Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Am Pfingstfeste.

Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Am Pfingstfeste.

Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner göttlichen Liebe. Amen.

Text: Luk. XVII., V. 20. 21.

Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen, und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden. Man wird auch nicht sagen: Siehe hier, oder da ist es. Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch.

Die Tage der Pfingsten sind wieder erschienen, die Tage, in denen die Kirche singt: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich darinnen sein; der Herr ist Gott, der uns erleuchtet; schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars;“ die Tage, in denen der Heilige Geist ausgegossen ward über die Jünger und die Kirche Jesu Christi gegründet auf Erden. Wie viele Pfingstfeste sind seitdem in der Kirche gefeiert worden! Wie weit hat sich seitdem die Kirche ausgebreitet, begründet und befestigt! Und was wird uns noch Großes bevorstehen, bis Alles wird Eine Herde unter Einem Hirten geworden sein! Wie viel ist aber auch gefehlt und missbraucht worden in dieser heiligen und großen Angelegenheit, und wie viele irrigen Ansichten gehen noch fortwährend in der Christenheit im Schwange über das Kommen des Reiches Gottes auf Erden! Es ist daher gewiss ein würdiger Gegenstand unserer Festbetrachtung, wenn wir am Stiftungsfeste der christlichen Kirche Jesu Textlehre über das Kommen des Reiches Gottes auf Erden zum Haupt- und Mittelpunkt unserer Andacht wählen. Jesus gibt uns aber drei Aufschlüsse: das Reich Gottes komme

1) nicht äußerlich, sondern innerlich,
2) nicht auffallend, sondern still,
3) nicht plötzlich, sondern allmählig.

I.

Die Pharisäer, sich als naturgemäße und geborene Inhaber des Reiches Gottes betrachtend, legten dem Herrn nicht die Frage vor: was sie tun müssten, um ins Reich Gottes einzugehen? das betrachteten sie als eine ausgemachte Sache, die sich von selbst verstände - sondern nur die Frage: wann kommt das Reich Gottes? um die Zeit seines Eintritts, nachdem es schon so lange von den Propheten, von Johannes dem Täufer und Christo selbst vorher verkündigt worden war, von Christo zu erfahren. Jesus, diese Frage als eine müßige und unfruchtbare zurückweisend, samt allen ihren eitlen und ungeduldigen Gedanken darüber, belehrt sie vielmehr über die Art und Weise des Kommens Seines Reiches, als einen viel wichtigeren Gegenstand, und sagt ihnen: So wie ihr es euch denkt, kommt das Reich Gottes nicht; es kommt ganz anders, und ich muss euch ausdrücklich warnen vor jeder falschen Auffassung desselben. Es kommt zunächst nicht mit äußeren Gebärden; denn es ist kein äußerliches, weltliches Reich, sondern ein inneres, geistiges Reich, ein Gnadenreich. Eine wichtige Warnung; denn bis auf diese Stunde wird das Reich Gottes von den Meisten noch immer so angesehen, als ob es rein ein äußerliches wäre; man sucht das Heil in Außendingen und durch äußere Mittel, statt es im Innern zu begründen. Die Einen lassen das Reich Gottes aufgehen in den bürgerlichen oder weltlichen Staat, die Anderen in die äußere Anstalt der sichtbaren Kirche.

