Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Vor dem Zeitgeist
Drei und vierzigste Predigt.
Welche der Sohn frei macht, die sind recht frei: so hast Du gesprochen, o Herr. Wir glauben an Dich, wir leben in Deiner Gemeinschaft; mache uns denn frei von Allem, was uns trennt von Dir, frei von der Welt und ihrem Geiste, frei von der Sünde und dem ewigen Tode, der ihr Sold ist. Amen.
Text: Matth. XI., V. 16-19.
**Wem soll ich aber dies Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindlein gleich, die an dem Markt sitzen, und rufen gegen ihre Gesellen, und sprechen: Wir haben euch gepfiffen, und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben euch geklagt, und ihr wolltet nicht weinen. Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht; so sagen sie: Er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, wie ist der Mensch ein Fresser, und ein Weinsäufer, der Zöllner und der Sünder Geselle? Und die Weisheit muss sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern.
Ein schwerer Hammer, den der Herr erhebt: wehe, auf wessen Haupt er niederfällt! Jesus schildert die Menschen Seiner Zeit. Das menschliche Herz ist in allen Zeiten wesentlich dasselbe; somit wird auch unsere Zeit Züge aufzuweisen haben, die dem Gemälde Jesu im Text gleichen. Es ist der Zeitgeist und sein Wesen, vor dem er warnt in einem erschütternden und tief beschämenden Gleichnisse. Lasst uns die Warnung zu Herzen nehmen! Jesus vergleicht den Zeitgeist mit den Kindern, weil er
1) wie die Kinder spielt,
2) wie die Kinder streitet,
3) wie die Kinder launt, und
4) wie die Kinder klagt.
I.
„Wem soll ich dies Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindlein gleich, die an dem Markt sitzen und rufen gegen ihre Gesellen. In diesen Worten vergleicht Jesus Seine Zeitgenossen mit einem Haufen Kinder, die da spielen; der eine Teil ist munter und spielt lustig, und schlägt dem andern Teile Spiele vor, in denen sie die Begebenheiten des Lebens nachahmen wollen; erst soll ein lustiges, dann ein trauriges Stück aufgeführt werden; erst wollen sie Hochzeit, dann Leiche spielen. In der Tat, der Zeitgeist war zu Jesu Zeit ein spielender. Er spielte mit Allem, mit Krieg und Frieden, mit Freund und Feinden, sogar mit dem Heiligsten, mit der Religion. Fasst nur sein Verhältnis zu Jesu ins Auge: welch ein Spiel, das sie trieben! Drei Jahre wandelte Jesus unter ihnen, lehrend, Wunder tuend, heilig lebend, ein Vorbild ohne Gleichen: was war der Erfolg? Blätter, aber keine Früchte, Bewunderung und Staunen, aber kein Glaube. Sie liefen Ihm nach, wenn es galt, etwas zu sehen und zu hören; sobald Er aber Seine Bedingungen und Forderungen stellte, gingen sie wieder hinter sich. Sie spielten mit Jesu Lehre. Wenn Er sagte: „Brechet diesen Tempel ab; in drei Tagen will ich ihn aufrichten,“ und sie erwiderten: „Dieser Tempel ist in sechs und vierzig Jahren erbaut, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?“; wenn Er sagte: „Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, dann gehe ich hin zu Dem, der mich gesandt hat; ihr werdet mich suchen und nicht finden, und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen,“ und sie entgegneten: Wo will dieser hingehen, dass wir ihn nicht finden sollen? Will er unter die Griechen gehen, die hin und her zerstreuet liegen, und die Griechen lehren?“ (Joh. 7, 33-35.); wenn Er sprach: Ehe denn Abraham ward, bin ich,“ und sie antworteten: „Du bist noch nicht sechs und fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?“ wahrhaftig, solch Missverstehen und Verdrehen zeugte von keinem ernsten Sinn, von keiner ernsten Überlegung. Selbst Seine Jünger, wenn sie die Warnung Jesu: „Seht zu, hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer und Sadduzäer“ vom Brote und nicht von der Irrlehre derselben deuten konnten, verrieten damit, dass auch sie das Ernste noch nicht ernst auffassten und behandelten. Sie spielten mit Jesu Wundern. Wie groß auch die Zeichen waren, die Er getan, und die zum Glauben an Seine Gottheit führen mussten: sie hatten an denselben nicht genug und verlangten noch größere Zeichen am Himmel. Sie spielten mit Jesu Vorbild. Statt demselben nachzufolgen und in die gewiesenen Fußstapfen zu treten, legten sie es vielmehr darauf an, ob sie es nicht noch beflecken und von seiner strahlenden Höhe in die Niedrigkeit und den Staub der Sünde herabziehen könnten. Sie spielten mit Jesu Leben, und forderten, sich selbst verfluchend, Sein Blut: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ als ob Blutschuld so etwas Leichtes und vom Gewissen so schnell abzuwaschen wäre, wie die Blutflecken von den Händen. Sie spielten endlich mit Eid und Gewissen: ins Richthaus am Rüsttage zu gehen, schien ihnen bedenklich; aber die Unschuld zu morden, war ihnen eine Kleinigkeit. Sie sagten: „Wer da schwört beim Tempel, das ist Nichts; wer aber schwört beim Gotte im Tempel, der ist schuldig.“ Freilich, Spielen war leichter und anziehender, als Arbeiten: somit zogen sie leichtsinnig das Leichtere dem Schwereren vor und meinten, damit auch das Letztere beseitigt zu haben.
