Um vorigen Abschnitt haben wir einige Klarheit darüber erlangt, was exzentrisch heißt. Wir haben gesehen, dass dieser Vorwurf in mancher Hinsicht unseren Verdacht erregen muss, weil, wie wir uns überzeugt haben, so viele, gegen die er allgemein erhoben wurde, ihn gar nicht verdienten. Indessen befürchte man nicht, dass wir uns daran machen werden, sämtliche exzentrische Leute zu rechtfertigen. Vielmehr sehen wir uns leider zu dem Zugeständnis genötigt, dass dem geistlichen Stande vielfach Personen angehört haben, welche unserm hohen Beruf arge Unehre gemacht haben. Männer aller Denominationen sind wegen ihres unmoralischen und ungeistlichen Wandels berüchtigt geworden. Sie verdienen, im allerschlimmsten Sinne exzentrisch genannt zu werden. Müssen wir doch sogar, wenn wir die Apostel verteidigen, Judas Ischarioth ausdrücklich ausschließen. Hält man uns z. B. einen Mann entgegen, der durch Haschen nach Originalität oder durch ein prahlerisches, schauspielerhaftes Betragen von sich reden machen will: wir sagen kein Wort zu seiner Verteidigung, überantworten ihn vielmehr wie einen toten Gaul den Geiern der Kritik. Mögen dieselben ihn in Stücke zerreißen und verschlingen, wenn sie Lust haben: denn unwahres und anmaßendes Wesen verdient die allerbissigste Kritik. Will man uns von einem Manne reden, der sich zum Possenreißer erniedrigt, der sich so weit vergisst, dass er es fertig bringt, Albernheiten zu sagen und mit heiligen Dingen Scherz zu treiben, um ein berühmter Mann zu werden: wir danken dafür, sein Fürsprecher zu sein.
Natürlicher Humor kann sehr wohl geheiligt und so gebildet werden, dass er das Joch Christi auf sich nimmt. Zeigt man uns aber einen Mann, der irgendetwas anderes in der Welt sucht, außer Gottes Ehre und der Rettung der Seelen, der bewegt sich auf falscher Bahn: unsere Seele komme nicht in seinen Rat. Ferner: triffst du einen Geistlichen, der unzart ist und eine keusche Wange erröten macht, stoße ihn herunter von der Kanzel und verschließe ihm die Tür. Wir haben Männer dieser Sorte gekannt, von denen sich aber auch gar nichts weiter berichten lässt, als das eine: sie waren schamlos; ja, man kann sagen, sie waren weniger als nichts wert, wenn sie gerade so sprachen, wie es ihnen ums Herz war. Es war auch nichts zu entdecken, was ihren Geschmacklosigkeiten hätte zur Entschuldigung dienen können. Denn sie wurden weder von übergroßem Eifer hingerissen, noch konnte die Würde dessen, was sie sagten, für die unwürdige Art, wie sie es sagten, entschädigen. Wir sehnen uns nicht danach, weder solche Menschen zu verteidigen, noch sie zu richten.
Es gilt uns gleich, ob Parochus der Gemeinde, oder Sprecher in einem bescheidenen Betsaal: der Mann, der den Anstand verletzt und mit erhabenen Wahrheiten wie ein Narr umspringt, ist seines Amtes unwürdig. Ich habe einmal gehört, dass ein Prediger in Northamptonshire, wo es so viele Schutzmacher gibt, um eine Versammlung zusammen zu trommeln, des Morgens bekannt machen ließ, er würde am Abend ein Verfahren angeben, wie man am schnellsten ein Paar Schutze machen könne. Als nun wirklich eine Menge Menschen zusammengekommen waren, gab er folgende Lösung: Man nimmt ein Paar Stiefeln und schneidet die Schäfte ab. Ist das wirklich so gewesen, so rufen wir dem Erfinder dieses schusterhaften Witzes zu: Schusterseele, bleib bei deinem Leisten! Mir erschien aber die Geschichte zweifelhaft, weil sie sowohl von Henley, als auch von Hill erzählt wird, und ich moralisch überzeugt war, dass wenigstens die letztere Relation eine zurechtgeflickte alte Geschichte war. Aber zu meinem Bedauern fand ich später eine vom Redner Henley herrührende öffentliche Bekanntmachung, welche beweist, dass er den obigen Streich wirklich ausgeführt hat, nur nicht in Northampton, sondern in London. Seine Anzeige fing mit einem lateinischen Satz an, welcher besagte, dass der Teil allemal im Ganzen enthalten sei. Wir werden gleich mehr vom Redner Henley hören.
Aus meiner Jugendzeit erinnere ich mich eines Geistlichen, welcher in der Nähe meines elterlichen Hauses wohnte und im Rufe der Verschrobenheit stand. Eines Sonntags fand er sich in der Kirche ein, brachte aber statt seines Predigtkonzepts eine politische Flugschrift mit. Indem er diese dem Kirchenvorsteher in seinen Stuhl hinüberwarf, bat er ihn, daraus vorzulesen, bis er seine Predigt geholt hätte1). Unzählige Streiche wurden diesem alten verbauerten Pfarrer nacherzählt, und seine ganze Lebensführung war danach, um den Ruf der Verschrobenheit zu rechtfertigen.
Wir wollen lieber nicht alle die Geschichten auffrischen, welche vor 30 Jahren in manchem essexischen Dorf über die Geistlichkeit erzählt wurden, da sie verdienten, je eher desto besser vergessen zu werden. Methodisten und Ranters2) sind gleicherweise von Trunkenbolden in Gassenhauern besungen worden und haben als Zielscheibe für manches giftige Spottgedicht gedient; doch niemals hat man ihrem unbesonnenen Eifer etwas nachsagen können, was ein Zehntel so nichtsnutzig gewesen wäre, als wie das ruchlose Leben ihrer Widersacher. Ich brauche nichts weiter hinzuzufügen; auf keiner Seite der Kirche darf man es wagen, mit Steinen zu werfen, denn überall hat es Beispiele von unwürdigen Pastoren, Abenteurern, Heuchlern, ja ausgemachten Narren gegeben.
