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Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - LIII. Mich dürstet!

„Wer will mir zu trinken holen des Wassers aus dem Brunnen zu Bethlehem unter dem Tor?“ So sprach zu seinen Reisigen der König David, als er den Philistern gegenüber, die Bethlehem inne hatten, in einer Bergfeste lag, und daselbst nach einem frischen Trunke ihn gelüstete. Kaum war sein Wort erschollen, da brachen auch schon mit gezuckten Schwertern drei Helden ins Feindeslager, schöpften aus dem Brunnen zu Bethlehem, und brachten, nachdem sie abermals sich durchgeschlagen, ihrem Herrn und Gebieter das gewünschte Labsal. Dieser aber weigerte sich, es zu trinken, ja, goss es, einem Trankopfer gleich, vor dem Herrn aus, und sprach: „Das lasse der Herr ferne von mir sein, dass ich's trinke! Ist es nicht das Blut der Männer, die dahin gegangen sind, und ihr Leben gewagt haben?“ David wollte nicht gelabt sein, so lange die Seinen schmachteten; und am wenigsten begehrte er die Erquickung auf jener Kosten. Er hoffte von dem Herrn eine nahe Hilfe für Alle, und erst dann gedachte er samt seinem Heere sich zu erfrischen.

Wir kennen einen Anderen, der aus ähnlichen Beweggründen, wie David, ein Labsal, nur ein ungleich größeres, als das aus dem Brunnen Bethlehems, als Trankopfer vor dem Herrn ausgoss, und lieber verdursten, oder nur mit Galle sich tränken lassen wollte, als ohne uns, seine Brüder nach dem Fleisch, gesättigt sein, oder gar im Überfluss leben; ja, der auf die Lebenswasser der himmlischen Freudenquellen, die ihm zur Verfügung standen, Verzicht leistete, um nicht für seine Person allein beglückt zu sein, sondern, was David freilich nicht vermochte, durch sein Darben uns die Mitgenossenschaft an seinen Seligkeiten zu erwerben, und dann erst, in Gemeinschaft mit uns, sich zu erquicken. Ihr kennt diesen Anderen und Größeren auch, von welchem der König Israels nur ein schwacher, vorbildender Schatten war. Wir werden Ihn heute schauen, und gerade in dem Momente zu Ihm treffen, da Er jenes große Werk der selbstverleugnungsvollsten Liebe ausübt.

Matth. 27, 48. 49. Mark. 15, 36. Joh. 19, 28. 29.

Danach, als Jesus wusste, dass schon Alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllt wurde, spricht er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Und bald lief einer unter ihnen, nahm einen Schwamm, und füllte ihn mit Essig, und legte ihn um einen Ysopstängel, und hielt es ihm dar zum Munde, und tränkte ihn. Die Anderen aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elias komme, und ihn herabnehme!

Dem Ansehen nach gehört der Abschnitt, vor welchem wir heute stehen, nicht eben zu den bedeutsameren und fruchtbareren der Passionsgeschichte. Aber lassen wir uns durch den Schein nicht irre leiten, sondern graben wir in den Grund; und auch an dieser Stelle werden uns die Lebenswasser des unerschöpflichen Heilbrunns, der sich auf Golgatha für uns aufgetan hat, reich und frisch entgegensprudeln. Wohl dürfen wir zu dem Herrn mit dem Dichter sagen:

„Mir ist aus jedem Weh, dem du dein Herz erschlossen,
Ein himmlisch Rosenbeet von Freuden aufgesprossen.“

Der Ruf: „Mich dürstet!“ sei der Gegenstand unserer heutigen Erwägung! Auch ihm kann es an tiefen geheimnisvollen Hintergründen nicht fehlen; wie begegnete er uns sonst in dem erhabenen Akkorde der sieben Kreuzesworte? Zudem verlautet er in welchem Momente? Er ertönt in der großartig feierlichen Nähe des blutigen Versöhnungstodes! Ja, ein Jahrtausend zuvor schon wurde auf diesen Ruf durch den Geist der Weissagung prophetisch hingedeutet. Worin besteht sie denn, die Bedeutung dieses fünften Worts des sterbenden Hohenpriesters? Es wird sich ergeben, wenn wir das Wort in seiner dreifachen Eigenschaft, nämlich als Klageruf zuerst, dann als Ausdruck des Verlangens zu Gott, und endlich als Bitte an die Sünderwelt einer näheren Erwägung unterziehen.