Wollte Gott, der Geist unserer Zeit wäre ein anderer! In den Jahren des Befreiungskrieges unseres Vaterlandes, ja, da war eine große Zeit, da glühte in allen Geistern ein Gedanke, da schlug in allen Pulsen ein erhabenes Ziel, da stand eine Losung am Himmel des ganzen Volks: Mit Gott für König und Vaterland!“ da wusste Jeder, was er wollte, und wollte, was er wusste; wer jene Tage durchgelebt, kann sie nie wieder vergessen. Der Leichtsinn war wie ausgebrannt, heiliger anhaltender Ernst lebte im Volke und im Zeitgeiste. Aber wie hat sich seitdem in den Jahren des langen Friedens dieser Geist aus unserer Mitte verloren! Der jetzige Zeitgeist ist wieder dem jüdischen zu Jesu Zeit gar ähnlich geworden, denn er spielt, wie die Kinder auf dem Markte, bald Hochzeit, bald Leiche; er ist vergnügungssüchtig und arbeitsscheu; er sucht seine Stärke in Essen und Trinken und Redenhalten; er ist unerschöpflich an Bedürfnissen und erfinderisch zu ihrer Befriedigung; er möchte alle Tage etwas Neues haben, hören, sehen und genießen. Darum geht er dem Ernste aus dem Wege und braucht selbst die Religion und Kirche nur als Zeitvertreib. Legt man den Maßstab des Evangeliums an unsere Zeit: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist; denn wer die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters; wer sich selbst nicht verleugnet und Jesu nachfolgt, der ist Sein nicht wert; die Christo angehören, kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden; „ärgert dich dein Auge, so reiß es aus, und wirf es von dir; Niemand kann zwei Herren dienen, man kann nicht Gott dienen und dem Mammon“ wie erscheint dem gegenüber unsere Zeit so kindisch, so kleinlich, so schal, so leichtsinnig! Gespielt wird heut zu Tage mit Allem, mit Staat und Kirche, mit Arbeit und Erholung, mit Liebe und Freundschaft, mit Pflicht und Recht, mit Gott und Menschen. Gespielt wird mit der Taufe: wie viele Taufzeugen gibt es wohl, die die Wichtigkeit der Handlung kennen und beherzigen, und für ihre Täuflinge beten und sorgen! Ist sie nicht für die Meisten eine leere Zeremonie ohne Geist und Gehalt? Gespielt wird mit der Konfirmation: die meisten Eltern und Kinder sehen sie an als ein notwendiges Übel und einen unerlässlichen Durchgangspunkt, um ins bürgerliche Leben einzutreten und zu einem Meister oder in die Lehre zu kommen, gleichviel, ob ihre Kinder reif sind an christlicher Erkenntnis und Gesinnung und ob sie wissen, was sie bekennen und geloben, wenn sie nur recht kurz und schnell darüber hinwegkommen. Fehlt es doch sogar nicht an Unverständigen, die solche gewissenlose Eltern in ihrer Gewissenlosigkeit auf alle Weise bestärken. Gespielt wird mit der Ehe: alle Jahre erscheinen ja Brautpaare vor dem Altar, die den Ernst des Lebens noch gar nicht kennen, die leichtsinnig zusammenlaufen und nicht wissen, wovon sie sich und ihre künftigen Kinder ernähren sollen, die selbst die Kleider zum Hochzeitstage sich erst anderweitig borgen müssen, - was ist die Folge solchen Leichtsinns, als unglückliche Ehen, Verarmung, Zwietracht, Ehescheidung? Gespielt wird mit dem Abendmahl: wo sind die Gemüter, die die apostolischen Worte: „Der Mensch prüfe sich selbst und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelche; denn welcher unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt ihm selber das Gericht“ zu Herzen nehmen? Jeder hält sich für sehr würdig und genießt gedankenlos und handwerksmäßig das heilige Sakrament, ohne vor dem Gedanken zu zittern, dass er sich versündigen könnte. Gespielt wird mit der Bibel: wer liest sie als Gottes Wort, mit Ehrfurcht und Gebet und Hunger und Durst, um durch dasselbe selig zu werden? Gespielt wird mit dem Gebet: wie wird gebetet? wie oft? mit welchem Geist? ist nicht das Vater Unser noch immer der größte Märtyrer auf Erden, den Jeder braucht und zerplagt, wie er Lust hat? Gespielt wird mit dem Gottesdienst: man geht in die Kirche, um etwas Neues zu hören, eine Zeit lang unterhalten zu sein und Stoff zum Richten und Urteilen zu finden. Wo sind die bußfertigen Zöllner? Wo sind die Magdalenengemüter? Wo sind die Davidsseelen, die Männer nach dem Herzen Gottes? Ges spielt wird mit der kirchlichen Ordnung: greift die Beamten der Kirche an, es wird euch nicht ungerügt hingehen; greift den Herrn der Kirche, ihr erhabenes Oberhaupt Jesum Christum und Sein göttliches Wort an: die große Menge klatscht euch Beifall. Gespielt wird mit der Kirchenreformation: sie ist weder auf den Knien geboren und mit heißem Gebet begonnen, noch ein Kind des Glaubens und eine Wirkung des Heiligen Geistes, sondern Menschenmachwerk, Verstandessache, Anbequemung an den ungläubigen Zeitgeist. Ja womit würde heut zu Tage nicht gespielt? Welches Gut stände so hoch, dass der Leichtsinn sich nicht daran vergriffe? Gewiss, der Herr hat Recht, wenn Er den Zeitgeist mit den Worten schildert: „Wem soll ich dies Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindlein gleich, die an dem Markt sitzen und rufen gegen ihre Gesellen.“
II.
Der Zeitgeist gleicht sodann dem Treiben der Kinder auch darin, dass er streitsüchtig und uneinig ist auf allen Gebieten. Jesus fährt fort: „Es ist den Kindlein gleich, die an dem Markte sitzen und rufen gegen ihre Gesellen und sprechen: Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben euch geklagt und ihr wolltet nicht weinen.“ Die Kinder können nicht eins darüber werden, was sie spielen sollen; sie beratschlagen darüber hin und her; was der Eine will, will der Andere wieder nicht; gegen das, was Dieser vorschlägt, hat Jener wieder viel einzuwenden und auszusetzen; genug, es kommt zu keiner Einheit und Einigkeit. Warum nicht? Weil Jeder teils selbst klug ist und es besser wissen will, als die Andern, teils zu eigensinnig, um nachzugeben. Der Herr selbst macht die Anwendung sofort im Text: Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht; so sagen sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, wie ist der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer, der Zöllner und der Sünder Geselle!“ Johannes führte das härteste Leben und enthielt sich sogar der gewöhnlichsten Nahrungsmittel; Jesus lebte, wie ein anderer Mensch, Er hatte nichts Absonderliches und Abweichendes, Er ging den Menschen nicht aus dem Wege und ließ sich auch bei Gastmahlen finden. Johannes sollte Buße wecken und Klagegesänge anstimmen über den Verfall des Volks; Jesus war ein freundlicher Verkündiger der Gnade, der Mut einflößte. Der Unterschied zwischen Beiden war sehr weise von Gott erwählt, um den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium recht fühlbar zu machen. Dennoch war den Israeliten weder die Strenge, noch die Milde recht; an Johannes tadelten sie die große Enthaltsamkeit, und nannten ihn einen Wahnsinnigen und Besessenen, weil die Besessenen in Wüsten und Einöden zu wohnen liebten; bei Jesu stießen sie sich wieder an Seiner geistigen Freiheit und freundlichen Herablassung zu den Sündern, und schalten Ihn einen Lebemann. Genug, des Streitens war kein Ende. Insbesondere waren sie Alle uneins über Christum. Der Eine hielt Ihn für einen Empörer und Aufwiegler, der Andere für einen Propheten, denn Niemand könne die Zeichen tun, die Er tue, es sei denn Gott mit ihm. Anders dachten über Ihn die Pharisäer, anders die Sadduzäer, anders die Herodianer, anders die Römlinge, anders das Volk. Nur darin stimmten sie meist miteinander überein, dass sie insgesamt wider Jesum waren, und ihre gemeinsame Losung lautete: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche. Der Grund war auch bei ihnen, wie bei den Kindern am Markte, einerseits Selbstklugheit, die Alles besser weiß und richtig zu beurteilen im Stande ist, andererseits Stolz, der seine eigene Ehre suchte, und dem an Gottes Ehre wenig gelegen war.
