Am Christfest.
Luk. 2, 1-20:
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und Iedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein Jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, dass er von dem Hause und Geschlecht Davids war, auf dass er sich schätzen lieke mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; stehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und Sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen! Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem, und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kund getan hat. Und sie kamen eilend, und fanden beide, Mariam und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und Alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um Alles, das sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Vor einigen Tagen war hier in der Kirche eine Armenbescherung. Was ist das Weihnachtsfest überhaupt anderes als eine große Armenbescherung an die gesamte Menschheit?! Jesus Christus, ob er wohl reich war, ward er doch arm um unsertwillen, auf dass wir durch seine Armut reich würden. Der Kern dieser Armenbescherung ist die wiederhergestellte Gemeinschaft mit Gott, der Wiederzugang der Sünder zum Thron der Gnade, das Gebetsrecht des Glaubens. So ihr etwas bitten werdet in meinem Namen, verheißet der Immanuel in der Krippe, das will ich tun, auf dass der Vater geehrt werde in dem Sohne. In diesem Einen Wort drei Beweise für die göttliche Hoheit des Heilandes: Ich will es tun, was ihr bittet wer erhört Gebet außer Gott? Des Vaters Ehre bedingt durch die Gebetserhörung des Sohnes, wie groß muss der Sohn sein! In Jesu Namen soll Gebet erhörbar sein, fürwahr ein Name der über alle Namen ist! In Jesu Namen beten kann nur der, wer Jesu anhängt und ein Geist mit ihm ist. Was zu erbitten sei, hat uns der Herr im Vaterunser gezeigt, denn er hat uns dasselbe mit den Worten gegeben: wenn ihr betet, sollt ihr also beten. Die Erde durch den Heiligen Geist aus einer Mördergrube zu einem Bethaus erneuert! Jesu Name der Altar in diesem Bethaus; das Vaterunser, das wohlgefällige Gebetsopfer auf diesem Altar! Sollte nicht, ihr Festgenossen, das heilige Weihnachtsevangelium sich einmal mit dem heiligen Vaterunser zu gegenseitiger Beleuchtung verbinden, das Evangelium aller Evangelien mit dem Gebet aller Gebete, die große Botschaft Gottes an die Menschheit mit der großen Bitte der Menschheit an ihren Herrn und Gott? Zwar an sich schon ist das Weihnachtsevangelium unerschöpflich, umfasst es doch in der Wurzel das ganze Leben des Mensch gewordenen Sohnes Gottes! Ebenso für sich unerschöpflich ist das Vaterunser mit seiner vorbildlichen Bedeutung für das Gebetsleben des Christen, ist es nun nicht vermessen, beides zugleich erschöpfen zu wollen? Allein nicht vom Erschöpfen ist die Rede, nur vom Schöpfen und zwar so, dass jeder der beiden goldenen Texte die Handhabe für den anderen sei.
Das Weihnachtsevangelium nach der Ordnung der Vaterunser-Bitten, das Vaterunser im Lichte des Weihnachtsevangeliums zu betrachten, sei die Aufgabe der heutigen Abendstunde, sei der Abschluss des lieben Festes, damit Weihnachtsgedanken und Weihnachtsgefühle uns an der Hand des Vaterunsers durch das ganze Kirchenjahr begleiten.
Und du, Herr der Krippe und des Kreuzes, Herr des Himmels und der Erde, hilf unserer Betrachtung! Hilf uns die Worte bewegen, die du deinem Engel, die du jedem Beter in den Mund gelegt hast. Lassen es irdische Könige an ihrem Geburtstag an Huldbeweisen nicht fehlen, so wirst du dem Volk, das dir dient, bei der Feier deiner Geburt den Geist der Gnade und des Gebets, den Feiertag eines neuen Lebens nicht versagen. Ehre sei dir mit dem Vater und dem Heiligen Geiste!
Amen.
Die Klarheit des Herrn umleuchtete die Hirten und sie fürchteten sich sehr und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, denn siehe ich verkündige euch große Freude. Eben dies, ihr Weihnachtsgenossen, ist der Unterschied Alten und Neuen Bundes: ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern einen kindlichen Geist, durch welchen ihr rufen dürft: Abba, unser Vater, der du bist im Himmel!
