis für den Gottessohn; so steht auch hier:
V. 27: „Und sie entsetzten sich alle, also, dass sie unter einander sich befragten und sprachen: Was ist das? was ist das für eine neue Lehre? Er gebietet mit Gewalt den unsauberen Geistern, und sie gehorchen ihm.“
Alle fühlten, dass, was sie eben gesehen, ein Zeugnis zu dem Worte sei, das sie vernommen hatten; das Gemälde gleichsam zu dem Unterrichte, den sie gehört. Und so ist's allewege in der Schrift, das Wunder wird bedeutsam für die Lehre und zugleich durch die Lehre, mit welcher es auftritt. Ein Wunder, eine Tat, die eine andere, als Menschenkraft, offenbart, hat nur erst da seine Bedeutung, wo eine Offenbarung in die Menschenwelt eingeführt werden soll, dafür Zeichen nötig sind, ehe sie der Menschengeist verstehen kann. Der Mensch hat die Offenbarung nicht gefunden, kann sie darum nicht eher verstehen, bis er glaubt; dazu sollen Gottes Taten, diese Wunder, ihm helfen. Ähnlich verstehen wir heute Gottes Wort über der Menschen Herzen erst, wenn wir die Taten und Dinge ansehen, die er vor uns geschehen, die Zeichen der Zeit, die er hereinbrechen lässt. Die Lehre allein, die hätte, wenn wir so sagen dürfen, noch viel gewaltiger sein mögen, als sie aus des Herrn Mund gehört wurde; sie würde schwerlich aus den Toren von Kapernaum herausgetragen worden sein; aber nun, als jenes Zeichen geschehen war, da heißt es:
V. 28: „Und sein Gerücht erscholl bald umher in die Grenze Galiläa.“
Von Mund zu Mund, von Ort zu Ort, erzählte man von dem, der mit Gewalt den unsauberen Geistern gebot, und sie gehorchten ihm.
Nun ein freundlicheres Bild!
V. 29-31: „Und sie gingen bald aus der Schule und kamen in das Haus Simons und Andreas mit Jakobus und Johannes. Und die Schwiegermutter Simons lag und hatte das Fieber. Und alsbald sagten sie ihm von ihr, und er trat zu ihr und richtete sie auf und hielt sie bei der Hand, und das Fieber verließ sie bald, und sie diente ihnen.“
Nachdem Jesus aus der Schule herausgetreten ist, geht er mit Simon Petrus in dessen Haus; der Bruder Andreas, wie die Söhne Zebedäi, die ersten vier Jünger, mit ihm. Die Schwiegermutter des Petrus wohnt bei diesem, liegt aber jetzt krank am Fieber darnieder. Da erweist sich der Herr abermals als Gottessohn, wie er allmächtig die Leiden von den Menschen hinwegnimmt.
Kraftlos liegt die Kranke auf ihrem Bette, Jesus richtet sie auf und hält sie ein kleines bei der Hand, da war das Fieber gewichen, die Kraft kehrte wieder, so dass sie alsobald ihnen diente, der Sorge des Hauses vorzustehen vermochte.
Stiller freilich dieses Zeichen, aber auch freundlicher, wie das in der Schule zu Kapernaum. Stärkte es den Glauben in der Jünger Seelen, so knüpfte es zugleich das Band der Liebe inniger und fester, das Jünger und Meister mit einander verbunden hatte. Darum sagte ich, freundlicher; denn hier tritt uns mehr die Liebe, an der Heilung des Besessenen mehr die gewaltige Macht des Herrn entgegen.
Wie aber, was an diesem Tage sich in der Schule begeben hatte, nicht verborgen bleiben konnte, wie es durch die ganze Stadt und in alle Hütten der Not, an alle Lager der Kranken und Gebrechlichen getragen wurde; so geschah, was auch ganz natürlich erscheinen muss, was wir gerade so getan hätten:
V. 32-34: „Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke und Besessene, und die ganze Stadt versammelte sich vor der Türe. Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Seuchen beladen waren, und trieb viel Teufel aus und ließ die Teufel nicht reden, denn sie kannten ihn.“
Also auch hier wunderbare Hilfe! Das war ein gesegneter Sabbat über Kapernaum! Wie manche Lippe mag an diesem Abende ein herzinniges Dankgebet zum Vater im Himmel emporgesendet haben für Errettung aus Krankheit und Elend! Gewiss, manches Dankgebet auch aus gläubigen Gemütern für die größere Freude, den rechten Helfer und Retter gekommen zu wissen, dass nun die Zeit der Verheißung erfüllt, und das Reich Gottes herbeigekommen ist. Aber bemerkt auch, wie Markus hier sorgfältig dabei erzählt: „Er ließ die Teufel nicht reden;“ also nicht jenen schauerlichen Auftritt wollte der Herr sich wiederholen lassen, der in der Schule gewesen war; sondern stiller schaffte er die Hilfe von den bösen Geistern. So viel es sein konnte, sollten seine Taten eben nicht Geräusch machen und groß Gerede; sondern sie sollten der Menschen Herzen auftun, auf dass sie die Liebe erkennen möchten, die sich ihrer jetzt erbarmen wollte. Die Stille wollte der Herr bewahren, in welcher am sichersten die zarte schüchterne Pflanze des demütigen Glaubens aufwächst.
