Rubanowitsch, Israel Johannes – Verschiedene Beter – 7. Das Gebet eines Pharisäers. - Das Gebet einer suchenden Seele.

(Text: Luk. 18, 9-14.)

Lasst uns zunächst noch einige Blicke auf den Pharisäer werfen. Es war durchaus nicht gelogen von dem Manne, wenn er sagte: Ich faste zweimal in der Woche. Das will sagen: Ich esse zweimal 24 Stunden lang keinen Bissen Brot und trinke zweimal 24 Stunden lang keinen Schluck Wasser.

Es war von dem Pharisäer ebenso wenig gelogen, als er behauptete: Ich gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe. Seht, darin unterschied er sich wesentlich von dem Zöllner und noch von vielen andern Leuten.

Auch das ist kein Unrecht, wenn jemand vor Gott sagen kann, er sei kein Ehebrecher, kein Mörder, kein Ungerechter. Das ist an und für sich gar nichts Falsches; oder darf man denn nicht danken, dass man nicht so tief gesunken ist, wie diese und jene? Darf man Gott nicht danken, dass man nicht ein Ehebrecher oder ein Mörder geworden ist? Sagt, meine Teuren, darf man Gott denn nicht danken, dass er einem den Gerechtigkeitssinn gegeben hat, der das Leben in Zucht gehalten?

Das Danken ist durchaus nichts Falsches; aber hinter diesem Danken des Pharisäers steckt etwas ganz anderes; da sagt man dann: Ach Gott, dir sei Dank, ich bin nicht wie der und jener, wie diese und jene; das bin ich nicht. Diese Leute denken nicht daran, dass sie es allein Gott zu verdanken haben, wenn sie noch nicht zu Mördern und Ehebrechern geworden sind. Sie vergessen, dass es allein die treue Gnadenhand Gottes war, die sie davor bewahrt hat. O nein, man war selbst so solid, so gut, so brav, so fleißig, so arbeitsam und ich weiß nicht, was alles noch. Gott kommt dafür im tiefsten Grunde gar kein Dank zu. So liegt die Sache hier.

Das Auffallende bei dem Pharisäer ist, dass dieser sich absolut getrennt fühlte von den andern Menschen, dass er sich völlig geschieden dünkte von Zöllnern und Sündern. Das findet ihr heute noch überall, wo ihr dem Pharisäer begegnet. Solche Leute, die keine Mörder und Ehebrecher sind, sehen mit tiefer Verachtung und wahrer Abscheu auf einen Mörder herab. Frauen, die keine Ehebrecherinnen sind, werden sich wohl hüten, mit solch einer gefallenen Dirne oder Frau auf einer Bank zu sitzen; oder sie werden es am Ende nur dann tun, wenn die äußerste Not sie dazu zwingt. Ach, da setzt man sich mit großer Vorsicht auf das alleräußerste Ende der Bank, auf dass man nur ja nicht - ja was denn? neben ihr sitzen muss; denkt doch, so eine fromme Frau neben einer Gefallenen, so ein frommer Mann neben einem Vagabunden, so ein guter, anständiger Bube neben einem wilden, ausgelassenen. Das ist genau dieselbe Geschichte, wie ihr sie Leider heute zwischen Arm und Reich findet.

Wenn ein reicher Mann mit goldener Brille und goldener Kette im Zylinderhut in die Versammlung träte, würde er sich wohl zwanzigmal umsehen, ob er sich nicht zu einem besser gekleideten Manne hinsetzen könne, wie wenn die Armut ihn anstecken würde!

Dieses sich Geschiedenfühlen und Geschiedenhalten, dieses sich Überheben über die andern, über solche, die man nicht auf gleicher Höhe mit sich selbst weiß; das ist ein Gräuel vor Gott - und das tun die Pharisäer.

Wird es einem wahrhaft Wiedergeborenen schwer fallen, sich neben einen Mörder zu setzen? Mir niemals, und wenn er auch der größte, ruchloseste Mörder der ganzen Schweiz wäre! So geht es aber jedem Wiedergeborenen. Hier ist einfach dieses sich Besserdünken als andere ausgeschlossen.

So wahr es ist, dass ein Wiedergeborener nicht in den Wirtshäusern seine freie Zeit zubringt, so wahr ist es auch, dass die Stündeler nicht im Theater sitzen, und zwar nicht deswegen, weil dort schlechtere Menschen sind als sie, sondern um des Zweckes willen. Gott hat in ihre Seele hineingeleuchtet und ihnen gezeigt, dass sie auf dem gleichen Wege wären, wenn Gott nicht seine Gnadenhand über sie gehalten hätte; er hat ihnen gezeigt, dass sie ebenso tief gesunken wären wie der Lasterhafteste, wenn Gott sie nicht errettet hätte.