Zwar vereinzelt leuchtet dem Volk Gottes auch schon im Alten Testament die evangelische Erkenntnis: bist du doch unser Vater, denn Abraham weiß von uns nicht und Israel kennt uns nicht, du aber Herr, bist unser Vater und Erlöser, von Alters her ist das dein Name! Und Moses Lied richtet an Israel die Frage: ist er nicht dein Vater, dein Herr? Ist er es nicht allein, der dich gemacht hat? Und bei dem letzten der Propheten macht Gott seinem erstgeborenen Volk den Vorwurf: ein Sohn soll seinen Vater ehren, bin ich euer Vater, wo ist meine Ehre? Diese vereinzelten Strahlen eines väterlichen Verhältnisses Gottes zu Israel sollten als volle Sonne des Heils der ganzen Menschheit aufgehen. Allem Volk sollte die Freude des Christgeschenks widerfahren, Abba zu sagen und bekennen zu dürfen: ich glaube an Gott den Vater. Wohl verstanden, dies Wort des ersten Artikels wird durch das nachfolgende des zweiten erläutert: ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn. In Bezug auf Christum heißt Gott in erster und ewiger Stelle Vater, das ist seine ursprüngliche Vaterschaft. Gott ist der rechte Vater. Dass Menschen auf Erden gewürdigt werden Väter zu heißen, geschieht nur abbildlich nach dem ewigen Urbilde. Nicht wir haben mit unseren Vorstellungen das Vaterverhältnis auf Gott übertragen zum Zeichen, wie nahe uns Gott sei, sondern das Vaterverhältnis hat Gott aus sich auf uns tatsächlich übertragen, auf uns in endlicher Weise, während es in ihm unendlich ist: wie es auf Erden geschöpflicher Weise Väter und Kinder gibt, so gibt es von Ewigkeit her göttlicher Weise einen Vater und einen Sohn. Durch die Kraft aus der Höhe wird dieser eine Sohn hienieden empfangen von Maria, der Jungfrau, als Menschensohn, wie der Engel voraussagt: der Heilige Geist wird über dich kommen, darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden. Der Eingeborene des Vaters wird der Erstgeborene der Maria. Da die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf dass er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, dass wir die Kindschaft empfingen. Denen die Jesum aufnehmen, gibt er die Macht, Gottes Kinder zu werden. Seid ihr nun umgekehrt und Kinder geworden? Ist euch das Weihnachtsfest das rechte Kinder- und Kindschaftsfest? Ist euch der Glaube süß und unentreißbar; Gott unser Vater? Und betet ihr deshalb in freudiger Ehrfurcht:
Geheiligt werde dein Name!
Hätten wir die Hirten gefragt, ehe sie zur Krippe gelangten: wer ist euer Gott? welches ist sein Name? eingedenk der Offenbarung aus dem feurigen Busch, hätten sie uns sicher geantwortet: es ist Jehova der Gott unserer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs. Aber seit sie an der Krippe geweilt, seit sie das Wort der Engel mit dem der Maria zusammengehalten, ist ihnen allmählich das Bekenntnis gereift: Gott heißt der Vater unsers Herrn Jesu Christi. Der Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass da entstände die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Wer ihn sieht, sieht den Vater: das ew'ge Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein mit dem neuen Namen unseres Gottes. Heiliger Gott und Vater, geheiligt werde dein Name, dass dein Wort lauter und rein gelehrt werde und wir auch heilig als die Kinder Gottes danach leben. Geheiligt werde dein Name von den Dienern am Wort, dass sie, wie die Engel in der Weihnacht, deinen seligmachenden Befehl ausrichten, als treue Haushalter über deinem Geheimnis der Liebe erfunden werden und nicht als Krämer und Mietlinge; als Träger nicht des flammenden Gesetzesschwertes bloß, sondern vor Allem und immer wieder des Weihnachtsbaumes deiner Gnade; nicht als Wecker nur der Gewissen, sondern auch als Friedensboten für zerschlagene Herzen, nicht als Propheten nur im härenen Bußmantel, sondern gesalbt mit deiner Freundlichkeit, Lindigkeit und Barmherzigkeit. Und geheiligt werde dein Name von den Gemeinden, dass sie still, wie Maria, die Worte bewegen, eilend wie die Hirten sie ausbreiten und die Hausväter nicht Nährer nur der Ihren, sondern auch Lehrer werden und ihre Bibel nicht verstäube und ihr Sonntag nicht verkomme und ihre Hausgenossenschaft sie nicht anklage vor dir.
Wo ist euer Glaube, fragten wir vorhin; jetzt: wo ist euer Bekenntnis? Und damit eng verbunden: wo ist eure Hoffnung, die getrost betet:
Dein Reich komme.
