Inhaltsverzeichnis

Kögel, Rudolf - Das Vaterunser in elf Predigten ausgelegt - VI. Fünfte Bitte.

Matth. 6, 12:

Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.

Matth. 18, 21-35:

Da trat Petrus zu ihm, und sprach: Herr! wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist es genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum ist das Himmelreich gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehn tausend Pfund schuldig. Da er es nun nicht hatte zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn, und sein Weib, und seine Kinder, und Alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der Knecht nieder, und betete ihn an, und sprach: Herr habe Geduld mit mir, ich will dir Alles bezahlen. Da jammerte den Herrn desselben Knechts, und ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an, und würgte ihn und sprach: Bezahle mir was du mir schuldig bist. Da fiel sein Mitknecht nieder, und bat ihn, und sprach: Have Geduld mit mir, ich will dir Alles bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin, und warf ihn ins Gefängnis, bis dass er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt, und kamen, und brachten vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich, und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest; Solltest du dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmet habe? Und sein Herr ward zornig, und überantwortete ihn den Peinigern, bis dass er bezahlte Alles, was er ihm schuldig war. Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebt von euren Herzen, ein Jeglicher seinem Bruder seine Fehler.

Gib, vergib, so folgt im heiligen Vaterunser auf die vierte Bitte die fünfte, und wie es in den Himmel hineinschallt, schallt es zurück: Menschenkind, gib, vergib auch du!

Willst du nicht geben? so fragt nicht allein das Weihnachtsfest, so fragt der Krieg mit seinen Wunden, der Winter mit seiner Strenge, die Armut in tausendfacher Gestalt; so fragt auch der Reichtum erfinderischer Liebe. Willst du nicht geben? so fragt nicht der Arme nur an deiner Tür, so nicht bloß dein Weib, dein Bruder, deine Kinder, die von dir Liebe um Liebe erwarten, siehe, so fragt der Heiland selbst, wenn er, wiewohl ein Herr Himmels und der Erde dich, den Sünder, bittet und mahnt: gib mir dein Herz!

Die im Vaterunser gebotene und dargebotene Liebe, wie sie reich ist zum Geben, ist sie nicht minder reich zum Vergeben. Willst du nicht vergeben, mitsündiges Menschenkind? Ich denke an die vielen Prozesse vor Gericht, ich denke an die vielen prozesslosen, o! und so bitteren Streitigkeiten in den Häusern, Zwistigkeiten, die den Trank vergällen und das Brot vergiften; ich denke an den letzten großen Prozess, den der Richter alles Fleisches der gesamten Welt und jedem Einzelnen machen wird - an das Alles und an die Verantwortung des Predigtamtes, gegen jede bittere Fehde das Schwert zu ziehen, denke ich und frage dich kraft der fünften Bitte und des verlesenen Evangeliums: willst du nicht vergeben?

So fragt

Willst du nicht vergeben?

1) die Größe deiner Schuld,
2) die Überschwänglichkeit der göttlichen Gnade,
3) die Geringfügigkeit der Schuld deines Nächsten an dir,
4) die Kürze dieser Zeit,
5) die Länge der Ewigkeit.

In deinen Händen, heiliger Gott, ist das Gericht und in deinen Händen ist auch Barmherzigkeit. Lass dein zur Versöhnung rufendes Wort weder leer noch verklagend zu dir zurückkommen, lass es tun, das dir gefällt, lass ihm gelingen, wozu du es sendest.

Amen.

1.

„Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte, und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehn tausend Pfund schuldig.“ Zehn und mehr Millionen! Wer ist dieser König, der mit seinen Knechten zu rechnen das heilige unantastbare Recht hat? Es ist ein einiger Gesetzgeber, der kann selig machen und verdammen, der Herr aller Himmel, der Vater aller Geister, der Schöpfer, Erlöser und Richter. „Vor dem fürchtet euch, der Leib und Seele verdammen mag in die Hölle.“ Schon in dem Lauf unserer irdischen Tage ruft er ins Gericht, wirft aufs Krankenlager, schlägt mit eisernem Hammer an das schlafende Gewissen: „weil ich schwieg, meintest du, ich würde sein gleich wie du, aber ich will dich strafen und will dir's unter Augen stellen.“ Da muss das erschrockene Gewissen eingestehen: „meine Missetat stellest du vor dich, meine unerkannte Sünde in das Licht vor deinem Angesicht.“ Oder wer ist denn dieser eine unselige Knecht mit der erdrückenden Schuldenlast? Ein frommer Schriftausleger gibt den Rat: „Wo in dergleichen Reden von Einem gesprochen wird, da verstehe du dich selbst darunter, mein Leser, ich tue es auch.“ Sprich, bist du dem flammenden Königsauge, dem heischenden Zepter gegenüber nicht dieser eine Knecht? Ist nicht aus Unterlassungs- und Begehungssünden, aus unreinen Gedanken und selbstsüchtigen Gelüsten, aus argen Worten und faulen Werken eine Schuld entstanden, von der aufblickend du verwirrt und flehend vor Gott niedersinken musst: „Herr, so du willst Sünde zurechnen, wer wird bestehen?“ Nein, du kannst dem Allwissenden und Allheiligen auf tausend auch nicht Eins antworten. Vielleicht gibst du hierauf in einer Art übel angebrachter Verletztheit zu verstehen: Ja, Sünder sind wir alle, bin ich nicht besser, als viele, schlechter wenigstens bin ich nicht. Von großen Sünden weiß ich mich frei, Mängel hat aber jeder, Mängel aber entschuldigen sich selbst und den Rest deckt Gottes Nachsicht zu. Du verblendeter Mensch, was erzählt Paulus aus der Zeit seines unbekehrten Lebens? Er sagt: die Sünde betrog mich! Sie betrog mich nicht allein darin, dass sie Lust versprach und Pein nach sich zog, dass sie Freiheit vorspiegelte und in Ketten warf, dass sie Glück vorlog und Tod auszahlte, vor Allem betrog mich die Heuchlerin Sünde, indem sie log, sie sei gar nicht Sünde, sie sei Natur und darum zu Recht, oder schlimmstens sei sie Ohnmacht und Schwäche. Ein anderer Apostel, Johannes, warnt: so wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir Gott zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns. In deinem Munde ist die fünfte Bitte Heuchelei, ist neue Schuld zur aufgetürmten, wenn du die Einzel-Schuld in die gesamte Schuld bergen, deine persönliche Sünde mit dem allgemeinen Zustand des Menschengeschlechts bedecken, das schlaffe Urteil der Menschen dem allein gütigen Spruch Gottes unterschieben willst! Als Kind gegen deine Eltern, als Glied eines Geschwisterkreises, als Gatte und Vater, als Mann in Amt und Geschäft, als Christ, der über Schrift, Gebet, Taufgnade und Abendmahl ein Haushalter sein sollte, dessen Leib zum Tempel des Heiligen Geistes, dessen Zunge zum Dienst der Wahrheit bestimmt war - wie, bist du auch nur Einen Tag gewesen, was du sein solltest, hättest du auch nur einer der Beziehungen genügt, in die Gott dich gesetzt? O, rechte nicht länger, es könnte dir teuer zu stehen kommen!

Der Knecht im Gleichnis mit dem Verlust seiner Freiheit, mit dem Verkauf der Seinen bedroht, er rechtet nicht, und Petrus, der auf seine Frage, wie oft er dem strauchelnden Bruder vergeben müsse, sich selbst in dem Bilde des verhafteten Knechtes gezeichnet sah, er rechtet gleichfalls nicht; und wer sich selbst im Flammenschein der Bibel und der Ewigkeit erkennt, rechtet nimmer, nimmermehr, sondern fällt mit der Bitte nieder: habe Geduld mit mir, ich will dir Alles bezahlen. Eine solche Summe bezahlen, das Vergangene noch einmal leben, alte Versäumnisse, ohne neue zu begehen, einholen, das Böse und seine Folgen auslöschen, ach wer vermag es?! Der Tag, an dem das gelingt, ist der Nimmermehrstag. Nein, eine bessere Hilfe ist der Seufzer auf Gnade und Ungnade: vergib, vergib! - Ehe du nun weiter hörst, was der König tut, fragt dich die Größe deiner Schuld mit ihren Balken und mit ihren lastenden Bergen: willst du nicht vergeben? Ebenso fragt auch

2.

die Überschwänglichkeit der göttlichen Gnade.