Nun sagt's selbst, wie steht's mit unserer Zeit? Gleicht sie nicht auch darin den Kindern am Markte, dass sie streitsüchtig ist, wie kaum eine frühere, und ihr durch und durch die Einigkeit abgeht? Was stände denn heut zu Tage nicht in Frage? Auf welchem Gebiete erklärte man denn nicht das Bestehende für überlebt, und träumte vom Abstreifen aller noch so geheiligten Bande? Im Schulwesen: immer neue Methoden und Lehrgegenstände! In den Familien: die Kinder klüger, als die Eltern, und diese oft schwach genug, ihnen den Zügel schießen zu lassen und an die Stelle der alten Strenge und Religiosität die Schlaffheit und Sorglosigkeit zu sehen. In den verschiedenen Ständen der Unterschied fast ausgeglichen und aufgehoben, die unteren Stände mit den höheren wetteifernd in Kleidung und Befriedigung der Eitelkeit; überall die Schranken gesunken, und von Autorität, von Ehrfurcht vor göttlicher und menschlicher Ordnung, vor einer Obrigkeit aus Gottes Gnaden fast keine Rede mehr. Noch größer zeigt sich das Gären und Wogen auf dem politischen Gebiete. Was soll da gelten? Königliche Gewalt oder Reichsstände, oder Konstitution, oder Pressefreiheit, oder Öffentlichkeit der Verhandlungen? Wir brauchen diese Namen nur zu nennen, um gleich den Zwiespalt der Zeit inne zu werden, der einerseits jene Dinge stürmisch begehrt, als das größte Heil der Menschen, andererseits ausweichend vertagt oder abschlägt.
Gewiss, Kampf und Streit hin und her, und weder Einigkeit, noch gegenseitiges Vertrauen, sondern Furcht vor Beschränkung auf allen Seiten. Am größten und gewaltigsten endlich gärt und wogt der Streit auf dem kirchlichen Gebiete. Da ist er erst recht eigentlich zu Hause. Da ist Alles aus den Fugen gerissen. Da liegt die Zeit in den heftigsten Geburtswehen. Da scheint es, als wären alle Mächte des Himmels und der Hölle losgelassen, als wäre der Erzengel Michael und der große Drache auf die Erde versetzt, um hier den großen Kampf für und gegen Christum auszukämpfen. Um Ihn dreht sich diese Zeit, wie jene Zeit. Aber nicht so, als wäre Er der Magnet, der sie anzöge und nicht losließe; sondern so, dass die Lebensfrage vielmehr lautet: Brauchen wir noch einen Jesum, oder brauchen wir keinen? ist das Geschlecht reif und mündig genug, dass es sich selbst erlösen kann, oder bedarf es noch eines Erlösers vom Himmel herab? und während die Einen keine Antwort mehr wissen auf die Frage: „Wer war Jesus?“ bauen die Anderen neue kirchliche Gemeinschaften, in denen von Jesu als dem Sohne Gottes und Seinem Verdienst nicht mehr die Rede ist, so dass selbst Juden und Türken ihr Glaubensbekenntnis ohne Weiteres unterschreiben können. Und wie streiten die Konfessionen untereinander, die Alt- und Neukatholiken, die Glieder der evangelischen Kirche und die Lichtfreunde, die Altgläubigen und die Neugläubigen! Ja, und wenn es bei dem Streit noch bliebe: besser ist ja ein gerechter Kampf, als ein ehrloser Friede; aber wie wird er geführt? Auf der einen Seite wird frech und keck abgesprochen über Gegenstände, die man gar nicht kennt, man nicht einmal einer flüchtigen Untersuchung wert gehalten hat, wovon Beispiele zu Tausenden zu Tage liegen; auf der andern Seite wird geschmäht, verleumdet, verunglimpft, gelogen, jedes Gute verkannt, jede Übergangsbrücke in die Luft gesprengt. Ob man die Sache genau weiß oder nicht, ob sie sich so oder anders verhält, darauf kommt's nicht an, wenn nur dem Gegner wehe getan werden kann. Nur immer kühn verleumden, es bleibt doch immer etwas hängen. Ist es nicht manchmal, als stände man am Markte und hörte Knaben miteinander streiten, so unwürdig und vorlaut, so unbesonnen und unanständig, als sähe und hörte man Nichts als Kindereien? Die Gegensätze werden immer schroffer, Haupt- und Nebensachen gehen immer mehr auseinander, und es bleibt nach wie vor bei dem gegenseitigen Vorwurf: „Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen, wir haben euch geklagt und ihr wolltet nicht weinen.“
III.
