Am Himmelfahrtstage.
Kap. 2, 9-11.
Darum hat ihn auch Gott erhöht, und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist: dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel, und auf Erden, und unter der Erde sind; und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.
Darum hat ihn auch Gott erhöht, so beginnt unser Text, und von der Erhöhung Jesu Christi handelt er bis zu seinem Ende hin. So ist es ein Text, wie geschaffen für das heutige Fest; denn was feiert die Christenheit heute anders, als einzig und allein die Erhöhung Jesu Christi? Das Himmelfahrtsfest ist das Erhöhungsfest, wie das so herrlich besungen wird in unseren evangelischen Himmelfahrtsliedern, auch in dem Liede des frommen Bandwirkers, das wir eben sangen: „Siegesfürste, Ehrenkönig, höchst verklärte Majestät, alle Himmel sind zu wenig, du bist drüber hoch erhöht!“
Darum hat ihn Gott erhöht, so beginnt der Text. Warum ihn Gott erhöht hat, das haben wir in eingehender Erwägung der unserem Text vorangehenden Verse, die von der Erniedrigung Christi handeln, dreimal schon betrachtet, an den beiden Weihnachtsfesttagen und am stillen Freitag. Darum hat Gott den Herrn Jesum so sehr erhöht, weil er sich so sehr erniedrigt hat. Den irdischen Vater der Menschheit, Adam, der sich selbst so sehr erhöht hat, unter dem Banne der alten Schlange, dass er sein wollte wie Gott, hat Gott so tief erniedrigt, dass der Emigrant des Paradieses mit seiner ganzen Nachkommenschaft auf einer Erde voller Dornen und Disteln, mit Kummer und im Schweiß des Angesichtes sich nähren muss sein Leben lang, bis er wieder zur Erde wird, davon er genommen ist; eine Erniedrigung von der noch heute gilt: „Es geht ein allgemeines Weinen, so weit die stillen Sterne scheinen, durch alle Adern der Natur“, eine Erniedrigung, vor der bei jeder Leichenschau, an jedem offenen Grabe die Menschenseele in ihrer tiefsten Tiefe erschauert. Den himmlischen Bruder der Menschheit aber hat Gott so sehr erhöht, weil derselbe es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern zum Heil der Menschheit und zur Ehre Gottes sich selbst entäußerte und sich erniedrigte bis zum Tode am Holze des Fluches. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden das ist die Unterschrift unter dem Bilde Adams, des irdischen Vaters der Menschheit. Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden das ist die Unterschrift unter dem Bilde Christi, des himmlischen Bruders der Menschheit. Adams Hochmut und Erniedrigung das Unheil der Menschheit; Christi Demut und Erhöhung das Heil der Menschheit.
Darum, weil er die Demut selber war, hat Gott unseren Heiland erhöht. Aber nicht nur davon redet unser Text, dass Gott ihn erhöht hat, sondern auch davon, dass wir ihn erhöhen sollen, dass unsere Knie sich in seinem Namen beugen, und unsere Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Von diesem doppelten Gesichtspunkt aus haben wir also heute zu betrachten,
die Erhöhung Jesu Christi
1. wie Gott ihn erhöht hat,
2. wie wir ihn erhöhen sollen.
Gib uns dazu hohe Gedanken und einfältige Worte, erhöhter Heiland! Du kannst alles aller Orten nun erfüllen und nahe sein; meines armen Herzens Pforten stell' ich offen, komm herein! Amen.