„Da jammerte den Herrn desselbigen Knechtes.“ Die Wage Gottes, mit Jesu Christi Barmherzigkeit beschwert, sie klingt, die Wolke des Zornes geht vorüber, und die Häscher halten inne, und aufgehoben soll die Strafe nicht nur werden, auch aufgehoben die Schuld!

Du kennst den Hergang zwischen Himmel und Erde, kennst den, der uns dies Gleichnis samt dem heiligen Vaterunser gegeben, kennst den, der vom Brot und Kelch des Abendmahls segnend gesagt: für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden, kennst den, der am Kreuz für seine Mörder gebetet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, der am Kreuz das Lamm geworden, das der Welt Sünde trägt und die Strafe auf sich genommen, auf dass wir Frieden und durch seine Wunder Heilung hätten, du kennst ihn, wie er seinem Volke naht und ruft: so kommt denn und lasst uns miteinander rechten; wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden; wo die Sünde mächtig, ist die Gnade noch viel mächtiger geworden! Die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht. Willst du nun nicht auch vergeben? Nicht als ob der Zusatz, richtiger die Fortsetzung der fünften Bitte: „gleich wie wir vergeben“ für Gott Grund und Antrieb werden sollte, uns zu vergeben, als müsste Er sich gewissermaßen erst an uns ein Beispiel nehmen und aus unserem Verdienst zu seinem göttlichen Werke Lust und Kraft schöpfen

ein in der Tat unevangelischer, ja ein irreligiöser Gedanke - nein, nichts weiter als ein Kennzeichen der wirklich erlangten Gnade, nichts weiter als eine Probe der Lauterkeit unserer Bekehrung ist die Erfüllung des Gelübdes: auch wir vergeben unseren Schuldigern. Kaum entlassen von dem Angesicht des Königs, treffen wir schon in der Vorhalle des Palastes die Probe an. Was sage ich? Mitten im Flehen vor dem König: vergib uns unsere Schuld, haben wir auch unsers Beleidigers Schuld wie unsere eigene bereits zum Gegenstand der Abbitte gemacht. Das Gebet für uns selbst ist hier unabtrennbar von der Fürbitte für den Nächsten. Trage mein Bild, so hat der Schöpfer zum Menschen gesagt und ihn über die Geschöpfe ringsum zum Herrscher gesetzt. Trage mein Bild, so hat zum begnadigten Sünder der Erlöser gesagt und ihn zum fürbittenden Priester für die Brüder ringsum gesetzt. Nicht im Himmel bloß, auch auf Erden soll die Barmherzigkeit sich rühmen wider das Gericht. Willst du nicht vergeben? So fragt

3.

die Geringfügigkeit der Schuld deines Nächsten wider dich.

Zwar dir wird die Schuld, die dein Nächster wider dich begangen, gar nicht gering vorkommen; wie häufig doch habe er dich gereizt, wie tief dich gekränkt, wie lieblos dich behandelt. Nun, ich will mich nicht zum Schiedsrichter aufwerfen und nicht forschen, was etwa dein Nächster gegen dich vorbringen könnte. Der Frage: willst du nicht vergeben, gehe hier die andere voran: willst du, zu Christi Kreuz und Selbstverleugnung berufen, nicht endlich weniger reizbar und empfindlich, weniger argwöhnisch und nachträgerisch werden? Während in dem Hohlspiegel deines Hochmuts und Unmuts das Versehen deines Nächsten zu einem Vergehen, das Vergehen zu einer unerlässlichen Schuld riesengroß wächst, schätzt das unparteiische Gleichnis die Schuld deines Mitknechtes nur auf hundert Groschen, auf wenige Taler, die im Verhältnis zu den von dir an Gott geschuldeten Millionen gar nicht in Betracht kommen. Daher noch ehe der göttliche Zorn entbrennt, die verklagende Betrübnis der Mitknechte über die unerweichliche Herzenshärtigkeit des Schalksknechts, sie ist ein Hinweis, dass es zum Vergebenkönnen nicht einmal eines göttlichen Erbarmungsmaßes bedürfe, dass schon das menschliche Maß diese Forderung stellt.