Der Umgang mit Gott macht einem klein und treibt allen Dünkel aus dem Hirn und Herzen heraus! - Da sagt man nicht: Ich bin nicht wie der und jener oder auch wie dieser Zöllner!

Nun sitzt der Pharisäer wieder in einer andern Ecke. Da sagt er zum Beispiel: Ja, dieser und jener darf sich wohl bekehren, der hat Grund und Ursache genug dazu; ich aber danke Gott, dass ich kein Ehebrecher und kein Mörder bin. Mein Freund, dass du bei guter Erkenntnis unterscheiden kannst zwischen gerecht und ungerecht, Gottes Willen und Menschenwillen, und du hast dich bis heute trotzdem nicht bekehrt, das liefert mir eben den Beweis, dass du noch ein Pharisäer bist. Denn wenn du dein ganzes, elendes, jämmerliches Schmutzleben vor Gott eingesehen hättest, so wärest du anders geworden und hättest Gottes Gnade gesucht, anstatt dich über andere erhaben zu dünken.

Lasst uns nun auch den Zöllner ein wenig näher ins Auge fassen. Es heißt hier: Der andere aber, der Zöllner, von ferne stehend, wollte auch seine Augen nicht aufheben gegen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig!

Bevor ich aber auf diese zweite Persönlichkeit eingehe, möchte ich euch noch auf einen Punkt betreffs des Pharisäers aufmerksam machen, und das ist: Es gibt viele Menschen, die sind von Natur die Liebenswürdigkeit selber; es sind sehr leicht gerührte Menschen, und wenn man sie so betrachtet, so tun sie sehr viel Gutes im Verhältnis zu andern Geizhälsen. Angenommen, ihr wärt alle so gute, liebenswürdige, erbarmungsvolle Menschen - ich möchte euch nur das Eine fragen, und zwar vor eurem Gewissen und vor dem lebendigen Gott. Habt ihr bei eurem Wohltun schon je einmal den Zehnten eures Einkommens für Arme und Elende hingegeben, ihr liebenswürdigsten Menschen der Umgebung? Habt ihr je für gute Zwecke so viel ausgegeben, ihr Barmherzigsten in der Schweiz? Ich fürchte, es ist kein einziger unter euch, der das jemals tat. Seht, der Pharisäer hat das getan! Auf euer Wohltun, eure Barmherzigkeit und Liebenswürdigkeit, so lobenswert das alles auch an und für sich ist, sehe ich keinen Wert; ihr seid noch lange nicht an den Pharisäer gelangt; nein, ihr steht noch unter ihm. Und wenn ihr auch noch so viel ausgegeben hättet, aber dieser oder jener euch zu schlecht ist, so dass ihr über ihn die Nase rümpfen könnt, so seid ihr dennoch Pharisäer.

Der zweite Mann, von dem unser Text redet, ist wesentlich anders. Hier findet ihr nur das Gebet eines Gnadenhungrigen, und dasselbe lautet: Gott sei mir Sünder gnädig! Es ist gar keine Frage, dass in eines jeden Menschen Leben mehr oder weniger gute Stunden vorkommen, wo sie auch etwas für Arme tun; man findet das sogar manchmal bei Trunkenbolden. Aber darauf kommt es gar nicht an, sondern die Hauptsache ist, ob eine Seele sich beugt vor Gott, ob sie sich vor Gottes Angesicht verwerflich fühlt und innerlich spürt, dass nur eins sie retten kann: Gnade. Gott, sei mir Sünder gnädig, das ist das Gebet einer suchenden Seele. Nicht wahr, das könnt ihr ja alle beten? Das ist gar leicht gesagt - man kann es sogar auswendig lernen. In Wirklichkeit tun dies heute sehr viele Pharisäer, und zwar sagen sie jetzt nicht mehr: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie der und jener, sondern sie beten: Gott sei mir Sünder gnädig! Also wiederum sind sie besser als die Stündeler wiederum sind sie weiter wiederum sind die Pharisäer oben auf. Seht, es kommt nicht so sehr auf das Reden an, als vielmehr auf den Grund, warum man etwas sagt. Man kann sogar hier noch meinen, Gott mit schnödem Geschwätz abspeisen und abfertigen zu können!

Aber was ist denn das Charakteristische bei dem Zöllner? Da stand dieser Mann, schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig! Im Judentum ist das Schlagen an die Brust ein Zeichen tiefer Zerknirschung. Man sagt heute noch in die Welt hinein: Schlag an deine Brust. Das ist das Auffallende bei dem Zöllner.

Schon viele Leute sind auf dem Punkte gewesen, sich zu bekehren und dem Herrn zu übergeben. Aber während sie innerlich tief ergriffen waren über ihre Sünden und darüber schamrot wurden bis an die Haarwurzeln, erhöhte sich dieses Schamgefühl noch, weil sie Angst bekamen, dieser oder jener habe es bemerkt und könnte schließlich sagen: Seht, da ist der Zöllner und Sünder!

