Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - III. Die Prüfung.

K. 1, 7-9.

Jesus hilf siegen, Weltüberwinder! bring' uns hindurch. In uns sind wir schwach, du aber bist mächtig. Jesu hilf und lass gelingen. Amen!

In der vorigen Betrachtung haben wir der Geschichte unserer Naemi vorgegriffen. Wir dachten sie uns schon hindurchgedrungen bis nach Bethlehem zurück, sie ist aber noch unterwegs. Da hat sich etwas zugetragen, bei dessen lehrreicher Betrachtung wir heute verweilen werden.

Es mag an der Grenze der Gemarkung ihres seitherigen Wohnorts gewesen sein, als unsere Pilgerin Naemi ihre Begleiterinnen entlassen wollte. Dass Beide Geburtsort, Heimatland, Eltern und Geschwister ganz verlassen, mit ihr in fernes Land, unter fremde Leute ziehen sollten, das ihrer Liebe und Anhänglichkeit zuzumuten, hatte Naemi nicht im Sinne. In genügendem Maße - dachte sie - haben mir Beide ihre Liebe an den Tag gelegt, indem sie mich so weit begleitet haben, weiter will ich sie mit mir zu gehen nicht nötigen. Muss doch einmal Abschied genommen werden, so sei es hier. So spricht sie denn zu ihren zwei Schwiegertöchtern, den jungen Witwen: „Geht hin und kehrt um, eine jegliche in ihrer Mutter Haus. Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten - nämlich an euren verstorbenen Ehemännern, meinen Söhnen - und an mir getan habt.“ Mit solchem guten Zeugnis bewiesener Treue, mit solchem frommen Segenswunsche sendet sie Beide zurück zu ihren Müttern, denn im Morgenlande lebten die Söhne bei den Vätern, die Töchter bei den Müttern. Dazu wünschte sie den jungen Weibern glückliche Wiederverheiratung und Wohlergehen in zweiter Ehe und gab ihnen scheidend den Abschiedskuss; die alte Naemi! und die beiden jungen Witwen huben ihre Stimme auf und weinten. O, der Abschied von der alten, guten Naemi, mit der sie so glücklich zusammen gelebt haben, die ihnen so viel Schönes aus ihrer Heimat, von ihrem Gottesdienste, ihrem Volke, ihrem Glauben und - den Verheißungen Jehovahs erzählt hat, ward ihnen zu schwer.

