„Israel, du bringst dich ins Unglück; denn dein Heil steht allein bei mir!“ So beim Propheten Hosea Kap. 13, 9 der Herr. Die tatsächlichen Besiegelungen sind nicht zu zählen, welche die Wahrheit dieses Zurufs in der Geschichte der Menschheit gefunden hat, und fortgehend findet. Wer von Gott weicht, gibt demselben, bevor noch eine positive Strafe ihn ereilt, durch das Verderben, das er an sich reißt, das Zeugnis, dass Er die einige Quelle alles Heils und Friedens sei.
Gedenkt an den König Saul. Wie war er gebenedeit nach Leib und Seele, so lange er vor dem Herrn wandelte, und dessen Straße zog. In einem Misstrauen, welchem er gegen die Treue Gottes bei sich Raum gab, tat er den ersten Fall. Eine uneingestandene Sünde veranlasste seine weitere Entfremdung von dem Angesicht Jehovas. Eine knechtische Furcht trat hinfort an die Stelle seiner kindlichen Unbefangenheit. Ein dunkler Geist des Unmuts verdrängte den der Zuversicht und des Friedens. Da ihn sein geschlagenes Gewissen von Gott nichts mehr erhoffen ließ, schlug er so verzagt, wie trotzig, die Wege der Selbsthilfe ein. Sein innerer Zwiespalt mit dem Herrn steigerte sich bis zu einer ohnmächtigen Kriegserklärung gegen Ihn, und seine Schritte verirrten sich bis zu der Zauberin von Endor. Wider den Allmächtigen ist aber misslich und gefährlich streiten. Gott überließ den betörten Mann, der auf Seine Stimme nicht mehr achtete, sich selbst, damit er der Welt ein warnendes Exempel gebe, wie, wer von Ihm sich scheide, nur an seinem eigenen Verderben baue. Eine im Verlass auf eigene Kunst und Stärke wider die Amalekiter eingegangene Schlacht endete mit der Niederlage seines, des israelitischen, Heeres. Da er „Fleisch für seinen Arm“ gehalten hatte, war mit diesem Arme auch sein Mut gebrochen. Zum Ausblick zu Gott gebrach es ihm eben sowohl an Zuversicht, als an Liebe. Er wusste sich verdammlich vor Ihm, und Buße tun wollte er nicht. In rasendem Bettelstolze steift er seinen Nacken, während in demselben Momente sein inneres Zagen seinen Höhepunkt erreicht, und die Verzweiflung ihre Krallen nach ihm ausstreckt. Trotz Zepter und Krone scheint ihm das Dasein eine unerträgliche Last. Er bittet seinen Waffenträger, dass er ihn ersteche; und da dieser sich weigert, stürzt er sich selber in sein Schwert, und röchelt unter dem Selbstmörderfluche seine Seele aus. Ihr kennt das rührende Lied, das ihm die Liebe Davids sang. Aber auf seinen Leichenstein gehört die Inschrift: „Israel, du bringst dich selbst ins Unglück; denn dein Heil steht allein bei mir!“
Auf einem andern Grabmal steht's mit noch gehobenerer Schrift. Wir treten demselben heute nahe. Sei unser Gang gesegnet, und treibe er uns an, mit Furcht und Zittern zu schaffen, dass wir selig werden!“
Matthäus 27, 3-10. Apostelgesch. 1, 18-20.
Da das sah Judas, der ihn verraten hatte, dass er verurteilt war, gereute es ihn, und brachte wieder die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und den Ältesten, und sprach: Ich habe übel getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie sprachen: Was geht das uns an? Da siehe du zu. Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin, und erhängte sich selbst. Und ist herabgestürzt, und mitten entzwei geborsten, und alle seine Eingeweide ausgeschüttet. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge, und sprachen: Es taugt nicht, dass wir sie in den Opferkasten legen, denn es ist Blutgeld. Sie hielten aber einen Rat, und kauften den Töpfersacker darum, zum Begräbnis der Pilger. Und es ist kund worden Allen, die zu Jerusalem wohnen, also, dass derselbe Acker genannt wird bis auf den heutigen Tag auf ihre Sprache: Hakeldama, das ist, Blutacker. Da ist erfüllt, das gesagt ist durch den Propheten Jeremias, da er spricht: Sie haben genommen die dreißig Silberlinge, damit bezahlt ward der Verkaufte, welchen sie kauften von den Kindern Israel; und haben sie gegeben für den Töpfersacker, wie mir der Herr befohlen hat.
Und steht geschrieben im Psalmbuch: Ihre Behausung müsse wüste werden, und sei Niemand, der darin wohne; und: Sein Bistum empfange ein Anderer.
Einem grausigen Dunkel nahen wir heute. Doch strahlt auch aus dieser Schauernacht ein lichter Schein uns an. Diese Glorie umleuchtet das Haupt des Herrn, dem, - denkt nur! zu guter Letzt auch noch das „Kind des Verderbens“ in seiner Art Aposteldienste tun muss. Jesus wird durch Judas verherrlicht, und feiert Triumphe, wie sie glänzender kein andrer Apostel ihm bereitete. „Triumphe?“ - So ist's! Lasst mich euch zeigen, wie Jesus hier triumphiert: zuerst als Heiliger, dann als das Heil, und endlich als der Heiland.
Der Herr aber segne unsere Betrachtung, und lasse aus dem Tode des Verräters eine Frucht zum Leben uns erwachsen!