Der Zeitgeist gleicht drittens dem Treiben der Kinder auch darin, dass er launenhaft und wankelmütig ist wie die Kinder. Seht sie spielen: alle Augenblicke plagt sie die Ungeduld. Kein Spiel währt lange, dann sind sie es überdrüssig, ein anderes muss an die Reihe kommen, und manchmal, wenn Alle mitten im vollsten Vergnügen sind, tritt ein Störenfried auf, und dahin ist die Lust, dahin der Frohsinn. Wie es Keiner ihnen recht machen kann, so kann Keiner auf die Dauer ihnen beikommen; ihr Sinn ist flatterhaft, veränderlich, untreu. So ging es zu Jesu Zeit. Gott wandte die verschiedensten Mittel an, Israel zu gewinnen für Sein Reich und Seinen Ratschluss, jetzt Buße und Trauer, jetzt Glücksumstände und Frieden; jetzt sandte Er Johannem, jetzt Christum: es half Nichts, Beide hatten nur tauben Ohren gepredigt. Wie bald war Johannes, wie bald war Christus vergessen! Heute schrien sie jubelnd: Hosianna! fünf Tage später: Kreuzige! Jeder Aufrührer und Empörer fand Eingang, und wie oft das arme Volk auch schon betrogen worden war, jedem neuen Schwärmer schenkten sie doch wieder Gehör, bis dessen Anhang sich wieder verlaufen hatte, oder zersprengt worden war; es bedurfte der ausdrücklichen Warnung des Herrn: Seht zu, dass euch nicht Jemand verführe; es werden Viele kommen unter meinem Namen und werden sagen: Ich bin Christus! und werden Viele verführen. - So geht es heut zu Tage noch her. Der Geist dieser Zeit ist ein launenhafter und veränderlicher. Er ist, wie die Volksgunst, die heute in den Himmel erhebt und morgen mit Steinen wirft. Er ist wie Fürstengunst, die heute zu Gnaden annimmt und morgen fallen lässt. Jetzt ist er Glut für eine neue Erscheinung im Gebiete der Kunst, der Wissenschaft, des Vaterlandes, der Kirche; nach einigen Monaten ist die Glut schon abgekühlt, oder hat sich einem neuen Gegenstande wieder zugewandt. Fragt einmal, wer seit fünf Jahren in der Volksgunst Alles gestanden, und mit wem man in fast rasender Überspannung Abgötterei getrieben: welche Namen stehen da auf der Tagesordnung, und wie schnell haben sie gewechselt! So wetterwendisch ist der Charakter dieser Zeit. Immer will sie Neues und Anderes, immer entscheidet die Laune des Augenblicks. Jetzt ist's ein Zauberer, dann ein Spieler, dann ein Tänzer, dann ein sogenannter Kirchenreformator, und wäre das politische Leben unseres Volks ein öffentliches, was für Szenen würden wir da erst erleben! Von einem Äußersten geht der Zeitgeist zum andern über; was Lärm macht, gefällt, wenigstens auf einige Zeit, bis wieder anderswo ein neuer Lärm entstanden ist, und die neugierige Menge dorthin läuft, um zu sehen, was es da wieder gibt, und wieder neuen Stoff zum Sprechen, Absprechen, Bewundern, Hosiannaschreien zu erhalten und nach einiger