Maßhalten ist nicht jedermanns Ding. Streut der eine ein gesalzenes Witzwort in seine Rede ein, gleich denkt in seiner Einfalt der andere, er müsse die ganze Predigt über die Leute in einem Lachen erhalten. Ist es dem einen angeboren, dass er, vom Eifer fortgerissen, in seinen Gebärden und Bewegungen hochdramatisch wird, gleich verfällt eine gewisse Sorte darauf, Grimassen zu schneiden und mit den Händen zu fuchteln, als ob man damit wer weiß was ausrichten könnte. Wenn der eine gelegentlich innerhalb geziemender Schranken geistreiche Anwendungen macht, so kann der andere nicht umhin, allerhand krause Einfälle zum Besten zu geben, bis man von ihm sogar sagen kann, was einst ein Fremder von König Jakobs Lieblingsprediger sagte: „Er spielt mit seinem Text, wie die Katze mit der Maus.“ Sie stülpen sich die Perücke des großen Geistes auf ihre kleine Hirnschale, und bilden sich ein, nun wären sie etwas geworden. Diesen Nachahmern großer Männer fehlt eben das Zeug, ihre Vorbilder zu erreichen; sie sind ein Abklatsch mit allen Mängeln des Originals behaftet, aber ohne dessen Vorzüge.
Um nun auf den oben genannten Redner Henley zurückzukommen, welcher vor etwa 130 Jahren in Butcher Row, Newport Market3) florierte, so ist nach so langer Zeit schwer auszumachen, was man von ihm glauben oder nicht glauben kann. Sind die Schilderungen der Geschichtsschreiber richtig, so war er ein exzentrischer Mann von jenem Genre, welches allen frommen Gemütern anstößig sein muss. Er bezeichnete sich selbst als den „Erneuerer der antiken Redekunst“ und verbreitete sich in seinen Reden über Religion, Politik, ja Personalien. Er wurde daher oft wegen Beleidigungen gerichtlich belangt, scheint aber trotzdem seine Zunge niemals im Zaum gehalten zu haben, glaubte vielmehr durch niedrige, gemeine, possenhafte Reden das hohe Ziel zu erreichen, welches er sich gesteckt hatte. In einer unglücklichen Stunde wagte er es, den Dichter Pope anzugreifen, welcher sich dadurch rächte, dass er ihn in seinem „Dunciad“ durch folgende Verse verhöhnte:
„Da seht Demosthenes' verrostet Bild!
Horch, wie die Stimme hohl und hohler schwillt!
Wild schlenkert er die Arme in die Runde,
Und blüh'nder Unsinn perlt von seinem Munde.
Wie niedlich hören sich die Sätze an
Doch frag' ich mich, singt oder spricht der Mann?
Mag Sherlock, Gibson, Hare zum Herzen sprechen,
Du bist zufrieden, wenn die Bänke brechen!
Doch, ob du attischen Geist und Witz dir schnurrst,
Du bleibst doch Henley, Pastor und Hanswurst!“
Ich wiederhole: niemand kann sagen, inwiefern Henley dies alles verdiente; nach den Berichten zu schließen, muss er aber ein hochbegabter Mensch gewesen sein, der leider auf die schlimmsten Abwege geraten war, dabei dünkelhaft bis zum Aberwitz. Solchem Gesellen widerfährt nur sein Recht, wenn er, was Pope so meisterhaft verstand, mit Skorpionen gezüchtigt wird.
Derartige Gestalten, wie Henley, begegnen uns nicht selten unter den Predigermönchen des Mittelalters, deren Unwissenheit und Pfiffigkeit gleichermaßen von ihren Zeitgenossen belacht zu werden pflegte. Indes finden sich auch treuherzige Männer unter ihnen, deren Absonderlichkeiten aus einem edlen Eifer entsprangen. Das Geschlecht der religiösen Possenreißer ist aber auch heute noch nicht ausgestorben, obgleich sie sich nur noch selten in so vollem Glanze zeigen, wie damals die Mönche. Leute dieser Art werden zwar vom christlichen Volke allgemein gekannt und gelesen, aber selten bringt ihnen ihr nichtsnutziges abenteuerliches Gebaren Ehre oder zeitlichen Gewinn; - das wäre auch wohl noch besser!
Die genannten bedauerlichen Beispiele werden oft angeführt, um wirklich vortreffliche Männer mit Steinen zu werfen, und der Nachweis, dass alle Prediger ebenso sind, wird trotz hundert entgegenstehender Tatsachen immer wieder versucht. Weil einige Scharlatane exzentrisch gewesen sind, so müssen durchaus alle exzentrischen Männer die reinen Betrüger sein. Indem man dies als ausgemachte Sache annimmt, geht man weiter daran, ganz nüchterne Männer als wunderlich und überspannt darzustellen, um schließlich alle miteinander in einen Topf zu werfen.
Vielen Männern hat man nun aber auch ohne alle Veranlassung, aus reiner Bosheit, Exzentrizität angedichtet. Wirf nur wacker mit Kot, etwas bleibt immer sitzen: nach diesem Grundsatz sind ehrenhafte Männer angegriffen worden. Waren sie wirklich ein klein wenig sonderbar und originell: gleich wurde es übertrieben und karikiert. Alberne Märchen, abgeschmackte Histörchen aus längst vergangenen Tagen werden wieder aufgewärmt und ihnen zugeschrieben. Es wäre interessant, einmal dem Stammbaum solcher Pastorengeschichten nachzuforschen; doch wird's durchaus nicht immer leicht sein, ihren Geburtsschein aufzutreiben. Ich glaube, dass ihrer viele weder Vater noch Mutter haben, und wie Hans Zaunkönig sagen können: „Bin wild gewachsen.“ Ursprung und Fortgang solcher landläufigen Nichtswürdigkeiten würde, genau untersucht, ein dunkles Blatt menschlicher Geschichte ans Licht ziehen. Dieselben Anekdoten vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht, nur werden sie immer neuen Personen angehängt. Zu der Zeit, wo man an vielen Kanzeln Stundengläser anbrachte, um zu lang ausgesponnenen Predigten eine Schranke zu setzen - was war da natürlicher, als dass die Schalksnarren anfingen, darüber Geschichten auszudenken. Eine derselben ist auf einem Kupferstich verwendet, welcher Hugh Peters auf der Kanzel darstellt, wie er, das Stundenglas emporhaltend, ausruft: „Ihr seid ja doch gute Leute - wir wollen ein frisches Glas kommen lassen!“ Wahrscheinlich hat Peters das niemals gesagt, oder wenn er etwas Ähnliches gesagt hat, so wird es im Zusammenhange einen ganz andern Sinn gehabt haben. Was nun auch Wahres daran sein mag, die Geschichte war zu gut, um sie wieder fallen zu lassen, und so geschah es, dass sie seiner Zeit mit wenigen Abänderungen von Daniel Burgess wieder erzählt wurde, einem berühmten nonkonformistischen Theologen, der durch kraftvolle Aussprache sich viele zu Feinden gemacht hatte. Auch das war noch nicht genug: zum dritten Mal tauchte eine ganz ähnliche Anekdote auf, und diesmal war es ein presbyterianischer Geistlicher, welcher sich des Ausdrucks bediente: „Wir wollen ein frisches Glas kommen lassen, und dann -,“ noch dazu, als er vor dem High Commissioner4) predigte. Rowland Hill und Matthew Wilks können von Glück sagen, dass zu ihrer Zeit diese Stundengläser bereits abgekommen waren, sonst wäre ihnen unfehlbar dieselbe Geschichte in die Schutze geschoben worden. Lügner sollten sich doch eines besseren Gedächtnisses befleißigen, damit sie daran dächten, ob sie nicht eine Geschichte schon anderweitig untergebracht haben. Ein Spürchen Erfindungsgabe würde ihre Arbeit viel kurzweiliger machen.
