Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Vor dem Kleinigkeitssinn
Fünf und vierzigste Predigt.
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns Allen. Amen.
Text: Matth. XV., V. 1-20.
Da kamen zu ihm die Schriftgelehrten und Pharisäer von Jerusalem, und sprachen: Warum übertreten deine Jünger der Ältesten Aufsätze? Sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen. Er antwortete, und sprach zu ihnen: Warum übertretet denn Ihr Gottes Gebot, um eurer Aufsätze willen? Gott hat geboten: Du sollst Vater und Mutter ehren; wer aber Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben. Aber Ihr lehrt: Wer zum Vater oder zur Mutter spricht: Wenn ich's opfere, so ist dir's viel nützlicher; der tut wohl. Damit geschieht es, dass Niemand hinfort seinen Vater oder seine Mutter ehrt, und habt also Gottes Gebot aufgehoben, um eurer Aufsätze willen. Ihr Heuchler, es hat wohl Jesaja von euch geweissagt, und gesprochen: Diess Volk naht sich mir mit seinem Munde, und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir. Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind. Und er rief das Volk zu sich, und sprach zu ihnen: Hört zu, und vernehmt es! Was zum Munde eingeht, das verunreingt den Menschen nicht; sondern was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen. Da traten seine Jünger zu ihm, und sprachen : Weißt du auch, dass sich die Pharisäer ärgerten, da sie das Wort hörten? Aber er antwortete, und sprach: Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt, die werden ausgereutet. Lasst sie fahren, sie sind blinde Blindenleiter; wenn aber ein Blinder den andern leitet, dann fallen sie Beide in die Grube. Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dieses Gleichnis. Und Jesus sprach zu ihnen: Seid Ihr denn auch noch unverständig? Merkt ihr noch nicht, dass Alles, was zum Munde eingeht, das geht in den Bauch, und wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen? Was aber zum Munde heraus geht, das kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerung. Das sind die Stücke, die den Menschen verunreinigen. Aber mit ungewaschenen Händen essen, verunreinigt den Menschen nicht.
Wir haben die ganze Geschichte euch vorgelesen, weil die einzelne darin enthaltene Warnung ihr volles Licht erst erhält durch ihren Zusammenhang mit dem Ganzen. Die Warnung, welche es diesmal gilt, ist die Warnung vor dem Kleinigkeitssinne. Lasst uns 1) die Veranlassung, und 2) die Wirkung derselben ins Auge fassen.
I.
Da kamen zu Jesu die Schriftgelehrten und Pharisäer von Jerusalem, der Hauptstadt, der hohen Schule der Heuchelei, die vielleicht absichtlich Jesu nachgegangen waren, um Ihn zur Rede zu stellen, und sprachen: Warum übertreten Deine Jünger der Ältesten Aufsätze? das heißt, das sogenannte mündliche Gesetz, bestehend aus Erklärungen, Regeln und Zutaten der Rabbiner, welche vermeintlich schon von Gott dem Moses gegeben und so fortgepflanzt sein sollten, und daher in hoher Achtung standen bei den Pharisäern und dem Volk, dagegen verworfen wurden von den Sadduzäern. Die Pharisäer legten auf diese Satzungen der sogenannten mündlichen Überlieferung oft größeres Gewicht, als auf das im Alten Testament enthaltene Gesetz. Diese Satzungen verhielten sich ebenso zur mosaischen Religion, wie sich die Zusätze, welche die römische Kirche aufgebracht hat, zum Beispiel die Lehre vom Ablass, das Verbot der Priesterehe, zur christlichen Religion verhalten. Besonders waren bei den Pharisäern die Waschungen ein Hauptstück ihres heuchlerischen Gottesdienstes, so sehr, dass der spätere Rabbi Akiba, der im Gefängnis einmal so wenig Wasser bekam, dass es kaum zum Trinken reichte, lieber Durstes sterben wollte, als ohne Händewaschung etwas genießen. Jesus hatte von Anfang an sich diesen Menschensatzungen aufs Bestimmteste widersetzt, und obgleich Er selbst so stark vor dem Ärgernisgeben warnt, doch in diesen Stücken allezeit die größere Freiheit des Geistes aufrecht erhalten, und zum Beispiel Luk. 11, 37-38 von einem Pharisäer zu Tische eingeladen, sich nicht vor dem Essen die Hände gewaschen, so dass der