Schier wollte das Herz ihnen brechen. Sie sind entschlossen, diesen Abschiedsschmerz sich zu ersparen; sie sprechen: „wir wollen mit dir umkehren zu deinem Volke.“ Wie sich die alte Naemi über diesen ihren Entschluss Misstrauen! Was in den Gedanken der Beiden vorging, ihre Erwägung, dass es in Israel besser sei, als in Moab, das hat sie bemerkt; aber sie ist klug, sie nimmt sich's nicht an. Es fragt sich vor allen Dingen, was die Beiden zum Mitgehen bewegt. Das muss geprüft werden. Darum stellt sie ihnen vor, dass sie in ihrem Vaterlande viel günstigere Aussichten hätten, als in Kanaan. Kehrt um so redet sie zu ihnen - was wollt ihr ferner bei mir tun? Ich kann euch nichts mehr nützen, ich bin alt und vermag nicht nochmals Söhne zu gebären, welche euch nach unserm jüdischen Rechte zur Pflichtehe nähmen. (5 Mos. 25, 5.) Selbst wenn ich mich nochmals verheiraten und wider natürliche Erwartung Söhne gebären sollte, bis die erwachsen und heiratsfähig wären, wäret ihr für sie als Weiber zu alt. Seht, ich bin in betrübteren Umständen, als ihr, die züchtigende Hand des Herrn hat mich empfindlich geschlagen; so sagt selbst, was wollt ihr ferner bei mir tun? geht lieber zurück und heiratet Männer eures Volkes. So sprach Naemi, um ihre Schwiegertöchter zu prüfen. Diese sollten sich darüber klar werden, was sie zum Mitgehen nach Bethlehem bewege, ob natürliche Liebe zu ihr, der Naemi, oder die Liebe zu ihrem Bundesgott und Bundesvolke, ob die Aussicht auf irdisches Glück, oder die Hoffnung auf geistlichen Segen. Weinend empfinden sie die Schwierigkeit der Prüfung. Arpa besteht nicht, sie hat Moab zu lieb, küsst Naemi und geht wieder zurück. Und Ruth, die Blöde? Nun die ist entschlossen, sie bleibt. Aber die verständige Naemi nimmt sie nicht sogleich an, sie gehört nicht zu den allzu schnellen Leuten, welche gleich den zur Bekehrung Entschlossenen um den Hals fallen und sie als Brüder oder Schwestern begrüßen. Ihre eigene ernste Lebensführung hat sie ernüchtert. Sie setzt mit Ruth das Prüfungsgeschäft fort. Tut sie nicht Recht, dass sie sich unterwegs die Klagen der Begleiterin erspart: ach wäre ich daheim geblieben! wie die Israeliten sich in der Wüste zurücksehnten nach den Fleischtöpfen Ägyptens? „Siehe deine Schwägerin - sagt sie zur Ruth - ist umgewandt zu ihrem Volke und zu ihrem Gott, kehre du auch um deiner Schwägerin nach.“ Man sieht, es gilt jetzt der volle Ernst der Wahl, es handelt sich darum, entweder dem ererbten Götzendienst anzuhangen, oder dem lebendigen Gott zu dienen; es fragt sich, ob die Liebe zum Herrn obsiege über natürliche Verwandtschaftsliebe. Und wie gut war es, dass Naemi diese Prüfung vornahm! Sonst müssten wir ja das einzig schöne Wort im Alten Testament, die Entgegnung der Ruth entbehren: „Rede mir nicht darein, d. h. stehe ab von mir, dass ich dich verlassen sollte und von dir umkehren. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Ja sie schwört: der Herr tue mir dies und das, d. h. er strafe mich mit diesem oder jenem Unglück, wenn ich von dir ablasse; nur der Tod kann mich und dich scheiden. Welch' ein herrlicher Entschluss, welch' ein treffliches Bekenntnis aus dem Munde einer Heidin, eines blöden Weibes! Seht doch diese ganze Entschiedenheit ihrer Demut! Wie freimütig bekennt sie den Herrn, sie, die in Moab Geborene; wie fest ist sie entschlossen, das Heidentum zu verlassen und in Israel, im Gottesstaate sich einzubürgern! Es wäre Unrecht gewesen, hätte Naemi noch länger sie prüfen wollen. Ruths Glaube hat gesiegt, und nicht bloß Naemi, - auch die Engel im Himmel müssen sich darüber gefreut haben. So wandern denn nun Naemi und Ruth miteinander den Weg nach Bethlehem; Arpa aber war zurückgegangen nach Moab und mit keinem Worte weiter erwähnt ihrer die heilige Geschichte.

Der Mensch, welcher sich auf dem schmalen Wege befindet und durch die enge Pforte der Bekehrung hindurchgehen will, gelangt auch an eine Station, die heißt Prüfung. Ihre Beschreibung enthält mittelbar unser Text. Ungeprüft kommt Keiner vorwärts. In der Prüfung muss es sich entscheiden, ob es voran, oder zurück geht. Nicht alle erweckten Seelen sind auch bekehrte. Alle Arpas bestehen trotz der kräftigsten Erweckungen nicht in der Prüfung. Betrachten wir diese näher und diene uns diese Betrachtung zur gründlichen Selbsterkenntnis, und so der Herr Gnade schenkt, etlichen Seelen zur Entscheidung! Wir unterscheiden der Prüfung Stunde, Hergang und Erfolg.

Wie schon gesagt, an der Grenze des bisherigen Wohnorts wollte Naemi ihre beiden Schwiegertöchter entlassen. Dieser Ort lag hinter, der Weg nach Bethlehem vor ihnen. Hier schlägt für beide die Prüfungsstunde. Sie schlägt jeder Seele, die auf dem Wege zum Heil ist, in dem nämlichen Zeitpunkt, und es kann dann Jemand wahrnehmen, wie weit er auf dem Heilswege ist.

Erweckung ist vorangegangen. Das Wort Gottes, der gute Samen hat im Herzen Boden gefunden. Es hat sich innerlich etwas geregt, wie etwa der Gedanke: ach, ich bin wohl ein großer Sünder, ja ich möchte gern selig werden, o wie hat Jesus die Sünder so lieb; ich will mich aufmachen und mich bekehren. - Aber die eigentliche Bekehrung ist noch nicht erfolgt. Die Empfindung des Gnadenbesitzes, die Heilsgewissheit fehlt noch. Der neue Mensch liegt noch in den Geburtsschmerzen, und eben die Prüfung macht die meisten Wehen.