Dies Königreich Gottes und der Himmel ist freilich anbruchsweise schon gekommen, wie könnten wir sonst Weihnachten feiern? Ehre sei Gott in der Höhe, der sein Reich wunderbar verborgen und es wunderbar offenbart hat, dieses Reich, das von dem römischen Kaiser unbeachtet, doch zum Mittelpunkt werden soll, um das alle übrigen Reiche der Erde sich drehen, das Reich, das von den Schriftgelehrten verachtet, sich die Hirten, Fischer und Zöllner zu Untertanen aussucht, ein Reich der Gnade, der Vergebung und Wiedergeburt, das Reich, das von der Heimtücke eines Herodes beargwöhnt und verfolgt keinen Raum in der Herberge, keinen Boden in der Dede dieser Welt finden zu sollen scheint und sich deshalb zu besserem Wachstum das Erdreich mit Märtyrerblut düngt, das Reich, das also von der Welt allenthalben gewogen und weil arm an Silber und Gold, gering an Glanz und Ruhm erfunden, von den Toren verworfen, seine Wurzel aus einem vergessenen Stumpf des Hauses Isai in der kleinen Davidsstadt leise ausbreitet und unter Beweisung des Geistes und der Kraft ein Baum wird, unter dessen schattigen Zweigen die Völker und Jahrhunderte ruhen, ein Reich, das nun in mehr denn zweihundert Sprachen die Engelbotschaft weiter trägt dies dein Reich komme, wenn nicht mit äußeren Gebärden, so desto innerlicher und wahrhaftiger; wenn nicht durch äußere Mittel und Hilfen, so durch Waffen geistlicher Ritterschaft; wenn nicht durch weltlichen Reichtum, so doch trotz aller weltlichen Reiche, bis dass alle Reiche dieser Zeit und Welt zum Schemel der Füße Jesu Christi gelegt und durch ihn dir, dem Vater, überantwortet sind und in der Wiedergeburt aller Dinge das Äußere dem Innern entspricht und an der Stelle der Krippe der Thron steht, von dem aus der Gekreuzigte die Scheidung der Völker vollzieht, um jene Harmonie zwischen Himmel und Erde entstehen zu lassen, nach deren Vollendung die dritte Bitte sich sehnt:
Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden!
Wie im Himmel, von wo die Engel niedersteigen, die ebenso dankbar als fröhlich, ebenso rein als liebevoll, ebenso demütig als barmherzig nichts Lieberes wissen als in das Geheimnis der Erlösung zu Bethlehem zu schauen und über die Bekehrung der Sünder sich zu freuen und sich zum Dienst Gottes und seiner Kinder aussenden zu lassen! - also auch auf Erden, damit jeder von uns eine Weihnachtsharfe werde mit Psalmen und Lobgesängen auf den guten und gnädigen Willen des Herrn, ein Opfer auf seinem Altar mit dem Duft kindlichen Gehorsams, mitten in Proben der Selbstverleugnung gesalbten Angesichts, ein Gefäß des Wohlgefallens Gottes und nicht des Zornes. Denn wenn auch zuletzt Alles dem ewigen Willen Gottes dient ob bewusst oder unbewusst, ob willig oder gezwungen, dazwischen liegt eine furchtbare Kluft. Auch Feind Herodes dient dem Willen Gottes, den Weisen musste er den Weg nach Bethlehem zeigen, sein Mordschwert vertreibt die Eltern Jesu nach Ägypten und hilft so zur Erfüllung des Wortes: aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Aber wie anders die Freude der Weisen aus dem Morgenland an Gottes Stern und Führung, wie anders der freie Entschluss der Hirten: lasst uns nach Bethlehem gehen! wie anders eine Maria, gleich bereit den Willen des Herrn zu erfüllen, ob ihr der Strahl der Verkündigung des Engels zu Teil werde oder das Schwert der Weissagung Simeons. So wisse denn und vergiss es nicht, welchem Stande du angehörst, ob dem der Weisen oder dem der Hirten, an der Krippe und unter dem Kreuze finden sich alle Menschen des Wohlgefallens Gottes zusammen. Der Buchstabe des äußeren Berufes tut es nicht, der Geist kindlichen Gehorsams macht lebendig. Wisse denn und vergiss es nicht: wer vorliebnimmt wie Maria bald mit leichten bald mit schweren Wegen Gottes, der gewinnt, dem reist aus aller Züchtigung die friedsame Frucht der Gerechtigkeit, der schmeckt und fühlt, wie freundlich der Herr, und wie seinen Willen zu erfüllen fürwahr eine Speise ist.