Wie viel daran gelegen sei, dass unser Hoherpriester im rechten Schmucke das Werk der Versöhnung vollführte, ist euch bewusst. Ein Fehl an dem Lamme, und es taugte nicht mehr zum Opfer. „Einen solchen Hohenpriester mussten wir haben“, sagt die Schrift, „der da wäre heilig, unbefleckt, und von den Sündern abgesondert.“ Und einen solchen haben wir. Die sittliche Befähigung Immanuels zu seinem Mittlerwerke steht außer Frage. Gott hat nichts gespart, um hierüber jeden Zweifel zu zerstreuen. Er gab den Bürgen zu diesem Ende ein um das andere Mal der Prüfung der scharfsichtigsten Splitterrichter der Erde preis. Diese aber haben alle zu ihrem nicht geringen Verdruss umsonst auf Flecken an Ihm Jagd gemacht, und bald gerade heraus, bald vermittelst ihrer Handlungsweise bezeugen müssen: „Wir finden keine Schuld an diesem Menschen!“
Von hohem Belange ist's, dass selbst die Argusaugen der Priester und Schriftgelehrten nichts Verdammliches an Ihm entdeckten. Viel schwerer aber fällt der Umstand ins Gewicht, dass eben so wenig dem Manne, den wir in unserer heutigen Geschichte zur Hölle fahren sehen, dergleichen an dem Herrn Jesu sich bemerkbar machen wollte. Ihm musste viel mehr noch, als jenen, daran liegen, den Herrn irgendeiner Sünde zeihen zu können, da er nicht, wie sie, in denen das Gewissen schlief, wenn er eine wirkliche Schuld an Ihm nicht fand, durch Andichtung einer erlogenen sich helfen konnte. Hätte er zu solchem Mittel seine Zuflucht nehmen wollen, der Richter in seiner Brust würde dieses Kunstgriffs gespottet haben, wie der Leviathan „der bebenden Lanze“.
- Ach, wenn Judas nur mit halber Wahrheit sich hätte sagen dürfen: „Er, den du verrietest, verdiente es, dass er den Gerichten überliefert wurde“; was würde er darum gegeben haben! Um der Ruhe seines Gemüts, ja um seiner zeitlichen und ewigen Seligkeit willen, musste er leidenschaftlich wünschen, Jesum irgendwie als einen Übertreter zu erfinden. Schon eine an Jesu entdeckte Sünde würde ihm unter der Qual, die er in seinem Innern empfand, ein großer Trost, ein süßes Labsal gewesen sein. Aber wie emsig er danach suchte, wie angestrengt er sich besann, wie gründlich er mit dem erinnernden Geiste seines Meisters Leben durchmusterte: Tugenden boten sich ihm darin in Fülle dar: ein Lichtmeer von Heiligkeit schimmerte ihm daraus entgegen; aber auch nicht ein dunkler Punkt wollte sich zeigen; auch nicht ein Makel, und wäre es der leiseste, begegnete seinem forschenden Auge. Vernichtendes Ergebnis! Judas muss seinem Gewissen Recht geben, das ihn einen Verräter des Heiligen schilt, ja, als einen Mörder der Unschuld ihn verdammt. Er findet nichts, das ihm dieses Urteil zu entkräften hilft, und muss den schauerlichsten Fluch über sich ergehen lassen, der je eine Menschenseele beben machte.
Sonderbar, dass Judas Sünde an Jesu suchte, um aus ihr Beruhigung zu schöpfen; vor Jesu Heiligkeit aber scheu zurückfuhr! Hätte ihm das Licht des Evangeliums geschienen, so würde er umgekehrt der Unsträflichkeit Jesu sich gefreut, vor dem Gedanken aber, dass an Jesu irgendein Flecken entdeckt werden könnte, zusammengeschaudert sein und gezittert haben.
- Seltsam indes, dass wir darin auch wieder mit Judas eins sind, dass wir, wie er, nur in einem anderen Sinne, zur Erleichterung unserer Gewissen an Jesu Sünde suchen. Wir aber finden sie an dem Heiligen in der Tat, wenn auch nur als eine im Wege der Zurechnung und des Übertrags an Ihn gekommene, und gehen unsern Weg mit Frieden.
Judas befindet sich in grauenvoller Lage. Er hatte, der Wundermacht Jesu als eines Deckmantels für seine Bosheit sich getröstend, sein erwachendes Gewissen immer noch mit der Vorspiegelung hingehalten, der Meister werde ja nur zu wollen brauchen, um, wenn Not an Mann gehe, sich den Händen seiner Feinde wieder zu entwinden. Wie er nun aber den Meister wirklich verurteilt, ja, gebunden im Geleite des ganzen Hohen Rates zur Hofburg des Landpflegers schleppen sieht, bricht der letzte Anker, der den unglückseligen Mann bis dahin noch vor dem Verzweiflungssturm gesichert hatte. Jetzt hat der unbestechliche Richter in seiner Brust für seine Anklagen freien Raum. „Dein Bubenstück“, donnert er ihm zu, „ist dir gelungen! - Dein Meister geht hin, und du warfst Ihn in diese Bahn hinein! Auf deinem Schädel lastet die ganze Schuld des blutigen Unterganges dieses Gerechten. Du, der du sein Brot aßt, bist die Natter, die ihm den Todesstich gegeben! Wie, dass dich Abschaum der Menschheit die Erde noch trägt, die Sonne noch bescheint? Wehe, wehe dir Verräter, Mörder, Sohn des Fluches!“ O Schauer der Angst, die unter diesem Gemurmel in seinem Busen ihn überfallen!