Diese Prüfung kann äußerlich an den Menschen herantreten unter mancherlei Umständen; so wird den jungen Christen nahe gelegt vor der Konfirmation, wenn der Taufbund erneuert werden soll und sich die Seele zu entscheiden hat mit heiligem Entschluss, es nicht mit der Welt, sondern mit Jesus zu halten. Diese Prüfung kann auch unter anderen Verhältnissen an Jemanden herantreten, bei dem Antritt eines Kirchenamtes, oder in Zeiten äußerer Verfolgung. Nicht immer schlägt die Prüfungsstunde hörbar, aber sie schlägt, und wenn sie schlägt, so rüste dich, es gilt eine schwere Entscheidung, die für alle Ewigkeit wichtig, entscheidend ist.

Naemi, die Bejahrte, war berufen, die Prüfung ihrer Schwiegertöchter vorzunehmen. Heil den Heiden, die in der Mission eine Naemi haben, Heil den Kindern, die sie in ihren christlichen Eltern, Heil den Gemeinden, die sie in bewährten Dienern des Herrn, oder in entschieden christlichen Mitbürgern haben! Immer besorgt der h. Geist das Werk der Prüfung, immer tut er es durchs Wort Gottes, dass er auf mancherlei Weise, bald durch Vermittlung von Menschen, bald ohne solche an die Seelen heranbringt als ein zweischneidiges, scheidendes Schwert. Den Hergang der Prüfung bildet das Verfahren der Naemi ab. Wir stellen uns die Grundzüge desselben zusammen. Was Naemi tut, das tut auch in der Prüfungsstunde das Wort Gottes. Naemi schickt ihre Begleiterinnen wieder heim. Und das Wort Gottes stößt auch die erweckten Seelen wieder zurück, sagt ihnen: geht nur wieder in euer altes Treiben und habt die Welt lieb! Wie, das tut das Wort Gottes, des Gottes, der sich über die Sünder erbarmt, der seinen eingebornen Sohn dahingegeben hat, die Sünder selig zu machen; des Gottes, der nicht will, dass eine Seele verloren werde, sondern dass sich Jedermann zur Buße kehre? unmöglich. Und doch, was sprach Jesus abwehrend zu dem kanaanäischen Weibe? rechnet Er sie nicht zu den Hunden, die nicht mitessen dürfen am Tische des Herrn? Sagt nicht das Wort Gottes auch dir: Mensch, der du selig werden willst, wisse, ein Recht auf Seligkeit hast du keineswegs; glaube doch ja nicht, du tust etwas Verdienstliches, wenn du nach dem Reiche Gottes trachtest; nein, verlasse dich darauf, du in Sünden erstorbener, Gott entfremdeter Mensch! deine alte, sündige Natur kann gar nicht in das Reich Gottes eingehen, sie gehört von Rechtswegen der Welt an und muss mit ihr verderben. Meine Lieben! Jesus macht selig nicht in Sünden, sondern von Sünden. Da muss also eine innere Scheidung eintreten; es muss sich zeigen, ob etwa ein Mensch nur von einem allgemeinen Erweckungsstrome sich hat fortreißen lassen, und nun, wo es Ernst gilt, zurückweicht, oder ob sich aus seinem alten Fleischessinne der innere Mensch absondert und ähnlich dem kanaanäischen Weibe demütig bekennt: Zwar, Herr, habe ich kein Recht auf Gnade, aber erbarme dich meiner, und verschmähe meine Bitte nicht. Freunde! wo Jemand nicht durch diese Demütigung hindurchgegangen ist und unauslöschlich in seiner Seele den Eindruck bewahrt: es ist lauter Gnade, nichts als Gnade, dass ich selig werden kann; da fehlt ihm ein wesentliches Stück, er ist in Wahrheit nicht bekehrt. Es gibt viele Erweckte und Berufene, aber wenig Bekehrte und Auserwählte, und Alle, die sich hochmütig stolz ihrer Bekehrung rühmen, die beweisen durch diesen Mangel an Demut ihr Nichtbekehrtsein. Seht zu, wie es um euch steht.