Pharisäer sich darüber verwunderte. Dem Vorbilde des Meisters waren auch die Jünger gefolgt, und hatten schon angefangen, das Wesentliche vom Unwesentlichen in den religiösen Gebräuchen des jüdischen Volks zu unterscheiden, wenngleich, wie es scheint, der eigentliche Grund ihnen noch nicht recht zum Bewusstsein gekommen war. Der allgemeine Volksgebrauch dieser Waschungen mit besonderen Zeremonien war an sich gewiss auch nicht tadelnswert, im Gegenteil im heißen Morgenlande, wo man die Speisen ohne Gabel mit den Fingern nahm, sogar sehr löblich; das Verkehrte aber war, dass die Pharisäer aus dieser Sitte eine Gewissenssache machten, dass sie in die Beobachtung derselben das Wesentliche des Gottesdienstes setzten und denjenigen gar nicht für rechtgläubig anerkennen wollten, der nicht in diesen kleinlichen äußeren Gebräuchen genau die Vorschriften und Überlieferungen der Alten befolgte. Die Pharisäer klagen deshalb zunächst die Jünger, durch sie aber zuletzt und eigentlich den Herrn an: „Warum übertreten deine Jünger der Ältesten Aufsätze? Sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen und zu Tische gehen.“ In ähnlicher Weise hatten sie schon Matth. 12. dem Herrn darüber Vorwürfe gemacht, dass Er es Seinen Jüngern am Sabbat erlaubt hatte, als sie durch die Saaten gingen und hungerten, Ähren auszuraufen, und geklagt: „Siehe, deine Jünger tun, was sich nicht ziemt, am Sabbat zu tun.“
Ist dieser pharisäische Kleinigkeitssinn von der Erde verschwunden? Er ist es nicht. Ihr findet ihn noch immer da, wo die Menschen auf Nebensachen mehr Gewicht legen, als auf die Hauptsache, und wenn die mindeste Abweichung von untergeordneten, zur Seligkeit nicht erforderlichen Glaubenslehren oder Lebensverhältnissen und Sitten stattfindet, sofort auch die Hauptsache, das Christentum selbst, in Frage stellen. Ihr findet ihn, wo man den Lehrbestimmungen der theologischen Schule dieselbe Bedeutung beilegt, die Gottes Wort allein nur haben kann, und keine andere Fassung und Auslegung dulden mag, als die kirchlich hergebrachte, Jedem aber sofort die Kirchengemeinschaft verweigert und die ewige Seligkeit abspricht, der im mindesten von dem Buchstaben des Bekenntnisses oder der Schule abweicht. Ihr findet ihn, wo man in den Nichtgebrauch gewisser Genüsse und Freuden, gewisser Vergnügungsörter, gewisser Ausdrücke und Kleidungen die Kennzeichen des wahren, lebendigen Christentums setzt; aber nichts danach fragt, ob, die sich äußerlich diesen Forderungen anbequemen, auch innerlich gründlich bekehrt und wiedergeboren sind oder nicht. Ihr findet ihn da, wo man sehr strenge darin ist, am Sonntage die Kirche zu besuchen, und in die wöchentlichen Erbauungsstunden zu gehen und auf alle Weise den Schein der Frömmigkeit zu retten, dagegen aber es für nichts achtet, unwahr zu sein in seinen Worten, treulos in seinen Versprechungen, lieblos in seiner Gesinnung, nachlässig in seinem Berufe, leichtsinnig in seinem ganzen Wandel. wie viel Ketzerrichterei und lieblose Verurteilung Anderer, wie viel Engherzigkeit und Ängstlichkeit, die vor lauter Furcht, nicht zu sündigen, selbst das zur Sünde macht, was nur ein gleichgültiger Gebrauch und keine Sünde an sich ist, sondern zur Sünde erst werden kann durch die Gesinnung und Gemütsverfassung, welche es benutzt, ist aus diesem Kleinigkeitssinne schon hervorgegangen! Die Jahrhunderte lang anhaltende Spannung zwischen den Lutheranern und Reformirten, beruhte sie nicht meistenteils auf diesem Sinn? Im Wesentlichen und in den entscheidenden Grundlehren eins, betrachtete man sich um gewisser Formeln, Ausdrücke, Gebräuche und Nebenlehren willen mit feindseligen Augen und verbitterte sich gegenseitig das Leben, ja zersplitterte die Kraft, statt durch Einheit gegen den gemeinschaftlichen Feind mächtig und siegreich zu sein. Ja, jede Kirche und jeder einzelne Christ steht in Gefahr, in diesen Kleinigkeitssinn zu verfallen, sobald er im mindesten aufhört, zu wachen und zu beten, und die Hauptsache des Lebens, den lebendigen Glauben, die tägliche Bekehrung und Erneuerung des Geistes, in den Hintergrund treten zu lassen.