Jene meinen, der christliche Staat, oder die vom Geiste Christi, vom christlichen Zeitgeist durchdrungene bürgerliche Gesellschaft, sei das Reich Gottes, das Jesus beabsichtigt habe auf Erden, und je trefflicher dessen Gesetze, je gewissenhafter und gerechter die Handhabung der herrschenden Gewalt, je vorwaltender der Grundsatz der Humanität und Milde, je berechtigter der Anspruch Aller an die einzelnen Ämter und Würden, desto vollkommener sei das Reich Gottes gekommen. Allein Jesus sagt: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, es ist inwendig in euch.“ Ginge das Reich Gottes auf in den bürgerlichen Staat, so müsste es sich innerhalb gewisser, sichtbarer Grenzen entwickeln, müsste einen abgesonderten Raum einnehmen, wie ein bürgerlicher Staat, und einem bestimmten Lande angehören; allein das Reich Gottes ist über alle Staaten und Länder verbreitet und kennt keine anderen Grenzen, als die Grenzen der Welt. Ginge das Reich Gottes auf in den äußeren Staat, so müsste es bestimmte äußere Formen, Gesetze, Gerichte, Belohnungen und Strafen, Waffen zum Angriff und zur Verteidigung besitzen: die hat es aber nicht, seine Ritterschaft ist eine geistige, seine Gesetze sind ins Herz geschrieben, seine Gerichte werden auf dem Schauplatz des Gewissens gehalten, seine Belohnungen und Strafen gehören einst der Ewigkeit an. Ginge das Reich Gottes auf in den äußeren, bürgerlichen Staat, so würde es die bestehenden Ordnungen der Staaten ändern, mit denselben Krieg führen und neue, bessere an ihre Stelle setzen: das hat es aber nicht getan, es hat vielmehr die irdischen Staaten bestehen lassen, wie sie bestanden, und auf gleiche Weise in den Ländern, wo nur Einer, und da, wo Viele das Zepter führten, sich geltend gemacht; das Reich Gottes fragt nichts nach äußeren Verfassungen; es feiert ebenso gut seine stillen und gewissen Siege im Frieden, wie im Kriege, in der Wohlfahrt, wie in dem Untergang der Völker. Es ist über alle äußeren Schranken und Bande unendlich erhaben, vernichtet sie nur, sobald sie schlechthin sündhaft und verderblich sind, lässt sie aber bestehen, sobald sie bloß menschlich und natürlich sind, um sie zu verklären mit seinem Geist und zu vervollkommnen. Nur in der römischen Kirche hat das Reich Gottes sich zu einem Reiche dieser Welt gestaltet und von einem bestimmten irdischen Lande Besitz genommen, um von da aus, durch ein weltliches Oberhaupt, den Papst, alle katholischen Länder der Erde zu leiten und zu regieren, und durch jenen angeblichen Statthalter Christi auf Erden eine Macht auszuüben, der keine andere irdische Macht jemals gleich gekommen ist. Darum hat aber auch jene äußere Gewalt nur dazu gedient, das ursprüngliche reine Christentum zu verunreinigen, zu verfälschen, unzählige Menschensatzungen und Missbräuche einzuführen und die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit in tote Werkheiligkeit und mechanischen Lippendienst zu verwandeln.

Es hat aber auch Andere gegeben im Laufe der Jahrhunderte, und es gibt deren noch, die da meinen, das Reich Gottes sei allerdings kein Reich dieser Welt, aber es sei und bestehe in einer bestimmten, sichtbaren Kirche, die sich dürfe die allein wahre und seligmachende nennen, und weil das mehr oder weniger jede einzelne Kirche von sich behauptet, so hat jede Kirche der anderen die Wahrheit und Seligkeit abgesprochen, jede Kirche auf Kosten der anderen sich zu erweitern bestrebt und Verketzerung und Bekehrungssucht eingeleitet und ausgeübt. Allein Jesus sagt: „Das Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Das Reich Gottes ist in allen Kirchen der Erde teilweise, und ist in keiner ganz und vollendet. Es ist in allen, soweit ihre Elemente und Genossen zur unsichtbaren Kirche gehören, zur Gemeinschaft der Heiligen, deren Namen im Himmel angeschrieben ist, und zu dem auserwählten Geschlecht, dem königlichen Priestertum, dem Volk des Eigentums, das da verkündigen soll die Tugenden Dessen, der es berufen hat von der Finsternis zu Seinem wunderbaren Licht. Luther sagt: „So Viele unserer mit Christi Blut gewaschen und geheiligt sind, die sind die rechte Kirche Christi, und wir sind Alle heilige Glieder und Brüder untereinander, wir seien zu Rom, zu Wittenberg, oder zu Jerusalem.“ Der Herr hat ebenso gut Seine wahren Gläubigen in der römischen und griechischen Kirche, wie in der evangelischen, lutherischen und reformirten; Sein Wort ist nicht gebunden. Aber in keiner äußeren Kirche ist das Reich Gottes ganz und vollendet, dass man sagen könnte: hier ist es oder da ist es; jede besitzt es nur stückweise und unvollkommen, nur so weit, als der Heilige Geist durch das Wort sie belebt und durchdringt. Von allen äußeren Kirchen und Kirchenordnungen und Kirchenverfassungen und Kirchendiensten gilt das Wort des Apostels: „Gott wohnt nicht in Tempeln mit Menschenhänden gemacht, Sein wird auch nicht von Jemand gepflegt, als ob er Jemandes bedürfte, so Er doch selber Jedermann Leben und Odem allenthalben gibt,“ und Salomos: „Wie könnte ein irdisches Haus dich einschränken? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel mögen dich nicht versorgen.“ Je mehr Christi lebendiger Geist über die Glieder einer äußeren Kirchengemeinschaft ausgegossen ist, je mehr die Einzelnen erbaut werden und sich erbauen lassen auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, je rechtschaffener sie sind in der Liebe und in allen Stücken an Dem wachsen, der das Haupt ist, Christus: desto mehr ist das Reich Gottes in ihnen gekommen; je weniger eine äußere Kirchengemeinschaft von jenem lebendigen Pfingstgeist an sich trägt, desto geistloser und reichsunfähiger ist sie.