Einen lustigen Schwank habe ich einmal von Lorenzo Dow gelesen, welcher vor etwa 60 Jahren bei den Hinterwäldlern in Amerika an einem Baume herabrutschte, um anschaulich zu machen, wie leicht man „herunterkommen“ kann. Vorher hatte er sich mit äußerster Anstrengung daran in die Höhe gezogen, um zu zeigen, wie schwer es ist, wieder auf die Füße zu kommen, wenn man den Boden darunter verloren hat. Dieser Fall war mir umso kurioser, als man sich ganz denselben heiteren Unsinn von mir erzählt hat. Ich soll einmal auf dem Geländer meiner Kanzel hinabgeglitten sein, und das zu einer Zeit, als die Kanzel noch in die Wand eingemauert war und von hinten her betreten wurde. Ich habe nie auch nur die entfernteste Veranlassung zu solcher Lüge gegeben, trotzdem wird sie alle Tage neu aufgelegt, und ich habe selbst von Leuten gehört, welche dabei gewesen sein und mit eigenen Augen zugesehen haben wollen, als ich das possierliche Stückchen ausführte. Es kann ja vorkommen, dass jemand eine Lüge so oft wiederholt, bis er sie schließlich selber glaubt. Hier möge die Originalgeschichte folgen, wie sie Taylor in seiner Schrift „Der Musterprediger“ (Model Preacher) mitteilt:
„Einst ging ein Mann nach Vincennes in den Vereinigten Staaten, um Lorenzo Dow darüber predigen zu hören, wie man herunterkommen kann.“ Er erzählt: Eine ungeheure Menschenmenge war im Walde versammelt und wartete auf Dow. Endlich erschien er, und während alle auf die Predigt gespannt waren, stand er auf und kletterte auf einen Baum mit glattem Stamm. Oben rief er laut: „Halt dich fest, Dow, halt dich fest!“ Plötzlich rutschte er eins zwei drei herunter, setzte seinen Hut auf und ging ab. Das war die ganze Predigt.“
Wenn das wirklich die ganze Predigt gewesen ist, so überließ sie jedenfalls die Hauptsache dem Nachdenken der Zuhörer. Und das erinnert mich an einen Geistlichen in Wales, welcher immer nur wenig sagte, aber jedes Mal mit großem Nachdruck eine wichtige Frage an die Gemeinde richtete. Zum Beispiel bestieg er eines Sonntags die Kanzel, blickte rings umher und sagte: „Liebe Brüder, ich werde euch eine Frage vorlegen, die weder ihr noch ich beantworten können: Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Sprach's, stieg von der Kanzel und ging quer durch die Kirche nach Haus. Wenn die Hörer an jenem Morgen nichts gedacht haben, so war's nicht seine Schuld. Ich wundere mich, dass noch niemand diese Geschichte von mir erzählt hat. Am Ende denken sie, sie ist zu gut.
Rowland Hill soll einmal eine Summe Geldes zurückgelegt haben, wofür er eine Kommode anschaffen wollte. Da nahm seine Frau das Geld und kaufte sich einen neuen Hut. Um sie für diese Verschwendung zu züchtigen, soll er am folgenden Sonntag ausgerufen haben: „Seht, da kommt Frau Hill, mit einer Kommode auf dem Kopf.“ Es wäre ein wahres Wunder, wenn diese Anekdote auch nur eine einzige Stunde ihr Dasein gefristet haben sollte. Denn Hill war von angesehener Familie und besaß ein beträchtliches Vermögen. Es wäre für ihn eine Kleinigkeit gewesen, ein Dutzend Kommoden oder Hüte zu kaufen. Außerdem liebte er seine Gattin so zärtlich, und war ein Mann von so feiner Lebensart, dass er unter keinen Umständen jemals eine solche Sprache hätte führen können. Als er von der Geschichte hörte, sagte er: „Das ist eine ganz abscheuliche Lüge, die mich beinahe meiner Eigenschaft als Christ, wie auch als gebildeter Mensch gänzlich entkleidet; ich müsste ja geradezu ein Bär sein.“ Quer über manche von den Geschichten, welche über ihn gedruckt wurden, schrieb er eigenhändig „gelogen.“ Ich glaube, wenn unsereins es mit allen so machen wollte, so würde man alle seine Bleistifte verbrauchen. Wozu muss man dergleichen erfinden? Wir haben Fehler genug; man braucht uns Dinge, die wir nie begangen haben, nicht auch noch aufzubürden! Wirklich exzentrische Männer liefern während ihres Lebens Stoff genug zu allerlei Anekdoten, und wenn man tatsächlich vorgekommene Absonderlichkeiten einer Kritik unterziehen will, so kann sich kein Mensch beklagen. Aber welchen Reiz hat doch solch verlogenes Wesen?
