Disselhoff, August - Das Königreich Gottes in seinen verschiedenen Perioden

Das „Königreich Gottes“ oder das „Königreich der Himmel“ bildet den Hauptinhalt der Reden Jesu. Fragt man, worüber hat Jesus gepredigt? so ist die Antwort: Er hat das Königreich Gottes gepredigt. Damit hat Er angefangen, damit hat Er aufgehört. Sehr klar beschreibt Markus den Anfang und Inhalt der Lehre Jesu (1, 14. 15): „Er rief die gute Botschaft des Königreichs aus und sprach: die Zeit ist erfüllt, und das Königreich Gottes ist herangekommen.“ Eben dies sagt auch Matthäus (11, 17): „Von derselbigen Zeit an fing Jesus an, auszurufen und zu sagen: ändert euren Sinn, denn das Königreich der Himmel ist herangenaht.“ Die Bergpredigt ist weiter nichts, als eine weitere Ausführung dieses Themas, eine ausführliche Antwort auf die Frage: „Welches ist denn die Gesinnung dieses Königreichs?“ Sie, die Bergpredigt, ist mithin eine Lehre vom Königreich Gottes, und zwar von seiner Seligkeit, von seiner Gerechtigkeit, von seiner Klugheit. Auch die Gleichnisse, die zweite Hauptgruppe der Reden Jesu, haben nur einen Hauptinhalt: das Königreich Gottes, und zwar von den sieben Gleichnissen (Matth. 13) an, welche den inneren und äußeren Zustand des Königreichs in diesem Äon, dieser Weltzeit, bis zur Wiederkunft des HErrn darstellen, bis zu den letzten Gleichnissen Matth. 25; in denen uns die Gestaltung desselben in dem mit der Parusie des HErrn beginnenden neuen Äon beschrieben wird. Was der HErr Jesus nach seiner Auferstehung in den 40 Tagen bis zu seiner Himmelfahrt mit seinen Jüngern geredet hat, Lukas sagts uns Apostelg. 1, 3: „Er redete mit ihnen vom Königreich Gottes.“ Die letzte Frage der Jünger an Ihn und seine letzte Antwort an sie hatte denselben Gegenstand zum Inhalt: das Königreich. „Herr,“ so fragen sie, „wirst Du in dieser Zeit wieder aufrichten das Königreich dem Volke Israel?“ und er antwortete ihnen: „Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat.“ - Wie der HErr, so die Apostel. Apostelg. 20 in der ergreifenden Erzählung von dem Abschied des Apostels Paulus von den Ältesten der Gemeine zu Ephesus erinnert sie der Apostel an dasjenige, was er ihnen und den andern Gemeinden in Klein Asien gepredigt habe, und wie fasst er den Inhalt all' seines Predigens zusammen? „Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht sehen werdet, alle die, durch welche ich gezogen bin und gepredigt habe - nun was? das Königreich Gottes Apst. 20, 25.

Diese kurze Zusammenstellung zeigt uns, welche hervorragende Bedeutung die Lehre vom Königreich Gottes in der Heiligen Schrift hat.