Noch nie ist daher das Heil von außen für eine Kirche gekommen, sondern immer von innen, und die es versucht haben, die toten Kirchen zu beleben durch äußere Reformen, haben ihren Zweck jederzeit verfehlt. Was hat es z. B. geholfen, dass man im Mittelalter prachtvolle Dome und Münster mit himmelanstrebenden Türmen baute, und die Künste den Tempeln dienstbar machte, damit sie durch ihre Gestalten und Töne vermittelst der äußeren Sinne den Weg fänden zu den Herzen der Menschen? Gewiss kann und soll die Kunst dem Glauben dienen, und unser deutsches Volk hat sich namentlich jederzeit fern gehalten von jener Verirrung in anderen Ländern in den ersten Jahren der Reformation, wo man jeden Schmuck aus den Kirchen entfernte, die Orgeln abschaffte und der gemeinsame Gesang der Gemeinde sogar Jahrzehnte lang unterblieb, ja, wo man sogar gegen den Gebrauch der Glocken sich erklärte. Der Missbrauch hebt ja den rechten Gebrauch nicht auf. Auch die ersten christlichen Gemeinden waren nicht ohne die Anfänge der Kunst; auf ihren Bechern und Grabmälern brachten sie die Sinnbilder ihres Glaubens an. Paulus sagt: „Alle Kreatur ist gut und nichts verwerflich.“ Die Anlagen der menschlichen Natur, welche in der Kunst sich verwirklichen, sind auch Gottes Werk, und wollen als solche anerkannt und geheiligt werden. Wirft man die Kunst fort, treibt man sie aus der Kirche heraus, so wird sie zur Verweltlichung hingetrieben, und wirkt dann gegen die Religion und gegen den Glauben, und wendet sich vom Göttlichen zum Weltlichen1). Wer könnte die Kraft eines heiligen Gemäldes und einer geistlichen Musik leugnen auf die Erhebung und Förderung der christlichen Andacht? Wahrhaftig, die Kunst hat keine heiligere und erhabenere Aufgabe, als dem Herrn zu dienen und Seinen Ruhm zu verkündigen; je mehr sie das tut, desto würdiger ist ihre Erscheinung, desto mächtiger ihre Wirkung. Aber sie soll nur Mittel sein zum Zweck, nicht Zweck selbst. Sie soll dienen, nicht herrschen. Wo sie die Herrschaft an sich gerissen, hat sie dem Reiche Gottes niemals genützt, sondern immer nur geschadet. Was hat es ferner geholfen, dass man die Kirche zu stützen meinte, indem man ihre Diener in weltlicher, äußerlicher Beziehung den übrigen Staatsbeamten gleichstellte, und bald allerlei neue Würden und Titel bei ihnen einführte, bald ihre Brust zierte mit weltlichen Orden und Ehrenzeichen? Die Besseren unter ihnen haben tief getrauert über diesen Missgriff, und, traf sie das Loos, mit wehmütigem Herzen ihrem Herrn das Kreuz nachgetragen; die Schlechteren aber sind nur noch mehr dadurch in der Befriedigung ihrer Eitelkeit, ihres Ehrgeizes, ihrer Prahlerei und Großtuerei befördert worden; das Reich Gottes ist aber dadurch nicht gekommen. -Was hat es geholfen, dass man prunkvolle sinnliche Gottesdienste und Liturgien einführte? In die Herzen ist dadurch keine Erneuerung gedrungen, man hat nur einen neuen Lappen auf ein altes Kleid aufgesetzt. Und was soll es heut zu Tage helfen, dass alle Welt schreiet: Eine neue Verfassung! eine freie Verfassung, in der wir Alle mitzusprechen und mitzuregieren haben? Die Toren! Die Verfassung ist ja nichts Anderes, als ein anderer Rock nach neuem Geschmack: ist denn je ein Mensch dadurch besser und seliger geworden, dass er einen anderen Rock angezogen hat? In der schlechtesten Verfassung kann das Reich Gottes kommen, wenn der Geist des Herrn sie beseelt und regiert; und die beste Verfassung kann das Reich Gottes vernichten, wenn geistiger Tod in derselben zu Hause ist. Alle die genannten äußeren Hilfsmittel fördern das Reich Gottes nicht um einen Schritt in der Welt; sie sind lauter Außenwerk, Schnitzeleien, erborgte Flitter der Welt, leckere Genüsse für Auge und Ohr, bei denen das Herz leer ausgeht.