Der Geistliche, welcher so oft vor aller Augen steht, braucht eine dicke Haut und muss sich gründlich in der Tugend der Langmut üben. Es wird ihm nicht schaden, wenn er sich das Verhalten des guten Cotton Mather vor Augen stellt, eines durch seine Sanftmut merkwürdigen Mannes. Als er einst an den politischen Bewegungen seiner engeren Heimat in hervorragender Weise Anteil genommen hatte, erhielt er eine große Menge beleidigender Zuschriften. Er band sie alle in ein Bündel und schrieb oben darauf: „Pasquille. Vater, vergib ihnen.“ Kein Gottesmann darf sich über Verleumdungen wundern, als ob ihm etwas Seltsames widerfahren wäre; denn die besten Diener Gottes haben in gleicher Anfechtung gestanden. Sehr wahr sagt Whitefield: „Tausende von Gebeten steigen für uns empor; tausende von Lügen gehen über uns um.“ Von ihm selbst und seiner Reise nach Schottland hieß es: „Wo er ging und stand, war er von einer gaffenden Menge umgeben, welche er zu überreden suchte, ihre Barschaft mit ihm zu teilen. Er war ein Beutelschneider und reiste mit vollen Taschen nach England, hinterließ aber einen schlechten Namen bei allen ausgenommen bei seinen abgöttischen Bewunderern.“ Und auch dies war noch eine Lüge.
Ich empfehle jungen Geistlichen, welche auf ähnliche Weise angefochten werden, die weisen und gehaltvollen Worte von Thomas a Kempis: „Mein Sohn! Kränke dich nicht darüber, wenn einige Menschen schlecht von dir denken, und sagen, was du nicht gerne hörest. Du sollst noch viel schlimmer von dir selbst denken und niemand für schwächer halten, als dich selbst. Wenn du im Geiste wandelst, wirst du nicht viel achten auf flüchtige Worte. Es ist eine große Weisheit, in den Tagen der Lästerung zu schweigen, in das Inwendige zu Gott einkehren und sich durch das Richten und Urteilen der Menschen nicht beunruhigen zu lassen. Dein Friede steht nicht auf den Zungen der Menschen. Denn die Menschen mögen gut oder böse von dir urteilen, deswegen bist du doch kein anderer Mensch. Wo ist denn der wahre Friede, die wahre Ehre? Wo anders, als in Gott? Wer nicht angesteckt ist von der Sucht, den Menschen zu gefallen, noch von der Furcht, ihnen zu missfallen, der genießt die Fülle des Friedens. Denn die ungeordnete Liebe und die eitle Furcht ist die Quelle, aus welcher alle Unruhe des Herzens und alle Zerstreuung der Sinne entspringt.“
Dr. Campbell erzählte mir einst Folgendes: „Eines Tages sagte Wesley in einer Predigt: „Man hat mir fälschlicherweise schon jeden Frevel schuld gegeben, dessen ein Menschenkind überhaupt fähig ist, nur eins nicht - Trunkenheit.“ Kaum hatte er's gesagt, als ein wüstes Frauenzimmer aufsprang und mit lautkreischender Stimme schrie: „Du alter Halunke, kannst du das leugnen? Hast du nicht gestern Abend deine Uhrkette für eine Kanne Schnaps versetzt und hat nicht das Weib sie an unsere Frau Pfarrerin verkauft?“ Nachdem sie so sich dieser fürchterlichen Lästerung entledigt hatte, setzte sich das Mannweib nieder, während die Versammlung vom Donner gerührt war. Wesley aber hob seine Hände gen Himmel und dankte Gott, dass das Maß nun erfüllt wäre; denn sie hätten jetzt um Christi willen „allerlei Übels fälschlich wider ihn geredet.“ Hiernach werden wir wohl die müßigen Geschichtchen erträglich finden, welche rings um uns von Mund zu Mund schwirren, da sie uns wohl einen Augenblick ärgern, aber sonst nicht weiter schaden können.
Ich gebe mich gerne der Hoffnung hin, dass eine zufällige Quelle vieler Unwahrheiten über treffliche Männer in entstellten Berichten zu suchen ist. In unseren Tagen müssen die Berichterstatter kurze Auszüge aus öffentlichen Reden liefern. Da ist es meistenteils geradezu unmöglich, dem Redner Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In ihrer Eilfertigkeit hören sie ungenau, und bei der unvermeidlichen Kürze geben sie notgedrungen einen lückenhaften Bericht. Nun aber kann die Auslassung eines einzigen Satzes den Sprecher sehr abgeschmackt und exzentrisch erscheinen lassen. Hierfür gibt uns unser teurer Freund C. A. Davis zu Bradford ein merkwürdiges Beispiel. Er hat etwas Zartes, Poetisches, ruhig Edles in seinem Wesen; und doch würde man ihm dies nach einem Zeitungsbericht über seine kürzlich in einer Versammlung unseres Predigerseminars gehaltene Ansprache nicht zutrauen. Folgendermaßen soll er sich da geäußert haben: „Möchte jedes Haar eures Hauptes eine Wachskerze sein, um euch in die ewige Herrlichkeit zu leuchten, und möchte der Teufel erst erfahren, dass ihr tot seid, wenn ihr schon zehn Minuten im Himmel seid.“ So wie es da steht, klingt's allerdings unsinnig; aber hört von einem Ohrenzeugen den ganzen Zusammenhang. Unser Freund sagte, er möchte wohl seiner Liebe zu uns allen recht innigen Ausdruck geben, und uns recht viel Liebes und Gutes wünschen können; er möchte jene arme Irländerin um ihre schwärmerische Treuherzigkeit beneiden, welche ihren Dank gegen einen Wohltäter in obigen Worten ausdrückte: „Möchte rc.“ Nun war zwar der Berichterstatter uns allen befreundet. Aber vermutlich musste man in der Druckerei Raums halber die vorangehenden Sätze streichen und so stand jener katholische Segenswunsch in seiner ganzen Überschwänglichkeit da. Es hat mich recht erheitert, dass verschiedene Zeitungen meinen Bruder Davis deswegen angegriffen haben, denn er ist einer der ruhigsten, maßvollsten, mildesten Redner, die ich kenne; darum gratuliere ich ihm, dass er durch reinen Zufall in den Ruf der Exzentrizität gekommen ist.
