Bard, Paul - Viele berufen - Wenige auserwählt.

Bard, Paul - Viele berufen - Wenige auserwählt.

Am Sonntage Septuagesimä

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesu Christo! Amen.

Matth. 20, 1-16.

Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und ging aus um die dritte Stunde, und sah andere an dem Markte müßig stehen, und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg, ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde, und tat gleich also. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere müßig stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand gedungen. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg, und was recht sein wird, soll euch werden. Da es nun Abend ward, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe den Arbeitern, und gib ihnen den Lohn, und heb an an den Letzten bis zu den Ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde gedungen waren, und empfing ein jeglicher seinen Groschen. Da aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher seinen Groschen. Und da sie den empfingen, murrten sie wider den Hausvater, und sprachen: Diese Letzten haben nur Eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Lasst und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir eins worden um einen Groschen? Nimm was dein ist, und gehe hin. Ich will aber diesem Letzten geben gleich wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, dass ich so gütig bin? Also werden die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein. Denn viel sind berufen, aber wenig sind auserwählt.

„Viele sind berufen, Wenige sind auserwählt.“ - Wenige sind auserwählt! - Geliebte, ich muss bekennen: so oft ich mit diesem Schriftwort Ernst mache, graut mir.

Zwar, ich weiß ja, dass es so nicht gemeint ist, als gälte der ewige Heilsrat Gottes nur einigen Wenigen, als habe Gott im ewigen Rat beschlossen, unangesehen der Menschen Verhalten nur einige Wenige selig zu machen. Ihr wisst, man hat das Herz, die Verwegenheit gehabt, es so zu deuten. Auch treue, hervorragende, geisterleuchtete Männer der Kirche Gottes haben es so gedeutet: Männer, wie der große Augustinus, eine Persönlichkeit so gewaltig, dass er der ganzen Kirche des Mittelalters sein Gepräge aufdrückte; Männer wie John Wiclif in England, Johannes Hus in Böhmen, Ulrich Zwingli in der Schweiz, Johannes Calvin in Frankreich, anfänglich auch die Väter unserer lutherischen Kirche, Dr. Luther, Melanchthon haben dies Wort so deuten zu müssen gemeint. Und die schweizerische Kirche hat in namhaften Bekenntnissen diese Deutung zum Ausdruck gebracht. Ich verstehe auch, wie man in Versuchung kommen kann, es so zu deuten. Ja, ich halte für möglich, dass auch der Eine oder der Andre von uns hie und da an dem gähnenden Abgrund solcher Gedanken, wenn auch mit Entsetzen, steht. Es gibt eine Reihe von Schriftworten, - das unsre gehört dazu - welche auf den ersten Blick und Klang so aussehen und lauten, als ließen sie eine andere Deutung nicht zu. Auch eine Reihe von Tatsachen, welche diese Deutung zu fordern scheinen oder nahe legen. Die Tatsache etwa, dass Gott alle unsre Wege, auch unsre Entschließungen, auch unsre schließliche Entscheidung, unser schließliches Geschick von Ewigkeit her bestimmt bewusst sind. Oder die andere, dass die von uns, welche Gott gewonnen, denen Er die Augen geöffnet hat für die Herrlichkeit Seines Sohnes, das lebendige Bewusstsein haben, dass wir unsre Bekehrung, unsre Bewahrung ausschließlich einer übermögenden, uns vergewaltigenden Wirkung Gottes verdanken, dass auf der ganzen langen Linie unsres vergangenen Lebens auf unserer Seite nur Widerstreben und Störrigkeit sich findet; die sich immer wiederholende Erfahrung, dass Menschen, an welche die sorgsamste Kunst der Erziehung, gewissenhafteste Aufsicht, alle denkbare Fürsorge und Fürbitte gewandt ist, trotz allen und allem die abschüssige Bahn gehen, als hänge das Bleigewicht eines ewigen Rats an ihren Füßen, welches sie unüberwindlich in die dunkle Tiefe zieht; hinwiederum, dass Andere, die unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen heranwuchsen, ohne Leitung, Weisung, Gebet, ja oft in der verpesteten Luft der Sünde, des Unglaubens, des Lasters, sich verhältnismäßig rein bewahrten und fast von selbst, wie spielend den Weg nach Golgatha fanden: das Alles kann uns wohl in die grausige Versuchung bringen, eine eiserne Bestimmung eines ewigen Gottesrats auch bezüglich unsres schließlichen Verhaltens und Geschicks zu fürchten.