Darum hat ihn auch Gott erhöht. Es gibt eine Erhöhung Jesu Christi, die nicht einen Gegensatz zu seiner Erniedrigung bildet, sondern ganz und voll zu seiner Erniedrigung selbst gehört. Wenn der Heiland in den Tagen seines Fleisches, Joh. 3, von sich sagt: „Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben,“ so spricht er von seinem Hängen am Kreuz, als dem Höhepunkte seiner Erniedrigung. Und wenn er Joh. 12 spricht: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen“, so legt der Evangelist Johannes, der uns diesen Ausspruch Jesu Christi aufbewahrt hat, sofort selbst diesen Ausspruch dahin aus: „Das sagte er aber, zu deuten, welches Todes er sterben würde.“ Immerhin ist in diesen und ähnlichen Aussprüchen Christi ein gewisser Doppelsinn des Wortes „Erhöhung“ unverkennbar. Es ist mit Recht gesagt: „Die Erhöhung ans Kreuz, den Thron der Liebe, zu welchem die Gläubigen der ganzen Welt ausschauen, erscheint dem Heiland als das großartig ironische Sinnbild seiner Erhöhung auf den Thron der Herrlichkeit.“ Aber diese Erhöhung Christi ans Kreuz feiern wir heute nicht; wir haben sie am Karfreitag gefeiert.
Es gibt eine Erhöhung Jesu Christi, die allerdings einen Gegensatz zu seiner Erniedrigung bildet, aber doch zeitlich dem Stande seiner Erniedrigung angehört. Im ganzen Erdenleben des Menschensohnes findet sich beständig die Hoheit und die Niedrigkeit wunderbar mit einander. Dass ich einzelnes nenne: Welch' eine Erniedrigung, dass der, den niemand einer Sünde zeihen konnte, um alle Gerechtigkeit zu erfüllen, sich von Johannes taufen lässt mit der Taufe zur Buße! Welch' eine Erhöhung, dass sich der Himmel auftat über ihm und der Geist Gottes gleich als eine Taube herabfuhr auf ihn und eine Stimme vom Himmel sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe!“ Welch' eine Erniedrigung, da Jesus seinen Jüngern bekannte, wie er müsste hin gen Jerusalem gehen und viel leiden, und getötet werden; und welch' eine Erhöhung, da er dann seine Jünger beiseite führte auf einen hohen Berg und er verklärt ward vor ihnen und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne! Aber diese Einzelfälle äußerlicher Verherrlichung Christi in seiner Erniedrigung werden weit überragt durch die fortgehende geistige Hoheit, die dem Erlöser eigen war und die aus seinem ganzen Wesen leuchtete, davon der begeisterte Johannes sagt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.“ Indessen auch diese Erhöhung Christi, die den goldenen Einschlag bildet in dem Gewebe seines niedrigen Pilgerkleides, feiern wir heute nicht; wir gedenken ihrer ja sonst wieder und immer wieder in unseren gewöhnlichen Sonntagsbetrachtungen, aber heute nicht.
Die Erhöhung Jesu Christi, die unser Text meint und die wir samt aller Christenheit am Himmelfahrtsfeste feiern, ist die Erhöhung, die den vollsten Gegensatz zu seiner Erniedrigung bildet und die die Folge seiner vollendeten Erniedrigung ist. Nicht als ob diese Erhöhung Jesu Christi erst mit seiner Himmelfahrt begonnen hätte, vielmehr gilt unser Textwort: „Darum hat ihn auch Gott erhöht“ schon von Ostern an. Christi Erhöhung begann, da er den Tod zu Tode schlug und die Riegel des Grabes sprengte; wenn wir die Auferstehung Christi feiern, dann singen wir auch: Heut triumphieret Gottes Sohn. Die Erhöhung Jesu Christi setzte sich fort in den vierzig Tagen der Freude, da der Herr den Aposteln und der ganzen Jüngerschaft sich lebendig erzeigte durch mancherlei Erweisungen und ihre Herzen brannten bei seinen Worten und sie ihn erkannten an dem, dass er das Brot brach. Aber bei seiner Himmelfahrt und durch seine Himmelfahrt erhielt die Erhöhung Jesu Christi ihren letzten großartigsten irdisch-sichtbaren Ausdruck; er ward aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn weg vor den Augen der Menschen. So geheimnisvoll dieser Vorgang auf dem Ölberge ist, so ist er doch eben der letzte, abschließende, irdische geschichtliche Beweis für die Erhöhung des Gekreuzigten und Auferstandenen zur Rechten der Majestät Gottes, d. i. zur Gemeinschaft der göttlichen Herrlichkeit. Gott hat ihn erhöht; der griechische Ausdruck, dessen sich Paulus in unserem Text bedient, ist ganz einzigartig und kommt sonst nirgends im Neuen Testament vor; die ganz buchstäbliche, aber nicht recht deutsche Übersetzung müsste lauten: Gott hat ihn übererhöht. Offenbar ist, dass der Apostel die Erhöhung Jesu Christi als die allerhöchste Erhöhung, die überhaupt möglich und denkbar ist, ja, die alles Denken übersteigt, kennzeichnen will. Ein Mann von unserem Fleisch und Blut, nur ohne Sünde, ein Mann, über dessen schmerzensvollem Erdenleben dieselbe Sonne schien, die uns Spätgeborenen heute noch scheint, ein Mann, der schon gestorben und begraben war, als Auferstandener in die Gemeinschaft der göttlichen Herrlichkeit auf ewig aufgenommen - das ist die unausdenkbar hohe Erhöhung, die wir heute feiern.