Es bleibt dabei: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlicher Gebärde, seht, es ist inwendig in Euch.“ Wo Christus im Herzen wohnt und lebt: da ist es. Wo der Geist Gottes die Seelen straft, erleuchtet, tröstet, beseligt, und wo sie sich von ihm strafen, erleuchten, trösten und beseligen lassen: da ist es. Wo die Herzen fragen: Was muss ich tun, dass ich selig werde? oder, wie dort am Pfingstfeste zu Jerusalem: Ihr Männer, lieben Brüder, was sollen wir tun? und wo sie dann glauben lernen an den Herrn Jesum Christum, und gerecht werden durch diesen Glauben und Frieden haben mit Gott durch diesen Glauben und in Allem weit überwinden um Des willen, der sie geliebt hat: da ist das Reich Gottes. Und wo es nicht mehr heißt: Jeder ist sich selbst der Nächste, sondern: Einer für Alle und Alle für Einen; wo es nicht mehr heißt fade und gleichgültig: Wir glauben All' an. einen Gott, sondern: Es ist in keinem Andern Heil, auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden, denn allein der Name Jesu Christi; wo man nicht mehr trachtet nach dem, was auf Erden, sondern nach dem, was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes; wo sich die Früchte des Geistes offenbaren, die da sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit: da ist das Reich Gottes. Das Reich Gottes, sagt Paulus, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Da, im Herzen, sollen ihm die Tempel erbaut und die Altäre errichtet werden, auf denen täglich dem Herrn dargebracht werden die Opfer, die da heilig, vollkommen und Ihm wohlgefällig sind; da soll der König herrschen, dem das Reich gebührt und dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden; da sollen die, Gesetze gehandhabt werden, die Gott uns vorgeschrieben hat, dass wir Ihm dienen sollen in Heiligkeit und Gerechtigkeit; da sollen die Waffen geübt und die Kriege geführt werden gegen Welt, Sünde, Tod und Teufel, dass kein Fuß breit Land auf diesem Boden übrig bleibe, der nicht heiliges Land werde und dem Herrn huldige und Ihn anbete. Wer es da in sich trägt, der hat es. Wer es da nicht in sich trägt, der ist so fern vom Reiche Gottes, wie der Morgen ist vom Abend, und ob er auch so beredt über dasselbe spreche und ob er noch so hohe Stellungen und Würden in Staat und Kirche bekleide, und ob er noch so viele Bücher darüber schreibe und Predigten davon halte und Vereine stifte und Kirchenverfassungen berate und empfehle, einführe und befehle. Im Gegenteil, wer das Reich Gottes außer sich sucht, der verliert's in sich.

„Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, es ist inwendig in euch,“ spricht Jesus im Texte zu den Pharisäern, um auch ihnen die Möglichkeit zu zeigen, wie sie in das wahre, geistige Reich Christi eingehen können, wenn sie nämlich sich überwinden konnten, es da zu suchen, wo es seiner Natur nach zuerst sich offenbart: in den Tiefen des inneren Lebens. Das Reich Gottes könnet ihr nur in euch suchen, spricht Er; wenn ihr es im inneren Herzen erfahrt, so ist es da. Alle äußeren Religionsübungen, Kirchengehen, Fasten, Almofengeben, Beten sogar, sind tote leblose Gebräuche, wenn kein inneres Leben in Gott ihnen zum Grunde liegt, sie erhalten ihren Wert erst als Offenbarungen und Äußerungen des Feuers, das der Geist Gottes innerlich entzündet hat. Siehe, dein Vater Unser klingt schlecht, wenn es nur auf der Zunge sitzt und von der Zunge fabriziert wird; ist aber ein Vater Unser in deiner Seele, dann kann es, wie aus Felsengrund die schöne kristallene Wasserflut hervorquillt, aus der Tiefe der Seele frisch und herzhaft und innig hervorquellen. Siehe, wenn du aus der Kirche gehest mit der Erklärung: „Das war eine schöne Predigt,“ und es dann machst, wie du es sonst auch gemacht hast, so hat sie dir das Reich Gottes nicht vermittelt; aber wenn das Wort Gottes auf deine Seele einschlägt wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt, wenn bei demselben ein Schauder dich ergreift und ein Schrecken, als ob es gedonnert hätte, oder als ob ein Erdbeben gewesen wäre, wie dort zu Golgatha, wo sie an ihre Brust schlugen und wieder umwandten, wenn du still und ernsthaft und nachdenklich über dich selbst aus dem Gotteshause herausgehest, wenn du auf dem Heimwege lieber allein gehen, als mit Anderen reden möchtest, wenn du auch zu Hause dann stiller und wortkarger bist, als sonst, und die nicht in der Kirche gewesen, stutzig werden und dich fragen: Was ist dir? fehlt dir etwas? bist du krank? oder hat dich Jemand erzürnt? wenn dir so weh und weinerlich ums Herz ist, und die Welt so gleichgültig und die Sünde so zuwider und der Tod so lieb: siehe, dann hat die Kirche dir das Reich Gottes vermittelt. Genug, die Hauptsache bei allen äußeren Übungen der Frömmigkeit ist der Heilige Geist. Um ihn flehet und betet daher ohne Unterlass, dass derselbe euch im vollsten Maße mitgeteilt werde; ja, flehet den Herrn an, dass Er euch selbst den rechten Betgeist geben und die Betkunst lehren wolle, damit euer Christentum lebendig und eure Seelen Tempel des Heiligen Geistes werden, reich an Glauben und guten Werken, damit ihr erfüllt werdet mit Früchten der Gerechtigkeit, die durch Christum in euch geschehen zur Ehre und zum Lobe Gottes. Heute ist der angenehme Tag, jetzt ist die Zeit des Heils; darum, so ihr Gottes Stimme hört, verstocket eure Herzen nicht. Nichts Schrecklicheres kann ein Mensch tun, als dass er die Gnadenzeit, in der ihn Gott heimsucht, versäumt.

II.

Das ist also die erste Warnung, die Jesus im Text erlässt, die Warnung vor den Äußerlichkeiten in Sachen der Religion. Eine zweite Warnung knüpft sich unmittelbar an die erste, die Warnung vor glanzvollen Erwartungen in der Offenbarung des Reichs Gottes: es kommt nicht auffallend, in Schein und Glanz, sondern still und verborgen. „Das Reich Gottes kommt nicht in äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: siehe, hier oder da ist es. Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Es kommt nicht mit äußerlicher Beobachtung, wie ein weltlicher König, der, wenn er in ein Land einzieht, Herolde voranschickt und von fern her schon den äußerlich gesinntesten Menschen an der Pracht seines Gefolges, der Hoheit seiner Person, in die Augen fällt; wie ein weltlicher König, der sich an die Spike bewaffneter Truppen stellt, die Römer aus dem Lande jagt, Palästina von ihrer Botmäßigkeit befreit und nach der Befreiung einen pomphaften Triumph in der Hauptstadt seines Volks hält. So in die Augen fallend und Lärm machend kommt das Reich Gottes nicht: weil es eben kein äußeres, sondern ein inneres ist; sein Gang ist meist ein stiller und unscheinbarer durch die Welt.