Doch aber es ist zweifellos nicht so. Wenn's so wäre, Geliebte, wenn auch nur die Möglichkeit bestände, dass es so wäre, dass Gott von Ewigkeit her beschloss, unangesehen der Menschen Verhalten nur einige Wenige selig zu machen, die Andern verloren gehen zu lassen, dass ein dunkles willkürliches Wollen Gottes über unser schließliches, ewiges Geschick unabänderlich entscheide - ich würde nicht den Mut finden, meinen Mund gegen euch aufzutun. Was hätte ich euch auch zu sagen? Ich könnte nur ein weinender Zeuge unseres unsagbaren, herzbrechenden Jammers sein, dass wir willenlose Werkzeuge in der Hand der Laune eines grausamen Gottes wären; könnte nur euch aufrufen zum Anhub der erschütternden Klage der Verzweiflung: es wäre uns besser, viel, viel besser, dass wir nie, nie geboren wären!

Aber es ist nicht so. Es ist zuverlässig nicht so, Geliebte. Auch wenn manches Schriftwort dunkel, manches Rätsel ungelöst, manche Erfahrung unerklärt bleiben müsste es ist nicht so. Wider alle diese unheimlichen Wellenschläge der Gedanken und Empfindungen steht unbewegend und unerschüttert der Fels der eidlichen Versicherung Gottes: „so wahr ich lebe, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass er sich bekehre und lebe“; des bestimmten Zeugnisses der Schrift: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“; des ausdrücklichen Wortes Jesu Christi: „also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen Sohn gab“; die Tatsache, dass Christus „das Lamm Gottes ist, welches der Welt Sünde trägt“, dass das Blut auf Golgatha floss für der Welt Sünde, dass der Herr mit Tränen ringt um die Menschenherzen und sie loslässt nur unter dem klagenden und verklagenden Bekenntnis: „ihr habt nicht gewollt“; auch die Tatsache, dass wir, wennschon wir wissen: durch Gottes Gnade sind wir was wir sind, gleich bestimmt wissen, dass wir auch der schließlichen, übermögenden Wirkung Gottes hätten widerstehen können, dass Gott uns zwar überredet hat, aber auch wir uns haben „überreden lassen“; dass die Widerstrebenden bestimmt wissen, sie wollten nicht und gehen verloren durch eigene Schuld; die Tatsache endlich, dass Gott die Welt richtet, mithin ihr Verhalten maßgebend macht für ihr schließliches ewiges Geschick. Das Alles erweist den unheimlichen Gedanken, als sei das Ergebnis der Weltgeschichte mit dem unabänderlichen Doppelstand der Seligkeit und Verdammnis ausschließlich das Werk eines ewigen Gottesrats, unangesehen das Verhalten der Menschen, als eine unheilvolle Verirrung, eine Verirrung, welche Gottes Wort zur Lüge, Gottes Heilswerk zur Heuchelei, die Weltgeschichte zur Komödie macht.

Also so ist es freilich nicht, Geliebte, dass Gottes ewiger Rat allein bestimmend ist für unsere schließliche Entscheidung und unser ewiges Ergehen. Auch das Wort unseres Evangeliums: „Viele sind berufen und Wenige sind auserwählt“ und gleich oder ähnlich lautende Schriftworte besagen das nicht. Nicht weil nur sie Gegenstand ewiger Erwählung sind, werden die Gläubigen „auserwählt“ genannt, sondern weil der ewige Rat Gottes, welcher „der Welt“ galt, nur an ihnen sich erfüllte. Lautet das Wort doch auch nicht: „viele sind verworfen, wenige sind auserwählt“, vielmehr viele sind berufen, wenige auserwählt“, als Bekundung der Tatsache, dass Gottes das Heil Aller umfassender Liebesrat nur bei Einigen sich erfüllt, bei der Mehrheit es nur bis zur Berufung bringt.