O ungeheure Not, die wie ein gewappneter Mann über ihn herfällt! Graus und Schrecken, die ihm Nerven und Gebeine erschüttern! - Nicht anders ist ihm zu Mute, als rauschten die Füße des Bluträchers schon in seiner Nähe, als hörte er bereits das Todesurteil vom Himmel auf sein Haupt hernieder donnern, und als sähe er den Feuerschlund der Hölle zu seinen Füßen offen. Die Verzweiflungsnacht eines Kain, eines Saul, eines Ahitophel lagert sich gewitterschwül über seine Seele. O, wie ihm das Blutgeld auf dem Gewissen brennt! Wie ihn der Klang der Silberlinge in seiner Tasche so grässlich antönt! Als schleppe er daran einen Satanssold, eine Höllenlöhnung mit sich, so ist ihm; ja, als hätte er seiner Seelen Seligkeit dafür verhandelt. Und er hatte dies ja wirklich! Dort stürzt er, von den Rabenfittichen der Angst getragen, hin. Gott hat ihn verlassen; der Teufel aufgehört, um die Tröstung seiner Seele sich zu bemühen. In den Tempel stürzt der Jammervolle. Warum? Will er beten? - Nein, beten kann er nicht mehr. - Er muss des verfluchten Sündengeldes sich entledigen. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Nichtswürdigen, sucht er auf; und wie er sie gefunden, tritt er verstört, wie eine Leiche blass, und voll grimmen Hasses wider diese Werkzeuge seines Falles, auf sie zu, und legt vor ihnen laut und unumwunden das Bekenntnis ab: „Ich habe übel getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe!“ -
Hört diese Worte! Sie sind von größter Bedeutung. War Judas Jesu Freund? - Mitnichten; sein Herz war wider Ihn erbittert. Brachte es ihm Vorteil, das Zeugnis von Jesu Unschuld? Im Gegenteil: er zog sich dadurch nur die Ungnade seiner hohen Gönner zu, und steigerte damit selbst das Grässliche seines Verbrechens.
- In seinem Interesse hätte es gelegen, sich in die Lüge hineinzuräsonieren, dass Jesus einer andern Behandlung, als sie Ihm widerfahren, nicht wert gewesen sei. Wie stark und siegreich also musste selbst in dem nächtigen Spiegel seiner Verräterseele noch der himmelreine Lichtglanz der Unschuld Jesu wiederscheinen, dass er trotz der eben erwähnten Nachteile, die er sich dadurch zuzog, doch nicht umhin konnte, mit solchem Bekenntnisse Ihn zu ehren! Fürwahr, kaum je ist ein gewaltigerer Lobgesang auf die Heiligkeit des Priesters Gottes laut geworden, als er in jenem Verzweiflungsschrei seines Verräters an unser Ohr tönt; und wo ist der Unschuld Jesu je ein gewichtigeres Attest erteilt, als dasjenige, welches hier, von seinem Gewissen gezwungen, wider sich selbst und sich selbst zum Fluch, das unglückselige Mordkind ihr erteilen muss. So feiert Jesus, wie wir sagten, inmitten des tiefsten Erniedrigungsdunkels den glänzendsten Triumph. Er triumphiert als der Mann, den „Niemand einer Sünde zeihen konnte“, als, „das Lamm ohne Fehl“, als „der Heilige Israels“. Wünschen wir uns Glück zu dieser neuen Bestätigung der Wahrheit, dass an unserer Gerechtigkeit kein Makel haftet. Denn die Gerechtigkeit des Bürgen ist auch diejenige seines Volks. Die Jesum loben, das lichtumflossene Haupt, die loben auch uns, des Hauptes Glieder. Auch Christi Feinde, die Seine Gottheit leugnen, aber doch das Tugendmusterbild in Ihm begeistert ehren, sind „Gehilfen unserer Freude“. Ihre lobpreisenden Ergüsse besingen im Grund nur unsere Schöne. Sie wollen selbst davon nicht wissen; aber wenn uns einst Gott vor aller Welt in Seine Arme schließen, und das Erbe Seines Sohnes uns überweisen wird, werden sie inne werden, dass in der Tat das Lichtgewand Immanuels sich auf uns vererbte, und unsere Blöße deckte.
Den zweiten Triumph feiert in unserem heutigen Auftritt der Herr als das Heil, und zwar als das einzige, das den Sündern bereitet ist. Auch in dieser Eigenschaft wird er - wunderbar genug! - durch seinen Verräter verherrlicht. Judas verrichtet hier, freilich nicht nach seiner, wohl aber nach Gottes Absicht, Aposteldienst. Er stellt uns ein erschütterndes Exempel auf, wie Jemand Alles unternehmen könne, um der Sünde und des an sie geknüpften Fluches los zu werden, und doch nicht zum Ziel gelangt, so lange nicht der Herr Jesus sein, und er des Herrn Jesu eigen ward.