Schicken wir uns hierzu an, und lasse uns der Herr auch heute nicht ohne einen neuen Heilsschatz von hinnen gehen!

1.

Es ist um die neunte Stunde, also um drei Uhr nachmittags. Eben erst tönte jenes erschütternde „Eli, Eli, lama asabthani!“ daher, das allerdings Notschrei, aber zugleich Ruf des Sieges und Triumphes war. Die Sonne taucht aus ihrer nächtlichen Verhüllung wieder hervor, und der Himmel sieht wieder freundlicher zur Erde nieder. Ihr würdet aber irren, wolltet ihr dies als ein Zeichen deuten, dass die seelische Marternacht des Herrn nunmehr vorüber sei. Sie dauert, wenn jetzt auch durch die wiedererrungene Glaubensklarheit wesentlich gelichtet, bis zu dem Momente seines Sterbens fort; und auch das Wort „Mich dürstet“! dringt noch aus ihrem Dunkel zu unserem Ohr. Um dies bezweifeln zu können, müsste man mit dem 69. Psalme nicht vertraut sein, dessen Klagetöne in diesem letzten Stadium der Kreuzesnot des Herrn zu ihrer schließlichen Verwirklichung gelangen. Freilich wusste Jesus, nach der ausdrücklichen Aussage unseres Evangeliums, dass seine Passion sich ihrem Ende nähere. Mit klarem Auge sah er den Marterkelch bis auf die letzten Tropfen geleert. Aber diese „letzten Tropfen“ blieben noch darin zurück, und wollten ebenfalls noch getrunken sein; und, glaubt es, sie haben an Bitterkeit den bereits gekosteten nichts nachgegeben. Ach seht, er schmeckt sie schon. Die Wehen des im Paradies gedrohten Todes haben ihn ergriffen. Er trat in die Stellung ein, für welche der Geist der Weissagung in dem eben genannten Psalme Ihm die Klage in den Mund legt: „Ich habe mich müde geschrien; mein Hals ist heiß; mein Gesicht vergeht mir, dass ich so lange harren muss auf meinen Gott! Mache dich zu meiner Seele, und erlöse sie. Die Schmach bricht mir mein Herz, und kränkt mich. Ich warte, ob es Jemand jammere, aber da ist Niemand. Ich harre auf Tröster, aber ich finde keine!“ So lauten die Seufzer, in denen wir ihn dort durch den Mund Davids sich ergießen hören; und an sie schließen sich dann die merkwürdigen prophetischen Worte: „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst!“ Auch dieser Zug, der in der Tat noch keinen Ruhepunkt auf seinem Martergang bezeichnet, musste noch verwirklicht in das Passionsgemälde sich verweben; und zum Zeugnis, dass dies eben geschehen sei, oder, wie das Evangelium sich ausdrückt: „auf dass die Schrift erfüllt werde“, ruft der Herr von seinem Holze: „Mich dürstet!“ Ja, Klage, Not- und Angstschrei ist dieser Ruf zunächst. Dies setzt der erwähnte Psalm, der einen Sturm der Anfechtung uns vor Augen malt, außer Zweifel.

Aber welcher Art war die Not, die sich in jenem Rufe kundgab? Zunächst war sie allerdings eine körperliche. Wie wund und wie ermattet langte der Heiland schon auf der Höhe der Schädelstätte an, und fast sechs volle Stunden bereits hängt er an seinem Holze. Die Blutgefäße seines heiligen Leibes sind beinah erschöpft. Ein furchtbarer Fieberbrand durchwütet sein Gebein. Seine Säfte verdorrten; seine Zunge klebt am Gaumen. Die Lippen glühen ihm, und ein Tropfen Wassers erscheint ihm als ein großes Labsal. Soll es doch eine stechendere Qual nicht geben, als die eines nicht zu stillenden heißen Durstes. Reisende, die in den brennenden Steppen des Orients diese Pein empfunden haben, machen uns Schilderungen von ihr, die uns mit Entsetzen erfüllen. Sie versichern uns, dass, wenn sie in jener Lage alles Gold der Erde besessen hätten, sie dasselbe schon für ein paar Tropfen aus dem trübsten unserer Bäche mit Freuden hingegeben haben würden. Gewahrten sie einmal ferne einen schimmernden Fleck, den sie für einen Teich, für eine Lagune hielten, so pflegten sie wie Rasende darauf zuzustürzen. Fand sich's aber, dass das vermeintliche Wasser nur eine brennende Sandfläche war, auf der die Sonnenstrahlen spielten, so versetzte sie diese Enttäuschung in eine Verzweiflung, der sie nur durch ein lautes Heulen entsprechenden Ausdruck zu geben wussten. Und denkt, auch diese Marter blieb dem Heilande der Welt nicht fremd. Bis zu solcher Tiefe der Armut und Bedürftigkeit wollte Er, der so unaussprechlich „reich“ war, sich entäußern! Und alles dies für uns, damit wir durch seine Armut reich würden! Wer ist im Stande, diese Liebe zu ermessen und würdig zu preisen?

