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Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - LV. Vater, in Deine Hände!

An das Sterbebette des Sohnes Gottes ruft uns der feierliche Glockenklang des heutigen Tages. Gottlob! es ist das Sterbebett zugleich unserer Sünde, unseres Fluchs und unseres Todes. „Es sei ferne von mir, mich zu rühmen“, spricht der Apostel Gal. 6, 4, „denn allein des Kreuzes unseres Herrn Jesu Christi!“ Wir, die wir glauben, stimmen in diese Worte ein, und sprechen mit dem Dichter:

Dein Kreuzesholz, Herr Jesu Christ,
Meins Herzens Welt und Wohnplatz ist!
Kein schön'res Zeichen weiß ich mir,
Als dieses blutige Panier.

Fragt man mich, wo mein Reichtum sei,
Zum Kreuze weis' ich froh und frei.
Mein Hort, mein' Kron', mein ganzer Stolz,
Mein Alles hängt an Deinem Holz!

Als der Erzvater Jakob seine Söhne, die zwölf, um sein Sterbebette versammelt hatte, hörten sie ihn mit freudigem Angesichte jauchzen: „Herr, ich warte auf dein Heil!“ Es war das Heil, dessen blutige Saat wir heute auf Golgatha streuen sehen. Der alte Patriarch grüßte dasselbe erst aus weiter Ferne, und doch machte es ihn schon zum Helden wider Satan, Tod und Hölle. Als Jakob sterbend seine beiden Enkel, die Söhne Josephs, segnete, legte er ihnen die gekreuzten Hände auf das Haupt, und sprach: „Wer Jemanden segnen will in Israel, der sage: Gott segne dich wie Ephraim und wie Manasse!“ So lebte schon die alte Kirche hoffend und sehnend unter dem Kreuze, und dies je länger, je mehr, und mit umso klarerem Bewusstsein, in je deutlicheren Zügen in Weissagung und Vorbild das Kreuz ihr vor die Blicke trat. Der ganze Tempel mit seinen Altären und blutbesprengten Gottesdiensten nährte und belebte nur die Überzeugung, dass „ohne Blutvergießen keine Vergebung geschehe.“ Ja, das Kreuz ist der Pfeiler, auf dem das ganze Christentum und alle Christenhoffnung ruht. Es ist der Baum des Lebens inmitten des neutestamentlichen Edengartens. Zwei Vermächtnisse der Liebe wurden uns unmittelbar von der Hand des Herrn hinterlassen: die Sakramente. Was zeichnete Er als Emblem in diese beiden Denkmale hinein? Nichts anderes, als das Bild seines Kreuzes. Dadurch predigt Er's immer aufs Neue nachdrucksvoll und jedermann verständlich: vom Kreuze fließe aller Segen. O, ergieße dieser Segen sich denn auch in unsere Herzen, und ströme er namentlich in reichster Fülle denen zu, die heute im Genusse des heiligen Abendmahles so recht unter das Kreuz zu treten gesonnen sind!

Matth. 27, 50. Mark. 15, 37. Luk. 23, 46. Joh. 19, 30b.

Und Jesus schrie abermals laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände! Und als er das gesagt, neigte er das Haupt, übergab den Geist und verschied.

„Umhüll', o finstere Nacht, die Todeshöhe,
Dass Himmel nicht, noch Erd' und Höll' ihn sehe!
Sie trügen nicht den Anblick sonder Gleichen:
Gott unter Leichen!“

Mit solcher Empfindung tritt ein gläubiger Sänger in dem Momente an das Kreuz heran, in welchem auch wir demselben heute nahen. Das Unerhörte, Unglaubliche will geschehen: Der Sohn der Ewigkeit, das Leben selber, stirbt! Auf dieser Tatsache ruht die ganze Kirche als auf ihrem Grund- und Angelstein, und ohne sie gäbe es keine wirklich vollbrachte Versöhnung; und weil solche nicht, darum auch keine zuverlässige Hoffnung für die Welt der Sünder. Die biblische Theologie will nichts wissen, als „Jesum Christum, und zwar den Gekreuzigten.“ Die Theologie des Himmels verrät ihren Kern und Stern in ihrem ewigen Liede: „Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig!“ Das Wahrzeichen des Christentums ist das Kreuz, und rot die Farbe des Banners Zions. Vom Blute, das das Kreuz gefärbt, zeugen die sakramentlichen Stiftungen, die der Herr, wie gesagt, auch als Ausdruck dessen, worin seine ganze Sache wurzele, der Kirche hinterließ; und das größte und bedeutungsvollste aller Feste, das Fest, das unzählige Gedächtnistage weltgeschichtlicher Ereignisse bereits überlebt hat, und alle überleben wird, ist der Karfreitag.