Willst du nicht vergeben? Man sagt mir, du stelltest deine Bedingungen, machtest hinterhältige Einschränkungen und Ausnahmen in Bezug auf das Vergeben. Alles, so sprichst du wohl, vergeben, nur dies Eine nicht; jedem vergeben, nur dem, diesem nicht! Wie, und wenn nun diese eine von dir festgehaltene Unversöhnlichkeit zum Bleigewicht wird, das dein Gebet, dein Vaterunser in den Staub zieht, dein Kommen zum Kreuze lähmt, den Kelch des Abendmahls dir umstößt? Wie, wenn Gott auch seinerseits mit Ausnahmen anhebt und irgendeine Schuld, schwer genug, um dich zu zermalmen, auf dich zurückfallen lässt und sie dir unverrückbar vor die Himmelstür legt, wie ja im Gleichnis der vergeblich Begnadigte schließlich seinen Peinigern zu verdoppeltem Gericht wieder überantwortet wird? Von Herzen kann der Vater dir nicht vergeben, wenn du nicht von Herzen deinem Bruder vergibst. Von Herzen! Damit ist einer neuen Schlangenwindung der Weg verlegt, jener Lüge nämlich: vergeben wolltest du wohl, aber vergessen könntest du nicht. Mit anderen Worten: deine Miene nur will versöhnlich und ohne Falten sein. Heuchler, betrüge dich, so viel du willst, deinen Gott wirst du nicht betrügen. Gott hat den Menschen aufrichtig geschaffen und ihm aufrichtig vergeben, sie aber suchen viele Künste. Sollte deine Seligkeit bei Gott auf so vielen Schrauben stehen, als deines Nächsten Vergebung bei dir, dann wärest du ein übel beratener, ein schließlich dich selbst verratender Mensch. Wendest du ein anderes Mal ein, im Herzen hättest du längst vergeben, nur dein Aussehen sei Kälte, ein sich Aussprechen führe zu peinlichen Szenen, ein Wiederanknüpfen sei unerträglich, auch spreche Manneswürde und Charakterstärke gegen jedes leichte Nachgehen und Nachgeben als ob Eigensinn Würde, als ob Härte Stärke, als ob es größer sei, dem Nächsten Pfeil auf Pfeil ins Herz zu bohren, und nicht vielmehr dies allein groß, den Köcher der Rache auszuschütten und ein Geschoss nach dem anderen, das für den Gegner bestimmt war, zu den Füßen des Gekreuzigten still zu zerbrechen. In einem Sprichwort sagt der Araber: Um ein Haupt zu beugen, genügt ein Schwert; um aber ein Herz zu beugen, bedarf man ein Herz. Willst du nicht vergeben? So fragt

4.

die Kürze dieses irdischen Daseins.

So kurz dies Dasein, meine Freunde, und mit wie schweren Aufgaben ist es um der Sünde willen belastet! So trägt die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst, sie hat die Pflicht, den Staat gegen Unordnung von innen, gegen Angriffe von außen zu schützen; Zahn um Zahn, heißt ihr Gesetz! Dein persönliches Christenamt dagegen in dieser kurzen Spanne Zeit heißt vergeben, heißt beweisen, dass zur Überwindung deiner Feindschaft Gott nicht das flammende Cherubsschwert aufgerufen, nicht Zahn um Zahn gefordert, sondern sein Auge, sein Herz, seinen eingeborenen Sohn für dich dahin gegeben und damit das dunkle Todestal der Erde mit seinem Schwerterklang in den Frieden des ewigen Lebens hinaufgehoben hat. Auch eine Kirchenzucht muss walten, soll anders auf einer Erde voll Dornen dem Weizenfeld des Evangeliums irgendwelcher Raum verbleiben. So heißt es in dem vorangehenden Abschnitt unseres Gleichnisses: „sündigt dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf dass alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er die nicht, so sage es der Gemeine, hört er die Gemeine nicht, so halte ihn als einen Heiden und Zöllner.“ Allein ob die Gemeinde zu ihrer Selbsterhaltung den Unverbesserlichen aus ihrer Gemeinschaft ausschließen müsste, - du persönlich sollst ihn aus deiner Fürsprache bei Gott nimmermehr ausschließen. Genug, der Strenge ihr Recht, sie ist Gottes Ordnung, aber der Barmherzigkeit nicht weniger ihr Recht, sie ist Gottes Wesen und Werk.