Die Gottseligkeit hat die Verheißung des zukünftigen und des ewigen Lebens, die Verheißung der drei ersten Bitten und die der vierten nicht minder.
Unser täglich Brot gib uns heute!
Wie die frommen Gestalten unseres Evangeliums bei Gelegenheit der dritten Bitte uns den Gehorsam einprägen, so zeigen sie uns bei der vierten den Weg zur Treue im Kleinen.
Ja die Treue im Kleinen üben die Hirten, wenn sie auch Nachts still ihre Herde hüten und wenn sie der hohen Offenbarung sich nicht überhebend gern zu ihrem unscheinbaren Berufsgeschäft zurückkehren mit Danksagung ihr täglich Brot empfangend und heiligend. Denn Arbeit ohne Gebet ist Sklaverei; Gebet ohne Arbeit ist Bettelei. Schaut, wie es euch geht, spricht der Herr durch Haggai zu so vielen unter uns: ihr säet viel und bringt wenig ein, ihr esst
und werdet doch nicht satt, ihr trinket und werdet doch nicht voll, ihr kleidet euch und könnt euch doch nicht erwärmen, und wer sich Geld verdient, der legt es in einen löchrigen Beutel, denn ihr seid nicht treu im Kleinen, wie die Hirten mit ihrer Arbeitsamkeit. Sie können sagen: wir essen unser Brot. Ihr seid nicht treu im Kleinen, wie die Weisen, die opferfreudig Gold, Weihrauch und Myrrhen dem Herrn und seinen Gliedern darbringen. Sie können sagen: gib uns; ihnen ist Weihnacht das Fest des Mitteilens. Ihr seid nicht treu im Kleinen, wie Maria mit ihrer Genügsamkeit, die an der Niedrigkeit des Stalles und der Krippe keinen Anstoß nahm, empfing sie doch noch mehr als nötig war, eben durch die Weisen die Wegzehrung für Ägypten. Aus der vierten Bitte jedem Tag ein Segen, jedem Tag der 23. Psalm als Geleitsmann. Hören wir nicht im Geist, wie Joseph und Maria auf der Flucht nach Ägypten, wie die Hirten bei ihrer Rückkehr zu den Hürden, wie der Zug der Weisen auf dem Heimwege auf fremder Straße gemeinsam den Hirtenchoral anstimmen: Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser, er erquickt meine Seele, er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Du bereitest vor mir einen Tisch gegen meine Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein; wie solltest du mit deinem Sohn mir nicht alles andere schenken? Bethlehem heißt Brothaus, Jesus das Brot vom Himmel, das Brot des Lebens und des - Vergebens!
Vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unseren Schuldigern!
Unsere Schuld - ja, wie groß muss unsere Schuld sein, wenn der eingeborene Sohn selbst hernieder steigen muss in unser Fleisch und Blut, um für uns zu bezahlen, zu bluten, zu sterben. Ahnet denn, ihr Christen, aus dem Gefühl furchtbarster Gewissensangst die Größe und Würde dessen, der eure Ketten abzunehmen im Stande ist. Umgekehrt, aus der Würde Jesu macht einen Rückschluss auf den Grad der Verderbtheit alles Fleisches, dass es einer solchen Rettung bedurfte, einen Rückschluss auf die Größe unserer Schuld. Jene fanden Mariam und Joseph, ach - wenn das der ganze Fund gewesen wäre, was hätte es gefrommt? Was hätte es gefrommt und wenn wir die ganze Menschheit mit einander versammeln könnten aus allen Zeiten und Orten, und fänden nicht dazu auch das Kind in der Krippe liegend, das Kind, das unsres Fleisches und Blutes teilhaftig, doch ohne Sünde ist, und darum die Ehre des Vaters und der Friede der Erde und die Ursache des Wohlgefallens am Menschengeschlecht, das Kind, das da heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft in Palast und Hütte groß sei und seines Friedens auch in Sünderherzen kein Ende durch die Vergebung aus Gnaden frei und umsonst, ein Himmels-Geschenk?! Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu, sondern er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Und er lässt uns sagen: euch ist der Heiland geboren, lasst euch versöhnen mit Gott, sonst habt ihr kein Weihnachtsfest; lasst euch versöhnen mit eurem Bruder, sonst werdet ihr aus dem Weihnachtssaal in den Kerker geworfen. Weihnachten, ihr Hartherzigen, ist das Fest der Versöhnlichkeit mit Gott und Menschen, all' Fehd' hat nun ein Ende!