Doch auf Grauenvolleres noch, als leibliche Qual, deutet der Kreuzesruf: „Mich dürstet!“ Ja, gemahnt er euch nicht an das schauerliche Bild aus der unsichtbaren Welt, das der Herr selbst einmal in einem seiner Gleichnisse uns vor Augen malte? Taucht vor eurer Erinnerung der „reiche Mann“ nicht auf, der sich auf Erden in Purpur und köstliche Leinwand kleidete, aber, nachdem auch ihn der unerbittliche Tod dahingerafft, in der „Pein und Flamme“ verzweifelnd die Hände rang, und, von einem namenlosen inneren Durst gequält, den Vater Abraham anschrie, er möge Lazarum senden, dass er nur das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche, und ihm die brennende Zunge netze; der aber auf seine Bitte, wie flehentlich dieselbe aus der Behausung der ewigen Nacht heraus an die Pforten des Himmels schlug, ohne Schonung und Erbarmen abschlägig beschieden wurde?

- „Nein“, hör' ich entgegnen, „an diesen Mann gedenken wir hier nicht! Wie sollte an ihn der heilige, sündenreine Dulder uns erinnern können? Einen Frevel würden wir zu begehen glauben, wollten wir das Dürsten dieses Gerechten mit demjenigen jenes Höllenkindes zusammenstellen? Wir würden meinen, durch solche Vergleichung in ärgerer Weise, als es die Juden taten, Ihn unter die Übeltäter zu zählen!“ - So sprecht ihr; aber wisst, Freunde, dass so sich nur vernehmen lassen kann, wer dem nicht glaubt, was die Schrift von der stellvertretenden Flucherduldung Jesu meldet. Wem dagegen über die Worte: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten“ das Licht des Heiligen Geistes aufgegangen ist, den würde es in hohem Grade befremden, wenn der Mittler nicht auch das Los jenes Mannes der Parabel tatsächlich erfüllt, d. h. wenn Er nicht, so weit es möglich war, auch alle Qualen der Verdammten ausgekostet hätte.

Und er kostete sie aus! Der bittere Spott, der aufs Neue von unten her, und allerdings auch in dem: „Lasst sehen, ob Elias komme und ihm helfe!“ sich vernehmen ließ, war nur ein schwaches, menschliches Abbild der grauenvolleren Anfälle, die Er hinter dem Vorhange der äußeren Geschichte zu erleiden hatte. Hier im Verborgenen umgaben Ihn „die Rotten Belials.“ Hier schossen die finsteren Mächte ihre ausgesuchtesten Pfeile gegen Ihn ab. Hier sichtete der Satan Ihn selber jetzt wie den Weizen; und aus dieser unheimlichen Umgebung, aus dieser Drangsalswüste, aus dieser Grube, „darin kein Wasser war“, und in der Er nur noch glaubend, nicht aber mehr empfindend wusste, dass Gott sein Gott sei, drang, gleichartig mit dem „Sende Lazarum!“ jenes Verstoßenen, der Ruf hervor: „Mich dürstet!“ Uns Sündern den Durst einer unendlichen Trostlosigkeit zu ersparen, unterzog er sich selber stellvertretend solcher Qual. O, welch ein Labebrunnen, den Er durch sein Dürsten uns eröffnet hat! Rufen wir Sünder jetzt: „Sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not!“ so tragen um des dürstenden Mittlers willen rauschende Friedensströme unserem Gebete das göttliche „Amen!“ zu.

2.