Was tat die Naemi weiter? Sie stellt ganz schroff einander gegenüber, wie es in Moab und wie es in Israel aussieht und welche Aussichten ihre Schwiegertöchter haben, damit keine hernach sagen könne: ich bin getäuscht und betrogen, ich habe es anders erwartet. Fast will es uns bedünken, als habe die liebe Naemi gar zu wenig, ja gar nichts Gutes von Kanaan, ihrer heiligen Heimat gesagt und in dem Tone geredet, wie hernachmals St. Paulus, da er von seinen Aussichten wehmütig sagte: „Bande und Trübsal harren meiner.“ Umso mehr Gutes wird Naemi ihnen früher von Kanaan erzählt haben. Woher anders soll die Ruth ihre am Schluss geäußerte entschiedene Glaubenszuversicht erlangt haben, als aus früheren guten Mitteilungen der Naemi? Die Heiden haben ihr doch gewiss nichts Gutes vom Volke Israel erzählt. - Ähnlich hält in Prüfungsstunden das Wort Gottes die ernste Wahl vor. Es nennt die Entbehrungen im Gnadenstande, die ungünstige Stellung der Welt gegenüber, es lässt nichts aus. Dazu versteht es der Arge, in grellen Phantasiebildern es auszumalen, wie reizend schön das ungöttliche Weltleben sei. Ja in dem Weltleben blühen dir manche Freuden und hochgeschätzte Genüsse, auf welche du als Christenmensch verzichten musst, sinnenkitzelnde und berauschende Vergnügungen, die dir als einem Kinde Gottes ferne bleiben müssen; vom weltlichen Standpunkt aus betrachtet erscheint das fromme Christenleben in der Tat gar arm, trist, öde, kahl, freudenleer, reich an Kasteiungen und mancherlei Trübsalen und nun in der Welt scheint es sich ja doch dabei ganz ehrbar und anständig leben zu lassen. Da heißt's denn, es wohl überlegen und die Kosten überschlagen, ehe man den Turm des Christenstandes aufrichtet, ob man es auch habe, hinauszuführen. Da heißt es, das Wort des Herrn zu beachten: „wer nicht absagen kann diesem Allen, der kann nicht mein Jünger sein.“ Meine Lieben! kennt ihr diese Schwierigkeiten der Wahl, diesen Ernst der Prüfung? Nein, wer Gott und Welt, Reich des Herrn und das Reich dieser Welt nicht zu scheiden weiß, beiden gleichzeitig dienen will, der rechne sich nicht zu den Bekehrten. Der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft. Der Heiland errettet die Seele nicht in diese Welt hinein, sondern aus der Welt.

Wir gewahren ferner in dem Prüfungsgeschäft der Naemi an ihren Schwiegertöchtern, dass sie die Beweggründe ihrer Reise nach Bethlehem ihrer ernstlichen Erwägung an heimgibt. Sie stellt sich, als wollten Beide nur ihr zu Gefallen mitgehen und erklärt ihnen darum recht anschaulich, dass Beide doch eigentlich an ihr, der bejahrten, armen, kinderlosen Witwe nichts hätten. Also, geht ihr nur mir zu Gefallen, so bleibt lieber in Moab. Damit reizte sie die Ruth zu dem Bekenntnis, dass sie nicht aus fleischlicher Liebe, sondern wegen ihres inneren Zuges zum Bundesgott und Bundesvolke mitgehen wolle. Der Ruth mag selbst jetzt erst in dieser Prüfungsstunde klar geworden sein, was sie innerlich bewegte.

Die Beweggründe zur Bekehrung gibt auch das Wort Gottes in ernster Prüfung zu erwägen. Es gibt auch unreine Beweggründe, Ja es gibt Leute, welche sich um äußerer Vorteile willen, um ein Amt zu erlangen, oder um vor den Gläubigen Ehre zu haben, oder um eine fromme Rolle zu spielen, in ein gewisses frommes Wesen hineinarbeiten, Bursche, die vielleicht einem Mädchen frommer Eltern zu Gefallen in fromme Versammlungen gehen usw. Solchen Arpa-Seelen gelingt es freilich nicht. Sie gehen ein Stück Weges mit, weinen auch vielleicht einige Tränen, dass sie nicht weiter kommen, und gehen wieder zurück, wie die Arpa nach Moab. Was treibt oder trieb dich zur Bekehrung? wenn nicht die Liebe Christi, wenn nicht dein tiefgefühltes Seelenbedürfnis der Treiber ist, dann taugt wahrlich deine Bekehrung nichts. Die Menschen sehen wohl auf das, was vor Augen liegt, aber Gott sieht das Herz an. Denke einmal nach, was Er an dir sehen wird.