Kommt, und sehen wir den Sohn des lebendigen Gottes sterben! Sein Sterberuf, der sieben Kreuzesworte letztes, wird uns als Fackel dienen, in deren Lichte wir sowohl das Wie, als das Warum seines Sterbens erkennen werden. Treten wir den Weg unserer Betrachtung an unter dem Wiederhall des Versleins:

Jesu, mein Erbarmer!
Ach, was war ich Armer,
Und was tatst du mir!
O, du blut'ge Liebe,
Alle meine Triebe
Strecken sich nach Dir.
Liebe, stärker als der Tod,
Liebe, ewig unermessen,
Du bleibst unvergessen!

1.

Also nach Golgatha zurück! Herz, sammle dich zu andachtsvoller Stille! Wir betreten ein Heiligtum. Gibt es überhaupt auf Erden Ergreifenderes und Feierlicheres nichts, als eine Sterbestunde, in welcher Zeit und Ewigkeit einander begegnen, und in deren lautlosem Schweigen gleichsam die Glockenschläge der anderen Welt vernehmbar werden; wie muss erst in einem Sterbemomente uns geschehen, wie der, zu dem wir heute kommen, und in welchem, ihr wisst, wer, sein Haupt neigt und verscheidet! Die Augen emporgerichtet! O, welch ein Sterbelager, das man dem Sohn der Liebe dort bereitet hat! Diesem Verscheidenden trocknet Niemand den Schweiß von seiner Stirne; Niemand erquickt ihn mit dem Worte des Lebens; Niemand spricht den letzten Segen über ihn. Wer ging einsamer, verlassener und von tieferer Nacht umschattet aus der Welt, als er? Dennoch versetzt euch nicht an Ihm! Nicht eine Schlacht ist's, in der Er uns begegnet, sondern ein Opferakt. Er erliegt nicht dem Tode, gleich wie wir, sondern Er weiht sich ihm, nachdem er ihn zuvor mit der Macht über sein Leben selbst belehnt hat.

Was ist der Tod? Seit Jahrtausenden, wie ihr wisst, ist das finstere, von allem Fleisch gefürchtete Wesen, das jener Name bezeichnet, in der Welt, und treibt in ihr sein schauerliches Zerstörungswerk. Keine Persönlichkeit ist er; aber ein Geschick, ein Verhängnis. Die junge Schöpfung, wie sie aus der Hand des Allmächtigen hervorging, durchschritt dieses Ungetüm noch nicht. Dort war noch Alles Leben und Harmonie, von einem Misston, wie der Tod ist, noch nicht durchgellt. Das düstere Phantom sah zuerst nur gemalt in die Welt herein, und zwar aus der göttlichen Drohung, die an den Genuss der verbotenen Frucht geknüpft ward. In Folge des Sündenfalls betrat's den Schauplatz der Wirklichkeit, um fortan Alles, was Odem hat, als Schreckenskönig seinem grausigen Zepter zu unter werfen. Unsere ersten Eltern sahen's an ihrem Liebling Abel zuerst seine Majestät und Macht entfalten. O, welch ein Schreckensbild, dessen sie Zeugen werden mussten! Da lag er am Staube, der blühende Jüngling. Der Stern seines Auges war erloschen, der freundliche Mund verstummt, und die Glieder lilienblass, und erstarrt zu kaltem Marmor. Wie laut sie ihn beim Namen riefen, er schlug die Blicke nicht mehr auf. Wie tränenreich sie ihn beschwuren, dass er sie nur einmal noch seine Stimme hören lassen wolle: er schwieg, und die Tränenströme ihrer Zärtlichkeit, in denen sie ihn badeten, brachten seine stockenden Pulse nicht mehr in Bewegung. Und ehe sie sich's versahen, was ereignete sich da? Mit bleiernem Gewicht und tausend Schauern lagerte sich die Verwesung über den Erblichenen her, und die armen Eltern mussten trotz aller ihrer Liebe mit Grauen das Antlitz von ihm wenden, und sich beeilen, ihren Augapfel als eine Speise der Würmer unter die Scholle zu verscharren. Da wussten sie denn, wenn auch nur teilweise erst, was der Name Tod bedeute. Von jenem Momente an führte nun der Tod sein Schreckensregiment auf Erden fort, träufelte in jeden Freudenbecher seine Galle, umwob jedes Verhältnis der Liebe mit dem Trauerflor der gewissen Aussicht, dass auch ihm heute oder morgen die Stunde der Auflösung und Zertrennung schlagen werde, und überbreitete die ganze Natur, auch da, wo sie am lieblichsten blühte, mit einem schwarzen Leichentuche. Und wie er Jahrtausende hindurch getan, so tut er heute noch. Wer aber das Ungeheure erst ganz erkannte, hinter seiner Außenseite auch seiner verborgenen Schauer sich bewusst ward, und erfuhr, dass die Trennung Leibes und der Seele, die er vollzieht, so wie die Versenkung des ersteren in das Reich der Verwesung nur erst das mildeste seiner Geschäfte sei, indem er als Gerichtsbote Gottes zugleich den Auftrag habe, die Sünder der Hölle zu überliefern: Der wird vollends mit Sirach sprechen: „O Tod! Wie bitter bist du!“ Aber freilich wird er auch umso lauter aufjauchzen, wenn er vernimmt, dass Einer da sei, der von sich bezeugen dürfe: „Ich habe die Schlüssel der Hölle und des Todes!“ „Und ein Solcher existierte?“ - Ja, Freunde; ihr schaut Ihm heute ins blutige Angesicht!