Doch aber, Geliebte, doch bleibt das Wort „Wenige sind auserwählt“, auch wenn es die Freiheit menschlicher Entschließung und Entscheidung nicht ausschließt, auch wenn es nur besagt, was es allerdings unwidersprechlich und unmissverständlich besagt, dass von der Vielheit aller Menschen nur eine Minderheit, nur „Wenige“ das Ziel ihrer Bestimmung, des Rats und der Arbeit Gottes erreichen d. i. selig werden, eine ganz entsetzliche Eröffnung. Und ich wiederhole, dass, so oft ich versuche, diesen Gedanken auszudenken, mich Grauen und Angst überkommt. Nicht auch dich? Kannst du's wirklich lesen und hören ohne Beben und Entsetzen? Wenn du Ernst damit machst, unmöglich. Wenn das Wort: „Wenige sind auserwählt“, nur ein Bruchteil der Menschen wird selig, dir mehr ist, als eine hohle Phrase, wenn du die Kraft des Gedankens hast, dir zu vergegenwärtigen, dass es wirklich, wirklich so kommen wird, so, dass, wenn nun auf der Schwelle der Ewigkeit alle Völker, die je über die Erde gingen zwischen der Urzeit der Schöpfung und der Endzeit des Gerichts, alle, alle Menschen, die in diese Welt geboren sind, ohne dass auch nur ein Einziger fehlen wird, versammelt stehen in ungezählten Scharen vor dem Throne der Majestät in des Himmels Wolken, mit angstvollen Augen hängend an dem Munde des Richters mit den Augen wie Feuerflammen, dessen Wort aller Welt schließliches Geschick unwidersprechlich und unabänderlich besiegeln soll, und es tönt nun durch die lautlose, nur vom hörbaren Pochen der Herzen unterbrochene Stille das gewaltige letzte Doppelwort: „kommt her“ und „geht hin“, dass dann nur an eine Minderheit jenes erste Wort sich richten, nur eine Minderheit dem Herrn mit strömenden Tränen der Freude und des Dankes zu Füßen stürzen wird, um aus Seinen milden Händen die Krone der Gerechtigkeit, die Palme des Sieges, das weiße Kleid der Heiligkeit zu nehmen, mit Ihm zu ziehen in die Stadt mit den goldenen Gassen und dort freilich Genossen einer Seligkeit und Herrlichkeit zu sein, wie sie kein Auge sah, kein Ohr hörte und in keines Menschen Herz kam, die Mehrheit aber, die große Mehrheit dann mit markerschütterndem Schrei in die Tiefe fährt zu einer Qual, die auch die entsetzlichsten Befürchtungen weit hinter sich lässt, in eine Nacht der Finsternis, dahinein auch nicht ein Stern der Hoffnung leuchtet kannst du, kannst du, Mensch, wenn du ein klopfend Herz im Busen trägst, des Grauens, des Entsetzens dich erwehren, kannst du's hindern, dass die Sorge um deiner eigenen Seelen Seligkeit sich wie eine Zentnerlast auf dein geängstet Herz legt?!