Könnt ihr euch wohl denken, welch schweres Kreuz es ist, wenn man niemals ein scherzhaftes Wort aussprechen kann, ohne ein Opfer der Kritik zu werden? Oftmals möchte ich gern vertraulich mit meinen Freunden reden, und mich so geben, wie man sich im trauten Familienkreise gibt, aber
„Das Blei wird heimlich angespitzt,
Der Zeitungsschreiber lacht verschmitzt.“
So etwas bedrückt einen Menschen mit warmem Herzen, der sich nicht gern immerfort einen Zwang auferlegt. Ich stimme ganz mit dem Archidiakon 5) Tillotson überein, wenn er sagt: „Es ist keine Kleinigkeit, wenn man immer auf dem Präsentierteller sitzt und beständig auf seiner Hut sein muss, wenn man niemals im Stande ist, in seinen Worten oder seiner Haltung sich zwanglos gehen zu lassen, ohne beobachtet und sofort kritisiert zu werden. Nur der Gedanke, dass es notwendig ist, oder die Hoffnung, mehr Gutes wirken zu können, als ein Privatmann zu wirken vermag, kann für die Unruhe und Unbequemlichkeit eines so öffentlichen und arbeitsvollen Lebens entschädigen.“ Die große Ungerechtigkeit liegt darin, dass man etwas, was jemand nur ein einziges Mal in einem scherzhaften Augenblick gesagt hat (und wer unter uns ist eine so elende Sklavenseele, dass er nicht auch gern einmal einen Scherz machte?), dass man so etwas ausposaunt, als ob sich daraus ein Schluss auf sein ganzes Leben ziehen ließe. Ein Mann jagt auf einem Spaziergange einen seltenen Schmetterling; sofort macht man aus ihm einen knabenhaften Menschen, der seine Zeit mit Fliegenfangen totschlägt. Ist denn das ehrlich? Ist das nicht eben so gut, wie eine direkte Lüge? Ich für meine Person habe nun schon so lange in einem Glashause gewohnt, dass ich gerade so wie die Bienen, welche ich einst im Kristall-Palast sah, ruhig meinen Geschäften nachgehe, und mich bemühe, lästige Zuschauer gar nicht zu beachten. Wenn trotzdem das, was ich tue und treibe, haarklein weiter erzählt wird, so ist mir das völlig gleichgültig ausgenommen in Zeiten einer niedergedrückten Gemütsverfassung; dann seufze ich nach einer Hütte in einer weiten Wildnis, wo der Lärm der Zeitungsmenschen und zudringliche Besucher (interviewers) mich nicht erreichen könnten. Würde nicht wahrhaftig mancher unserer Zuhörer zehnmal exzentrischer sein, als ihre Pastoren sind, wenn sie ebenso gehetzt und von Berichterstattern belagert wären, wie wir? Gott bewahre sie vor solcher Heimsuchung!
Hier erlaube ich mir einen Wunsch auszusprechen: möchte man doch solchen, von geistlichen Personen erzählten, spaßhaften Historien gegenüber nicht gar zu leichtgläubig sein, und noch viel vorsichtiger und bedachtsamer, ehe man sie wieder erzählt. Dieselben haben genug zu tragen, auch ohne dass man sie dem Hohngelächter der Welt preisgibt, noch dazu um Dinge, an denen sie völlig unschuldig sind. Als Stand angesehen, haben sie sich wahrscheinlich viel weniger Überspanntheiten zu Schulden kommen lassen, als irgendeine andere Klasse von Menschen. Die eigentliche Standessünde liegt tatsächlich viel eher darin, dass sie dazu neigen, ihren Eifer völlig einfrieren zu lassen. Daher ist es unter allen Umständen die größte Torheit, durch Übertreibungen und Lügen ein ungewöhnliches Feuer zu dämpfen, weil es möglicherweise im Verein mit sprudelndem Geist und in origineller Form auftritt.
Es hat auch noch andere exzentrische Männer gegeben, ja man trifft Namen, mit welchen dieses Beiwort stehend verbunden erscheint. Wer sind sie? Ich will mich bei Robert South nicht aufhalten, einem meisterhaften Prediger, von welchem einige beißende Aussprüche ebenso stark wie heftig sind. Erwähnen will ich auch nur solche Persönlichkeiten, wie Dekan Swift und Lorenz Sterne; ebenso jenen berühmten Witzbold Reverend Sidney Smith nur nennen. Denn bei diesen Herren war, trotz aller ihrer hohen Gaben, das Evangelium nicht gerade ihre stärkste Seite, und sie würden selbst schwerlich sehr erbaut davon sein, wollte man sie mit den ausgezeichneten Männern in eine Linie stellen, von welchen ich ausführlicher reden werde. Auch will ich nicht bei den exzentrischen Hitzköpfen verweilen, welche von ihren Kanzeln herunter gegen Methodisten und Erweckungsprediger donnerten und wetterten, einen ausgenommen, welcher wert ist, „ehrenvoll erwähnt“ zu werden.
„Samuel Roe, im vorigen Jahrhundert Landprediger zu Stotfold in der Grafschaft Bedfordshire, gehörte zu jenen streitbaren Helden, deren es nicht wenige gibt; er war ein Eiferer gegen den Eifergeist. Ohne hervorragende Gaben und Fähigkeiten, hätte er möglicherweise ganz unbeachtet leben und namenlos sterben können, hätte er nicht dadurch von sich reden gemacht, dass er anfing gegen das weitere Umsichgreifen des Methodismus zu Felde zu ziehen - ein Plan, der von ebenso großem Verständnis, wie von edler Gesinnung zeugt. Wir wollen einmal diesen liebenswürdigen und wohlwollenden Herrn mit seinen eigenen Worten reden lassen: „Ich mache in aller Demut den regierenden Gewalten den Vorschlag, falls sie es für ausführbar erachten sollten, an den Zeltpredigern ein Exempel zu statuieren. Man gebe ein Gesetz, wonach ihnen die Zunge ausgeschnitten werden muss; ebenso den Feld- und Wald-Lehrern, und allen andern, welche in Häusern, Scheunen oder sonstwo ohne apostolische Ordination oder ohne amtliche Berufung predigen.“6)
Genug davon; ich werde mich fortan ausschließlich auf solche Männer beschränken, welche die Kirche Gottes gebaut und Sünder zur Buße geführt haben.