Nur Sündern liegt die Zahlung des „Sündensoldes“ ob. Der „Heilige Israels“ und der Tod hatten mit einander nichts gemein. Was erleben wir demunerachtet heute auf der Schädelstätte?

Ja, was? Etwa einen Überfall, einen Sieg und Triumph des Todes? Das sei ferne! Redensarten, wie die: „Der Tod nahte Jesu“, oder: „Der Tod beschlich ihn“, oder: „Jesus fiel dem Tode anheim“, gehen den Irrgang, wenn sie bei Seinem Kreuz verlauten wollen. Schaut auf! Nachdem Er so eben das große Siegeswort: „Es ist vollbracht!“ dahergerufen, bewegt er aufs Neue seine Lippen, und will reden. Was wird erfolgen! Ein wehmütiges: „So lebt nun wohl?“ Ein klagendes: „Ich muss nun von hinnen?“ Ein schmerzlich lispelndes: „Meine Sinne schwinden mir; ich erliege, und gehe den Weg alles Fleisches?“ O, nicht doch! Hört Ihn! Mit großer, lauter Stimme, und der Gewalt und Betonung eines Mannes, der nicht aus Schwäche stirbt, noch sterbend einer „traurigen Notwendigkeit“ den abgedrungenen Tribut zahlt, sondern der ein Herr ist über den Tod, aber in freier Selbstbestimmung sich dem Tode weiht, ruft Er, und das Getöse brechender Felsen, stürzender Hügel und zerspringender Grabeszwinger begleitet seinen Ruf: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ und nach diesem Worte senkt Er, selbsttätig, wie ein Arbeiter nach vollbrachtem Werk, das blutige Haupt zur Ruhe auf seine Brust herab, und „übergibt seinen Geist“, wie Johannes sich ausdrückt.

- „Wie, so wäre Er jetzt wirklich tot?“ - Er ist's; jedoch aus eigenem Entschluss. Frei ward Er des Todes Beute. „ Aber das muss ja Großes bedeuten, und Größeres noch zur Folge haben?“ Wohl, Freunde, hat es das! Bevor wir aber davon handeln, lasst uns noch einige Augenblicke in das Scheidewort des erhabenen Dulders uns vertiefen.