Zeit dasselbe wieder mit einem Kreuzige zu vertauschen. Was gerade Mode ist, das ist überall der gesuchte Artikel. Ist es Mode, zur Kirche zu gehen und einen beliebten Prediger zu hören, so wird dorthin gegangen, bis ein anderer, neuer ihn aus seiner Stelle verdrängt hat. Ist es Mode, die Worte: Vorwärts, Licht, Aufklärung, Wahrheit, Freiheit im Munde zu führen, so will alle Welt vorwärts, alle Welt erleuchtet und frei, aufgeklärt und gebildet sein, Keiner aber weiß, worin die wahre Freiheit besteht, unter dem vieldeutigen Namen denkt sich der Eine dies, der Andere jenes. Ist es Mode, Vereine zu stiften, so muss für Alles ein Verein zusammentreten; ob sein Grund sittlich und christlich ist, danach fragt Niemand. Wohin die Menge läuft, läuft man mit. Wo man ein Wort mitsprechen und eine Rolle spielen kann, lässt man sich einschreiben. Haben namentlich die Tagesblätter und die Menschen, welche bloß von Schriftstellerei leben, für Etwas Partei genommen: so muss man sich auch schon dafür interessieren und darf nicht hinter seiner Zeit zurückbleiben. Genug, was scheint und prunkt und glänzt, das wird von der Welt bewundert und vom Zeitgeiste empfohlen. Nur in Einem ist der Zeitgeist konsequent, und darin vom Heiligen Geiste Gottes durch und durch geschieden und unterschieden, dass seine Angst immer ist: „Nur nicht zu fromm, nur nicht zu christlich, nur nicht zu oft in die Kirche gegangen, nur nicht immer nach der Bibel hören, nur nicht einseitig werden und für Christum allein Partei nehmen!“ Vielmehr lautet seine Allerweltsklugheit jederzeit: Gott und Welt, Christus und Belial, Offenbarung und Vernunft, Glaube und Wissen, Kirche und Tanzboden, Hoffnung und Furcht; die Vereinigung dieser beiden Gegensätze ist ihm seine Erlösung und Versöhnung, welche ihm genügt und bequem ist. Ach, wer so ein Sklave des Zeitgeistes ist, der ist gleich wankend im Bösen, gleich wankend im Guten; hat oft Willensregungen, aber nie Willen; fasst halbe Entschlüsse und führt die halben Entschlüsse auch nur halb aus; ist mehr eifersüchtig auf sein eigenes Ansehen, als auf die Ehre seines Gottes; ist fähig, Leiden für die Welt auf sich zu nehmen, aber unfähig, für Christum zu leiden und mit Christo gekreuzigt zu werden; ist fähig, das Schwerste zu tun, was ihm nicht geheißen worden, aber unfähig, das Leichteste zu tun, sobald es ihm befohlen ist; möchte gern einen Tauschhandel mit Gott eingehen und seine Werke für Gottes Werke, seine Tugenden für echte Früchte des Geistes ausgeben, und tritt, weil er das weder kann, noch darf, zuletzt immer dem Geiste Gottes hemmend in den Weg. Der Zeitgeist ist allemal ein Feind des Geistes Jesu Christi, oder, wie ein großer Mann unserer Tage einmal sagte, der Zeitgeist ist der Teufel!
IV.