„Mich dürstet!“ Wonach dürstet Ihn? Ich denke, dass sich dies jetzt von selbst ergebe. Es war nicht irdisches Wasser nur, nach dem er lechzte; sondern Größeres, Höheres, Wesentlicheres. Ihn verlangte allerdings nach der Beendigung seiner Erlöserarbeit und der Vollendung seines großen Mittlerwerks. War dieses Ziel erreicht, so war Er ja wieder in sein Element, d. h. in die volle beseligende Gemeinschaft seines himmlischen Vaters zurückversetzt, und schaute wieder, während Er jetzt nur glauben musste. Er hatte dann nicht mehr erst mühsam zu dem Bewusstsein sich durchzuringen, dass Gott Ihm hold und väterlich gewogen sei; sondern Er schmeckte Solches wieder, denn er ruhte wie weiland in des Vaters Schoß; und statt der schauerlichen Bilder der Sünde des Fluches und des Todes strahlte Ihm aufs Neue von allen Seiten der Glanz einer fleckenlosen Reinheit und Heiligkeit entgegen. Friede und Freude kehrten dann zu Ihm zurück. Das Natterngezisch der Abgrundsmächte war um Ihn her verstummt. Nur die Hallelujas der Engel und vollendeten Gerechten umtönten ihn; jeder Missklang löste sich auf in selige Harmonie, und die Atmosphäre, in der er atmete, war wie der Liebe, und nichts als Liebe. Ja, Ihn dürstete nach der vollen Wiederenthüllung des Angesichtes seines Vaters, und wie nach des Vaters erneuter, unzweideutiger Erklärung: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ so nach der väterlichen Besiegelung seines Erlöserwerkes als eines untadelig vollbrachten! Dass vor Allem hiernach Ihn gedürstet, sehen wir nicht willkürlich voraus, sondern entnehmen's aus dem hierhergehörigen 69sten Psalm, der Ihm unter anderen in seiner Kreuzesmarter auch die Worte auf die Lippe legt: „Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele. Ich bete, Gott, zu dir, erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. Errette mich aus dem Kot, auf dass ich nicht versinke. Er höre mich, o Herr, denn deine Güte ist so tröstlich. Wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit; verbirg dein Antlitz nicht vor deinem Knechte, denn mir ist angst. Erhöre mich eilend. Nahe dich zu meiner Seele, und erlöse sie!“

- Seht, Freunde, so ist sein „Mich dürstet!“ auch Ausdruck des Verlangens vor, zu und nach seinem himmlischen Vater. Denkt aber nicht, Er habe bei seinem „Mich dürstet!“ nur sich, und was zu seinem eigenen Frieden diente, im Auge gehabt. Hing er doch nicht für die eigene Person am Kreuze. Es verlangte Ihn nach dem Rücktritt in die Gemeinschaft Gottes, weil seine Aufnahme in dieselbe auch denen, die Er priesterlich auf dem Herzen trug, die ihrige verbürgte. Erfüllte Er doch als anderer Adam in dem, was Er erduldete, ihr Geschick, und bereitete er ihnen doch in dem, worauf Er sich selbst einen Rechtsanspruch erstritt, ihr künftiges Erbteil. Er konnte, nachdem Er als ihr Sachwalter in ihre Stelle eingetreten war, nicht gerechtfertigt, erhöht und gekrönt werden, ohne dass auch sie dabei beteiligt waren. Wie sehnte Er sich aber nach dem nun nicht mehr fernen Momente, da Er vor den Vater treten, und zu ihm sagen konnte: „Hier bin ich, und die du mir gegeben hast. Ich habe sie erlöst, mit meinem Blute sie erkauft, und untadelig sie vor Dein Angesicht gestellt. Hinfort sind sie dein und mein, und würdig, zu deinen Vorhöfen einzutreten!“

- Seht, auch diesem Verlangen seines Mittlerherzens, ja diesem zuallermeist, gab Er in dem Rufe: „Mich dürstet“! sinnbildlichen Ausdruck. O, in welchen reichen Blütenschmuck der Liebe hat er das Holz des Fluchs gekleidet!.

3.