Ich fange mit dem Zeitalter der Reformation an und nenne in allererster Linie den gewaltigen alten Hugh Latimer. Die Mitra auf seinem Haupte dämpfte weder seinen Eifer, noch seinen Witz. Gibt es irgendeinen reformatorischen Mann, dessen Name das Ohr eines Engländers heimatlicher berührt, als der Name Latimers? Wir bewundern Cranmer, Ridley, Hooper und die andern alle; Latimer lieben wir. Es ist etwas so Goldechtes, so durch und durch Englisches in dem Wesen dieses redlichen Dieners Gottes, dass, mag er nun im Tode den Marterpfahl küssen, oder lebend Könige strafen, unsere Herzen ihm entgegenschlagen. Aber daneben war er zugleich manchmal so sonderbar und eigentümlich in seinen Reden, dass wir ihn, da er noch dazu ein Bischof war, für sehr exzentrisch halten müssen. Sprach er doch einst von einer Frauensperson, welche nicht einschlafen konnte; schließlich habe sie gebeten, man möchte sie in die Kirche bringen, wo sie so oft während der Predigt geschlafen hätte und wo sie sicherlich sofort einschlafen würde. Erzählte er doch einst seinen Zuhörern eine drollige Geschichte von einem Bäuerlein, welches glaubte, der Kirchturm von Tenterden wäre schuld an den Goodwin Sands7). Hört, wie gemütlich er seine Gemeinde anredet: „Ich will euch nun noch eine schöne Geschichte von einem Mönch erzählen, die euch allzumal ein wenig aufmuntern soll. Einer von den grauen Brüdern predigte sehr fleißig, aber er hielt allezeit nur eine Predigt, und dieselbige war über die zehn Gebote. Da er nun schon oftmals diese Predigt gehalten hatte, so erzählte einst jemand, der es zuvor selbst erfahren, dem Knecht des Bruders, die Leute nannten seinen Herrn niemals anders, denn „Bruder Johannes Zehngebot.“ Jener hat das seinem Herrn alsbald hinterbracht, und hat ihm den Rat gegeben, nun auch einmal von etlichen anderen Sachen zu predigen; denn es bekümmerte ihn, dass sein Herr also sollte von den Leuten verlacht werden. Der Klosterbruder hat darauf diese Antwort gegeben: „Nachdem du also meine Predigt über die zehn Gebote so oft gehört hast, wirst du dieselbigen ganz genau auswendig wissen?“ „Freilich,“ hat da der Knecht geantwortet, „das könnt Ihr gewiss glauben.“ „Wohlan denn, lasse sie hören,“ befahl darauf der Klosterbruder. Und der Knecht begann: „Hoffart, Geiz, Unzucht - -“ und nannte also alle sieben Todsünden, anstatt der zehn Gebote. Also gibt es auch heutzutage gar viele Leute, welche vom alten Evangelio nichts mehr hören mögen, dieweil sie glauben, sie wissen dasselbige ganz auswendig, auch wenn sie nicht mehr davon wissen, als jener Knecht von den zehn Geboten.“
Womöglich noch gemütlicher ist eine Auseinandersetzung über die verschiedenen Arten von Betrügereien zu seiner Zeit. „Ich will euch von etlichen nichtsnutzigen Kniffen erzählen, so man in meiner Heimat anzuwenden pflegt. Doch erzähle ich es euch nicht, auf dass ihr's nachmacht, sondern dass euch solches eine Warnung sei. Denn alle die, so dergleichen Lug und Trug gebrauchen, kommen einst in die ewige schwere Höllenpein. Es hatte nämlich jemand eine unfruchtbare Kuh, und hätte doch gerne solche um viel schweres Geld verkauft. Wie stellte er's an? Er nahm das Kalb von einer anderen Kuh, und tat selbiges zu seiner Kuh. Also fuhr er zu Markte, und log allda, seine Kuh habe dieses Kalb zur Welt gebracht. Dadurch gewann er 3-4 Gulden mehr für dieselbige, als er sonst hätte dafür gewinnen mögen. Der Käufer kommt mit seiner Kuh heim, und da er vielleicht viele Kinderlein hat, so freut er sich, dass er denselbigen frische Milch wird geben können. Da er aber die Sache genauer besehen, fand sich's, dass seine Kuh unfruchtbar und er arg betrogen war. Der Andere aber, so die Kuh verkauft hat, hält sich für einen pfiffigen Kopf, für einen gescheiten Handelsmann, und wird von den andern als einer angesehen, der sich auf seinen Vorteil wohl verstehe. Aber ich sage dir, wer du auch bist: mach's gleich also, so dich's gelüstet - aber solches wird dein Lohn sein: du fährst zum Teufel, und da wirst du hängen müssen an dem feurigen Galgen in der ewigen schweren Höllenpein. - Ich will euch noch von einem anderen Betrug erzählen. Es fährt wohl mancher Bauersmann etliche Säcke Korn zu Markte; da er nun das schlechteste gern um ebenso viel Geld verkaufen möchte, wie das Beste, so tut er also: er nimmt ein Viert des besten Korns und schüttet es unten in den Sack; alsdann tut er zwei Viert vom schlechtesten darüber, und zuletzt noch ein Viert vom besten obenauf, bindet danach den Sack zu und bringt ihn auf den Markt. Kommt nun jemand daher, der Korn zu kaufen begehrt, und fragt: „Ist das guter Weizen?“ so antwortet er flugs: „Sicherlich, so guter Weizen, dass ihr in der ganzen Stadt nicht mögt besseren finden.“ Und so verkauft er den ganzen Sack voll um so viel, als wie der beste gilt, und ist doch nur ein halber Sack voll guten Korns gewesen. Der Mann aber, so ihn gekauft, denkt bei sich, er habe guten Weizen, und da er heimkommt und den Sack ausschüttet, so kommt nun das Korn, so zuvor unten gewesen, obenauf und bedeckt den ganzen Haufen, somit auch die zwei Viert schlechten Weizens. Und also geschieht es, dass er des Betruges nicht eher gewahr wird, als bis er anfängt, von dem Korn zu gebrauchen. Der andere aber, welcher es verkauft, meint, er habe gar klug gehandelt; aber vor Gott ist's gemeine Dieberei, und er ist gehalten, genau so viel heraus zu zahlen, als er für seine zwei Viertel nichtsnutzigen Korns zu viel empfangen hat. So viel muss er wieder zurück erstatten, sonst wird er nimmermehr in den Himmel kommen, wenn Gottes Wort wahrhaftig ist. Ich könnte euch noch mehr erzählen, zum Exempel wie man es anstellt, dass die Wolle recht schwer wiege; aber es ist nun genug.“
Wie würden die Köpfe auf den steifgestärkten, weißen Halsbinden zu wackeln anfangen, wollte Seine Bischöfliche Gnaden heutzutage eine solche Sprache führen. „Unerträglich exzentrisch,“ so würde das Verdikt von Canterbury und Winchester, und ebenso von Sodor und Man lauten.