Wir kommen zum letzten Punkt. Der Zeitgeist gleicht den Kindern endlich auch noch darin, dass er, wie die Kinder, unaufhörlich klagt und weint. Oder wie? Ist es keine Klage, die im Texte laut wird, wenn Jesus sagt: „Dies Geschlecht ist den Kindlein gleich, die an dem Markte sitzen und rufen gegen ihre Gesellen: Wir haben euch gepfiffen, und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben euch geklagt, und ihr wolltet nicht weinen?“ Wenn der Wille des launigen, eigensinnigen Kindes nicht geschieht, dann zieht es sich zurück und weint. Mit andern Worten: der Zeitgeist ist immer unzufrieden und fühlt sich darum auch immer unglücklich. So war es zu Jesu Zeit. Im ganzen jüdischen Lande herrschte nur eine Stimmung: Unzufriedenheit mit ihrer Lage, Unzufriedenheit mit den Römern, die sie drückten, Unzufriedenheit mit Gott, der sie in der Heiden Hände überantwortete, Unzufriedenheit mit Christo, dass Er sich nicht an die Spike des Volks stellen und dasselbe nicht erlösen wollte von der Gewalt seiner Feinde, Unzufriedenheit mit den Parteien untereinander. Paulus musste von jener Zeit sagen: „Schicket euch in die Zeit; denn es ist böse Zeit.“ Auch war Grund zu Klagen genug vorhanden. Niemand fühlte sich wohl im ganzen Lande, schwül war die Lust, unruhig der Boden zu den Füßen, wie von Erdbeben erschüttert, ein drohend Racheschwert hing über den Häuptern, Strafgerichte Gottes standen wie düstere Ungewitter schon am fernen Horizont, ausgesprochen war es schon, das furchtbare Wort: „O, dass du bedächtest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen. Denn die Römer werden kommen und werden um dich und deine Kinder mit dir eine Wagenburg schlagen und dich belagern und an allen Orten ängstigen, und werden dich schleifen, und keinen Stein auf dem andern lassen, darum, dass du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.“ Alle ernster Gesinnten fragten: Wo soll es hinaus? Und fragt ihr euch nun in unseren Tagen, lauscht ihr nach den Gesprächen im vertrauten Kreise, nach dem Grunde der vielen verbotenen Bücher, nach den verdeckten Anzeigen in den Tagesblättern, nach den Reden auf den Landtagen fast in allen Ländern: was ist am Ende der Grundton der Zeit? Ist es das Bewusstsein des Glücks und des Wohlstandes? Ist es das Lob des Friedens? Ist es die Begeisterung einer großen Gegenwart? Ist es die Hoffnung einer noch größeren Zukunft? Nein! Der Grundton ist die Unzufriedenheit, Klagen im Handel und Wandel, Angst und Furcht vor den Dingen, die da kommen werden; nirgends Sicherheit, Halt und Freude an den Früchten der Gegenwart. Bei allen rührigen Unternehmungen, bei allen Eisenbahnen und Bauten, Fabriken und erleichtertem Geschäftsverkehr, bei allen riesenhaften Entdeckungen und Erfindungen, bei allem Schulunterricht und den vielen Vereinen und wohltätigen Anstalten dennoch wachsende Verarmung und Brotlosigkeit, und ein immer mächtigeres Verschwinden des Kerns der Nation, eines wohlhabenden Bürgerstandes, und die Frage: Was soll daraus noch werden? wie soll das einmal enden? Wie ist es so ganz anders geworden seit dreißig Jahren! Was würden unsere Väter sagen, wenn sie auf einmal aus ihren Gräbern aufständen und könnten sehen, wie es ihre Söhne und Enkel jetzt treiben und was aus ihnen geworden? Sonst war der Sonntag ein Tag der Frömmigkeit und der Ruhe von der Arbeit: jetzt ist er ein Tag der Lust und des Vergnügens geworden, im ganzen Lande wird in allen Städten und Dörfern jetzt aufgespielt und getanzt, und die Armen tanzen sich den Rock vom Leibe, nämlich welche noch einen haben, und ergeben sich Ausschweifungen und Unsittlichkeiten, deren Folgen gar nicht berechnet werden können. Sonst war der Branntweinschank privilegiert, es gab nur gewisse Häuser, die ihn verkaufen durften: jetzt, wo Jeder ihn ausschenken kann und wo er zu Spottpreisen übers ganze Land verbreitet ist, lehrt die Zahl der Betrunkenen und der dadurch unglücklich gewordenen Ehen und die wachsende Zahl der am Säuferwahnsinn Sterbenden, was es für ein Ende nimmt mit dieser Sünde. Sonst herrschte Ehrfurcht vor göttlicher und menschlicher Ordnung: jetzt ist auch die letzte Spur dieser Ehrfurcht dahin; Keiner will gehorchen, Alle wöllen befehlen. Wahrlich, Gottlosigkeit, Branntwein und Tanz sind die Hauptursachen der zunehmenden Verarmung in unserem Volke. Da stehen denn die Menschen ratlos vor dem Ungetüm, und wissen nicht, wie sie helfen sollen. Es heißt: Friede, Friede! und ist doch kein Friede. Im Innern gärt's und brauset es; die Luft ist schwül, und die Alten preisen selig Alle, die überwunden haben, und freuen sich, dass sie schon mit einem Fuße im Grabe stehen, und bedauern jeden Neugeborenen, mit beklommenem Herzen fragend: Armes Kind, wie wird dir's noch einmal gehen? und was wirst du noch einmal erleben?