Naemi trieb die Prüfung weit. „Siehe deine Schwägerin sagt sie zu Ruth - ist umgewandt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott, kehre du auch um, deiner Schwägerin nach.“ Du musst ja sonst die innigsten Bande natürlicher Freundschaft und Liebe zerreißen. Gleiche Möglichkeit stellt auch das Wort Gottes in Aussicht. Christus spricht: „wer Vater oder Mutter mehr liebt, als mich, ist meiner nicht wert.“ Das ist wohl eine schwere Prüfung. Wie, ihr Lieben! liebet ihr Jesum mehr, als Vater und Mutter, mehr als Äcker und Wiesen, Geld und Gut, Weib und Kind? und gesetzt, es träten Zeiten und Umstände ein, sie werden kommen in welchen es gilt, das Eine oder das Andere zu lassen, wie viele Bekehrungen werden sich dann als ungenügende, als unechte erweisen!

Ruth und Arpa hatten anfangs frischweg erklärt: „wir wollen mit dir zu deinem Volke ziehen.“ Naemi hatte ihnen zur Erwiderung den Gedanken nahe gelegt: „ihr könnt nicht.“ Gleiches sagt uns das Wort Gottes ausdrücklich. Dir selbst spricht es das Vermögen, die Kraft ab. Nur wer folgend dem Zuge des Vaters zum Sohne Christum aufnimmt, der erlangt dieses Können. (Joh. 1,12.) Das deutet uns der Herzenszustand der Ruth an. Schon preist ihr Glaube den Gott Israels als ihren Gott, und so kann sie mitgehen. Alle eigenmächtigen, selbstgemachten oder nach gewissen, in christlichen Kreisen gültigen Regeln fabrizierten Bekehrungen taugen nichts; der Geist des Herrn muss sie machen, sonst sind sie Spreu, vergängliches Menschenwerk. So siehe zu, ob du völlig, nicht bloß mit den Lippen, sondern in Tat und Wahrheit auf eigene Kraft verzichten und bekennen gelernt hast: „ich vermag nichts aus mir selber, aber Alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.“

Lasst uns also diesen Hergang der Prüfung, den wir nach Anleitung unseres biblischen Abschnitts betrachtet haben, zur Selbstprüfung dienen, und erwägen wir nun noch schließlich der Prüfung Erfolg. Er ist ein zwiefacher. Arpa geht zurück nach Moab, Ruth geht mit der Naemi. Arpa also, die „Hartnäckige,“ besteht nicht in der Prüfung. Meine Lieben! der alte Mensch, der fleischliche, der Welt verwandte Sinn, so fromm er sich stellen mag, kommt nicht über Moabs Grenze. Alle seine guten Entschlüsse, Vorsätze, Gelübde führen doch nur zurück in das alte, verlorene Wesen. Ruth dagegen, die „Blöde,“ besteht in der Prüfung. Der Demut allein gelingt es. Welches herrliche Bekenntnis hat sie abgelegt! In der Prüfung bewährte sich ihr Glaube als geläutertes Gold. Darum kann sie von der Naemi nicht lassen, weil Naemis Gott ihr Gott, Naemis Volk ihr Volk geworden ist. Herrlicher Ausspruch der Ruth: „wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, da will ich auch begraben werden!“ Herrliche Erscheinung, wo solches Bekenntnis sich wiederholt, sei es im ehelichen Leben, dass Mann und Frau so zusammenhalten durch die Liebe Christi verbunden, sei es auf dem Missionsgebiete, wenn die bekehrten Heiden von ihren Missionaren nicht lassen wollen. Und wenn auch kein frommer Mensch dir nahe stände, zu dem du Ruths Worte sprechen könntest, sprich sie zu Jesu, dem besten Freunde. Von Solchen spricht er: „Niemand soll die Meinigen aus meiner Hand reißen.“

Der Gewinn dieses Prüfungskampfes ist reiche Erquickung, seliger Genuss der ersten Liebe, gesegneter Anfang christlichen Fortschritts. Als Naemi die Ruth bewährt sah, ließ sie ab, mit ihr länger zu kämpfen; sie gingen miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Es ging aber Einer ungesehen mit ihnen, der half ihnen alle Schwierigkeiten überwinden, ich glaube, sie spürten seine heilige Gegenwart. Wer mag es gewesen sein?

Den Bekehrten geht Jesus voran. Des freue dich, meine Seele! Mein guter Hirte führet mich auf rechter Bahn; und ob ich schon wandere im finsteren Tale, so fürcht' ich dennoch kein Unglück, denn der Herr ist bei mir, sein Stecken und Stab getrösten mich. Mein teurer Josua zieht voran, Er bringt hinein nach Kanaan. Amen!