Jesus geht nun diesem Sinn gewaltig zu Leibe, und, wie Er es oft in ähnlichen Fällen getan, antwortet Er auch hier zunächst mit einer Gegenfrage: „Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Aufsätze willen?“ Ihr solltet doch lieber schweigen, und ins eigene Herz und Gewissen greifen, statt meine Jünger anzuklagen; denn ihr selbst seid ja Übertreter, und zwar nicht von Menschen-, sondern von Gottes Geboten; ihr gebt euch den Anschein, als sprächet ihr nur im Interesse der Religion, welche durch das Unterlassen solcher Vorschriften sehr gefährdet werde, und ihr habt im Grunde gar kein Interesse an der wahren Religion, sondern nur an unwesentlichen, äußerlichen Gebräuchen; ihr gefährdet nicht nur, ihr zerstört das Wesen aller Religion durch diesen euren Kleinigkeitssinn. Denn was ist die Folge desselben? Keine andere, als die, dass, indem ihr die Nebenfache zur Hauptsache machet, zunächst die Hauptsache euch eine Nebensache werden muss, und sodann die, dass eure Frömmigkeit in Frömmelei und Heuchelei ausartet.
Zuerst also macht ihr durch euren Kleinigkeitssinn die Hauptsache zur Nebensache und übertretet geradezu die wesentlichsten, heiligsten Gebote Gottes vermittelst eurer Überlieferung. Gott hat geboten: Du sollst Vater und Mutter ehren, wer aber Vater und Mutter flucht, das heißt: Unglück anwünscht und bereitet, im Fall der Not nicht hilft und unterstützt, der soll des Todes sterben. Aber ihr lehrt: Wer zum Vater oder zur Mutter spricht: wenn ich's opfere, so ist's dir viel nützlicher, ich habe das zur Opfergabe bestimmt, was du von mir als Unterstützung bekommen willst, der tut wohl. Wenn der Sohn also spricht: ich will das Gott opfern, so braucht er es den Eltern nicht zu geben. Damit geschieht es, dass Niemand hinfort seinen Vater oder seine Mutter ehrt, und jeder aus Geiz, Leichtsinn, Bosheit sich der Erfüllung seiner kindlichen Pflichten entziehen kann, und habt also Gottes Gebot aufgehoben, für unnütz und überflüssig erklärt, um eurer Aufsätze willen.“
Allerdings, will Jesus sagen, gebührt den Pflichten gegen Gott der Vorzug vor den Pflichten gegen die Eltern; aber ist denn das eine Pflicht gegen Gott, wenn man ein solches strafwürdiges Gelübde getan hat? ist nicht vielmehr die Pflicht gegen Gott im gegebenen Falle die, dass man sein Unrecht wieder gut zu machen sucht und wiederum in ihrem ganzen Umfange die Pflichten gegen seine Eltern erfüllt? Seht, so ist aber der Kleinigkeitssinn. Er prahlt mit großer Sorgfalt in Nebendingen, und versäumt darüber das Wichtigste im Gesetz. Er ist reich an Worten, arm an Taten. Er verweigert den Menschen die erste und natürlichste Pflicht der Liebe, unter dem Vorwande, Gott dienen zu müssen. Er gibt vor, Gott zu lieben, den er nicht sieht, und liebt die Brüder nicht, die er sieht. Er übt die äußeren gottesdienstlichen Gebräuche auf Kosten der wahren Christenliebe. Mücken seihet er und Kamele verschluckt er; den Till, Kümmel und die Münze verzehntet er, aber das Schwere im Gesetz lässt er dahinten, das Gericht, die Barmherzigkeit, und den Glauben. Die Folge davon ist die nichtswürdigste Frömmelei und Heuchelei. „Ihr Heuchler,“ fährt Jesus fort, „es hat wohl Jesaias von euch geweissagt und gesprochen: Dies Volk naht sich zu mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen; aber ihr Herz ist ferne von mir. Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind.“ Der Kleinigkeitssinn macht zuerst aus der Nebensache eine Hauptsache, dann aus der Hauptsache eine Nebensache, zuletzt treibt er nichts als Nebensachen und hält diese für das ganze Christentum, verwechselt Buchstaben und Geist, Mittel und Zweck, Äußeres und Inneres, selbsterwählte Geistlichkeit und Demut und Heiligkeit der Gesinnung und Herzensreinheit. Das System ist fertig, darüber hinaus gibt es nichts. Wer wie er denkt, spricht, wandelt, lebt, der ist ein Frommer und Gläubiger; wer im mindesten anders denkt, spricht, wandelt, lebt, der ist ein Ungläubiger, Abgefallener, Verirrter, Verlorener. Selbstgemacht ist der Götze, dem er dient; selbstgemacht der Götzendienst, welchen er ihm weihet. Mund, Lippe, Gebärden sind fromm, das Herz aber ist gottlos und heillos, vor Gott ein Gräuel.
Nachdem Jesus die Gefahren des Kleinigkeitsgeistes auseinander gesetzt, stellt Er den Maßstab auf, auf den Alles ankommt, und erklärt fest und bestimmt, was vor Gott Sünde sei und was nicht. Und Er rief das Volk zu sich, und sprach zu ihnen: Hört zu und vernehmt's!“ Alle sollen es hören und sich merken, für seine Zeit und für ewige Zeiten. „Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen.“ Großes Wort aus dem Munde des Herrn, ein wahres Wort der Reformation, angehend gegen die allgemein herrschende Ansicht des damaligen Zeitgeistes, und eine neue Zeit des Geistes und der Freiheit vorbereitend für die neue Menschheit in der christlichen Kirche! Großes Wort, wenn wir an die Zeit denken, in welcher, und an die Menschen, zu welchen es gesprochen ward! Noch war es ja allgemeiner Grundsatz, dass der Mensch durch den Genuss gewisser Speisen sich verunreinige, selbst die Jünger Jesu waren noch dieser Ansicht und behielten sie noch lange Zeit bei; eine besondere Offenbarung war notwendig für Petrus bei der Bekehrung des Hauptmanns Kornelius, um von diesem eingesogenen Vorurteil seiner Kindheit frei zu werden. Die Pharisäer namentlich, die Machthaber der Nation, die Stimmführer und Tonangeber in Israel, deren Wort und Handlung galt in religiösen Dingen, beobachteten die vorhandenen Speisegesetze auf das Strengste und hielten die Übertretung derselben für eine Todsünde. Und dieser herrschenden allgemeinen Ansicht und Sitte tritt nun der Herr aufs Bestimmteste entgegen und spricht: „Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen.“ Wie eine Sonne mussten diese Worte leuchten mitten unter dichtem Nebel, und wenn sie auch anfangs nicht den Nebel zu durchdringen vermochten, wenn sie jetzt nur wie ein Sonnenstrahl die Wolken durchbrachen, so besaßen sie doch schon die Kraft, alle Finsternis zu überwinden. Umso größer aber, ja umso reformatorischer waren die Worte des Herrn, als sie nicht bloß eine Menschensatzung der Pharisäer über den Haufen stießen, sondern ausdrücklichen Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes sich entgegen erklärten, welche geradezu den Genuss