Zwar ich weiß, mit welchen Künsten du diesen Gedanken und Empfindungen zu begegnen suchst. „Es wird so nicht kommen“, so tröstest du dich, „Gott wird ein Einsehen tun, wird uns überraschen mit dem Vollzug eines ganz anderen Rats“; es reime sich nicht, so versicherst du dir und Andern, mit der Freundlichkeit, mit der Barmherzigkeit Gottes, so viele verloren gehen zu lassen, vollends ewig verloren; es leide die Seligkeit der Minderheit, wenn sie erleben müssten, wie so Viele, die ihres Fleisches und Blutes, so Manche, an welche sie mit starken Banden der Liebe und des Blutes gebunden sind, hoffnungslos der Glut unauslöschlichen Zornes Gottes preisgegeben sind. Mit solchen Waffen suchst du wider die zermalmende Gewalt der Schriftweissagungen dich zu decken. Aber siehst du denn nicht, dass das Alles nur deine eigenen armen selbstgebauten Gedanken sind, die nie zu Stand und Wesen kommen können? Siehst du nicht, dass Gott immer, immer gegen alle Menschengedanken seine Ankündigungen buchstäblich durchgesetzt hat? Vergisst du, dass die gedrohten Wasserfluten des Zornes Gottes an den Zeitgenossen Noahs, die gedrohte Feuerglut seines Grimms an den Sodomitern, das gedrohte entsetzliche Gericht an Israel sich durchsetzte, buchstäblich, wie es geweissagt war, trotz der zweifelnden, spottenden Menschengedanken und Einreden?! Kannst du im Ernst für möglich halten, dass die armen Gedanken deines Kopfes, und wärest du der Klügste der Klugen, die bestimmte Weissagung Gottes vereiteln können? Ja, wenn jenes Zukunftsbild von dem Doppelausgang der Weltgeschichte, der Vielen, die verloren gehen, der Wenigen, die selig werden, eine Zeichnung menschlichen Geistes und menschlicher Hände, wenn auch der erleuchtetsten und geschicktesten wäre, da möchtest du in die Hoffnung flüchten, dass es unerfüllt bleiben möge, dass es auch wesentlich anders verlaufen möge. Aber der Ernst des Weissagungswortes: „viele sind berufen, wenige sind auserwählt“, liegt gerade in der Tatsache, dass es Gottes Wort ist; Gottes Wort, welches durch die 6 Jahrtausende der Geschichte, die hinter uns liegen, allemal buchstäblich Recht behielt; dass es eine Versicherung desselben Jesus Christus ist, in dessen Mund nie ein Betrug erfunden ward, dessen Verlässlichkeit vielmehr jedes Blatt der Weltgeschichte unwidersprechlich belegt. Täusche dich nicht! Es ist umsonst, ganz umsonst, zu hoffen, dass es auch anders kommen könne. Zu bestimmt, zu oft, zu unzweideutig hat Gottes Wort es versichert, als dass das schließliche Ergebnis der weltgeschichtlichen Entwickelung ein anderes werden könnte als dies: „Viele berufen, Wenige auserwählt“. Es verrechnet sich fraglos, wer mit dieser Tatsache nicht rechnet.

Wenns denn aber so ist, wenn diese Tatsache der Zukunft durch keinen Wunsch, keine Tränen, keine Zweifel, keine Leugnung, keinen Spott wegzuschaffen ist, sag', überläufts dich nicht? weckt's dich nicht aus dem Schlaf der Sicherheit und Sorglosigkeit, mit dem du in dem gebrechlichen Nachen deines armen Lebens auf dem breiten, wilden Meere der Zeit dahinträumst, je länger, je näher dem Abgrund einer hoffnungslosen Ewigkeit entgegen? entzündet es nicht wie einen Feuerbrand die Frage im Herzen: „was, was tue ich armer Mensch, dass ich um Alles nicht ein Genosse der Vielen werde, die nur berufen, was, dass ich zu den Wenigen einst zähle, die auserwählt sind?!“

Ich würde Gott preisen, wenn er die Frage dir lebendig machte. Es wäre der Anfang deines Heils. Du wärest dann bereit, die Antwort unseres Evangeliums zu hören und zu würdigen, doch wohl auch willig sie zu tun.

Welches ist die Antwort? Woran liegts, dass so Viele nur berufen, nur Wenige erwählt sind? was ist not, dass wir zu den Erwählten zählen?

Drei Stücke nennt unser Gotteswort, die an den Erwählten gefunden sein wollen.