Gehen wir nun sofort zu der hieran von selbst sich schließenden, wichtigen Frage über: Was verstand Jesus unter diesem Königreich? so fragt sichs vor allen Dingen zuerst: was dachten sich die Jünger darunter, was konnten sie denken, wenn der HErr sagte: „Die Zeit ist erfüllt, und das Königreich Gottes ist herangenaht?“ Sie mussten an dasjenige denken, was sie aus den Propheten von diesem Königreich wussten. Das - so, und nicht anders, konnten sie nur Jesu Worte verstehen, - werde nächstens ins Werk gesetzt werden. Dieses, und nichts anderes, hat darum auch ohne Zweifel Jesus unter dem Königreich verstanden, weil Er ja von Anfang seines Predigens an, ohne nähere Erklärung, was Er darunter verstehe, vom Königreich redete als von einer Sache, die den Nachkommen Abrahams schon aus den Schriften der Propheten bekannt war, oder doch als bekannt vorausgesetzt werden konnte. In den Propheten und Psalmen, wir wissen es, ist oft von einem zukünftigen Königreich die Rede. Und was ist das für ein Reich? Ist dies etwa nur ein geistliches, innerliches, jenseitiges Reich, nur etwa der Inbegriff des neuen Geisteslebens, der Gnade, des Friedens und der Freude, überhaupt der Seligkeit, die der Messias bringen werde? Nichts weniger als das. Es bedarf nur eines Blickes in Psalm 2, und 72, oder Micha 4, oder Jes. 2, 11, 60, oder vor allem Daniel 2, so ist dies klar: Hier ist so deutlich und unzweideutig als nur möglich die Rede von einem leibhaftigen, nicht bloß geistlichen, von einem irdischen, diesseitigen, nicht jenseitigen, von einem im wahren Verstand sinnlichen, nicht übersinnlichen Reiche, eben von einem Königreich im vollsten, eigentlichsten und realsten Sinne des Wortes. So konnten es die Jünger zunächst auch nur verstehen, und so haben sie's verstanden. „Ja, so sagt man uns, das war eben der Missverstand, das jüdische Vorurteil womit die Jünger dem HErrn so viel zu schaffen machten, dass sie ein irdisches Messiasreich erwarteten.“ Sollte dem aber in der Tat so sein? sollte das in der Tat ihr Missverstand gewesen sein? Wäre dies wirklich der Fall, so würde nur unerklärlich sein, dass der HErr Jesus seinen Jüngern diesen Missverstand nicht kurz und bündig genommen, und noch unerklärlicher, dass Er diesen Missverstand gar selber in ihnen genährt und bestärkt hätte. Jesus spricht von dem Königreich als von einem in die Augen fallenden, leibhaftigen, sinnlichen. Er sagt: „es werde darin gegessen und getrunken, man werde darin zu Tische sitzen“ (Matth. 8, 11). Er sagt: „Seine Jünger würden in demselben auf Thronen sitzen und über die zwölf Stämme Israels königlich regieren“ (Luk. 22, 30). Er sagt „Er werde mit ihnen vom Gewächs des Weinstocks trinken in diesem Königreich“ (Matth. 26, 29. Luk. 22, 18). Er sagt, die Sanftmütigen würden in demselben das Erdreich besitzen“ (Matth. 5, 5). Als die Mutter der Kinder Zebedäi ihn bittet: „Lass diese meine zween Söhne sitzen in Deinem Königreich, einen zu Deiner Rechten und den andern zu Deiner Linken,“ was antwortet Er da? sagt Er da: Du Törin, solch ein Reich, wie ihr es euch denkt, gibt es nicht - es hätte doch so nahe gelegen, diesen Missverstand zu nehmen; - nein, Er sagt: Das Sitzen zu meiner Rechten und Linken in meinem Königreich zu geben, steht mir nicht zu, sondern denen es bereitet ist von meinem Vater (Matth. 20, 20-23). Und als selbst nach seiner Auferstehung die Jünger Ihn fragten: „Meister, wirst Du auf diese Zeit wieder aufrichten das Königreich dem Israel?“ (Apostelg. 1, 6); da antwortete Er ihnen nicht: Wie, so lange bin ich bei euch und unterrichte euch vom Königreich, und noch immer habt ihr solche Gedanken von einem sichtbaren Reich? nein, Er tadelt sie nicht, dass sie an ein sichtbares Reich denken; Er bestätigt vielmehr der Sache nach diese ihre Hoffnung, nur berichtigt Er sie in ihren Vorstellungen über die Zeit und Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat. Vor den beiden Gerichten, dem jüdischen des Hohenrats und dem römischen des Pilatus, hat der HErr sich ausdrücklich und eigentlich einen König genannt, und hat um dieses Bekenntnisses willen den Tod erlitten. So bist Du dennoch ein König? fragte Ihn Pilatus. Und hier wäre der Ort gewesen, sich gegen alle etwaige falschen Auffassungen dieses Wortes zu verwahren. Jesus antwortete: „Du sagest es, Ich bin ein König.