„Vater“, beginnt Er. So hat Er also in seinem Bewusstsein, wenn auch nur in dem des Glaubens erst, den Vater wieder. Das erste Wort, das wir auf Erden überhaupt aus seinem Munde vernahmen, war der Vatername; und dieser Name ist auch sein letztes. Um seinen himmlischen Vater bewegte sich all' sein Dichten und Denken, Trachten und Begehren. Des Vaters Willen zu vollbringen war seine Speise und sein Trank; die Liebe des Vaters seine Wonne und Seligkeit; und die Wiedervereinigung mit Ihm die Spitze all seines Hoffens und Verlangens. Mit dem Herolds- und Überwinderrufe: „Es ist vollbracht!“ wandte er sich noch einmal an die Welt. Es war sein Lebewohl an sie, ein Lebewohl, wie es dem Besieger des Todes, dem Fürsten des Lebens, dem Könige und Gebieter über Alles, anstand. Von da an zog er sich ganz in das Verhältnis zu seinem Gotte zurück, und kehrte nur Ihm noch sein Antlitz zu. „Vater“! Ja, Ruf wiedergewonnener starker Sohneszuversicht war dieser Laut; nicht aber schon Ruf eines völligen Zurruhegekommenseins an der Brust des Vaters. Immer haben wir auch noch das „Vater, in Deine Hände“ als den Kampfesschrei eines such durchschlagenden Streiters aufzufassen. Die Hölle, die Ihn umtobte, gab ihre Sache noch nicht verloren, sondern fuhr in aller Weise fort, Ihn anzufechten und mit wüsten Schreckensbildern Ihn zu ängstigen; und die Todeskatastrophe selbst kostete Ihm, der das Leben war, keine geringe Überwindung. Wir haben uns demnach den Sterbensruf Jesu allerdings als den eines schwer Bedrängten vorzustellen, der seine Seele in ein sicheres Asyl zu bergen ringt, und sie aus grausigem Gedränge in die Hände des Allmächtigen flüchtet. Freilich geschieht diese Zufluchtnahme mit dem Frieden einer vollendeten Siegesgewissheit. Auch nicht von ferne kommt Ihm der Gedanke, dass der Tod etwas mehr sein könne, als eine Versetzung des persönlichen Geistes in eine andere Lebenssphäre. Über die arme Menschenfrage: „Sein oder nicht sein?“ ist Er himmelhoch erhaben. Er weiß, dass Er nur entschlummere, um bald am Herzen Gottes wieder zu erwachen; und in diesem Bewusstsein, in welchem Er die Arme des Vaters zu seinem Empfange schon liebend ausgebreitet sieht, ruft Er: „In deine Hände, Vater, befehle ich meinen Geist!“ Er entnimmt diese Worte bekanntlich dem 31. Psalm; nur dass Er denselben durch das vorausgesandte „Vater“ die Seiner Stellung und Würde angemessene Form gibt, und die im Psalme unmittelbar folgenden Worte: „Denn du, Herr, hast mich erlöst“, als Ihm, der ja eben selbst als der Erlöser der Welt am Kreuze hing, nicht geziemend, weglässt. Wie bedeutsam aber ist es wieder, dass Er mit einem Schriftspruche die Welt verließ! Ganz war Er mit Gottes Wort getränkt, und gibt uns sterbend noch einen Wink, mit was auch wir unseren inwendigen Menschen zu nähren haben.

Sein letzter Ruf ist erschollen. Da neigt Er nach wohlvollbrachtem Werk sein Haupt, und das Unerhörteste ist geschehen! Der Sohn des lebendigen Gottes erblasste im Tode! Wir stehen bewegt, erstaunt, in Anbetung versunken; und was bleibt uns übrig, als in den Herzenserguss seiner Gemeine einzustimmen:

„Tausend Dank, du unser treues Herze!
Leib und Geist bet't drüber an,
Dass du unter Martern, Angst und Schmerze
Hast genug für uns getan!

Auf dein Kreuz lass mich nun gläubig sehen,
Und dein Marterbild stets vor mir stehen;
So geht mir bis in mein Grab
Nichts an Seligkeiten ab!“