Zuerst: Du musst im Weinberg Gottes stehen. Das springt sofort in die Augen: Für den Empfang des Lohns am Abend, d. i. der Seligkeit, kommen nur die in Betracht, die im Weinberg Gottes stehen. Von einer Lohnzahlung, einer Zuwendung der Seligkeit der künftigen Welt an die außerhalb Verbleibenden ist nicht die Rede. Willst du selig werden, da ist die erste Bedingung, du musst im Weinberg Gottes stehen,

Was ist der Weinberg Gottes? Die Kirche Jesu Christi ist es; ein Garten Gottes vor fast 19 Jahrhunderten hineingepflanzt in den wüst gewordenen Acker der Welt. Nur in der Kirche Gottes ist das Heil. So sehr man sich erbost wider diese angebliche Predigt der Intoleranz, so bestimmt müssen wir bei ihr verharren: Nur in der Kirche Gottes ist das Heil des Menschen. Aber wo ist die Kirche Gottes? wo sind ihre Grenzen? wie weit dehnt sich ihr Bereich? Soweit, genau so weit, als der Ton des Evangeliums, als der Vollzug heiliger Taufe, die Spendung des heiligen Altarsakraments reicht. Soweit reicht die Kirche Gottes. In diesem Bereich muss stehen, mit diesen Mitteln der Gnade, der Arbeit Gottes in Kontakt, in Rapport stehen und bleiben muss, wer das Heil schauen und haben will für Zeit und Ewigkeit, das ist das Erste. Denn sie, das Evangelium von Christo, die heiligen Sakramente sind die Mittel, die Kanäle, die ausschließlichen Brunnen des Heils. Alle Heilsarbeit Gottes vermittelt sich nur, nur durch sie. Gewiss, Gott hat Zusammenhänge mit den Menschen auch ohne sie. Durch jeden Schlag des Gewissens, durch die Gestaltung deines Lebens in Lust und Leid arbeitet Er an dir, steht Er mit dir in Zusammenhang, du kannst dich Seiner Hand, Seiner Arbeit nie entziehen. Aber Heilsarbeit tut Er an dir nur durch die Mittel seiner Gnade. Das kannst du täglich mit Händen greifen an dir und Andern. Nie kam, nie kommt ein Mensch zum Heil fern vom Worte Gottes, fern von Taufe und Abendmahl. Nicht bloß drüben, schon hier. Kennst du einen, einen einzigen Menschen, der in diesem armen Leben das Heil fand ohne diese Mittel der Gnade? Reichtum, ja! Lust und Genuss, ja! Ehre und Ansehen, ja! Behaglichkeit und Unterhaltung, ja! Aber Heil, Heil, das will sagen, seiner Sünde Vergebung, seines Gewissens Stillung, seiner Seele Frieden, seines Herzens Wandlung, seiner Trübsal Bewältigung, seines Todesgrauens Bezwingung du kannst die Welt durchsuchen, du findest keinen, der es fand fern vom Evangelium, fern vom Wasserbad heiliger Taufe, fern von der Speise des Gottestisches, keinen! Geliebte, darum ist's uns so traurig, so schwer, dass die Mehrheit unsers Geschlechts den Weinberg Gottes verließ, aus dem Bereich der Gnadenmittel Gottes trat, dass die großen Massen der so genannten Christenheit sich gewöhnten, am Worte Gottes, am Tisch des Herrn vorüberzugehen. Sie haben damit der Heilsarbeit Gottes sich entzogen. Sie können das Heil nicht gewinnen. Hier nicht und drüben nicht. In der Ferne von den Quellen des Heils gründets, dass unser Geschlecht unstet und flüchtig auf der Erde sich umtreibt, dass die Ruhe, der Friede weg ist, dass die sittlichen Mächte weichen, dass die Fluten des Verderbens je länger je mehr die Massen mit sich fortreißen, dass eine Verwilderung der Gemüter einriss, eine Häufung von Gräueln und Untaten sich findet, die uns um die Zukunft angst und bange machen kann. Aber freilich, viel, viel schlimmer als die diesseitigen Ströme des Unheils, ist das Andere, dass wer Gottes Wort und Gottes Taten in Taufe und Abendmahl verließ, einer hoffnungslosen Ewigkeit entgegentreibt, auf dem Wege ist, ein Genosse der unseligen Mehrheit zu werden, die zwar berufen, aber nicht auserwählt ist. Das ist herzerschütternd traurig!