Doch wir verkennen nicht, dass das „Mich dürstet!“ nicht bloß Sehnsucht nach Gott, seinem himmlischen Vater, sondern zugleich Bitte an die Menschheit aussprach, welche letztere Er auf Golgatha - leider! - in seinen Kreuzigern vertreten sah. Ja, auch von ihr erbat Er sich einen Liebesdienst. Ein Trunk kühlenden Wassers für seine lechzende Zunge war es, was Er von ihr begehrte. Überseht diesen Umstand nicht. Auch in diesem scheinbar geringfügigen Zuge liegt etwas Großes verborgen. Wer, und wenn er der Edelsten seines Geschlechtes einer gewesen wäre, hätte in Jesu Lage den höhnenden Feinden noch solch ein Wort gegönnt, und sie um eine Erweisung der Freundlichkeit und Liebe angesprochen? Stolze Verachtung gebührte diesen Menschen. Aber zum Zeugnis, wie Er so gar anderen Sinnes sei, denn seine Brüder nach dem Fleisch, und wie in seinem Herzen so gar nichts wohne von alle dem, was gekränktes Ehrgefühl, Groll oder Gereiztheit heiße, ersucht Er die Widersacher noch um eine Handreichung mitleidiger Freundlichkeit, und spricht zu ihnen bittend: „Mich dürstet!“ Was wollte er damit sagen, als: „Seht, ich breche nicht mit euch! Ich bleibe euch treu gesinnt, und halte die Bande fest, die mich mit euch verknüpfen!“ Wer noch nicht weiß, was es heiße: „den Feinden feurige Kohlen sammeln auf das Haupt“, der schaue es hier. Wie tritt hier wieder die Heiligkeit unseres Herrn in die Erscheinung! Wie enthüllt sich hier aufs Neue vor unserem Blick der lautere Goldgrund seiner göttlichen Natur! Ja, „Licht“ war das Kleid, das er anhatte, bis in seine innersten, verborgensten Falten hinein, lauter Licht! Er musste aber auch so beschaffen sein, der unser Bürge und Mittler werden wollte. Ein Stäublein auf der weißen Leinwand seiner Gerechtigkeit hätte hingereicht, Ihm die Tüchtigkeit zur Vollführung seines großen Werks zu benehmen.

Man sollte denken, der wunderzarte Zug unbefangener Annäherung und vertrauensvoller Herablassung, wie er in dem „Mich dürstet!“ zu Tage trat, habe die Kreuziger drunten mit einer Beschämung er füllen müssen, die ihnen kaum mehr gestattet haben würde, die Augen aufzuschlagen. Und freilich scheint es, als habe derselbe auch seines versöhnenden und zu milderen Gesinnungen stimmenden Eindrucks auf sie nicht ganz verfehlt. Wir sehen sie Anstalt machen, Ihm seine Bitte zu gewähren. Es läuft Einer hin und holt einen Ysopstängel, und nachdem sie einen Schwamm in Essig getaucht, und diesen an das Rohr befestigt haben, reichen sie denselben zu seinem Munde hinauf, und tränken Ihn mit dem Schwamme. Freilich wird Ihm auch dieser kümmerliche Trank noch mit der Galle eines erneuerten Spottes vermischt.

- „Halt! lass sehen, ob Elias komme, und ihn herabnehme!“ rufen die Waffenknechte. Doch irre ich nicht, so ist in diesem Spott mehr Ernst als Scherz, und man beabsichtigt im Grunde mit demselben nur die besseren und weicheren Gefühle des Mitleids, ja sogar eine gewisse Zuneigung zu dem blutenden Manne zu verhüllen, die man in diesem Augenblicke in sich aufwallen fühlt.