Die Menschen freilich wollen immer etwas Besonderes haben und nehmen nicht wahr, was schon da ist und was sie schon haben, wenn sie es nur recht gebrauchten. So die Juden zu Jesu Zeit. Er stand vor ihnen, als der eingeborene Sohn vom Vater, voller Gnade und Wahrheit; aber sie sahen Seine Herrlichkeit nicht. Er lehrte so gewaltig, wie nie ein Mensch gelehrt; Er tat Zeichen und Wunder, wie sie nie ein Prophet getan; Er lebte so untadelhaft und heilig, dass Ihn selbst die Feinde keiner Sünde zeihen konnten: dennoch genügte ihnen das Alles nicht, sie verlangten außerordentliche Zeichen vom Himmel, und Jesus musste laut und bitter klagen über ihre Wundersucht. Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ So die Menschen heut zu Tage. Sie haschen nach außerordentlichen, auffallenden Ereignissen in der Entwicklung des kirchlichen Lebens, sie wollen Erweckungen in Massen, reiche Ernten unmittelbar nach der Aussaat, schnelle Bekehrungen der Heiden ohne lebenslange saure Arbeit, geräuschvolle, gewaltsame Veränderungen und Reformationen des kirchlichen Zustandes, ja Revolutionen; sie wollen nicht anknüpfen an das Bestehende, sondern dasselbe überspringen, umstoßen, über den Haufen werfen, das Unterste soll zu Oberst, das Oberste zu unterst gekehrt werden; die Zeit ist so verblendet und befangen, dass sie sich an Alles hängt, was Lärm macht, als wäre es Etwas, und jeder Gaukler ohne Kern und Geist sie bezaubern kann; was still und tief dringt, geht an ihr spurlos vorüber, sie nimmt kaum Kenntnis davon. Und wenn zuletzt der gehoffte Erfolg ausbleibt, wenn die groß angefangenen Werke klein werden, wenn die Trugbilder durch ihren eigenen Schimmer und Lärm in ihr Nichts zerfallen und so manches. arme, betrogene Herz verschlingen: dann macht sie es, wie Elias, der, als er hatte Feuer vom Himmel regnen und achthundert und fünfzig Baalspfaffen töten lassen, und dennoch keine Bekehrung wahrnahm zu dem Gott seiner Väter, im Gegenteil wahrnahm, dass die Königin ihm nun erst recht nach dem Leben stand und einen Preis auf seinen Kopf setzte, in die Wüste entfloh, und dort, unter einen Baum sich niederwerfend, ausrief: Herr, es ist genug; nimm nun meine Seele von mir, ich bin nicht besser, denn meine Väter.“ Was aber tat der Herr? Er ließ Sturm, Erdbeben, Feuer in ungeheuren Erscheinungen an ihm vorübergehen; aber Er selbst war weder im Feuer, noch im Erdbeben, noch im Sturmwinde; Er war im stillen, sanften Säuseln, das hinterdrein erschien und offenbarte darin Seine Herrlichkeit. Da verhüllte Elias sein Antlitz mit seinem Mantel. Was wollte der Herr damit sagen? Wollte Er etwa damit sagen, dass Sein Kommen und das Kommen Seines Reichs äußerlich nicht kenntlich sein solle oder sein könne? Gewiss nicht; Elias erkannte es ja sogleich am stillen, sanften Säuseln, und im Texte heißt es: seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Oder wollte Er damit sagen, dass das Reich Gottes nie kommen solle in großen Begebenheiten? Gewiss nicht. Was war das Pfingstwunder zu Jerusalem, als der Sturm das ganze Tempelgebäude erfüllte, in welchem die Apostel saßen, als feurige Flammen über ihre Häupter zuckten, als sie anfingen in neuen Sprachen zu reden, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen, als Dreitausend sich bekehrten und die erste Muttergemeinde stifteten zu Jerusalem, Anderes, als ein Kommen in sichtbaren Gebärden, in Sturm, Erdbeben und Feuer? Was waren die Tage der Reformation, als jene fünf und neunzig Sätze wider den Ablass wie ein Blitz durch die Geister fuhren und zündeten, und Millionen mit ihnen übereinstimmten und ganze Länder von der römischen Kirche abfielen, Anderes, als ein Kommen mit sichtbaren Gebärden, in Sturm, Erdbeben und Feuer? Aber einmal geschehen solche Zeichen am Himmel der Zeit nur in den eigentlichen großen Perioden der Kirchengeschichte, wenn ein neuer, bedeutender Abschnitt in ihrer Entwicklung beginnen soll; gewöhnlich aber kommt der Herr also nicht, und insbesondere, wenn Er unter Seine Leute kommt und bei ihnen einzieht, so ist's immer nur in einem sanften, stillen Sausen2). Andererseits sollen jene großartigen Begebenheiten und Revolutionen nur vorbereiten und empfänglich machen den Boden für Seine Friedenszeiten. Darum erst Johannes, dann Christus. Erst Sinai, dann Golgatha. Erst Gesetz, dann Evangelium. Erst die Schreckgerichte der Gerechtigkeit, dann die Taten der Barmherzigkeit und Gnade. Erst die Plagen Ägyptens, dann die Befreiung Israels aus dem Lande der Knechtschaft. Erst die Erschütterungen der vier großen Monarchien: Babel, Persien, Makedonien und Rom, dann das sanfte Friedensreich des Mensch gewordenen Sohnes Gottes. Die Sturmwinde, die Erdbeben, das Feuer, und wie die furchtbaren Zuchtgerichte des Herrn heißen mögen, sie sind immer die Verkünder und Herolde der sanft säuselnden Stimme der Gnade und Wahrheit.