Wo war der Herr nach seinem Verscheiden? Wo anders, als wohin sein Dürsten und Sehnen gegangen war: in den Händen seines Vaters! Der Himmel feierte seinen Triumph; die Akkorde der Engelharfen umrauschten Ihn; die vollendeten Gerechten am Thron jauchzten ihre huldigenden Willkommsgrüße Ihm entgegen, und das neue Lied nahm seinen Anfang: „Du bist würdig zu nehmen das Buch, und aufzutun seine sieben Siegel; denn du bist erwürgt, und hast uns Gott erkauft mit deinem Blut aus allerlei Geschlecht, und Zungen und Volk und Heiden; und hast uns unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und wir werden Könige sein auf Erden!“ Nun aber ist's unleugbar, dass geheimnisvolle Schriftsprüche darauf deuten, es habe der Friedensfürst, auch nachdem Er die irdische Hülle abgelegt, seine Mission noch keineswegs schließlich erfüllt gehabt. So sagt u. a. Petrus in seiner ersten Epistel, „Christus sei im Geist (d. h. in seiner des Leibes entkleideten Persönlichkeit) hingegangen, und habe gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einstmals nicht glaubten, da Gottes Langmut harrte zu den Zeiten Noahs, als die Arche zugerüstet ward.“ Und vorzugsweise auf diese Stelle gestützt, bezeugt das apostolische Glaubensbekenntnis eine unmittelbar nach dem Tode Christi eingetretene „Niederfahrt zur Hölle.“ Die Deutung dieses Ausspruchs aber erfordert große Vorsicht. Dasjenige, worauf Petrus hinzielt, gehört keineswegs mehr zur Erniedrigung des Herrn, geschweige zu seinem Versöhnerwerke. Die genugtuende Vermittlung des Bürgen war in dem Momente seines Sterbens schließlich vollbracht. Trat Christus nun in die Behausungen jener abgeschiedenen Geister der Patriarchenwelt ein, so geschah dies, um denselben, wie das Wort im Grundtext es auch ausdrücklich ausspricht, seinen Sieg zu verkünden. Ob es zugleich geschehen sei, ihnen aufs Neue Buße zu predigen, und den Glauben vorzuhalten, und die gläubig Gewordenen dann als lebendige Trophäen in den Himmel einzuführen?

Man ist veranlasst, es zu denken, wenn man das andere Wort des Apostel (Kap. 4, 6) hinzunimmt: „Dazu ist auch Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar gerichtet werden nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geiste Gott leben.“ Jedenfalls aber haben wir uns zu bescheiden, mit der Auslegung dieser Stellen noch nicht beim Abschlusse angelangt zu sein; und so bleibt vorläufig über dem Verweilen Christi in der Zwischenzeit von dem Momente seines Todes bis zu demjenigen seiner Wiedervereinigung mit dem Leibe, und über dem eigentlichen und vollen Sinn der Worte: „Niedergefahren (oder: abgestiegen) zur Hölle“, noch ein Schleier des Geheimnisses ruhen.

2.

Schleierlos dagegen steht das „Warum“ des Sterbens Christi vor uns! Eine oberflächliche Betrachtung schon reicht hin, um dieses „Warum“ mindestens der Ahnung nahe zu bringen. Höchst auffallend muss es zuerst erscheinen, dass ein Mann stirbt, der von sich bezeugen durfte: „„Ich bin die Auferstehung und das Leben“, der am Grabe eines Lazarus, an der Bahre eines Jünglings von Nain, und bei dem Totenbette des Töchterleins Jairi tatsächlich beurkundete, dass Er des Todes Meister sei, und der nie eine Sünde beging, durch welche er in Gemäßheit der im Paradiese verkündeten Drohung das Leben verwirkt hätte. Mehr noch überrascht es, dass ein Individuum in Ihm des Todes Beute wird, welches, weil nach seiner eigenen Bezeugung „Niemand das Leben von ihm nahm“, nur zu wollen brauchte, um solcher Katastrophe zu entgehen; und dass dieser Mann unter Umständen und Verhältnissen verscheidet, die eher einen von Gott und der Welt verworfenen Übeltäter und Rebellen, als einen Gerechten, ja einen Wohltäter der Welt, in Ihm vermuten lassen sollten.

Dass Er aus freiem Entschlusse starb, ergibt sich Jedem auf den ersten Blick von selbst. Aber zu welchem Ende stirbt Er diesen frei gewählten Tod? Vielleicht, um uns ein Beispiel heldenmütigen Abscheidens von der Welt zu geben? - O, nicht doch! Wie entspräche solchem Zwecke doch sein Wort: „Ich muss mich noch mit einer Taufe taufen lassen; und wie ist mir so bange, bis sie vollzogen werde“!? So denn etwa, um uns zu zeigen, dass Sterben eine leichte Sache sei? Ein Stephanus hat uns dies allerdings durch seinen Heimgang gezeigt; aber auch der Mann, den wir aus dem Todestal heraus klagen, ja wimmern hören: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“?