gewisser Speisen verboten, als solcher, die einen schädlichen, verunheiligenden Einfluss auf den Menschen ausüben könnten, und somit schon das dereinstige Aufhören des ganzen Zeremonialgesetzes, des Tempel- und Opferwesens, der Priesterschaft und all der Reinigungs- und Waschungsgebote in Aussicht stellten, kurz die Aufhebung der von Gott selbst gestifteten, durch Gesetz, Sitte, Priestertum und Prophetenstand länger als anderthalb Jahrtausende hindurch befestigten Bundesverfassung und Haushaltung. Sie waren eine große Weissagung einer neuen Zeit, wo alle Speisegesetze würden abgeschafft werden und wo es heißen würde: „Christus ist des Gesetzes Ende, wer an Ihn glaubt, der ist gerecht. Lasst Niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte Feiertage, oder Neumonde oder Sabbate, welches ist der Schatten von dem, das zukünftig war, aber der Körper selbst ist in Christo.“ (Kol. 2, 16-17.) Sie sprachen es Ein- für Allemal aus, dass die Ursache, warum Gott im alten Bunde gewisse Speisen erlaubt, andere verboten habe, nicht in den Speisen selbst liege, wie es die Pharisäer meinten, nicht in dem Essen oder Nichtessen an sich, sondern in dem Gehorsam. Nicht auf den Mund komme es an, sondern auf das Herz. Nicht die gewaschenen Leiber und Hände entscheiden über den Wert oder Unwert eines Menschen, sondern die reinen Herzen und guten Gewissen. Die Pharisäer hielten Hände, Schüsseln, Trinkgeschirre rein, aber ihre Herzen befleckten sie mit allerlei Leidenschaften; sie waren außer sich, wenn sie sahen, dass gewisse von ihnen verpönte Speisen, die aber Gott erschaffen, dass sie mit Danksatzung genossen würden, gegessen wurden, und konnten ganz ruhig bleiben bei der unmäßigsten sinnlichen Lebensweise. Wem es daher bloß um äußere Reinlichkeit, oder um den Schein der inneren Reinlichkeit zu tun ist, der ist nichts Anderes, als ein Pharisäer und Heuchler; und nur der ist ein gottesfürchtiger Christ, dem es um die innere Reinigung der Seele zu tun ist. Die wahre Reinigung ist im Innern, im Herzen, nicht im Äußern, in der Enthaltung von gewissen Sitten und Gebräuchen, zu suchen. So wenig Jemand dadurch rein wird, dass er einen äußerlich guten Schein beobachtet, so wenig wird auch Jemand dadurch unrein, dass er die äußerlichen Fasten und die äußerliche Enthaltung unterlässt; es kommt allein darauf an, wie weit das Herz innerlich daran Teil nimmt oder nicht. Die äußere Sitte hat nur einen Wert, sofern sie der inneren Reinheit zum Verwahrungsschilde dient. Welch ein Schöpfungswort daher das Wort: „Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht; aber was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen.“ Wie einfach und tief, wie freisinnig und bestimmt zugleich greift es ein in die Lebensverhältnisse und Glaubensgebiete der Menschen! Wie schüttelt es jeden Zwang nicht minder, als jede Förmlichkeit und Pedanterie ab! Wie stellt es die Hauptsache klar und felsenfest hin, so klar, dass sich nun jedes Andere, auch das Kleinste, einfügen lässt in den großen Rahmen der Glaubens- und Lebenstätigkeit, wohin es gehört! Wie leuchtet es wie ein Blitz, das Alte zerstörend und neues Leben entwickelnd!
II.