Das Kommen des Reichs Gottes ist demnach immer ein heimliches, unscheinbares Kommen, ein stiller Gang des Geistes Gottes in den Tiefen der Herzen. So still und unscheinbar war der Gang des Sohnes Gottes durch die Welt! Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleichwie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Das Zimmermannshaus war dem Himmelskönig nicht zu niedrig, und unter allen Ständen der Erde wählte Er den Knechtsstand, Er, der Herr aller Herren. Er fragte nicht nach eitler Ehre und hatte nicht, wo Er Sein Haupt hinlegte. Still und unscheinbar war auch die ursprüngliche christliche Kirche in der apostolischen Zeit. Arm waren die meisten ihrer Glieder, und gering an äußerem Ansehen. Von Glanz und Pracht, von reich geschmückten Tempeln, von zahlreichen Priesterscharen, von prunkenden Gewändern und festlichen Aufzügen, wie die spätere Zeit einführte, wusste sie nichts; aber innerlich war sie recht eigentlich eine Gemeinde der Heiligen, auf welcher der Geist des Herrn ruhte, und hatte Gnade vor Gott und allem Volk. Silber und Gold habe ich nicht, sprach Petrus zu dem Lahmen vor des Tempels Tür, aber was ich habe, will ich dir geben, im Namen Jesu Christi von Nazareth, stehe auf und wandle. Still und unscheinbar hat seitdem das Reich Gottes sich verbreitet über die Erde, wie ein Senfkorn, das zum Baume wird; still und unscheinbar hat es die Sitten und Gebräuche der Menschen durchdrungen und erneuert, wie der Sauerteig, der das Mehl durchdringt. Es ist nur selten, nur in den großen Perioden geschehen, dass das Wort Gottes rumort hat in der Welt, und dass auffallende Wirkungen der Predigt und sichtliche Erweckungen vorgefallen sind. Verlange sie also nicht, und brich den Stab nicht über eine Zeit und ein Herz, wenn sie ausbleiben. Es gibt auch einen unbewussten Glauben, es gibt auch Nicodemusseelen, die äußerlich nichts verraten, und innerlich doch tief gefördert sind. Sei vielmehr vorsichtig bei auffallenden, lärmmachenden Ereignissen und traue ihnen nicht gleich, sie sind meist nur Menschenwerke, gemachte, unnatürliche Zustände, künstliche Aufregungen, flüchtige Aufwallungen des Gefühls; warte ruhig ab, bis sie sich geklärt haben, dann wirst du die Hefen und den Bodensatz vom kostbaren Getränk unterscheiden können, und wissen, was vom Heiligen Geiste und was vom Fleische war. Verzage aber auch nicht, wenn das innere Leben in dir still sich entwickelt, ohne grellen Bußkampf, ohne bestimmtes Zeichen der Bekehrung, ohne besondere augenfällige Veränderungen: des Herrn Werk ist in der Tiefe und in stillen Wassern.

III.