Willst du nicht vergeben? Die Zeit zum Leben ist ohnedies so kurz, willst du sie dir noch durch Hass verkürzen? Gestern häuslich oder nachbarlich zusammengeführt - soll nicht Vergebung Jesu Christi das Salzfass eures Tisches, soll die Versöhnlichkeit der fünften Bitte nicht die Flamme eures Herdes sein? Gestern ein Hauswesen begründend, heute gemeinsam die Probezeit durchlebend, morgen schon geschieden durch Kirchhofsmauern oder aufs neue vereint durch den Kirchhof, - willst du diesen kurzen Zwischenaugenblick, den wir Leben nennen, erwärmen durch Jesu Liebeshauch, oder erstarren lassen in Groll, in Zwist, in Eiseskälte? Sei willfährig deinem Bruder bald, dieweil du noch mit ihm auf dem Wege bist; heute kannst du ihm noch sagen: vergib, heute kann er dir noch antworten: ich habe längst vergeben, vergib auch mir; morgen wird dir ein Totenantlitz entgegenstarren, das Ohr ist taub, die Zunge stumm geworden, und hundert Vorwürfe und Selbstanklagen umringen dich, wenn du dich auf das Grab zum Weinen niedersetzt.

Kein häusliches Leben, mein Freund, kein irdisches Dasein kommt ohne Lasten weg, nur dass der eine Teil der Lasten von Gott unmittelbar auferlegt ist, der andere Teil selbstgeschaffene Qual zu sein pflegt. Jeder, der sich selbst kennt, wird zugestehen: nicht bloß die selbstgemachte Pein der Sorge, auch die Wucht von Bitterkeit und Rachegedanken drückt einem das Herz ab und hemmt den Schritt, während das von Gott geschickte Leid durch die Enge der Angst sofort zum befreienden Gebetsausschwung führt. Auch diese Erfahrung von der Atemnot in einer ohnedies beengten Zeitlichkeit mahnt zur Versöhnlichkeit. Willst du nicht vergeben? so drängt die Kürze dieses Daseins, so nötigt endlich

5.

die Länge der Ewigkeit.

An einem dünnen Faden hängt über deinem Haupt ein Schwert; es ist ein dünnes Brett, das dich von einem Abgrund trennt, in dem der Wurm ist, der nicht stirbt, in dem die Flamme brennt, die nicht verlischt, aus dem der Rauch der Qualen aufsteigt von Ewigkeit zu Ewigkeit, wo die Gebundenen vergebens in ohnmächtiger Wut mit den Zähnen knirschen oder in unfruchtbarer Neue ihr Jammergeheul erheben. Denn Ein Tag dehnt sich hier in Qual und Gram zu tausend Jahren aus. Sieh' und jenes Schwert fährt nieder und trifft den Unversöhnlichen zum Tode, und jenes Brett bricht unter dem schweren Schritt des Unversöhnlichen und lässt ihn zur Hölle fahren. Willst du nicht vergeben? Und dass ich nicht versäume, das andere Kennzeichen eines bekehrten, geretteten Menschen als das noch sichere zu nennen: willst du nicht angesichts der Ewigkeit deinen Bruder, deinen Gegner um Vergebung bitten? Wer Anderer Vergebung nicht zu bedürfen meint, ich fürchte, mit dessen Willigkeit zum Vergeben ist es auch nicht weit her.

Willst du nicht vergeben? Der König warf den Herzlosen ins Gefängnis. Von zwei Fällen, so tröstete sich einst jener gefangene englische Kanzler, ist bei meinen Gegnern einer gewiss, entweder sie kommen in das ewige Verderben, wie sollte ich ihnen da noch fluchen wollen? Oder ich werde mit ihnen gemeinsam selig und ewig verbunden, so ist es billig, dass ich mit der Liebe zu ihnen schon hienieden den Anfang mache.

Vaterunser, der du bist im Himmel, lehre uns geben und vergeben, und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern! Amen.