Dass solch ein schöpferisches Wort des Herrn das Schicksal aller Epoche machenden Worte und Taten in der Welt haben würde, war natürlich. Wie Christus selbst, war auch diese Seine Erklärung gesetzt zum Fall und Auferstehen Vieler in Israel. Dieses zeigte sich auf der Stelle. Nach Hause zurückgekehrt, wie Markus berichtet, legten die Jünger dem Herrn zwei Fragen vor, die sie so lange zurückgehalten und die sie ernst beschäftigten. Die eine gab ihnen die Furcht, die andere die Wissbegier ein. Die erste lautete daher: „Weißt du auch, dass sich die Pharisäer ärgerten, da sie das Wort hörten?“ Die Jünger besorgten, dass die boshaften Pharisäer die Worte Christi, welche den ausdrücklichen Worten des Gesetzes zu widersprechen schienen, sehr zu Seinem Schaden gebrauchen und dass sich bald ernstliche Folgen von diesem Gespräche zeigen würden. Die Sache kam ihnen umso bedenklicher vor, je weniger sie bisher schon an solchen Eifer ihres Herrn gewöhnt waren. Jesus aber antwortete ihnen, ohne im Mindesten ihre Furcht und Besorgnis zu teilen: „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt, die werden ausgereutet.“ Er machte sich kein Gewissen, durch die Wahrheit bei den bösen Gemütern anzustoßen. Und allerdings, wer es immer darauf anlegen will, Niemanden zu verletzen, der muss ganz schweigen. Das böse, von der Eigenliebe besessene Herz will einmal keine Wahrheit hören. Die Wahrheit ist immer scharf. Die Wahrheit schneidet tief und straft ernst. Daher stößt sie auf Widerspruch Seitens des natürlichen Menschen. Dieser Widerspruch und Anstoß, den die Welt an ihr nimmt, darf aber nicht abhalten von ihrem Bekenntnis. Das ist einmal Ordnung und Gang im Reiche Gottes. Welt und Christus sind immer widereinander. Die Jünger waren indes noch ängstlich und befangen; Jesus beruhigt sie daher über ihre Sorge und erklärt ihnen unumwunden, zuerst: „Alle Pflanzen, Lehren, Satzungen, die mein Vater nicht gepflanzt, die müssen wieder weggeräumt werden; was mit Gottes Wort nicht hält, muss fallen; von Anbequemung, die der heilsamen Wahrheit etwas vergibt, kann und darf keine Rede sein.“
Sodann: „Lasst sie fahren, sie sind blind und blinde Leiter; wenn aber ein Blinder den andern leitet, so fallen sie Beide in die Grube.“ Kehrt euch nicht an sie. Ihr Ärgernis geht hervor teils aus Blindheit: sie sind blind, unfähig, Haupt- und Nebensachen, Menschengebot und Gottes Wort zu unterscheiden; hätten sie die richtige Einsicht, sie hätten keinen Anstoß genommen; teils aus Anmaßung und Dünkel: sie sind blinde Leiter, wollen Andere führen, und sind selbst nicht im Klaren. Dieser Dünkel ist die Folge ihrer Blindheit. Wer die Hauptsache kennt, ist bescheiden; wer sie nicht kennt, sondern an Äußerlichkeiten und Zufälligkeiten hängt, ist aufgeblasen und rechthaberisch, zänkisch und unnachgiebig. Ihr Ärgernis bereitet endlich ihnen selbst und Allen, die sich von ihnen verstricken lassen, Verderben: „wenn aber ein Blinder den andern leitet, so fallen sie Beide in die Grube.“ Wie, Geliebte? müssen wir Ihn nicht von Neuem bewundern, den Herrn, der Gegenwart und Zukunft kennt und beherrscht, der, unabhängig von jeder menschlichen Rücksicht, nur das göttliche Wort und den göttlichen Ratschluss im Auge behält, und nichts danach fragt, ob die Vornehmen im Lande und die vermeintlich Frommen Ihm wohl wollen oder nicht, und dem nur an der Sache, an der ewig gültigen Wahrheit liegt? O möchte doch Sein Geist uns Alle durchdringen, dieser rücksichtslose, unumwundene, freimütige, Gott alle Folgen überlassende Zeugengeist! Möchten wir uns niemals irre machen lassen im Bekenntnis, weder durch die Liebe, noch durch die Furcht! Möchten wir, wenn wir wankend und schüchtern werden, an den Herrn denken in unserm Text, und unsere gerade Straße fortgehen, ohne weder nach rechts, noch nach links uns umzusehen!