Die dritte Warnung, mit der Jesus die Antwort auf die Frage der Pharisäer: Wann kommt das Reich Gottes? begleitet, ist die Warnung vor einem plötzlichen Auftreten und Erwarten desselben; es komme nicht plötzlich, sondern allmählig. „Das Reich Gottes kommt nicht, es ist schon da, ist schon in und mit Ihm, dem Könige, da, und immer im Kommen begriffen.“ Auch diese Warnung war nötig; denn zu allen Zeiten haben die Menschen einen plötzlichen Anbruch des Himmelreichs erwartet und die Zeit sogar berechnet, wann es so unvermutet hereinbrechen würde. Wie viel Falsches ist darüber, selbst in bester Meinung, geträumt und prophezeiet worden! Als das erste Jahrtausend nach Christo zu Ende ging, erwartete man die Wiederkunft des Herrn mit solcher Bestimmtheit, dass ein allgemeiner Schauder durch die ganze Christenheit ging; und wie oft haben seitdem, in unserem Jahrhunderte noch, diese überspannten und durch nichts begründeten Erwartungen sich wiederholt! Wie oft ist das Wort von Neuem wahr geworden: „Es wird die Zeit kommen, dass ihr begehren werdet zu sehen einen Tag des Menschensohnes, und werdet ihn nicht sehen,“ und das andere: „Es gebühret euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, die der Vater Seiner Macht vorbehalten hat.“ Das Reich Gottes soll nicht mit Einemmale kommen, sondern allmählig. Allmählig geht die Schöpfung vor sich im Reiche der Natur; allmählig geschah die Erlösung nach langen Vorbereitungen und Erwartungen; allmählig breitet sich aus die Aneignung und Versicherung der Erlösung in den Herzen der Einzelnen; allmählig wächst der Christ in seinem äußeren und inneren Leben vom Kinde zum Knaben, vom Knaben zum Jüngling, vom Jüngling zum Mann; allmählig reift im Gemüte der Glaube, die Liebe zum Herrn, der Eifer in der Heiligung, die Herrschaft des Geistes über das Fleisch. Das Reich Gottes ist daher immer da und immer im Kommen begriffen, wenn wir nur wollen in dasselbe eingehen. Ja, wir müssen sagen: das Reich Gottes ist zu aller Zeit und zu keiner, je nachdem wir gestaltet sind. Bedenken wir, was zu unserem Frieden dient: so ist es da; bedenken wir das nicht, und wären die Zeichen der Zeit noch so sprechend und die Zeitumstände noch so zwingend: so ist es nicht da. Keine Zeit überhaupt bringt es und kann es bringen, wenn nicht der Odem der Ewigkeit durch die Seele wehet. Rechne und berechne daher nichts; du möchtest dich schmählich verrechnen, und, wann es kommt, den törichten Jungfrauen gleichen, die die rechte Zeit verschlafen haben.

Doch, wenn das auch der gewöhnliche Gang der Entwicklung des Reiches Gottes ist, dass es nicht äußerlich, sondern innerlich, nicht auffallend, sondern still, nicht plötzlich, sondern allmählig sich ausbildet: sobald die Vollendung desselben zu Stande gekommen, wird es auch äußerlich in die Erscheinung treten, und zwar mit großartigen Gebärden, und dann plötzlich, wie ein Dieb in der Nacht, plötzlich, wie der Blitz ausgeht im Aufgang und fährt bis zum Niedergang, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohns. Dann wird der neue Himmel und die neue Erde geschaffen werden, nach Seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. Wann das geschehen wird für die Welt? weiß allein der Herr; für jeden Einzelnen aber geschieht das im Tode. Unser Tod ist für uns eine Zukunft des Herrn, und mit Ihm. kommt dann Gericht und Vergeltung. Dass wir dann bestehen, das sei und bleibe unsere tägliche Sorge. Wie aber ist an ein Bestehen im Tode für uns zu denken? Das Totenfest ist dann ein erfreuliches Ereignis, ein wahres Fest, wenn das Pfingstfest vorangegangen ist. Wohlan, so lasst uns, so lange wir leben, Pfingsten halten, damit, wenn wir sterben, wir Totenfest feiern können. Lasst uns heute und alle Tage beten: Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner göttlichen Liebe; damit wir mit der Kirche in Zeit und Ewigkeit jubeln dürfen: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich darinnen sein. Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. Schmücket das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars.“ Amen.

1)
Sehr merkwürdig und ein warnendes Beispiel ist es, dass in Kirchen der Niederlande, statt geistlicher Gemälde, die Bilder ihrer berühmten Staatsmänner und Helden aufgehängt sind.
2)
Die Regel lautet:
Nicht durch Donnerhallen,
Noch durch Schmetterschallen,
Macht Er Satans Throne fallen
Und der Hölle Türme wackeln,
Sondern durch die Fackeln
Und die sanfte Glut
Seines Worts vom Blut.
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