Wollen wir unsere Gegner uns wiedergewinnen, so kann dies schneller und sicherer nicht geschehen, als dadurch, dass wir uns einen Liebesdienst von ihnen erbitten, und uns so ihnen zu Dank verpflichten. Augenblicklich wird dies sie milder stimmen. Freilich ist hierzu ein Maß von Demut und Liebe erforderlich, das nicht Jedermanns Ding ist. Der Heiland besaß aber diese Liebe und diese Demut in unbegrenzter Fülle. Um nun sich selbst in die Lage zu versetzen, der Welt einen Dank zu schulden, gibt Er dieser mit seinem „Mich dürstet!“ Gelegenheit, Ihm auf seinem Lebensgange noch das letzte irdische Labsal darzureichen. Welch ein rührender, herzgewinnender Zug dies! O, dass er, so weit es noch nicht geschah, auch unsere Herzen Ihm gewinnen möge! Denn dass Er uns gewinne, das ist's vor Allem, wonach sein Dürsten geht. Die Übertreter entsündigt, die Fluchbeladenen entbürdet, die Gebundenen erledigt und die Gefangenen frei zu setzen, das ist der Hauptgegenstand seines Schmachtens und Begehrens. Damit aber dieses große Ziel der Menschenerlösung erreicht werde, dürstet Ihn fort und fort nach unserer Liebe, nach unserer Hingebung an Ihn, nach unserem Kindesvertrauen auf seinen Jesusnamen. Wir wissen somit, wie und mit welchem Tranke wir den Herrn der Herrlichkeit noch heute erquicken können. Das erste Labsal, dem Er unsrerseits verlangend entgegensieht, sind unsere Buß- und Reuetränen. O, tragen wir sie Ihm zu! Oder soll es nimmer dahin kommen, dass wir einander weinend in die Arme fallen, sprechend: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn! Er hat uns zerrissen, Er wird uns auch heilen; Er hat uns geschlagen, Er wird uns auch verbinden!“ Soll es nimmer, weder dem Blute gelingen, das vom Kreuze strömt, das harte Erdreich unserer Herzen zu erweichen, noch der Liebe, die sich in den Tod für uns gegeben, unsere kalten Seelen zur Gegenliebe zu entflammen? O, der Fülle durchschlagender Weckstimmen und mächtiger Anziehungskräfte, die vom Kreuze her auf uns eindringen! Werden wir uns denn. derselben ewig erwehren wollen, als trachteten wir dem Ruhme nach, unsere Herzenshärtigkeit als eine schlechthin unüberwindliche dargetan zu haben? Verhüte es Gott, und begnade Er uns mit Zöllnerbeugung und mit Schächerssehnsucht!

Es sind Augen unter uns, die bald im Tode brechen werden, und von denen doch niemals noch die Magdalenenträne taute. Ihr Augen der grauen Häupter unter uns, zerfließt, ehe die Verzweiflung euch auf immer erstarren macht! Augen blicken hier mich an, die von Kindheit auf gesehen haben, was viele Könige und Propheten zu sehen begehrten, und haben es nicht gesehen; und doch haben sie das Eine, was Not ist, auch von ferne noch nicht erkannt. O ihr so reich gesegneten Augen, weint endlich einmal über eure Blindheit und euren schnöden, schauerlichen Undank! Augen schauen zu mir herauf, die nicht erst der Fackeln bedürfen, um ihre Missetaten zu entdecken, und nichtsdestoweniger versiegten Brunnen gleichen, die kein Wasser geben. Ihr Augen der Ehebrecher, der Mammonsknechte, der Kinder des Lügenvaters unter uns, o, ehe das Weinen zu spät euch ankommt, weint Tränen wie diejenigen, die ein Petrus weinte, und mit denen ein David des Nachts sein Bette schwemmte! Solche Tränen sind das Trankopfer, nach welchem den Herrn der Herrlichkeit noch heute dürstet. Gebe uns Gott, dass wir damit zuerst und vor allem Anderen seinem Throne nahen mögen. Sobald dies geschieht, wechseln die Verrichtungen, kehren die Verhältnisse sich um. Er wird der Tränkende, der Erquickende; und die Trinkenden und Genießenden werden wir. Und selig, wer die Wahrheit seines Worts an sich erfährt: „Wer des Wassers trinken wird, das Ich ihm gebe, den wird ewig nicht dürsten; sondern das Wasser, das Ich ihm geben werde, wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillet.“ Wer möchte nicht im Blick auf solche Tränkung mit dem samaritanischen Weibe sprechen: „Herr, gib mir dasselbige Wasser, auf dass mich nicht mehr dürsten möge!“

„Mich dürstet!“ Verklinge denn auch dieses Kreuzeswort nicht mehr vor unserem inneren Ohre; und überhören wir auch da dasselbe nicht, wo es aus dem Munde derjenigen uns antönt, im Blick auf welche der Herr einst zu denen zu seiner Rechten sagen wird: „Ich bin durstig gewesen, und ihr habt Mich getränkt!“ O, der Gnade, dass uns armen Sündern Wege gebahnt sind, in denen wir Den wieder erquicken können, der aller Freuden und Erquickungen Spender und unerschöpflicher Urquell ist! Machen wir Gebrauch von dieser hohen und seligen Vergünstigung, und gönnen wir in unserem Herzen Raum und Wiederhall dem Sängerworte:

„Gib mit Allem, was du hast,
Dich dem Friedensfürsten;
Selbst entbürdet jeder Last,
Stillst du so Sein Dürsten.

Was an Labsal du Ihm hier
Eiltest zu bereiten,
Er vergilt's mit Strömen dir
Ew'ger Seligkeiten!“ — Amen. —