Nun ein freundlicher Schluss:
V. 35: „Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus. Und Jesus ging in eine wüste Stätte und betete daselbst.“
Den Gewaltigen, der bösen Geistern und Krankheiten allmächtig geboten hatte, sehen wir hier so kindlich demütig; den sehen wir auf das weitere Tagewerk sich bereiten, wie wir arme Menschen jeden Tag anzufangen haben, auf dass wir den Gedanken an den Herrn und sein Gericht nicht aus der Seele verlieren.
Vor Tag schon, ehe seine Jünger noch vom Schlafe erwacht sind, geht er hinaus in eine wüste Stätte, in die Einsamkeit zum Gebete. Zum Gebete in der dämmernden Morgenstunde! Was er gebetet, hier steht es freilich nicht; aber das ist auch nicht Not; wir wissen's doch. Er Dankt dem Vater, in dessen Kraft der Sohn Hand an sein Werk gelegt und die Hilfe von Oben erfahren hat. Der Anfang ist gemacht, er bittet um weiteren Fortgang. Betend überlegt er, wie nun sein Werk weiter geführt werde, auf dass es sicher gegründet sei und segensvoll emporwachse. Und wir erfahren gleich, was er darin beschlossen hat:
V. 36-38. „Und Petrus mit denen, die bei ihm waren, eilten ihm nach, und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns in die nächsten Städte gehen, dass ich daselbst auch predige, denn dazu bin ich gekommen.“
Als Petrus und seine Gefährten wach werden und Jesum nicht mehr im Hause finden, da gehen sie eilend ihm nach, um ihn zurückzurufen, und ihm die, wie sie meinen, wohlbegründete Forderung ans Herz zu legen, heimzukehren, weil Jedermann in Kapernaum ihn suche. Was sie am Tage zuvor erfahren, das hat die Einwohner der Stadt am frühen Morgen schon zur Türe Simons geführt. Und ihr könntet fragen, warum kehrt der Herr nicht zurück und setzt sein Werk fort? Hier waren doch, so scheint es, heilsbegierige Herzen, und hier versprach seine Aussaat reiche Ernte. Nun, der Herr kennt die Herzen der Menschen und weiß, dass das gute Samenkorn nur langsam wächst und in der Stille gedeiht aus kleinem Anfang. Er gibt kurz die Antwort: „Lasst uns in die nächsten Städte gehen, dass ich daselbst auch predige, denn dazu bin ich gekommen.“ Nicht auf Kapernaum soll sein Werk beschränkt sein; er weiß, dass der Tag, an welchem er wirken soll, kurz ist; und Viele sollen den Ruf hören: Kommt, denn es ist Alles bereit! So mag der Same, den er in Kapernaum gestreut, erst keimen, danach will er sehen, was an ihm weiter zu schaffen ist. Vielleicht dürfen wir auch aus Wort und Verhalten des Herrn schließen, dass das Wunder an sich, die gewaltige staunen erweckende Tat noch das Hauptsächliche ihnen war, worauf die Leute zu Kapernaum ihre Seelen gerichtet hatten; so dass auch ein gut Teil Neugier und Schaulust sie zu dem Herrn hinzog, sowie die Sucht, bei Etwas zu sein, was gewaltig erschütterte. Der Herr lässt aus seinen Worten uns erkennen, dass er mehr gekommen ist zu predigen, als Wunder zu tun. In Kapernaum hatte man es wohl anders angesehen. So will der Herr, dass sie jetzt erst einmal sich sammeln und überlegen möchten, wer der sei, der zu ihnen geredet, und dessen Taten sie geschaut hatten.
Wie der Herr hier im Gebete und wie er in heiliger Besonnenheit sein Wort führt, so steht er abermals als Sohn Gottes vor uns da. Ein Kind, das nicht den Vater sucht und seines Herzens Anliegen vor ihm ausschüttet, ist kein rechtes Kind. Wir würden Jesum Christum nicht so zuversichtlich Gottes Sohn nennen, wenn wir nicht so oft und in so ernstem Gebete ihn fänden zu seinem himmlischen Vater.
Was der Evangelist uns heute von Jesus erzählt hat, einfach und lieblich stellt es ihn uns als Sohn Gottes dar in Wort und Tat. Lasst zu seinen Füßen auch unsre Kranken uns hintragen, ihm betend sie empfehlen; aber auch wir selbst wollen zu seiner Tür hinziehen, damit er die Hand über uns ausrecke und auch über unseren Sünden und Übeln das Heilandswort spreche: Ich will es tun, sei gereinigt! Amen.
Gebet.
Herr, wie du gekommen bist, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, so komm auch zu uns. Auch wir fühlen unser Elend und unser Verderben; es ist größer, als wir es sagen können. Wolltest du uns ziehen lassen auf den Wegen nach unseres Herzens Gelüsten, so müsste es mit uns, je länger, je ärger werden; die Stricke Satans würden uns gebunden halten, und das Reich der Finsternis unser Erbteil werden. Aber du hast nicht Gefallen an dem Tode des Gottlosen, sondern, dass er sich bekehre von seinem Wesen und lebe. So hältst du uns auf in den Wegen unserer Verkehrtheit, wann wir ernten müssen die bittere Frucht von der bösen Saat, die wir gestreut haben; du zeigst uns die Hilfe, die auch des verlorenen Sohnes sich erbarmen will, wenn er ein Herz fasset zu seines Vaters Gnade. Herr, dies Herz, das traut und glaubt, dies Herz gib uns, dass wir umkehren und vor dir rufen: Herr, erbarme dich unser! Dann errettest du auch uns von allem Übel und hilfst uns aus zu deinem himmlischen Reiche. Herr, wir suchen dich, lass dich finden; Herr, wir rufen zu dir, erhöre uns! Amen.