Die inwendige Wonne und Seligkeit der Herrlichkeit Gottes, in die der Heiland nach seiner menschlichen Natur durch seine Erhöhung eintrat, während er nach seiner göttlichen Natur verklärt wurde mit der Klarheit, die er hatte, ehe denn die Welt war das alles sind Geheimnisse über Geheimnisse, deren Schleier erst die große, erhabene Ewigkeit heben kann und wird. Aber einen schon jetzt für uns fassbaren und wichtigen Zug der göttlichen Herrlichkeit des erhöhten Jesus hebt der Apostel in unserem Text noch besonders hervor. „Darum hat ihn auch Gott erhöht“, sagt er, „und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.“ Wir betrachteten neulich schon, dass Jesus Jesus bleibt wie in der Erniedrigung, so in der Erhöhung, und dass dieser Jesusname über allen Rätseln des Lebens, über allen Ängsten des Sterbens schwebt und schweben wird, als der heiligste und tröstlichste und kräftigste Name. Aber dieser große, heilige Jesusname ist durch Christi Erhöhung der Name des Herrschers der Welt geworden; dass Paulus das in unserem Texte meint, geht aus dem letzten Verse klar hervor, wo er sagt, dass alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Gott hat den Heiland wie zur göttlichen Herrlichkeit, so zur göttlichen Herrschaft erhöht. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“, sagt der erhöhte Heiland selbst. Sein ist das ganze weite Reich der göttlichen Macht; aber die Macht, die ihm vom Vater gegeben ist, macht er dem Reich der Gnade dienstbar, das seinen Ausgang und sein Ziel im Reich der Herrlichkeit hat. Monarch in dreien Reichen, dir ist niemand zu vergleichen!
Wir haben zum ersten betrachtet, wie Gott den Heiland erhöht hat. Wir betrachten zum anderen, wie wir den Heiland er höhen sollen. Denn Gott hat unseren Herrn Jesum zwar darum erhöht, weil er sich zum Besten der Menschheit so tief erniedrigt hat, aber auch dazu, dass die Menschheit nun auch ihrerseits den Herrn Jesum erhöhe, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Diese großartigen, viel umdeuteten Worte St. Pauli beziehen sich ja in jedem Falle nicht nur auf die Menschen, die auf Erden leben, sondern auch auf die Menschen unter der Erde, auf die vergangenen Geschlechter, ja auch auf alles, was im Himmel lebt, also in einer höheren Welt und in einer höheren Art, als die Menschen. Aber vergangenen Geschlechtern ist schlecht predigen; und die Cherubim und Seraphim am Throne Gottes bedürfen der Predigt eines Staubgeborenen nicht. Der Prediger in der lebendigen Gegenwart hat seinen mitlebenden Zeitgenossen zu predigen; und ich habe also auf Grund der zweiten Hälfte unseres Textes meiner Gemeinde zu predigen: Wir Menschenkinder sollen den Herrn Jesum, den Gott so erhöht hat, unsererseits erhöhen durch Anbetung und Bekenntnis.