Aber stehst du denn im Weinberg Gottes? Hineingepflanzt bist du. In heiliger Taufe, da sind die Wurzeln deines Lebens in den Garten Gottes gelegt, in die jenseitige Welt des Heils. Aber bliebst du drin? bis heute drin? Bliebst du bis heute im Zusammenhang, im Verkehr mit dem Worte deines Gottes? Und wenn du ihn verlassen, den Weinberg Gottes, vielleicht Jahre lang, hast du den Rückweg gefunden? Du kannst Ihn nicht verklagen, dass Er sich um dich nicht mühte. Den ganzen Tag deines vergangenen Lebens ist Er dir nachgezogen, hat gerufen, gelockt, geladen, gebeten: komm in meinen Weinberg! Du kannst nicht sagen: es hat mich Niemand gedingt. Keiner hat sich so um dich gemüht als Er. Keiner hat so viel sich müssen gefallen lassen als Er. Was ist alle Kränkung, die du den Menschen tatest, gegen das Leid, die Sprödigkeit und die Ungezogenheit, die Störrigkeit, den Trotz, den du Ihm geboten hast? Bist du im Weinberg Gottes? Stehst du im täglichen Rapport mit dem Worte Gottes? gönnst du dir täglich eine Stunde, oder eine halbe, wo du in der Stille dich erquicken, vermahnen, trösten, strafen lässt durch das süße Schriftwort, welches du in Händen hast? oder liegts bestäubt und ungebraucht, dies köstlichste Buch deiner Bibliothek, in welcher Heiliger Geist, die Luft der Ewigkeit, die Stimme des Vaters, der Klang der Heimat zu dir spricht, hinter der schön gebundenen Galerie von Romanen und belletristischen Journalen oft sehr zweifelhafter oder gar nichtsnutziger Natur? Lässt du dich sonntäglich an der Stätte öffentlicher Verkündigung des Lebenswortes finden? oder sind die Ohren taub gegen den klagenden und verklagenden Ton der

Glocken? bist du ein fleißiger Gast an des Herrn Tische, um der Gnade Gottes dich neu zu versichern, und Knie und Hände wieder zu stärken für die saure Reise durch die Wüste nach dem ewigen Kanaan? Besinne dich wohl, lieber Mensch, ob du im bleibenden Verkehr, im Bereich des Evangeliums stehst. Sonst stehst du außerhalb des Weinberges Gottes und es ist umsonst, wenn du von der Ewigkeit den Lohn seligen Lebens hoffst. Das Erste, Unerlässliche ist, dass du im Weinberg Gottes stehst.

Aber freilich nicht das Einzige. So unerlässlich es ist, so reicht es nicht. Du kannst im Weinberg Gottes stehen und doch verloren gehen. Es ist eine entsetzliche Täuschung, zu meinen, dass der bloße Verkehr mit dem Worte, mit dem Sakrament das Heil vermittle und verbürge. Nicht bloß im Weinberg stehen musst du, vielmehr arbeiten im Weinberg Gottes, das ist das Andre, was not ist, willst du in der Zahl der Wenigen stehen, die auserwählt sind.

Was ist Weinbergsarbeit? Nicht alle Arbeit. Es wird in unseren Tagen viel gearbeitet, mit fieberhafter Hast und Unruhe gearbeitet. Aber ich fürchte, Weniges ist Weinbergsarbeit. Du kannst im Schweiß des Angesichts arbeiten und zählst doch zu denen, die müßig am Markt stehen“. Nicht alle Arbeit ist Weinbergsarbeit.

Aber auch nicht bloß ein bestimmtes Feld von Tätigkeit ist Weinbergsarbeit. Es braucht nicht Missionsarbeit, nicht Krankenpflege, nicht Diakonie, nicht Predigttätigkeit zu sein, um Weinbergsarbeit zu sein. Nicht die Rubrik der Tätigkeit, sondern der Geist, in dem sie getan wird, bestimmt den Charakter der Weinbergsarbeit.