Wir machen nun einen großen Sprung und kommen auf die neuere Zeit. Indem wir da an die große religiöse Erweckung unter Whitefield und Wesley erinnern, fragen wir: Wer ist hier eigentlich der exzentrische Mann? Da ließe sich nun mancher anführen; doch der hervorragendste unter allen bleibt John Berridge zu Everton. Derselbe war ganz und gar aus Wunderlichkeiten zusammengesetzt; trotzdem - wer spricht heute ohne Bewunderung von ihm? Wer sein Bildnis ansieht, muss lachen, und wer seine Briefe liest, kann vollends gar nicht ernst bleiben. Und doch wie gewaltig konnte er die Seelen aufrütteln und sie dem Erlöser in die Arme treiben. Tornton hat es ihm einmal ernstlich verwiesen, dass er in einem Gebet zu Tottenham Court Road die Bitte ausgesprochen hatte, Gott möchte doch seinem Volk kein altbackenes Brot bescheren, sondern welches ganz frisch aus dem Ofen. Ich vermag in diesem Gebet keine so besonders tadelnswerte Ungehörigkeit zu finden. Doch wenn Tornton fragt: „Sie haben mir einst im Scherz gesagt, Sie seien mit einer Narrenkappe auf die Welt gekommen bitte, lieber Herr, wär's nicht doch endlich an der Zeit, sie abzusetzen?“ so finde ich diese Frage am Platze. Besser noch gefällt mir aber doch Berridges Antwort: „Eine Narrenkappe lässt sich nicht so geschwind absetzen, wie eine Nachtmütze. Diese sitzt auf dem Kopf, jene auf dem Herzen. Krauses Zeug reden gehört geradeso zu meiner Natur, wie zum Raben sein Gekrächze.“ Berridge konnte nicht leben, ohne von Zeit zu Zeit seinem Herzen durch witzige Einfälle Luft zu machen. Man möchte glauben, dass er ein frisches, freies Gemüt gehabt haben müsse, welches seinen inneren Impulsen folgte, ohne danach zu fragen, was andere darüber denken würden. Gleichwohl war er jederzeit bereit, seinen Fehler einzugestehen, wenn er einmal zu weit gegangen war. An einer Stelle schiebt er sogar die Schuld auf körperliches Unwohlsein. Das könnte vollends ganz verdreht erscheinen; ist es aber durchaus gar nicht. Ich selbst habe Zeiten gehabt, wo ich an Neuralgie litt oder geistig gänzlich niedergeschlagen war: in solchem Fall durfte ich nur dann hoffen, zum Reden überhaupt fähig zu sein, wenn ich meinen Geist jede Fessel sprengen und den allerfreiesten Aufschwung nehmen ließ. Je heftiger mir der Kopf schmerzte, desto frischer ließ ich alle Bäche des Humors sprudeln hätte ich überhaupt aufs Reden verzichten müssen. Ähnlich spricht sich Berridge in der eben angedeuteten Stelle seiner Briefe aus: „Im Himmel lacht man nicht mehr; weil alle unaussprechlich glücklich sind, verstummt das Lachen. Dieses ist eine Krankheit der gefallenen Kreatur, und als solche plagt es mich gerade dann am allergewaltsamsten, wenn mein Geist durch ein nervöses Leiden auf den denkbar tiefsten Grad der Verstimmung herabgedrückt ist. Es überfällt mich dann ohne jeden Anreiz und hält mit solcher Hartnäckigkeit an, als wollte mich's völlig überwältigen; es ist mir auch rein unmöglich, es zurückzuhalten, höchstens kann ich es ersticken, dadurch dass ich mir ein Taschentuch in den Mund stopfe.“ Solche Anwandlungen waren zwar nicht häufig, doch lachte er beständig mit dem ganzen Gesicht. Ich bewundere seine Energie, mit welcher er sich zum Lachen zu zwingen vermochte, wenn er so schmerzlich litt. Der Eindruck, welchen seine Persönlichkeit auf den sehr nüchternen Sinn Andrew Fullers machte, verdient erwähnt zu werden; dieser sagt nämlich: „Ich bewunderte aufs höchste den Duft heiliger Weihe, welcher durchweg das drollige Wesen Berridges verklärte und durchgeistigte. Die Wirkung seiner Unterhaltung war die, dass man oft und rückhaltlos lachen musste, während eine Freudenträne im Auge perlte. Er scheint von einer brünstigen Liebe zu Christo erfüllt zu sein. Der Besuch bei ihm hinterließ in meinem Herzen einen tiefen und dauernden Eindruck; ich hatte gesehen, wie hinreißend schön Heiligkeit, ja eine nahezu gereifte Heiligkeit ist.“
Wenn ich bedenke, dass nach glaubhaften Berichten in einem Zeitraum von etwa 12 Monaten gegen 4000 Seelen durch seine Predigt zu Christo bekehrt wurden, und dass in der Gegend, wo er lebte und wirkte, sein Name noch heute als der eines großen Heiligen verehrt wird, so drängt sich mir die Überzeugung auf, dass in der Exzentrizität eines Berridge auch nicht ein Zug gewesen sein kann, der ihm zur Unehre gereichte.