Wie? Wollen auch wir einstimmen in diese Klagen? Grund wäre vorhanden, und durch falsche selbstgemachte Hoffnungen uns täuschen wollen, wäre Unverstand. Aber nein! Wir halten uns an das Bild unseres Texts von den Kindern! Bei ihnen findet sich ja nicht bloß Kindisches, sondern auch Kindliches; die Kindheit ist die Zeit der Frische, der Hoffnung, der Lebenslust, der Begeisterung, des Werdens. Die Welt liegt vor ihr ausgebreitet; Großes hat sie in ihrem Schoße, und mit Frühlingsluft und Frühlingsduft ist mehr, als irgendeine andere Lebenszeit, diese angefüllt. Wie viel lag, wie in einer Knospe unentfaltet, in der Zeit Jesu Christi! Die ganze Erlösung, die ganze Kirche des Herrn! So ist denn auch unsere Zeit, den Kindern gleich, eine Hoffnungszeit, eine Zeit des Werdens. Schon steht das Morgenrot eines neuen Tages am Himmel. Schon wehen belebende Frühlingslüfte durch das Reich Gottes auf Erden. Unser Text schließt mit einem Worte, das uns frei aufatmen lässt, als ständen wir nicht mehr unten im schwülen Tale, als wären wir demselben schon entrückt und ständen auf Bergeshöhen: „Aber die Weisheit, das heißt: Christus, muss sich rechtfertigen lassen“, wird für göttliche Weisheit erkannt, kommt zu Ehren, wird gerechtfertigt von ihren Kindern und Anhängern, ihren wahren Jüngern, die sich ihrer Leitung unterwerfen. An ihnen bewährt sich das Evangelium auch in der schlechten Zeit, und gerade dann am meisten, als eine Glaubenskraft, selig zu machen Alle, die daran glauben. An ihnen erscheint Christus als der Spender alles geistigen Segens, von je an und in alle Ewigkeit. Der wahre Christ ist nicht nur ein Kind seiner Zeit, von ihr abhängig, durch sie gebildet, an sie gebunden, sondern auch ein Herr seiner Zeit, und steht in den höchsten Aufgaben des Lebens, wie auf Bergeshöhen, nicht nur ihr gegenüber, sondern über ihr, über ihren Moden, Urteilen, Sitten, und ihrer falschen Ehre. Auch er kann spielen und vergnügt sein; aber Alles an seinem Orte und zu seiner Zeit, das Ernste jedenfalls treibt er immer ernst. Auch er kann streiten; aber der Gegenstand, für den er streitet, ist sein Herr, in dessen Dienste er steht und von dem er jeden Angriff des Unglaubens zurückweisen muss, und die Waffen, mit denen er kämpft, sind geistiger Natur, das Schwert des Geistes, der Helm des Heils, der Gurt der Wahrheit, das Schild des Glaubens, der Panzer der Gerechtigkeit, die Stiefeln des Friedens. Auch er kann sich verändern und er tut es alle Tage; aber er tut es auf dem Wege des wahren, seligen Fortschritts, indem er die Lüge immer mehr gegen die Wahrheit, das Fleisch immer mehr gegen den Geist, die Sünde immer mehr gegen die Gerechtigkeit Christi umtauscht, und den alten Menschen ablegt, der durch Lüfte in Irrtum sich verderbet, den neuen aber anzieht, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Auch er kann klagen; aber der Inhalt seiner Klage steht Klagel. Jerem. 3: „Was murren denn die Leute im Leben also? Ein Jeglicher murre wider seine Sünde,“ und auf jenem Bauernhause im sächsischen Erzgebirge, wo die Inschrift lautet: „Die Menschen sagen immer: Die Zeiten werden schlimmer; die Zeiten bleiben immer; die Menschen werden schlimmer.“ Je mehr Christus die Zeit regiert und der Heilige Geist sie beseelt: desto mehr wird der schlechte Zeitgeist ein guter und heiliger werden. Seinem Zuge lasst uns denn folgen, dann dürfen wir getrost seiner Leitung vertrauen und Dem zuletzt Ehre und Anbetung darbringen, der über allen Zeiten steht, als der Herr der Zeit und der Ewigkeit, und von dem, durch den, zu dem alle Dinge sind. Ihm sei auch heute Ehre und in alle Ewigkeit! Amen.