Durch Anbetung! Denn Gott hat seinen Sohn erhöht, dass in dem Namen Jesu sich unsere Knie beugen sollen, dass wir ihm huldigen sollen als unserem göttlichen Herrn. Es ist der Schaden Josephs in unserer Zeit, dass das so wenig geschieht. Von der letzten Offenbarung des erhöhten Heilands auf Erden, die Matthäus schildert, heißt es: „Da sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; etliche aber zweifelten.“ Heutzutage aber heißt es: „Etliche fallen vor dem erhöhten Jesus nieder, die meisten aber zweifeln.“ Es ist eine unendlich traurige Tatsache, dass am letzten Ende des 19. Jahrhunderts der Herr Christus von so vielen, die sich doch noch Christen nennen, nicht erhöht, sondern erniedrigt wird. Es gibt eine mächtige wissenschaftliche Richtung in unserer Zeit, die den Glorienkranz des erhöhten Heilandes Tag für Tag zerblättert; und die große Menge hat schon längst die Lust verloren, vor einem kronenlosen Heiland, vor einer immerfort umkrittelten Gestalt einer grauen Vergangenheit, das Haupt zu neigen, geschweige die Knie zu beugen. Aber etliche glauben doch noch, etliche beten doch noch und beten an die Macht der Liebe, die sich in Jesu offenbart. Und auf diese etliche wenden wir gern das Wort an: Ist eine Seele gottgemein, zieht sie auch andere hinterdrein. Gott gebe, dass diese Schar der etlichen in allen Landen und auch in unserer Lutherstadt wachse und zunehme, die Schar der Anbeter Jesu Christi am Morgen: „Leucht' uns selbst in jene Welt, du verklärte Gnadensonne!“, am Mittag: „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, segne, was du uns bescheret hast!, am Abend: „Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein,“ in der Nacht:
„Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann,
der bete mit uns an den großen Namen,
dem Tag und Nacht wird in des Himmels Macht,
Lob, Ehr' und Preis gebracht, o Jesu, Amen.“
Durch Anbetung sollen wir Menschen, wir Christen, Tag und Nacht den Herrn Jesum erhöhen. Und durch unser Bekenntnis.
Unsere Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr, unser Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Jesus Christus der Herr, das leugnet der Unglaube, das leugnet der Halbglaube in allen Kirchen und Sekten heutzutage. Jesus Christus der Herr, Gott sei Dank, das bekennt der Glaube wie einst, so jetzt und immerdar in allen Kirchen und Kirchengestaltungen, die dieses Namens wert sind. In unserer Zeit und in unserem Lande sind es zwei christliche Kirchen, die das Banner des Bekenntnisses der Gottheit Christi hoch tragen, unsere evangelische Kirche und die katholische Kirche. Es liegen ja beide Kirchen in manchem Streit - nicht hier in Wittenberg, wir leben hier mit unseren wenigen katholischen Brüdern in großem Frieden, von dem ich lebhaft wünsche, dass er niemals eine Störung erfahre, aber das halten beide Kirchen fest: Jesus Christus ist der Herr, und ein katholisch-evangelischer Bund gegen die Leugner der Gottheit Christi wartet nur auf einen gottbegnadigten Mann, der die Sache anfängt. Als einst König David wieder auf seinen Thron kam, wetteiferten Juda und Israel um die Ehre seiner Einholung. Die von Juda sprachen: „Der König gehört uns nahe zu“; die von Israel sprachen: „Wir haben zehnfachen Teil am Könige, mehr denn ihr.“ Ach, dass in der Christenheit aus dem Streite der Kirchen solch' ein Wettstreit würde! Den Herrn Jesum zu ehren zur Ehre Gottes des Vaters das ist die gemeinsame Aufgabe aller Kirchen, aller Gläubigen.
Denn die Erhöhung Jesu Christi durch den allmächtigen Gott hat zum Zweck die Erhöhung Jesu Christi durch die gläubigen Menschen. Amen.