Freilich alle Versuchung noch nicht: zur Behütung vor den Steinen des Anstoßes auf dem Glaubensweg wird uns das Licht der sechsten Bitte gegeben:
Führe uns nicht in Versuchung.
Wunderbar, wie Gott versucht, doch nie über Vermögen; wie er bei einer Maria gegen die Gefahr geistlichen Hochmuts das Gegengift der Armut, des Herodesschwertes, der Flucht und manches anderen Pfahles im Fleisch bereit hält, wie er aber auch die Gefahr des Verzagens durch die Sendung der Engel, der Hirten und Weisen nacheinander erträglich macht. Weder sie noch uns hat jemals eine andere denn menschliche Versuchung betreten! Nie gereicht eine Versuchung, die von Gott kommt, zum Bösen, immer zum Guten, nie zum Abfall, immer zum Wachstum, nie stammt sie aus der Schadenfreude, immer aus der Barmherzigkeit! Ihr Gesegneten, werdet nicht sicher noch stolz; wer da steht, der sehe zu, dass er nicht falle. Ihr Bekümmerten und Kämpfenden, die Trübsal, die der Herr euch sendet, soll euer Licht nicht auslöschen, sondern höher flammen lassen, sie soll euren Mund nicht stumm, sondern gebetsfreudig machen. Steine des Anstoßes sollen sich euch durch den Glauben zu Bethel Steinen wandeln. Wie die Krippe das Kennzeichen des Sohnes Gottes, so will die Anfechtung das Kennzeichen der Kinder Gottes sein. So lernt denn an der sechsten Bitte Nüchternheit und an der siebenten Geduld.
Die Geduld harrt und wird nicht müde über dem Anklopfen: erlöse uns von dem Übel und von dem, das des Übels Grund ist, von dem Bösen! Wie schwankt des Christen Urteil, ehe er Christum gefunden, über die Trauer und Freude dieses Lebens! An dem einen Tag scheint ihm die Freude nur eine dünne Hülle, hinter der der Tod lauert; an dem anderen Tag will ihn die Trauer nur ein leichter Wolkenschatten bedünken, der zeitweise über Lachen und Freude und Friede flüchtig dahinziehe. Aber das Christen-Auge dringt bis zum Grund des Übels, bis zur Sünde. Und das Christen-Auge dringt bis zum Grund der Freude, zum Sohne Gottes, und er ruft fortan mit dem Engel seinen Brüdern zu: siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist der Heiland geboren, der euch erlöst, erwirbt, gewinnt von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels und der die Geduld der Bitte euch in den Mund gibt: erlöse uns von dem Übel!
Drei Säle mit Christbäumen durchschritt ich vorgestern binnen wenigen Stunden nacheinander. In dem einen saß das Alter zusammen und die Schwachheit, - sagt, womit hat sich der alternde Simeon getröstet? In dem anderen lagen Verwundete aus dem letzten Krieg: ach, neben dem Weihnachtstisch der Operationstisch! Wieder ein andrer Saal, es nahten allerlei Frauen mit ihren Kindern; der Glanz der Weihnachtslichter beschien doppelt hell die leer gewordenen Stellen, es waren Hinterbliebene, die nun verarmt, verwaist ihr Weihnachtsfest hielten. Alter, Vereinsamung, Tod Hüter, ist die Nacht schier hin? Hüter, ist die Nacht hienieden keine Weihnacht? Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes, es gibt einen Durchbrecher aller Bande; hier ist das Reich, er will, hier ist die Kraft, er kann, hier ist die Herrlichkeit, er wird erlösen!
Einer Seele, die lange in Nöten Leibes und des Gewissens gelegen und dem Tode nahe zu stehen schien, nahte die Stimme Gottes und sprach: sage den zweiten Artikel her, und sie begann: ich glaube an Jesum Christum usf. Und mit jedem Wort fielen die Schuppen von ihren Augen. Und weiter sprach die Stimme: jetzt sage dein Vaterunser her! Und als die Dulderin an den Schluss kam: Dein ist das Reich, dein ist die Kraft, da wurde Gottes Kraft in ihrer Schwachheit mächtig, und sie genas nach Leib und Seele.
Jesus von Bethlehem heißt das A und O, Amen, der treue Zeuge. Er hat uns dies Gebet gegeben samt dem Weihnachtsevangelium, er hat uns das gläubige Bekenntnis wie das gläubige Gebet mit dem Amen seines Geistes untersiegelt. Unter die großen Gaben Gottes, unter die großen Bitten der Menschheit gehört das Wort Amen.
Amen.