- Stirbt Er denn für das Wohl seiner Nation? Man pflegt wohl auch mit diesen Worten die Bedeutung seines Sterbens zu bezeichnen; aber ohne selbst recht zu wissen, was man damit sagen will; denn Christus stirbt ja weder in einer Schlacht gegen Israels Feinde, noch bei einer Rettertat in brennender Stadt oder verheerender Wassersflut.

- So stirbt Er wohl, um seine Lehre zu besiegeln? - Manche meinen's. Aber welche seiner Lehren hätte er am Kreuz besiegelt? Etwa diejenige, dass Gott mit den Gerechten sei; oder die, dass „der Engel des Herrn um den sich lagere, der Ihn fürchte;“ oder die, dass die Gottseligkeit die Verheißung auch schon dieses Lebens“ habe? Ich wüsste nicht, welchen neuen Halt diese Wahrheiten in dem Verlaufe seines Verscheidens gefunden hätten. Eher sollte man meinen, darin Beläge für das Gegenteil finden zu können. Überdies hatte ja auch Niemand jene Wahrheiten angezweifelt, dass sie einer erneuerten, tatsächlichen Bestätigung bedurft hätten. Wenn Christus etwas mit seinem Tode besiegelte, so war es das eidliche „Ja“, womit Er die Frage des Hohenpriesters: „Bist du der Sohn des lebendigen Gottes?“ beantwortet hatte. Um dieses „Ja's“ willen schlugen sie Ihn ans Kreuz. Dass Er aber, treu seinem innersten Bewusstsein, bei demselben fest verharre, dies bezeugt er mit seinem blutigen Tode.

Freilich macht gerade der Umstand, dass Er als ein Solcher stirbt, das Mysterium seines Todes erst vollkommen; aber die Siegel dieses Geheimnisses sind gelöst und seine Tiefen aufgedeckt. Männer, von oben her erleuchtet, stehen bereit, jeden gewünschten Aufschluss uns zu gewähren. Aus den Tagen des Alten wie des Neuen Bundes treten sie beim Kreuze zu uns heran, und ihre Sprüche ergießen sich wie Tempelleuchterflammen in das Dunkel der Schädelstätte. Einer der göttlichen Herolde eröffnet den Chor mit der Bezeugung, Christus habe „bezahlen müssen, was er nicht geraubt habe!“ Ein anderer ruft: „ Um unserer Missetaten willen ward Er verwundet! Die Strafe liegt auf Ihm, auf dass wir Frieden hätten!“ Ein Dritter: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Ein Vierter: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht;“ und wiederum: „Christus erlöste uns vom Fluche des Gesetzes, da Er ward ein Fluch für uns;“ und wiederum: „Christus hat euch versöhnt mit dem Leibe seines Fleisches durch den Tod;“ und abermals: „Mit einem Opfer hat Er in Ewigkeit vollendet, die da geheiligt werden.“

Und mit den Zeugnissen dieser Botschafter Gottes vereinigen sich diejenigen des Herrn selbst. So sein Wort: „Des Menschen Sohn ist gekommen, dass er sein Leben gebe zum Lösegeld für Viele;“ und das andere: „Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, sonst bleibt es allein; wo es aber erstirbt, bringt es viele Frucht;“ und namentlich das Wort der Nachtmahlsstiftung von seinem Leib und seinem Blute, gebrochen und vergossen zur Vergebung der Sünden. „Ja“, höre ich entgegnen, „wir vernehmen diese Worte wohl; aber sind nicht auch sie, die uns das Geheimnis deuten sollen, wieder selbst Hieroglyphen, welche der Entzifferung bedürfen?“ - Sie sind's, und allerdings bedarf man zu ihrem Verständnisse einer vorhergegangenen Weihe, die aber nicht in Tempeln durch Salbung und Handauflegen empfangen wird, sondern im Kämmerlein unter Schmerzen und unter Tränen. Ernüchtert aus euren Täuschungen; tretet aus dem Zauberkreis der Lüge, in welchen ihr gebannt seid, an das Licht der Wahrheit heraus; und nachdem ihr den Ewigen erkanntet in seinem Wesen, das „Heilig ist der Herr Zebaoth“! im ganzen Umfang seines Sinnes verstehen lerntet, und einen Eindruck von der Majestät seines Gesetzes empfangen habt, ergründet die Natur der Sünde, ermesst, in welchem Maße dieselbe ein Gräuel ist vor Gott, wägt dann euch selber auf der Waage, mit der euch Gott einst wägen wird, und werdet mit eurer Gottentfremdung euch zugleich eurer Versöhnungs- und Erlösungsbedürftigkeit bewusst: und binnen kurzem werdet ihr die eben vernommenen Worte wie Fackeln vor euch entbrennen, und die blutige Rätselerscheinung am Kreuze durchsichtig, wie den Tag, vor eure Geisterblicke treten sehen. Ihr erschaut dann in dem Mann der Schmerzen den genugtuenden Mittler zwischen Gott und euch, und umfasst frohlockend in seinem Sterben das Opfer, das alle eure Schulden aufwog, und euch in Ewigkeit vor Gott rechtfertigte.