Was ist Weinbergsarbeit? Vor allem: die Arbeit am eigenen Herzen. Das ist der eigentliche Acker, der dir zugewiesen ist, dein Herz. Sie sind nicht zu zählen, die ihr Arbeitsfeld außer sich suchen und den Acker im eigenen Busen unbesehen, unbestellt, wüst und wild verkommen lassen. Dein eigen klopfend Herz wandeln das ist Weinbergsarbeit. In deinem Herzen wachsen Dorn und Disteln der Sünden ungezählter Fülle, die sollen heraus und aus der Wüste und Dede, aus dem Sumpf des alten Herzens, aus welchem der Pesthauch der Sünde herausfordernd gen Himmel steigt, soll ein Garten Gottes geschaffen werden, darüber die Sonne des Wohlgefallens Gottes freundlich scheint. Nur wenn's gelingt in dieser Spanne Zeit zwischen Geburt und Grab, dass dein in Selbstsucht vereistes Herz ein Altar wird, darauf die Flammen der Liebe Gottes zum Himmel lodern, dass statt der Eitelkeit die Anspruchslosigkeit, statt des Hochmuts die Demut, statt der Unsauberkeit die Keuschheit, statt des Trotzes die Gelassenheit, statt des Unmuts die Ergebung, statt des Todesgrauens die Lust bei Christo zu sein, drin wohnen, dann nur tatst du Weinbergsarbeit. Das gewandelte Herz ist die Bedingung der Gewinnung jenseitigen Heils, die Voraussetzung der Würdigung und Empfindung künftiger Seligkeit.

Und fragst du, wie fange ich das an? wie vermittelt sich diese unerlässliche Wandlung des Herzens? Der Katechismus gibt dir die Stationen, einfach, klar, bestimmt. Anfangen musst du mit der Beleuchtung, mit der Erkenntnis deines Herzens im Lichte des Wortes Gottes. Nebeneinanderhalten, was du bist und was du sollst, deine Wirklichkeit und deine Bestimmung, bis in die geheimsten Triebfedern jedes Wortes und jeder Tat; und wenn du gewahrst, dass je schärfer du hinsiehst, desto mehr Unrat zu Tage kommt, je genauer du es nimmst, desto weniger besteht, je tiefer du gräbst, desto klaffender die Wunden deines sittlichen Schadens werden, dann in Scham und Trauer dich beugen vor Gott um deine große Schuld. Das ist das Eine. Aber daneben muss das Andere stehen, dass du dann wider die Not deiner Sünde, wider die Schuld deines Lebens flüchtest auf den Fels der Zusagen Gottes von der Vergebung im Blute Jesu Christi, bis dies Wort dir dein Herz festmacht zum jubelnden Bekenntnis: auch mich hat Er angenommen. Diese Arbeit der Scham um deine Schuld, der Zuversicht zu Gottes Huld aber sollst du nicht einmal, nicht am Anfang deines Christenstandes nur tun, sie muss deine Tagesarbeit sein. Nie darf im Christenherzen das geheime Weh um die Sünde, nie aber auch die Ausschau nach den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, fehlen. In dieser Tagesübung stehen, das heißt Weinbergsarbeit tun. Aus ihr folgt von selbst das Wachstum in der Heiligung, der Hass wider die Sünde, der Kampf wider das Böse, die Liebe zu Dem, der uns so unaussprechlich lieb hatte, die Wachsamkeit wider den tückischen Argen und seine vergifteten Pfeile, die gewissenhafte Sorge, in keinem Stück vom Wege des Willens Gottes zu weichen. Das ist Weinbergsarbeit, die erste, die vornehmste.