Die zweite Frage, welche die Jünger auf dem Herzen hatten, und welche Petrus im Namen der übrigen Apostel, wie öfter, zur Sprache bringt, ist die Frage nach dem eigentlichen Sinne der anstößigen Rede, die sie sich noch nicht zurechtlegen konnten, aber von der sie ahnten, dass sie viel Neues und Wichtiges enthalte. Da antwortete Petrus und sprach zu Ihm: Deute uns dies Gleichnis, diese scheinbar bildliche Rede; entweder so genannt um ihrer Dunkelheit willen, oder weil sie meinten, es müsse unter den Worten ein anderer Verstand verborgen sein, weil die Worte, wie sie liegen, nicht nur den Satzungen der Väter, sondern auch dem Gesetze selbst entgegen zu sein schienen. Jesus sprach zu ihnen: „Seid ihr denn auch noch unverständig? Merkt ihr noch nicht, dass Alles, was zum Munde eingeht, das geht in den Bauch, und wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen? Was aber aus dem Munde ausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen.“ Die Speisen und Getränke, welche der Mensch genießt, mit und ohne religiöse Waschungen, sind sittlich gleichgültig, und alle darüber vorhandenen Speise- und Reinigungsgesetze bewirken nur äußere Reinigkeit. Sie sind etwas Äußeres, werden durch den Mund aufgenommen, und gehen nicht in das Herz des Menschen, sondern in den Bauch, um den Körper zu nähren, und die Natur hat selbst schon Mittel, das Schädliche und Unreine auszuscheiden. Erst wenn der Missbrauch und die Unmäßigkeit, also die Sünde, hinzutritt, wenn aus dem Essen und Trinken ein Fressen und Saufen wird, erst die böse Begierde bringt Verunreinigung hervor. Es ist darum allerdings keineswegs gleichgültig, was und wie man esse und trinke; es kommt dabei auch darauf an, wie weit es mit dem Herzen in Verbindung stehe, aus dem Herzen komme und auf das Herz wirke. Das erste Verbot Gottes im Paradiese war ja schon ein Speiseverbot, und sehr nachdrucksvoll warnt Jesus Seine Jünger vor dem Beschweren der Herzen mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung, und Paulus zeigt den Römern und Korinthern, wie man müsse essen aus dem Glauben und in der Liebe. Aber die Hauptsache sei immer die Reinigung des Herzens. Man kann äußerlich vor den Menschen sehr reinlich sein, und ist im Herzen doch befleckt und unrein. Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerung. Das sind die Stücke, die den Menschen verunreinigen. Aber mit ungewaschenen Händen essen, verunreinigt den Menschen nicht. Das Herz ist bald die Quelle und geheime Werkstatt, in welcher die bösen Gedanken, Worte und Werke entspringen, bald der Kanal, durch den sie hindurchgehen. Wer sich also vor Verunreinigung bewahren und nach Heiligkeit streben will, der muss mit der Reinigung des Herzens anfangen und darauf sehen, dass sein inneres Leben heilig und rein ist. Ist dieses der Fall, so kann ihn nichts Äußeres verunreinigen; denn dem Reinen, sagt Paulus, ist Alles rein; und der Herr sagt: Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Alle äußere Reinigung ohne innere Herzensreinigung ist nur ein neuer Lappen auf ein altes Kleid, durch welchen der Riss ärger wird.