„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ O, was Alles legte Er in seines Vaters Hände, als er diese Worte daherrief! „Da Er vollendet war“, spricht der Apostel Hebr. 5, 9, „ist Er geworden Allen, die Ihm gehorsam sind, eine Ursache der ewigen Seligkeit.“ Er musste also auch selbst vollendet werden. Als Gerechter musste Er's durch Erfüllung des ganzen Gesetzes; als Heiliger durch siegreiche Überwindung jeglicher Versuchung; als Bürge durch Zahlung aller unserer Schulden, und als Mittler und Versöhner durch erschöpfende Leerung des uns zugemessenen ganzen Fluchkelchs. Nach allen diesen Seiten hin aber war Er in dem Momente vollendet, da Er verschied; und so legte Er in die Hände des Vaters mit seiner geistigen Persönlichkeit das Fundament einer neuen Welt, ja, die erlöste Sündergemeine selbst, als ein in seinem Blut gereinigtes und mit seiner Gerechtigkeit geschmücktes, den Augen Gottes durchaus genehmes und wohlgefälliges Speiseopfer. Sind wir dem Sohn der Liebe nun „gehorsam“, so wissen wir, wo für alle erdenkbaren Fälle auch uns die sichernde Freistatt bereitet ist. In welches Gedränge wir immer geraten mögen: um das Verbleiben braucht uns keine Sorge mehr zu drücken. „Schrecklich ist's“, lesen wir Hebräer 10, 31, „in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“ Wir sagen: „Nicht schrecklich mehr; sondern lauter Seligkeit!“ Verfolgt uns die Welt, ficht uns der Satan an, schreckt uns der Tod, oder was sonst uns schrecken mag: wir rufen beherzt, auf das bahnbrechende Verdienst Immanuels uns stützend: „Vater in Deine Hände!“ und sind gewiss, dass dieses hohe und erhabene Asyl allaugenblicklich offen stehe, uns bergend zu empfangen. O, der unvergleichlichen Vorrechte, deren wir in Christo gewürdigt worden! Machen wir Gebrauch von ihnen! Bedecken wir die Füße dessen, der sie uns erstritt, mit unseren Huldigungsküssen! Führen wir unseren Wandel friedsam in dem regenbogenfarbenen Sonnenlichte der sieben Kreuzesworte, und stimmen auch wir die Saiten unserer Herzensharfen zu dem glaubenswarmen Sange des innigsten und tiefsten unserer Kirchendichter:

Was schadet mir des Todes Gift?
Dein Blut, das ist mein Leben:
Wenn mich der Sonnen Hitze trifft,
So kann's mir Schatten geben;
Setzt mir der Wehmut Schmerzen zu,
So sind' ich bei Dir meine Ruh',
Als auf dem Bett ein Kranker;
Und wenn des Kreuzes Ungestüm
Mein Schifflein treibet um und um,
So bist du dann mein Anker!

Wenn endlich ich soll treten ein
In deines Reiches Freuden,
So soll dies Blut mein Purpur sein,
Ich will darein mich kleiden;
Es soll sein meines Hauptes Kron',
In welcher ich will vor den Thron
Des höchsten Vaters gehen;
Und dir, dem er mich anvertraut,
Als seine wohlgeschmückte Braut,
Zu deiner Seite stehen! - Amen.