Hill, welchen Berridge „lieber Rowley“ nannte, arbeitete schon wacker im Dienst seines Herrn, als der alte Landpfarrer vom Schauplatz abtrat, und trefflich hat er sich den Rat des alten Freundes gemerkt: „Mühe dich nicht ab, ein feiner Prediger zu werden; die Mauern Jerichos wurden mit Bockshörnern umgeblasen. Erwarte einfach von Christo den Stoff für deine Predigt; was du brauchst, wirst du empfangen; was du empfängst, wird gesegnet sein, gleichviel ob es Gersten- oder Weizenbrot, Kruste oder Krume ist. Dein Mund wird einem fließenden Strom, oder einem versiegten Quell gleichen, je nachdem dein Herz bestellt ist. Vermeide alle Zänkereien in der Predigt, in Wort und Schrift. Predige niemandem zu Leide - außer dem Teufel, und niemandem zu Ehre außer Jesu Christo.“
Neben Rowland Hill stellen wir naturgemäß Matthew Wilks, welcher das Tabernakel füllte, während jener in Surrey Chapel dichte Scharen um sich sammelte. Auf beide hoffen wir unten ausführlicher einzugehen.
Amerika brachte in der Zeit seines ersten Aufblühens Hinterwäldler-Prediger seltsam-exzentrischer Art hervor, z. B. Jakob Gruber, William Hibbard, James Oxley, Peter Cartwright und andere, eine wackere Brüderschaft von Männern, welche mit der Axt in der Hand, mit dem Evangelium auf redefertiger Zunge arbeiteten. Dasselbe Land schenkte uns den Vater Taylor, den Matrosenprediger von Boston. So grotesk manche von diesen Männern uns auch erscheinen, so können wir doch nicht umhin, ihren unverdrossenen Eifer und ihren unüberwindlichen Mut zu bewundern. Man bedenke nur, dass die Leute, welche ihres Dienstes begehrten, oft genug folgendermaßen schrieben: „Schickt uns doch ja einen tüchtigen Schwimmer, denn er muss durch eine unzählige Menge Flüsse.“ „Georg,“ sagte Bischof Asbury zu Georg Roberts, „wo hast du dein Gepäck?“ „Auf dem Rücken, Bischof,“ lautete die Antwort. Dieser Mann führte Nadel und Zwirn bei sich, um nötigenfalls seinen einzigen Anzug selbst ausbessern zu können. Allerdings die Vorliebe Cartwrights für kriegerische Unternehmungen können wir nicht gutheißen, und hoffen und wünschen, diese Eigentümlichkeit, dass ein Geistlicher gleicherweise zum Predigen wie zum Fechten bereit ist, möchte auf Amerika beschränkt bleiben. Wenn auch manche Menschen nichts Besseres wert sein mögen, als dass sie abgetan werden, so ist doch, wer sie abtut, schlimmer, als sie selbst. Indessen, diese Glieder der streitenden Kirche waren eben einmal raue Männer, die mit rauen Männern umgingen; wir unsernteils sind froh, dass man bei uns nicht in solche Versuchung, mit den Fäusten dreinzuschlagen, kommen kann.
Die Baptisten haben außer vielen weniger bekannten einen Robert Robinson zu Cambridge gehabt, von welchem Robert Hall sagte, er könne reden „was er wollte, wann er wollte und wie er wollte;“ und John Ryland zu Northampton, den sein gewaltiger Eifer und natürliches Wesen oft in exzentrische Bahnen trieb.
Aus den Reihen der Methodisten sind William Dawson, Gideon Ousely, Squire Brooke und andere hervorgegangen, deren Namen nicht sobald in Vergessenheit geraten werden. Und damit dürften, da wir nun doch einmal ein Verzeichnis tüchtiger und gesegneter Erweckungsprediger aufstellen wollten, Namen genug genannt sein. Nur eins sei schließlich noch bemerkt, dass es doch auffallend ist, wie oft diese bösen, exzentrischen Männer auserwählte Rüstzeuge gewesen sind, ja zu den bedeutendsten Männern ihrer Zeit gehört haben. Der Zeugenbeweis, durch welchen Matthew Wilks die Einwendungen gegen seine Schnurren und Schrullen entkräftete, war gar nicht so übel. Einst erschien eine Anzahl von Freunden bei dem alten Herrn, in der Absicht, ihm deswegen Vorstellungen zu machen. Viele treffliche Leute hatten sich an ihm geärgert, und seine Ratgeber hofften, dass er deshalb geneigt sein würde, sich zu bessern. Er antwortete ihnen: „Gut, meine Herren, wenn Sie mit Ihrem Anliegen fertig sind, so bitte ich, warten Sie einen Augenblick ich komme gleich wieder.“ Er ging in sein Zimmer hinauf und holte eine Papierrolle, welche er mit feierlicher Miene auseinander faltete. „Sehen Sie sich das einmal an.“ Es geschah. „Sehen Sie diese Menge Namen?“ „Ja.“ „Hier ist noch eine zweite Liste, sehen Sie diese auch an! Zählen Sie die Namen! Hier ist Numero drei, betrachten Sie die auch! Nun, meine Herren, Sie sehen diese Namen alle. So hören Sie denn: alle diese kostbaren Seelen bekennen, dass sie den Heiland und den Weg zum ewigen Leben eben durch das gefunden haben, was Sie meine „Schnurren und Schrullen“ zu nennen beliebten. Wenn Sie eine längere Liste in den Händen derer finden, welche keine solche Schnurren und Schrullen an sich haben, dann will ich versuchen, anders zu werden, um Ihnen zu gefallen. Bis dahin bin ich entschlossen, in gewohnter Weise fortzufahren.“ Und jeder verständige Beurteiler wird ihm Recht geben. Wir wollen zwar nicht behaupten, dass der Zweck die Mittel heiligt. Aber Mittel, welche zu einem solchen Ziele führen, bedürfen keiner Rechtfertigung.
Mögen diejenigen, deren unfruchtbare Amtsführung so sauber und akkurat aussieht, wie eine Reihe Leichensteine, sich immerhin aufhalten über die Ausschreitungen derer, welche tausende zu Christo führen. Wir unsererseits haben keine Freude daran, den Fehlern anderer nachzuspüren, wir wünschen sehnlichst nur eins, nämlich, ohne ihre Exzentrizität blindlings nachzuahmen, in das Geheimnis des Erfolges dieser Männer einzudringen, ob nicht vielleicht auch wir so oder so etliche erretten können. Ob dann exzentrisch oder nicht exzentrisch, das soll uns nur wenig verschlagen, sobald Menschenseelen vom zukünftigen Zorn erlöst zu Christo kommen und an ihn glauben lernen durch das Wort, welches wir ihnen gepredigt haben.