Schon manche Männer haben ihre Zähne zusammengebissen, um die Tränen in ihren Augen gewaltsam zurückzudrängen, nur dass es niemand merken soll: der ist getroffen! Seht, da steckt der Pharisäer schon wieder.

Es ist gar keine Schande, einzugestehen, dass man schlecht gewesen ist; aber eine Schmach ist es, wenn jemand seine Verkehrtheit nicht zugeben will und kann. Von dem Augenblicke an, wo die Seele jenen heiligen und herrlichen Mut, jenen Heldenmut erlangt hat, dass sie sich nicht mehr schämt vor andern, beginnt die Besserung. So lange dieses aber nicht geschehen ist, gibts keine Änderung in deinem Leben. Der erste Schritt, den du zu tun hast, ist: Schlage an deine Brust schäme dich nicht, zu sagen: so bin ich und kehre jetzt um! Lass dich's nicht kümmern, wenn auch die andern dich fragen: Bist du verrückt, bist auch du so ein Stündeler geworden? Das macht gar nichts. Mögen sie auch über dich lachen, mögen sie dich verspotten - was ist doch das? Sie tun ja nichts Besonderes. Herz, ich frage dich vor Gott und deinem eigenen Gewissen: Hattest du je eine Stunde in deinem Leben, wo es dir so um Gottes Gnade zu tun war, dass du nicht mehr nach deinen Freunden, nach deinen Verwandten und Bekannten gefragt hast? Kannst du dich je einer Stunde in deinem Leben erinnern, wo du dir vorgenommen hast: Jetzt muss es anders werden koste es, was es wolle; mögen sie über mich lachen und mich verspotten; das ist mir ganz gleich? O schlage an deine Brust? Hast du das je getan? Sieh, dieser Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus vor jenem; denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Und nun noch ein Wort zur Sache! Könnt ihr jetzt sehen, die ihr dem Herrn bis heute fern gestanden, die ihr feindlich über die Kinder Gottes geredet habt, wie furchtbar, schrecklich und schändlich ihr gehandelt habt? Einem wirklichen, wahren Kinde Gottes wird es nie einfallen, jemand zu verachten, das ist einfach ausgeschlossen. Mir fällt es nie ein, einen Menschen zu verachten, wenn er auch der größte Lästerer wäre; ich kann mich trotzdem nicht besser dünken als er. Es gibt nur einen Unterschied zwischen ihm und mir, und zwar besteht derselbe nicht etwa darin, dass jener schlechter sei als ich. O nein, der einzige Unterschied ist der, dass ich Vergebung habe und er hat noch keine. Mein Freund, du kannst diese Vergebung gerade so gut wie ich bekommen. Wer ist dem Heiland angenehm? Jeder Mensch, welcher sich in Wahrheit vor Gott beugt und über sich selbst den Stab bricht; jeder Sünder darf zu Gott kommen und wird Gnade bei ihm finden, wenn er wie der Zöllner zu ihm kommt. Wir als die Wiedergeborenen sind schon gekommen; ihr aber, die ihr noch nicht gerettet seid, kommt doch auch! Das andere gibt sich dann schon.

Es ist durchaus falsch und höchst ungerecht, wenn die feindlich gesinnte Welt die Stündeler als Pharisäer ansieht. In Wahrheit seid ihr solche, die ihr die andern verachtet habt. Die Stündeler haben euch nichts in den Weg gelegt. Sagt, ist es Wahrheit oder nicht? Schlagt an eure Brust! Und ihr Seelen, die ihr vom Geiste Gottes erfasst worden seid, wenn ihr es ehrlich meint mit eurem Gott, wenn ihr aufrichtig gegen ihn sein wollt, dann werdet ihr euch nicht schämen, den Weg wahrer Demütigung zu gehen und Buße zu tun. Mein Freund, wenn du dich wirklich bekehren willst, dann tue es heute! Entlarve dich selbst und mache heute noch ernst - komme heraus aus deinem Versteck aus helle Licht, und Gott wird dich erleuchten und erwärmen mit seiner Gnade Strahl. Jesus ist für die Sünder gekommen, aber nur für solche, die ihre tiefe Gesunkenheit erkennen. Niemand ist so schlecht, dass er nicht vom Heiland aufgenommen werden kann; allerdings unter der Voraussetzung, dass er willig ist, sich selbst vor Jesus zu entlarven, dass er an seine Brust schlägt und spricht: Gott sei mir Sünder gnädig!

Macht ernst, die ihr bis jetzt noch ferne gestanden seid, di ihr bis heute falsch gedacht habt über euern Gott. Macht ernst, die ihr noch nicht zur Buße und Bekehrung gekommen seid - kehrt doch heute um! Amen.