Seht den Unglückseligen! Die grässliche Tat ist vollbracht; aber er selbst hat sie auch schon als eine Untat erkannt. Wir haben's in dem Manne mit keinem schon ganz verhärteten Bösewicht zu tun. Er fühlt noch die Größe seiner Schuld, bekennt sie, und empfindet Darunter bittere Reue. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn er das Verbrechen ungeschehen hätte machen können! Manches versucht er, was zu diesem Ziele führen könnte, und wozu ihn sicher auch unsere heutigen modernen Sittenlehrer geraten haben würden. Er eilt zu den Menschen, in deren Diensten er gesündigt, wieder hin, bringt ihnen den verfluchten Sold zurück, will lieber Schmach, Hohn und was Alles sonst noch, auf sich nehmen, als länger dieses Blutgeld in seinen Händen dulden, bekennt frei und unverhohlen den begangenen Frevel, entschuldigt und beschönigt an demselben nichts, spricht's geradezu aus: „Ich habe übel getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe“, und beurkundet's zur Genüge, dass der Abscheu, den er wider den begangenen Gräuel an den Tag lege, ein ernster und aufrichtiger sei. Und als die Priester die Zurücknahme ihrer Silberlinge verweigern, und mit dem vornehm kalten und schneidenden: „Was geht das uns an? Da siehe du zu!“ ihm den Rücken kehren, schleudert er die Silberscherben von sich in den Tempel, und gibt damit zu verstehen, dass er sie den Armen bestimme, oder sonst einem heiligen Zwecke weihe. Eine furchtbare Ironie des Schicksals sieht uns aus dieser Szene an, gedenken wir zurück an das heuchlerische „Diese Salbe hätte besser verkauft, und das Geld den Armen gegeben werden mögen,“ womit der unglückselige Jünger einst das schöne Liebeswerk der Maria zu verunglimpfen sich vermaß. Jetzt muss er, wenn auch mit einem andern Gelde, in schauerlicher Weise wahr machen, was er damals log. Was sollte man aber mehr verlangen, als was hier der Sünder tat? Hier war Selbstgericht, Buße, Sündenbekenntnis, Besserungsvorsatz, und sogar ernstes Bemühen, wie der gut zu machen, was er fehlte. Und doch, - was frommte dieses Alles? Die Sünde haftet, der Himmel bleibt über ihm verriegelt, das Herz des ewigen Richters von ihm abgewandt, und des Satans Kette ungebrochen. Das Zittern des armen Jüngers ist umsonst, wie es seine Reue, sein Bekenntnis, und seine sittlichen Entschließungen und Gelübde sind. Alle diese Lauge reicht nicht, die Schuld von ihm abzuwaschen. All' dieses edle Tun erwirkt ihm keine Gnade. Judas geht in fürchterlicher Weise unter. Warum? Etwa, weil seine Sünde das Maß der göttlichen Vergebung überstieg? - O, nicht doch! - Weil er ein Dieb und Gauner war? Das war der Schächer am Kreuz in höherem Grade, und er hat den Weg zum Paradies gefunden, - Weil er den „Heiligen Israels“ verriet? - Es taten Tausende dasselbe, und wurden dennoch selig. - Weil er Hand an sich selber legte? Ich sage euch: hätte er dies auch nicht getan, sondern noch Jahre lang gelebt, und mit ernsten Besserungsversuchen hingebracht: verloren gewesen wäre er doch, und zwar aus der einen Ursache, weil Jesus nicht auf seiner Seite stand, noch mit Seinem Blute ihn vertrat. So muss der Untergang des Judas wie keine andere Begebenheit, der Unentbehrlichkeit Jesu zur hebenden Folie dienen, und Jesus triumphiert darin, wie fast nirgends sonst, als das einige und ausschließliche Heil der Sünder.
Es hilft und rettet Nichts, wenn Jesus nicht unser wird. Hättet ihr eine Ahnung davon, wie blutnötig er euch sei, ihr machtet Türen und Tore hoch, um Ihn zu euch einzulassen. Euer Liebstes und Teuerstes schlägt ihr freudig für Ihn los. Ja, euer Leben setzt ihr daran, geschweige die schale Lust und eitle Ehre dieser Welt, um Ihn zu gewinnen. Ein Surrogat für diesen Jesus und sein Blut ist nicht vorhanden. Das gleißendste Gewebe von Buße, Sittsamkeit und gottesdienstlichem Bemühen ersetzt Ihn nicht. Es ist nur ein schmuckerer Anzug für den Delinquentengang zum Hochgerichte. Zur Gnade und zum Himmel verhilft allein Jesus. Ist Er dir nicht gewogen, umsonst ist's dann, „dass du frühe aufstehst und hernach lange sitzt“, deine Seligkeit zu schaffen. Du arbeitest, und bringst nichts zu Wege; du sammelst, und legst's in einen „löcherigen Beutel“; du wirkst, und webst „Spinnwebe, das zu Kleidern nicht taugt,“ von deinem Webstuhl; du füllst an einem Fasse, dem der Boden ausgeschlagen ist, und bist verurteilt, einen Stein bergan zu wälzen, der, wenn du ihn oben zu haben meinst, dir wieder entschlüpft, und unaufhaltsam zur Tiefe niederrollt. Steht aber Jesus auf deiner Seite, so bist du am Ziele, ehe du noch wanderst; so fallen dir die Friedensfrüchte in den Schoß, bevor du den Baum gepflanzt; so strotzt du von Gerechtigkeit, während du mit der Sünde noch im Kampfe liegst, und bist versöhnt, ohne dass ein Sühnopfer von deiner Hand gefordert ward. Was säumst du denn, Ihn zu umfassen, der dir „Alles“ ist „in Allem“? - Sprich mit dem Apostel: „Was ich noch lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes“; und für Zeit und Ewigkeit ist dir geholfen!
Judas wandelt durch die Passionsgeschichte, auf dass an ihm einmal die Sünde mit allen ihren Schauern und Schrecken recht zu Tage trete, der Sünde gegenüber aber zugleich die Erlösung in ihrem vollen Glanze erscheine, und Jesus nicht allein als der Heilige, und als das einige Heil, sondern auch als der Heiland recht augenfällig sich verkläre. Ja, wenn das Entsetzliche der Sünde an irgendjemandem je zur Erscheinung gekommen ist, dann an dem Verräter. Hier kehrt sie zuerst ihre ganze Hässlichkeit und Schwärze vor, welche gegen das Himmelslicht, das die Person Christi umfließt, nur um so greller absticht. Hier gibt sie sich als die große Betrügerin kund, die ihren Dienstwilligen goldene Berge verspricht, aber mit Schauern und Schrecken sie ablöhnt. Hier tritt sie auf als die Ausgeburt der Hölle, welche nur Frucht des Todes bringt, und niemals andere Kinder, als die der Angst, der Verzweiflung und der Verdammnis geboren hat. Hier offenbart sie sich als die ärgste Feindin unsres Geschlechts, die das Band, das uns mit Gott verknüpft, zerschneidet, den Zorn des Allmächtigen gegen uns entflammt, die Tore zu den „ewigen Wüsten“ uns entriegelt, und eine mit Nichts zu überbrückende Kluft zwischen uns und der himmlischen Gottesstadt befestigt. Überdies tritt's euch tatsächlich hier vor Augen, wie sie jedes menschlichen Versuches, sie ihres Stachels zu berauben, spottet, mit keinen Bereuungen sich bannen, mit keinen Tränen sich hinwegwaschen, mit keinen guten Vorsätzen sich vernichten lässt; sondern dem Allem zu Trotz hartnäckig haften bleibt, ihre Untergebenen dem Teufel in die Hände spielt, und, nachdem sie ihnen diesseits das Leben vergällt, sie endlich einer ewigen Todesnacht überweist, und einem endlosen Verderben preisgibt.
Schaut euch den Verräter an in seinem Jammer, und gewahrt, wie ihm die Sünde gleich einem Gespenste auf dem Nacken sitzt. Seht, wie er sich schüttelt unter dieser Last, und bäumt; aber das gräuliche Ungetüm nicht von ihm weichen will. Bemerkt, wie er unstet und flüchtig dahin jagt; aber das Gespenst jagt mit ihm, und wird nur grässlicher auf dem Wege. Durch Rückzahlung der Silberlinge gedenkt er von dem Scheusal sich wieder zu befreien; aber vergebens sind die Versuche, vermittelst solcher Preise mit der Sünde sich abzufinden. Zu Priestern und Pharisäern nimmt Judas seine Zuflucht; aber wider die Sünde wissen diese keinen Rat. Er stürzt sich endlich, von namenloser Angst gejagt, dem Tode selbst in die Arme; aber auch der nimmt ihm den Brast nicht von der Seele. Seines Leibes kann Judas sich entledigen; aber er entledigt sich damit nicht seiner Schuld. Von seinem Leben kann er scheiden; aber die Sünde scheidet darum nicht von ihm. Diese Erde kann er räumen; aber sein Frevel folgt ihm über deren Grenzen nach. Er wirft sich einen Strick um den Hals; aber würgt derselbe ihn, so nicht seine Missetat. Dieser wird vielmehr dadurch nur Raum gemacht, ihre ganze Macht und Herrschaft zu entfalten.
- Sie lässt es geschehen, dass sein Leib zerberste, und fährt dafür mit der Seele ab, um sie in das ewige Feuer zu begleiten. O, tretet hin an Juda Gruft. Nein, an diesem Grabe wachen keine Engel, und kein Hüterauge Gottes steht darüber offen. Keine Hoffnungsrosen blühen auf seinem Hügel. Nachtschatten nur und Disteln umwuchern ihn. Und die Inschrift auf dem Leichensteine? - Sie lautet kurz und schaurig: „Und Judas ging an seinen Ort“, und deutet in erschütternder Weise an, wie weit die verwüstende, Unheil gebärende, Tod bringende Macht der Sünde sich erstrecke.
Wer war diesem Ungetüm gewachsen? - Einer nahm es mit der Sünde auf: Der, den man dort in Fesseln vor den Richterstuhl des Heiden schleppt, und bei dessen Anblick Judas verzweifelt, statt in Jubel der Freude auszubrechen. Christus ward im Zurechnungswege das Lamm, das der Welt Sünde auf sich nahm, um dieser in stellvertretender Erduldung des ihr gebührenden Fluchs, für Alle, die an Ihn glauben würden, den Stachel auszubrechen. Er hat's getan; und wenn wir vorhin behaupteten, Er triumphiere in unserem heutigen Evangelium auch, als der Heiland, so meinten wir zunächst, dass Seine Erlösertat eben darum hier in umso hehrerem Glanze erscheine, weil hier das Scheusal Sünde allseitiger, als irgendwo, seine wahre Natur enthüllt, und seine Schrecken zu Tage treten lässt. Es wird aber Christus als der Heiland auch insofern hier verherrlicht, als sich hier Jedem unabweislich die Überzeugung aufdrängt, dass das verlorene Kind einzig darum den furchtbaren Schiffbruch erleidet, weil er verschmäht, demselben Manne, den er verriet, reuig und glaubend in die Arme sich zu werfen. Wie grauenvoll der Sturm ist, der die ganze Flotte aller menschlichen Hilfen versenkt; eine Retterbarke ist noch übrig. Hätte er auf diese sich geflüchtet, sie würde ihn unfehlbar in den Hafen des ewigen Friedens hineingetragen haben. „Aber warum bestieg er sie nicht?“ Teils war er auch inmitten seines namenlosen Jammers noch zu stolz dazu, um Dem, der ihm die Heuchlerlarve abgerissen hatte, und wider den seine Seele aufs tiefste erbittert war, die Ehre anzutun, Seine Gnade sich zu erbetteln; teils war er dazu auch wieder zu verzagt, indem der Satan nicht abließ, zum Lohn für die Dienste, die Judas ihm geleistet, ihm zuzuraunen, wie für ihn irgendeine Hoffnung nicht mehr vorhanden sei, und überdies durch Vorgaukelung allerlei grauenhafter Höllenbilder jede Ruhe und Klarheit des Besinnens ihm benahm. Hätte Judas Demut und Mut genug gewinnen können, um, wie nachmals der Schächer, Jesu das tränenfeuchte Auge zuzuwenden, er würde nur dem Blicke vergebender Huld begegnet sein; und o, wie so ganz andere Laute, als das entsetzliche „Was geht das uns an? Da siehe du zu!“ der Hohenpriester, hätten hier ihn angeklungen! Denn an Gnade gebrach es auch für einen Menschen seiner Verderbensstufe nicht; und ob seine Sünde „blutrot“ war, das Blut der Versöhnung hätte hinge reicht, sie „schneeweiß“ zu waschen. Aber wie ein Geier mit dem erhaschten Lamme, fuhr der Teufel mit ihm im Sturme davon, und ruhte nicht, bis er seinen Triumph über ihn vollendet hatte, und die Seele dieser seiner seltenen Beute in sicherem Verwahrsam wusste.
Die Erde hat ein tragischeres Schauspiel nicht gesehen, als dasjenige, vor welchem wir mit unserer Betrachtung weilen. Ein Mann, zu einem ausgezeichneten Gefäße des Heils und Segens für die Menschheit verordnet und angelegt, verzweifelt Angesichts des Retters der Welt, und stürzt sich, statt die nach ihm ausgestreckte Erlöserhand zu ergreifen, in dem unseligen Wahne, als betrete er so den Weg, auf dem er die Erlösung von den Foltern seines Gewissens finden werde, in den Abgrund der ewigen Verdammnis.
- Und es ist, als ob selbst Tod und Hölle, wie vorhin schon in den Personen der Priester und Ältesten die Welt, von diesem Fluchkinde sich lossagen, und mit Gott an ihm Gericht üben müssten. Der Strang, mit dem der Bejammernswerte sich aufgeknüpft, reißt. Der Baum, den er zu seinem Sterbebett sich ersehen, schüttelt ihn mit Grauen wieder ab. „Mitten entzwei berstend“, stürzt der Erwürgte herunter, und sein Eingeweide rollt ausgeschüttet über die Erde.
Während diese haarsträubenden Dinge sich begeben, stehen die Priester und Ältesten beratschlagend zusammen, was mit den dreißig Silberlingen anzufangen sei, die Judas verzweifelnd in den Tempel zurückgeschleudert hatte. „Es taugt nicht“, sprechen die Scheinheiligen, unbewusst sich selber brandmarkend, „dass wir sie in den Opferkasten legen, denn es ist Blutgeld.“ Ein solches war's; und allerdings sollte nach 5 Mos. 23, 18 durch Blutgeld und „Hundelohn“ der Tempelschatz nicht verunreinigt werden. Aber wie trifft die „übertünchten Gräber“ hier wieder das Wort des Herrn Matth. 23, 23: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet Münze, Dill und Kümmel, und lasst dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. - Ihr verblendeten Leiter, die ihr Mücken seiht, und Kamele verschluckt!“
- Waren doch diese Menschen an der Gräueltat, die sie mit jenen Silberlingen bezahlten, nichts weniger, als der Verräter selbst, schuldig, und, obwohl mit diesem in gleicher Verdammnis, werfen sie sich nicht allein zu dessen Richtern auf, sondern spielen ihm gegenüber sogar mit vornehmer Miene die Hüter des Gesetzes und die Heiligen. Wer empfände nicht fast noch mehr Sympathien für den verzweifelnden Jünger, als für diese Meister in aller Lüge und Verstellung? - Wer weiß, ob es jenem am jüngsten Tage nicht erträglicher ergehen wird, als diesen hochfahrenden und herzlosen Gleißnern. Die Herren kommen denn überein, für den „Lohn der Ungerechtigkeit“ den „Töpferacker“, ein bis dahin einem Töpfer zugehöriges Grundstück anzukaufen, und dasselbe zum Begräbnisplatze für Pilger, die in Jerusalem etwa starben, und dort keine eigene Gruft besaßen, zu bestimmen. So musste selbst der Preis, um den Jesus verhandelt war, noch einen Segen stiften. Ja, spielt nicht auch in diesem Zuge wieder ein Bild, welches besagt, dass Christus eben darum sich hingegeben habe, dass wir Pilgrime im Todestal in Frieden ruhen möchten?
- Der erkaufte Acker erhielt im Munde des Volks fortan den halbsyrischen Namen: „Hakeldama“, das ist, Blutacker. Ein trauriges Denkmal, das hiermit dem verlorenen Jünger und seiner Untat errichtet wurde, und das heute noch dem Wanderer zuruft: „Wer den Sohn Gottes mit Füßen tritt, dem ist kein andres Opfer für die Sünde mehr übrig!“
Der Evangelist fügt seinem Berichte von jenem Kaufakte die Bemerkung bei: „Da ist erfüllt, das gesagt ist durch den Propheten Jeremias, da er spricht: Sie haben genommen die dreißig Silberlinge, damit bezahlt ward der Verkaufte, welchen sie kauften von den Kindern Israel; und haben sie gegeben für den Töpfersacker, wie mir der Herr befohlen hat.“ - Matthäus vereinigt hier ihrem Hauptinhalte nach zwei prophetische Stellen, von denen die erstere dem Jeremias, die andere dem übrigens nicht namhaft gemachten Sacharja angehört. Die Worte des Jeremias lesen wir Kapitel 19, 11-13, wo sie also lauten: „So spricht der Herr Zebaoth: Eben wie man eines Töpfers Gefäß zerbricht, das nicht mag wieder ganz werden, so will ich dies Volk und diese Stadt auch zerbrechen; und sollen in Thopheth begraben werden, weil sonst kein Raum sein wird, zu begraben. So will ich mit dieser Stätte, spricht der Herr, und mit ihren Einwohnern umgehen, dass diese Stadt werden soll, gleich wie Thopheth. Und es sollen die Häuser zu Jerusalem, und die Häuser der Könige Juda eben so unrein werden, als die Stätte Thopheth; ja alle Häuser, da sie auf den Dächern geräuchert haben allem Heer des Himmels, und andern Göttern Trankopfer geopfert haben.“ Des Sacharja Ausspruch findet sich im 11. Kapitel der Weissagungen dieses Propheten, und lautet daselbst im 13. Verse also: „Und der Herr sprach zu mir: Wirf es hin, dass es dem Töpfer gegeben werde! Ei, ein trefflicher Preis, des ich wert geachtet bin von ihnen! Und ich nahm die dreißig Silberlinge, und warf sie ins Haus des Herrn, dass sie dem Töpfer gegeben würden.“
Suchen wir nun zuerst den Worten des Jeremias auf den Grund zu dringen. Der Prophet verkündet dem Volke Israel und der Stadt Jerusalem schwere Strafgerichte, und hat dabei zufolge göttlicher Weisung seinen Standpunkt nahe dem Ziegel- oder Töpfertore an der Stelle Thopheth genommen, die zum Tale Ben-Hinnom gehört, und dieselbe ist, wo Israel einst in Tagen schrecklichen Verfalls dem Götzen Moloch seine Kinder opferte. In Gegenwart von Ältesten und Priestern, in deren Geleite er auf göttlichen Befehl hinausgezogen war, nimmt er einen mitgebrachten irdenen Krug, zerschmettert ihn an dem Boden, und begleitet diese symbolische Handlung mit der Weissagung, so solle Volk und Stadt zerbrochen werden, und man werde in Thopheth, dem unreinen und fluchbedeckten begraben, aus Mangel an Raum für die Leichen, und die Stadt selbst solle werden wie Thopheth, und ihre Häuser unrein. Thopheth, wo einst das Molochsbild stand, war zugleich das Grundstück, wo die Töpfer in Jerusalem den Lehm für ihre Fabrikate zu graben pflegen. Indem nun der Prophet gerade an diesem Orte den irdenen Topf zertrümmerte, und denselben also wieder in seinen Urstoff verwandelte, bildete er sehr bedeutsam und ergreifend Dasjenige ab, was gleicherweise die heilige Stadt und das Volk der Auswahl betreffen werde. Jenes Thopheth war der „Töpferacker“, den wir in unserem heutigen Auftritt die Ältesten um die dreißig Silberlinge kaufen sehen. Wenn nun aber Matthäus spricht: „Da ist erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremias“, so ist des Heiligen Geistes Meinung, der dem Evangelisten die Feder führt, diese: „Indem Gott es fügte, dass die Väter Israels um den „Lohn der Ungerechtigkeit“ den Acker, auf dem der Fluch des Jeremias ruhte, als Eigentum des jüdischen Staats erwarben, und damit gleichsam selbst jenen Fluch auf sich und ihr Volk herübernahmen, bezeugte er, und zwar wiederum in sinnbildlicher Weise, dass die damals gedrohte Heimsuchung zum andern Male, und zwar in umso schrecklicherer Gestalt über Israel hereinbrechen würde, ein je schwereres Verbrechen der an dem Sohne Gottes selbst verübte Mord, als der Molochsdienst und der mit demselben verknüpfte Opfergräuel, sei.“ Nicht also der Ackerkauf selbst, sondern vielmehr die durch denselben symbolisch getätigte Aneignung des auf dem Thopheth lastenden göttlichen Fluchs, welcher in der Verstörung Jerusalems durch die Römer seine schließliche Vollziehung fand, bildet dasjenige Moment, in welchem die Jeremiasstelle sich hier erfüllte.
Die Stelle aus Sacharja dient derjenigen des Jeremias nur zur Ergänzung; und weil die letztere dem Evangelisten als die wesentlichere gilt, nennt er den Sprecher der ersteren nicht einmal mit Namen. Jeremias bezeichnet ihm den erkauften Ort; Sacharja den Preis, um den die jüdische Obrigkeit denselben kaufte. Treten wir den Worten Sacharjas näher. Der Herr spricht dort zu seinem undankbaren Volke, und stellt sich dar als dessen Hirten, der bald mit dem Stabe Weh, bald mit dem Stabe Sanft sie, die Kinder Israels, geweidet habe.
- Aber diese erkannten seine Hirtentreue nicht an, sondern traten immer wieder ab von seinem Wege, und verachteten seine Unterhirten, die Propheten, und unter diesen namentlich auch den Sacharja, welcher klagt, dass er, und in ihm der Herr selbst, der ihn gesendet, ihnen „mehr nicht, als den geringsten Knechtswert gelte: Dreißig Silberlinge, und dass sie ihn hiermit abzulöhnen glaubten.“ Für dieses frevelhafte Verhalten droht ihnen Jehova Unheil. Er spricht zu seinem Seher: „Wirf es hin, dass es dem Töpfer gegeben werde, d. h. schleudere es als einen Sündenlohn in den Kot jenes verfluchten Ackers, wo der Töpfer sein Werk hat, des Ackers Thopheth!“ „Ei,“ fügt der Herr in heiliger Ironie hinzu, „ein trefflicher Preis, des ich wert geachtet bin von ihnen!“ - „Und ich“, fährt der Prophet fort, nun von sich selber redend, „nahm die dreißig Silberlinge, und warf sie in das Haus des Herrn, dass sie dem Töpfer gegeben würden.“
Also der Tempel wird, und zwar auf göttlichen Befehl, behandelt, als ob er der Acker Thopheth wäre. Eine furchtbare prophetische Versinnbildlichung der Wahrheit, dass selbst der Tempel zu seiner Zeit unter dem Fluche Gottes zusammenbrechen werde.
Die Stunde dieses angedrohten Zorngerichts war nahe herbeigekommen, als sogar auch der, in welchem die Hirtentreue Gottes sich gipfelte, Seitens Israels einer Spottsumme von dreißig Silberlingen gleichgeschätzt wurde. Für diesen Preis schlug Judas in Vertretung seines Volkes seinen Anteil an dem Heiland los, und die „Kinder Israel“ in ihrer Obrigkeit erhandelten hierfür den Heiligen, um ihn zu erwürgen.
- Dadurch aber, dass der Verräter verzweifelnd den Mörderlohn wieder von sich schleuderte, und in den Tempel warf, fiel das Blutgeld - (ein schlimmes Zeichen!) der Gemeine Israels wieder zu.
- Jener nicht ohne Fügung des richterlichen Gottes sich ereignende Akt der Zurückschleuderung des Blutgeldes in das „Haus des Herrn“ mahnte schon schauerlich bedeutsam an die dreißig Silberlinge des Sacharja, und konnte nur dahin ausgelegt werden, dass Gott der Herr seine damals in der symbolischen Handlung seines Propheten über Jerusalem und dessen Heiligtum ausgesprochene Drohung mit verstärktem Nachdruck jetzt erneuere; und der Umstand, dass die israelitische Obrigkeit sogar auf den Gedanken kam, für den „Lohn der Ungerechtigkeit“ das mit dem Fluch belegte Ackerstück Thopheth anzukaufen, drückte jener Deutung vollends das Siegel auf.
- Es liegt somit klar am Tage, dass der Geist der Weissagung sowohl die Worte bei Sacharja, als diejenigen bei Jeremias mit bewusster Beziehung auf die erst nach Jahrhunderten in Jerusalem eintretende Begebenheit sprach und fasste; und dass Gott den Handel zwischen Judas und den Oberen Israels nur darum die in so auffallender Weise jenen alten Prophetensprüchen entsprechende Gestalt gewinnen ließ, weil Er der undankbaren Herde seines Volks ein neues handgreifliches Wahrzeichen geben wollte, dass die Zeit ihrer Verderbensreife, aber auch die ihres lange vorher gedrohten Untergangs mit Schrecken nun herbeigekommen sei.
- Mit vollem Rechte durfte darum Matthäus schreiben: „Da ist erfüllt, das gesagt ist.“ - Wirkliche Prophezeiungen fanden ihre schließliche Verwirklichung. - Wie der Heilige Geist bei Sacharja bestimmt an die Silberlinge des Judas, so hatte er bei Jeremias ebenso bestimmt an den Kauf des Töpferackers durch die Priester und Ältesten gedacht. Der Vorwurf bloß willkürlicher und allegorisierender Anwendungen alttestamentlicher Aussprüche und Vorgänge auf neutestamentliche Ereignisse trifft die Evangelisten und Apostel nirgends.
Wir scheiden mit tieferschütterter Seele von der grausigsten Stelle der ganzen Passionsgeschichte, und rufen mit größerem Rechte noch, als der Prophet einst dem Könige von Babel, dem unseligen Jünger das Wort des Abschieds nach: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du heller Morgenstern!“ Wie nahe kann man doch dem Herrn stehen, und dennoch, wenn man sein Herz nicht bewacht, eine Beute des Teufels werden! Wie Vieles kann man an Gnaden und Gaben von Ihm empfangen haben, und durch treuloses Haushalten mit denselben doch den furchtbarsten Bankbruch erleiden!
- Wer Christo sich ergibt, dass er's nur tue ohne Vorbehalt! Wer Gemeinschaft mit ihm begehrt, dass er nur mit allezeit offener Seele vor Ihm wandle! Wer von einem Fehltritt übereilt wird, dass er nur ohne Verzug den Thron der Gnade suche! Und wer von einer Sünde sich beherrscht weiß, dass er um Alles nicht ablasse zu wachen und zu beten, bis durch die Gnade dessen, der der Schlange den Kopf zertritt, die Macht derselben gebrochen ist! Der Keim, aus welchem, wenn er von der Hölle befruchtet wird, ein Judas erwachsen kann, liegt in uns Allen. Geben wir dem Heiligen Geiste Raum, dass er ihn zerstöre; und beten wir täglich mit dem alten Kirchendichter:
Wenn Teufel, Hölle, Tod und Welt,
Und Sünde, eh' ich's merke,
Mir tausendfache Netze stellt,
So gib mir Sieg und Stärke!
Lehr' mich, o mein Herr Jesu Christ, -
Du kannst's, weil du allmächtig bist, -
Den Satan untertreten. - Amen.