Ach, und wie arg muss unser menschliches Herz sein, wenn der Herzenskündiger von demselben sagt: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerung;“ und wenn Er an andern Stellen sagt: So denn ihr, die ihr arg seid…., das Licht scheint in die Finsternis, aber die in Finsternis haben es nicht begriffen…., was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch!“ Kaum kann es eine stärkere Stelle aus dem Munde unseres Herrn geben für die Lehre von der Erbsünde, als die Textesworte. Sprich daher nicht: ich habe ein gutes Herz; ich schweife wohl manchmal aus, aber ich meine es nicht so böse im Herzen. Der Herr sagt: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerung.“ Das Alles liegt dem Keime nach schon da in jedem Menschen; wenn es nicht zum Ausbruch kommt, so hat er es nicht sich selbst, sondern nur der Gnade Gottes zu verdanken, die ihn nicht in Versuchung geführt, sondern durch Umgang, Erziehung, Bildung, gutes Beispiel vor derselben bewahrt hat. Soll dir geholfen werden, so glaube dem Herrn, dass dein Herz durch und durch verdorben und vergiftet sei, dass, wenn du auch äußerlich nicht in groben Sünden lebest, du doch von Natur ein solch böses Herz hast, aus welchem lauter arge Gedanken kommen, oder wenn du auch äußerlich etwas Böses tust oder redest, dein Herz doch noch viel ärger sei, als das äußerliche arge Werk, weil es die Wurzel aller bösen Werke und Früchte ist. Bitte also Gott um Augenfalbe, so lieb dir deine Seele und deine Seligkeit ist, bitte Ihn, dass Er dir dein böses Herz recht aufdecke und dir zeige, wie du von Natur kein Fünklein wahres Gute im Herzen hast. Das wird der Anfang der wahren Erleuchtung, Buße und Bekehrung sein; da wird dein Herz durch Jesu Blut und Geist gereinigt werden, und alsdann werden auch gute Gedanken, gute Worte und Werke aus dem Herzen hervorkommen, insofern und insoweit es geheiligt und gereinigt ist. Denn was auch noch bei den Gläubigen von sündlichem Wesen in Gedanken, Begierden, Worten und Werken sich vorfindet, das kommt Alles noch aus dem alten, bösen Herzen, und steckt der Wurzel nach in demselben. Unser Hauptstreben muss also sein: Reinigung des Herzens; unser Hauptgebet: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist; verwirf mich nicht von Deinem Angesichte und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir. Je reiner das Herz, desto mehr werden wir bewahrt werden vor dem Kleinigkeitssinn, desto mehr wird das Gegenteil in uns leben und Wurzel schlagen, nämlich die Treue im Kleinen, die auch ihre geringen Gaben und Kräfte gern zum Dienste des Herrn anwendet, die in wenig geachtetem Berufe Gott und Menschen sich nützlich erzeigt, die in der Armut sich gegenseitig trägt, stärkt und aufrichtet, die in der Krankheit Geduld und Ergebung beweist zum Erstaunen; die Treue im Kleinen, die zu Gottes Ehre auch Gegenstände von minderem Belange ausrichtet, und mit allen Geboten des Herrn es genau nimmt, auch mit denen, die unbemerkt bleiben vor der Welt und unmittelbar keine erheblichen Folgen nach sich ziehen; die fern ist von der Selbstgenügsamkeit, welche zufrieden ist, wenn Etwas nur halb getan oder ein Teil der Pflichten erfüllt ist, fern von der Lauheit und Gleichgültigkeit, welche sich gern entschuldigt, wenn die natürliche Trägheit des menschlichen Herzens zur Pflichtvergessenheit treibt; die Treue im Kleinen, die nicht denkt: eine kleine Lüge, eine kleine Entwendung dürfe man sich wohl erlauben, wenn man im Großen nur rechtschaffen sei; die immer ganz und vollkommen Gottes Befehle ausrichten möchte, sich auch kleine Fehler nicht verzeiht und sorgt, dass auch das Geringste nicht versäumt werde, und niemals sich ein Verdienst macht aus dem, was sie vollbringt. Solche Treue im Kleinen ist eigentlich eine recht große Treue. Von ihr sagt der Herr: Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht.“ Ihr ertönt einst der lohnende Gerichtsspruch: „Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über Wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude.“ Amen.