Und wenn du sie tust, getreulich tust, einen Tag und alle Tage, dann gewinnt jedes dein Tun den Charakter der Weinbergsarbeit, weil es ein Werk im Dienste Gottes ist. Wenn ihr Gatten für einander betet, einander mit sanftmütiger Rede zurechthelft auf dem Wege des Heils, und einer des anderen Lasst trägt im brünstigen Begehr seiner Seligkeit, - das ist Weinbergsarbeit. Wenn du Vater, du Mutter, die süßen Kinder, die Gott euch schenkte, auf den Armen des Gebetes dem Herrn darbringt, vor allem das Eine sorgend, dass sie Streiter unter dem Banner Jesu Christi, Erben des ewigen Lebens werden das ist Weinbergsarbeit. Wenn ihr, Herrschaften, in dem Knecht und der Magd, die euch dienen, nicht lediglich Werkzeuge eurer Interessen, vielmehr Genossen erkennt auf dem Wege zur ewigen Heimat, denen ihr von Gottes wegen schuldig seid, soviel an euch ist, sie beim Worte Gottes zu erhalten, mit ihnen betet, vor ihnen lest das liebe Evangelium, über ihnen wacht, dass sie nicht Wege der Sünde und Schande gehen - das ist Weinbergsarbeit. Wenn ihr eures Berufs, den Gott euch gab, mag er glänzend oder bescheiden sein, wartet als Diener Gottes in Seiner Furcht, Ihm zu Ehren und darum treu und mit Einfalt das ist Weinbergsarbeit. So will sie verstanden sein, die Weinbergsarbeit, davon unser Gotteswort redet, und die der Herr fordert als unerlässliche Bedingung der Genossenschaft der Wenigen, die auserwählt sind. Würdigst du sie? tust du sie? oder stehst du müßig?

Aber noch ein Drittes benennt unser Schriftwort als Erfordernis bei denen, die des Lohnes warten dürfen. Ja, der Bezeugung dieses dritten gilt besonders unser Schriftwort. Es verurteilt den Rechtsanspruch, der in der Frage Petri liegt: „Herr, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns dafür?“ Der Züchtigung des Anspruchs: was wird uns dafür, dient das Gleichnis vom Weinberg vor allen Dingen.

Und seine Antwort lautet: Das Pochen auf die geleistete Weinbergsarbeit als geltend gemachter Rechtsanspruch bringt den, der so verwegen ist, ihn zu wagen, in Gefahr, des künftigen Heils verlustig zu gehen.

Darum ist das das dritte: Bei aller Weinbergsarbeit sei auf der Hut, dass dir nicht über der Arbeit der Wahn erwachse, du gewönnest ein Recht an die jenseitige Herrlichkeit. Der Verlust der Demut und Anspruchslosigkeit gefährdet den ganzen Lohn der Arbeit. Die Demut muss aller, auch der fleißigsten Arbeit bleibende und unverlorene Genossin sein; das lebendige Bewusstsein und die lebendige Empfindung, dass - wie die Arbeit selbst Gnade und Freude, so auch der Lohn ein Werk unaussprechlicher Barmherzigkeit Gottes ist.

Daran, Geliebte, mags für heute genug sein.

Behalten wirs, und lassens uns nie entschwinden: der Ausgang der Geschichte ist der Doppelstand seliger Freude der Wenigen, unaussprechlicher Qual der Vielen. Der Weg zum seligen Ziel: Stehen im Bereich der Heilsmittel Gottes, mit ihnen Weinbergsarbeit tun, zumeist am eigenen Herzen, dass es gewandelt und tüchtig werde für die künftige Welt Gottes, auch an denen, die uns befohlen sind und in dem Beruf, der uns gewiesen ist, aber bei aller Arbeit die Demut bewahren, welche Arbeit wie Lohn als gnädige Gottesgabe würdigt.

Wir kennen Ziel und Weg. Werdet ihr diesen gehen, um jenes zu gewinnen? Das Begehr nach dem seligen Ziel fehlt Keinem; Keinem das Entsetzen beim Gedanken der Möglichkeit, es zu verfehlen. Wohl, weil's sich lohnt, um die Krone zu ringen, weil's untragbar ist, auf sie verzichten müssen: an die Arbeit! in den Kampf! Die Losung:

„für einen ew‘gen Kranz
dies arme Leben ganz!“

Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/b/bard/in_keinem_anderen_heil/bard_-_in_keinem_andern_heil-_septuagesimae.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain