So sind wir denn wieder vereinigt, Geliebte, um uns in sinniger Betrachtung auf den Opferplätzen unsres Mittlers zu ergehen. Sei denn auch diese Stunde uns eine gesegnete und geweihte! Ich beginne damit, dass ich euch an ein wohlbekanntes einfältiges Verslein mahne. Es lautet:
„Können Jakobs Söhne zwingen
Josephs gar so harten Sinn,
Wenn sie vor sein Antlitz bringen
Ihren jüngsten Benjamin;
Wie sollt' ich Dein Angesicht,
mein Gott, erweichen nicht,
Wenn ich auf zu Dir mich schwinge,
Und Dir meinen Jesum bringe?!“
Unscheinbar sieht sich dieses Verslein an; doch ist's lieblich und voller Tiefe. Ja, mit unserem Jesus richten wir Alles aus bei Gott. Ist Er unser, so rauschen uns Gottes Erbarmungen entgegen wie ein Strom. Beklagenswert aber ist es, dass unter den Christen nur so wenige recht gründlich wissen, was sie an ihrem Jesus haben. Eins sonderlich beherzigen sie nicht genug: die Wahrheit, dass Gott uns seine Huld und Liebe zuerkennt in Gemäßheit dessen, was Jesus für uns tat und vor ihm gilt, und nicht nach Maßgabe der Gesinnungen, die wir zu Jesu hegen. Die Gesinnungen des Glaubens und der Liebe sind uns freilich unentbehrlich als das Band, das uns mit Jesus eint; nimmermehr aber werden sie zu einem Teil der Ursache, um derer willen Gott sein Herz uns schenkt und die Seligkeit uns zumisst. Die alleinige, ausschließlich Gott bestimmende, aber auch überschwänglich ausreichende Ursache unserer Annahme an Kindes Statt bleibt Christus. Wie steht geschrieben Ephes. 1, 6? Der Apostel sagt: „Gott hat uns Ihm (d. i. Seinen Augen) angenehm gemacht.“ Wie aber tat dies Gott? Machte er uns Sich angenehm in uns selbst? „Nein,“ sagt der Apostel, „in dem Geliebten“ hat Er's getan. Wie dies geschehen, zeigt uns die Passionsgeschichte, die denn auch in dem Auftritte, den sie heute vor uns enthüllt, jenes wunderbare Gotteswerk uns aufs Neue zur Anschauung bringen wird.
Matthäus 26, 67. 68. Markus 14, 65.
Die Männer aber, die Jesum hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, und fingen an etliche, ihn anzuspeien in sein Angesicht und zu verdecken sein Angesicht, und mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage uns, Christe, wer ist es, der dich schlug? Und viele andre Lästerungen sagten sie wider ihn. Und die Knechte gaben ihm Backenstreiche.
Wir kommen heute zu einer Szene, meine Brüder, die an Schauern und Schrecken in der ganzen Passionsgeschichte kaum ihres Gleichen hat. Man weiß auf den ersten Anblick nicht, was man zu solchem Auftritt sagen soll. Man erschrickt, fährt bestürzt zusammen, zittert, möchte wegsehen von solchem Vorgang, und, das Haupt verhüllend, mit einem: „O mein Gott, wer erträgt diese Dinge?“ im Fluge von dannen stürzen. Aber enteilen wir nicht, sondern halten wir aus, und beleuchten die Anfangs so unbegreiflich erscheinende Geschichte mit der Fackel des festen prophetischen Wortes, so wird das scheinbar undurchdringliche Dunkel sich schon lichten, und das unheimliche Rätsel in überraschend tröstlicher Weise seine Lösung finden. Wir richten unser Augenmerk heute vorzugsweise auf die an Jesum gestellte Frage: „Weissage, Christe, wer ist es, der dich schlug?“ und schauen an die Schrecken, welche diese Frage begleiten, und die bedeutungsvolle Antwort, die auf sie erfolgt.
Möge unter den erschütternden Bildern unserer heutigen Betrachtung wie unser Abscheu gegen die Sünde, so unsere Liebe zu dem, der uns von ihr erlöste, einen wesentlichen Zuwachs erfahren!
Das Urteil ist über Jesum gefällt. Es lautet auf nichts Geringeres, als auf Tod. Die richterliche Versammlung hat sich nach ihrer ersten Sitzung, die noch bei der Nacht begann, für eine kurze Weile mit wilder Siegesfreude vertagt. Unterdessen ist der göttliche Dulder der Willkür der Schergen und Lanzenknechte preisgegeben, die denn ein grässliches Spiel mit ihm treiben, und dies umso ungescheuter, da es mit Zustimmung und auf Rechnung ihrer hohen Gebieter geschieht, und sie sich bewusst sind, dass sie diesen damit nur gefallen werden. Er befindet sich nun einmal in ihrer Macht, und jetzt soll er Alles, Alles büßen. Aber was büßen doch? Was tat er ihnen je zu Leide? O, beim allerbesten, treusten Willen viel! Hatte er ihnen doch in seiner heiligen Persönlichkeit einen Spiegel vorgehalten, aus welchem ihnen das schwarze Bild ihrer eigenen Gottlosigkeit grell entgegentrat; - und solche Begegnung war ihnen unbequem! - War ihnen durch sein leuchtendes Exempel doch der tatsächliche Beweis geführt, dass sie auf verkehrtem Wege sich befänden; und Überführung solcher Art schneidet ins Herz. - Hatte er ihnen doch durch seine Aufforderung an sie: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ unzweideutig vor die Stirn gesagt, dass sie bisher in Gottentfremdung dahingelebt; und solche Eröffnung beleidigt und schafft Pein, zumal wenn das eigene Gewissen in die Beschuldigung mit einstimmt. Nannte er ihnen doch wiederholt eine „neue Geburt“ als die unerlässliche Bedingung, an welche für sie die Aufnahme ins Himmelreich geknüpft sei; und was ward ihnen hierdurch bezeugt, als dass sie in ihrem gegenwärtigen Zustande verderbt und verloren seien? Wer aber hört dergleichen gern!
- So hatte sich denn auch in ihnen nach und nach ein ganzer Sud von Grimm und Ärger angesammelt. Ein entsetzlicher Umstand, der aber nur für Jesum zeugt. Glaubt's, auch die Widersacher des Herrn und seines Worts unter uns sind größtenteils wie ein angeschossenes, und vor dem Jäger flüchtiges Wild. Sie fühlen, dass dieser Jesus ihnen an ihren falschen Frieden will, ihr fleischliches Gesuch verdammt, und ihre Götzen zum Opfer fordert; und darum sind sie Ihm gram und abhold bis zur Lästerung. Mit Freuden begrüßen sie jeden Versuch, der darauf abzielt, Jesum zu einem bloßen menschlichen Rabbi zu erniedrigen; denn ihr ganzes Dichten ist nur darauf gerichtet, seiner als eines Mannes, dem sie verpflichtet seien, mit guter Manier sich zu entschlagen. Fast immer lässt sich, wo Christusfeindschaft sich zeigt, dieselbe auf jene trüben Motive zurückführen. Das Christentum stört in Wespennestern, reißt von geheimen Schäden die Hüllen und Pflaster weg, und weckt die durch allerlei Zaubertränke eingeschläferten Gewissen; und daher der Hass und Unmut wider dasselbe!
Ehe wir der Schreckensszene im hohenpriesterlichen Palast uns nähern, vergegenwärtigt euch noch einmal, wen wir in dem schauerlich Misshandelten unseres heutigen Auftritts vor uns haben. Eine unerhörte Geschichte, der wir nahen! Ein Vorgang, welcher vor Entsetzen die Felsen könnte zerspringen machen! Als in dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts jene ruchlosen Buben dem unglücklichen Könige von Frankreich unter gellendem Hohngelächter die rote Rebellenkappe aufs Haupt drückten, und dann mit seiner Herrscherwürde ein teuflisches Gespötte trieben, ging ein Schrei der Entrüstung und des Entsetzens durch die Welt, und wem nur ein Funke noch von Pietät und Rechtsgefühl im Herzen glomm, der wandte mit einem: „Dies einem gesalbten Haupte!“ empört von solchem Schreckensschauspiel sich hinweg. Was war aber jene, und was sind alle Begebenheiten ähnlicher Art, von denen die Weltgeschichte Kunde gibt, gegen den Auftritt, dessen wir heute Zeugen sind? Wäre der Mann, auf den unsere Blicke sich richten, gleichfalls nur ein irdischer Würdenträger: Fürst, Priester, oder was der Art sonst, auch dann schon würde uns der entsetzliche Gegensatz seines grauenvollen Geschicks zu seiner erhabenen Stellung in unaussprechliche Bestürzung versehen. „Das geht zu weit!“ - würden wir rufen; „haltet ein! So verfährt man nicht mit Menschen, die Gott der Herr auf solche Höhen stellte!“
- Hier aber ist, ihr wisst es, o wie viel mehr noch, als ein Großer dieser Welt, als eine menschliche Hoheit, als eine Notabilität der Erde. Der Misshandelte dort ist derselbe, der zu Sturm und Wellen sprach: „Legt euch!“ und sie gehorchten; der aus Sarg und Grab mit einem Worte die Toten zurückrief; dem die Engelheere des Himmels zu Dienst und Verfügung standen; ja durch den, und zu dem Alles, was da ist, geschaffen ward, und welcher mit gutem Fuge von sich sagen durfte: „Ich und der Vater sind eins; - wer mich sieht, sieht den Vater; mein Vater wirkt bisher, und ich wirke auch;“ und „sie sollen den Sohn ehren gleich wie sie den Vater ehren!“ Der König der Könige ist er, der Herr aller Herrn. Und auf Ihm, in welchem „die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte“, treten jene Buben mit ihren unreinen Füßen herum! Der ewigen Liebe speien sie ins Angesicht! An den Urquell alles Lebens legen sie die Frevlerfäuste; und den, vor welchem die Himmel sich neigen, durchbohren sie mit den giftigen Pfeilen und Skorpionenstacheln ihres von der Hölle entzündeten Witzes!
- „Was?“ sagt ihr; „Dem tun sie Solches?!“ - Ja, Ihm, Ihm, der eben noch in klarem Bewusstsein seiner erhabenen Würde mit einem Eide beteuerte: „Ich bin Christus, des lebendigen Gottes Sohn“, und dann majestätisch hinzufügte: „Ich sage euch, von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft, und kommen in den Wolken des Himmels!“
Ein ungeheures Schauspiel also, das uns die heutige Geschichte in den Gesichtskreis rückt! So etwas hat die Welt nicht mehr gesehen. Was wir Mitleid nennen, erscheint hier nicht mehr als die dem Gegenstande entsprechende Empfindung. Dem Gedanken an einen Unglücklichen und Beklagenswerten, wie es solcher auch sonst gegeben, ist hier der Raum genommen. Jeder fühlt, es liege hier ein Ereignis vor, das aus der Reihe ähnlicher Begebenheiten der Weltgeschichte gänzlich heraustritt, und mit dem es eine außergewöhnliche Bewandtnis haben müsse. Jedem drängt sich das Bewusstsein auf, es gebe sich der Mann unverkennbar aus freier Entschließung in diese grauenvolle Lage hinein, und die Vorstellung eines Besiegten und der Übermacht Erliegenden sei hier völlig auszuschließen. Und freilich bleibt für eine solche Vorstellung hier kein Raum. Der mit solchem Unglimpf Bedeckte in unserer Geschichte ist hier um nichts ohnmächtiger und schwächer, als er's in dem Momente war, da er mit einem einzigen: „Ich bins!“ die ganze Widersacherrotte vor sich zu Boden warf. Er ist in dem namenlosen Elend, in dem er uns heut begegnet, nicht weniger noch der Stärkere, denn die Starken, als in dem Augenblicke, da die Hölle um Verschonung bettelnd vor seinem Angesicht dahinstob. Erscheine er immerhin jetzt als ein geknickter Halm und ein zertretener Wurm; das Schwert seiner Allmacht ist ihm darum nicht abgegürtet, noch der Bogen seiner Kraft zerbrochen. Was bedürfte es, als eines einzigen Winks von ihm, und die Meutererhorde läge vernichtet zu seinen Füßen! Aber er erteilt diesen Wink nicht. Frei leidet er. Sein Wille versenkt ihn in diese Schauertiefen. Bemesst hiernach die Großartigkeit der Absichten, die solcher Hingebung des Heiligen in Israel zu Grunde liegen müssen. Die Marter Jesu zwingen schon als solche zur Annahme ihrer genugtuenden Bedeutung.
Tretet dem Marterbilde näher. Denkt, es erschien einmal wieder ein Heiliger in der sündigen Welt, und kaum, dass er sich gezeigt, werden die Menschen wider ihn zu Hyänen, ja zu Teufeln! Bis zu solchem Grade ist ihnen das himmlisch Reine zum Ekel, das göttlich Hehre zum Gräuel geworden! - Ach, was widerfährt dir, du Schönster der Menschenkinder! - Holdseligstes Antlitz, wie wirst du zugerichtet! - Man möchte seine Augen verhüllen vor solchem Schauspiel. Hast du das um uns verdient, du ewige Liebe? Du treues Mutterherz, ist dies die Dir gebührende Vergeltung?!
- Und wie man Dich verunglimpft, Du willst dennoch von uns nicht lassen, bis Du uns Höllenwürdige, und wär's mit deinem Tode, dem Fluch entrissen, der auf uns lastet! O, was bleibt uns übrig, als zum Staube hinzusinken, unser Haupt zu verhüllen, und in glühende Tränen der Buße und des Dankes uns aufzulösen?!
Seht, was sich zuträgt! Wenn sonst über einen Missetäter der Spruch gefällt, und das richterliche Urteil verlesen ist, pflegt unter den Umstehenden ein ernstes Schweigen einzutreten, und eine feierlich gerührte Stimmung bemächtigt sich Aller. Jeder fühlt die Majestät des Gesetzes, welches, wo es verletzt ward, mit unbedingter Berechtigung Genugtuung fordert. Es ist, als ob die ewige Gerechtigkeit in Person den Plan beschritten, und ihren Thron auf Erden aufgerichtet hätte. Und der Verurteilte ist nicht mehr Gegenstand des Mitleids nur, sondern er wird zu einer Art solenner1) Persönlichkeit, die man, weil die moralische Weltordnung sie zur Sühne fordert, mit einem Schauer von Ehrerbietung ansieht. Bei der Verurteilung Jesu scheint sich indes in dem wilden, wüsten Feindeshaufen von diesen Empfindungen nichts zu regen. Kaum ist das „Schuldig“ über ihn erschollen, da fallen die nichtswürdigen Buben über ihn her; und o, welche Auftritte, die sich jetzt vor uns entfalten! So Grässliches hatte die Welt noch nicht gesehen. Kains Brudermord, Manasses Blutschuld, was waren sie gegen diese Gräuel? Wehe, was wird aus unserem König und Herrn! Sollte man nicht erstarren vor Schrecken und Bestürzung? Dort haben sie ihn zwischen, und überhäufen ihn zuerst mit den ausgesuchtesten Flüchen und Lästerworten. Aber bei den Worten lassen sie es nicht bewenden. Sie schlagen mit Fäusten und Knütteln auf ihn ein. Und selbst auch dies befriedigt ihren Rachedurst noch nicht. Noch empfindlicher soll er inne werden, wie gänzlich man ihn verachte. Sie sperren ihre Mäuler gegen ihn auf, und speien ihm unter Grimassen der äußersten Frechheit und Gemeinheit ihren Unflat ins heilige Angesicht. Und auch jetzt ist ihr Mut noch nicht gekühlt; auch jetzt ihre satanische Erfindungsgabe noch nicht erschöpft.
„Die Gottlosen sind ja“, um mit dem Propheten zu reden, „wie ein ungestümes Meer, das nicht stille sein kann, und dessen Wellen ohne Ende Unflat und Kot ausschäumen.“ Sie sinnen auf Neues, die Verruchten; und Neues bietet sich ihnen dar. Sie haben gehört, wie der Gegenstand ihres Hasses eben im Ratssaale feierlich beteuerte, er sei Christus, der Sohn des lebendigen Gottes; und dies soll er nun noch ganz besonders büßen. Wider seine Messiaswürde, und namentlich wider sein Prophetentum, werden die Pfeile des bittersten Hohns gerichtet. Sie verbinden dem stillen Dulder die Augen mit einem Tuch, schlagen dann mit Fäusten auf ihn ein, und schreien unter fortgesetztem Hohngelächter: „Weissage nun, Christe, wer ist's, der dich geschlagen?“. Und dann wieder die geballten Fäuste gegen ihn ausgereckt; und, nachdem ihn der neue Schlag getroffen, aufs Neue die sarkastische, in satanischen Hass getauchte Frage ihm zugeschrien: „Wer schlug dich, Christe?“ Und abermals gellendes Gelächter. Doch ich lasse den Vorhang fallen. Wer kann solcher Szene länger zuschauen? O es ist zu grässlich! Welch ein Höllenatem schlägt uns hier entgegen! Und von wannen? Aus dem menschlichen Herzen! Ein Geschlecht aber, solcher Dinge fähig, wie hätte das ohne Versöhnung und Vermittlung von Gott zu Gnaden angenommen werden können? Ich bitte euch, was wäre aus Gott, was aus dem ganzen Ruhm seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit geworden, hätte Er einer solchen Brut ohne Weiteres Verschonung angedeihen lassen wollen? Und haltet doch ja nicht jene Knechte dort für so ganz sonderliche Bösewichter. Glaubt's, dass dem innersten Grundwesen nach ein natürliches Menschenherz wie das andre ist. Selbst ihr, die ihr von Erlösung und Versöhnung nicht wissen wollt, verfehlt nicht, ohne Wissen. und Willen allaugenblicklich die menschliche Natur aufs schwerste zu verdammen, und ihre Erlösungsbedürftigkeit auf das bestimmteste auszusprechen. Denn bald hört man euch wie in sprichwörtlicher Rede mit Nachdruck sagen: „Der Egoismus regiert die Welt;“ bald sprecht ihr: „Es sucht ein jeder nur das Seine;“ bald: „Wehe dem, der in der Menschen Hände fällt;“ bald: „Freunde hat man nur so lange, als man im Schoße des Glückes sitzt;“ bald: „Ein Jeglicher hat seinen Preis, für den er sich hingibt;“ bald: „Es sage Keiner für irgend eines Andern Tugend gut; denn die Gelegenheit ist die Gebieterin des Menschen;“ bald, und dies bekennt ihr mit eurem vergötterten Dichterkönige: „In dem Unglück selbst unserer besten Freunde ist etwas, das uns nicht ganz missfällt;“ - und was von solchen Zeugnissen mehr tagtäglich über eure Lippen geht. Wie entschieden richtet ihr damit das menschliche Herz und Wesen als ein böses und verderbtes; und ihr solltet nicht Ursache haben, einen Retter der Verlorenen, statt gleichgültig ihm, oder gar mit Hohn, den Rücken zu wenden, jubelnd willkommen zu heißen, ja auf den Knieen Hände und Füße ihm zu küssen?
Doch zurück zu der Frage: „Weissage, Christe, wer ist es, der dich schlug?“ Auf den Lippen, von denen sie heute uns antönt, war sie nur lästernder Spott, und Ausbruch der Verruchtheit. An und für sich aber, und abgesehen von der Gesinnung, die dort sie begleitet, erscheint sie als eine Frage von der allerhöchsten Bedeutung; und wer die richtige Antwort auf sie gefunden, kennt das Fundament unserer Seligkeit und der ganzen Erlösung.
Gar Manche schon haben in tatsächlicher Weise jenen Knechten das „Weissage, Christe!“ frevelnd nachgesprochen. Sie haben gedacht: „Was weiß Er's, ob wir Ihn ehren, oder mit Füßen treten? Wo ist Er? Vor achtzehnhundert Jahren ging Er den Weg des Fleisches wie Andre; und die Toten ruhen in ihren Kammern!“ So haben sie gedacht, und also auch ihrerseits gleichsam die Augen Ihm verhängt, und spöttisch Ihm zugerufen: „Weissage, wenn du noch lebst, und hörst und siehst; wer schlug dich?“ Ich könnte euch aber davon erzählen, wie Er Solchen wenigstens teilweise schon geweissagt hat. Den Einen hat Er Bescheid getan, indem Er sie ins Armenhaus verwiesen, Andern, indem Er ihren Namen vor der Welt gebrandmarkt hat; Andern, indem Er sie mit Wahnsinn schlug; wieder Andern, indem Er sie endlich ganz in ihren Sündenweg dahingab, und es zuließ, dass sie sittlich aufs äußerste verkamen; und noch Andern, indem Er die Verzweiflung zu ihren Sterbelagern entsandte, und den Umstehenden das furchtbare Schauspiel zusehends zur Hölle fahrender Verworfener vor die Blicke rückte. O wie Viele auch von denen, die wir heute noch unter uns sprechen hören: „Wer ist der Jesus, dass wir vor Ihm uns fürchten, oder gar vor ihm uns beugen sollten?“ werden einst, wenn er ihnen auf ihr höhnisches „Weissage, Christe, wer hat dich geschlagen?“ Bescheid tun wird, mit jenen Gerichteten Offenb. 6 zu den Bergen sprechen: „Fallt auf uns!“ und zu den Hügeln: „Bedeckt uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhle sitzt, und vor dem Zorn des Lammes!“ Ach, irre sich Keiner, als lasse der Richter aller Welt sich spotten! Küsst lieber den Sohn, auf dass er nicht zürne, und ihr umkommt auf dem Wege; denn sein Zorn wird bald entbrennen!
„Weissage, Christe, wer ist es, der dich schlug?“ Die Spötter dort erhielten auf diese Frage keine Antwort. Jesus schwieg. Hätte ein unter seinem Schuldgefühl darnieder gebeugter Sünder weinend die Frage mitgestammelt, der Herr würde ihn zu seinem Troste nicht ohne Bescheid gelassen haben. Mit Heuchlern aber, mit Bedürfnislosen, mit Solchen, die unzerbrochenen Herzens sind, lässt er sich nicht ein. Nur die Heilsbegierigen finden der Wahrheit Spur, und erfahren's gründlich, wer Jesum geschlagen hat.
„Weissage, Christe, wer ist es, der dich schlug?“ Wie jene lästernd es sprachen, so sprich du es mit betendem Ernste. Eine wichtigere Frage, als diese, kannst du nicht tun. Höre denn nicht auf, mit ihr vor den Herrn zu treten, bis du den begehrten Aufschluss empfangen hast. Anfänglich wird dieser Aufschluss dich erschrecken. „Nicht diese hier,“ wird es lauten, „nein, du machtest mir Arbeit mit deinen Sünden, und Mühe mit deinen Übertretungen! Um deiner Missetaten willen bin ich verwundet, um deiner Sünden willen zerschlagen.“ Und wenn Er dir selbst dies weissagt durch seinen Geist, wie leuchtet es dir dann ein, wie sinkst du vor Ihm zusammen, wie vergeht dir die Lust, ferner auf Kaiphas, Hannas und die Lanzenknechte zu schelten, wie lebendig durchdringt dich die Überzeugung, dass jene dich nur vertraten, und deine Sünden offen zur Schau stellten, und wie senkst du gebeugt dein Haupt, wie lernst du an deine Brust schlagen mit dem Zöllner, wie für deine Seele zittern, und wie angelegentlich nach Erlösung und Vermittlung fragen!
Wisse aber, dass du auf dein „Weissage, Christe, wer schlug dich?“ in dem „Du hast mir Arbeit gemacht“, nur erst die halbe Antwort auf jene Frage empfangen hast. Frage weiter; und siehe! nicht lange wird es währen, so schwebt, nicht wie rollender Donner mehr, sondern wie sanftes Sausen auf den Flügeln der Huld die Botschaft zu dir nieder: „Mich schlug die Hand, die dich zerschellen musste; mich traf der Fluch, der dir beschieden war. Ich trank den Zorneskelch, den deine Sünde dir gefüllt. Ich trank ihn, auf dass er sich für dich mit ewiger Gnade fülle!“ Und wenn Solches dein Inneres durchtönt, zweifle nicht, ob's wirklich Seine Rede sei. So wahr der Herr lebt, es ist Seine eigene Eröffnung! Und wolltest du es noch nicht glauben, so treten ehrwürdige, heilige Männer zu dir hin, Männer, längst verklärt und mit weißen Kleidern angetan, und reichen dir die Hand, freundlich sprechend: „Ja, Gott machte Den, der von keiner Sünde wusste, für dich zur Sünde.“ „Christus erlöste uns vom Fluche, da er ward ein Fluch für uns.“ Und ehe du dich's versiehst, steht der große König selbst vor dir, und spricht, dich grüßend mit dem Friedensgruße: „Ja, ich bezahlte, das ich nicht geraubt hatte.“ So weißt du dann, wer Christum geschlagen habe. Es schlug ihn ein Anderer noch, als die Rotte, und in ihr du und ich und unsere Sünden. Erhellt es nicht schon aus allen Zügen der Passionsgeschichte selbst, dass dem also sei? Fällt es euch nicht auf, dass Jesus unter den schweren Unbilden, die er erleidet, so stille und hingebend sich verhält? Erscheint es euch nicht wundersam, dass jene Peiniger solche Frevel ungestraft verüben dürfen? Befremdet's euch nicht im höchsten Grade, dass kein Blitz aus den Wolken niederzuckt, diese Rotte zu zerschmettern, sondern vielmehr der Heilige in der Höhe ein Schweigen beobachtet, als geschähe nichts, das nicht ganz in der Ordnung wäre? Die Rotte Korah und Abiram tastete empörerisch nur die Priesterwürde Aarons an, und alsobald riss Gott den Erdboden unter ihnen auf, und bei lebendigem Leibe verschlang sie der Schlund der Hölle. Usa machte sich nur einer unscheinbaren Ehrerbietungslosigkeit gegen die Bundeslade schuldig, und sofort ergrimmte des Herrn Zorn wider ihn, und schlug ihn, dass er entseelt zu Boden sank. Wie viel mehr aber ist hier, als die Bundeslade, und der Priester Aaron! Hier treten sie den Augapfel des Allmächtigen in den Kot; und der Richter der Lebendigen und der Toten schweigt, als geschähe nur, was recht sei. Sagt, scheint euch dies Alles nicht erstaunenswürdig? Erregt es nicht in euch die bangsten, oder doch die großartigsten Vermutungen? Gebt diesen Vermutungen nur immer Raum; sie sind in der Tat nicht ungegründet. Gott selbst, wenn ihr's recht verstehen wollt, schlägt den angespienen Mann, auf dem die Strafe liegt, und was demselben widerfährt, sind die Streiche jenes Schwertes, zu welchem Jehova sprach: „Mache dich auf über meinen Hirten, und den Mann, der mir der nächste ist!“ Ihn treffen sie, damit uns Sündern ewige Schonung werden könne. Seht, Freunde, dies ist des dunklen Rätsels Lösung, und die volle Antwort auf die Frage: „Wer schlug dich, Christe?“ Sobald die Sonne der Stellvertretung ins Dunkel der Passionsgeschichte hineinscheint, verklärt sich Alles, und die tiefsten Geheimnisse sind entsiegelt!
Machen wir denn immerhin die Frage jener verruchten Rotte auch zu der unsern; nur dass wir betend und in heiligem Ernste sprechen, was jene lästernd und in wüstem Hohne. Nur im Lichte Seines Geistes gelingt uns eine Heil bringende Entzifferung der blutigen Hieroglyphe Seiner Marter. Hören wir darum nicht auf in Einfalt zu stammeln:
Weissage, Christe, wer Dich schlug ?
Weissage, dass ich's tief empfinde,
Was Du erduldet, sei mein Fluch;
Was Dich getötet, meine Sünde!
Weissage, bis in Scham verhüllt,
Ich mich in Petrustränen bade,
Und nichts mein armes Herz mehr stillt,
Als, Herr, Dein Blut und Deine Gnade! - Amen.