“ Und ob Er wohl hinzugesetzt, sein Reich sei nicht von dieser Welt, so hat Er doch so wenig auf die Herrschaft über diese Welt verzichtet, dass Er vielmehr der eigentliche, wahrhaftige, rechte König ist. Das bezeugt Er vor dem hohen Rat, als ein um dieser Lehre willen Angeklagter und Gebundener: Von nun an werdet ihr sehen den Sohn des Menschen zur rechten Hand der Kraft sitzen und kommen in den Wolken des Himmels.“ - Allem dem gegenüber kann man auch nicht auf die Antwort verweisen, welche der HErr den Juden gab, da sie Ihn fragten: Wie kommt das Reich Gottes? Denn die Worte, auf die es hier ankommt, und welche Luther übersetzt hat: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch,“ heißen vielmehr genau und wortgetreu: „Das Königreich Gottes ist mitten unter euch (Luk. 17, 20. 21). Fragen wir nun auf Grund dieser Aussprüche des HErrn: Worin bestand also der Missverstand der Jünger vom Königreich nicht? und worin bestand er? so müssen wir sagen: er bestand nicht darin, dass sie an ein sichtbares, reales, wirkliches Königreich dachten, und dass sie die Weissagungen der Propheten hierüber buchstäblich nahmen. Darin irrten sie nicht. Wir werden im Verlauf unserer Entwicklung noch Gelegenheit haben, die Frage nach der buchstäblichen Auffassung der Weissagungen in nähere Erwägung zu ziehen. Aber worin irrten sie denn? Darin irrten sie, dass sie nicht in der Zeit unterschieden, dass sie nicht die verschiedenen Zeitläufte des Königreichs, und. die diesen Zeitläuften entsprechenden Zustände recht zu trennen vermochten. Sie verstanden Christum den König, aber sie verstanden nicht Christum, das Lamm. Sie verstanden die Herrlichkeit, aber sie verstanden nicht die Niedrigkeit, die vorhergeht. Sie verstanden Psalm 2, und 110, aber nicht Psalm 22, sie verstanden Jes. 11, aber nicht Jes. 53, sie verstanden auch wohl die letzte Hälfte von Psalm 22, und Jes. 53, aber sie verstanden nicht die erste Hälfte, die doch voraus geht. Darauf war die Unterweisung, die der HErr ihnen erteilte, gerichtet, nicht, ihnen den Blick in die Herrlichkeit, in das wirkliche, sichtbare, vollendete Königreich zu nehmen, vielmehr hat Er ihnen diesen Blick und diese Hoffnung, so viel nur möglich, lebendig zu machen gesucht; sondern darauf war seine Unterweisung gerichtet, ihnen die rechte Unterscheidung beizubringen zwischen dem Stande der Niedrigkeit und der Herrlichkeit: „Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ (Luk. 24, 26). Erst das Trinken des Kelches, dann das Sitzen zu seiner Rechten (Matth. 20, 22. 23). Erst das Ausharren in den Verfolgungen, dann das Sitzen auf Thronen (Luk. 22, 28-30). Erst das Getauftwerden mit der Taufe, damit Er getauft wird, dann die Offenbarung des herrlichen Königreichs. Erst das Kreuz, dann die Krone! - Halten wir also fest: das Königreich Gottes, wie es in den Propheten verheißen, als ein sichtbares, leibhaftiges, ist der Kern der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, der Gegenstand aller lebendigen Hoffnung. Und warum dies? Weil es der Kern der göttlichen Ratschlüsse, weil es das Ziel und die Bestimmung der Welt, weil es der Anfang und das Ende der Wege Gottes ist. Das Königreich Gottes steht am Anfang der Zeit, das Königreich Gottes wird am Ende der Zeit stehen. Ich sage: es steht am Anfang der Zeit; denn das Königreich Gottes war schon die Absicht Gottes bei der Schöpfung. Gott wollte alles Geschaffene stufenweise mit seiner Herrlichkeit erfüllen durch Den, welcher der Abglanz seiner Herrlichkeit von Ewigkeit her gewesen ist, und den Er vor Grundlegung der Welt her dazu bestimmt hatte, dass Er König sein und das Haupt aller Dinge werden sollte: durch seinen lieben Sohn (Eph. 1, 3. 10; Kol. 1, 15-19). Gott hatte sich selbst in den Menschen hineingepflanzt, und aus diesem göttlichen Samenbild sollte der Mensch hervorwachsen zur höchsten Stufe der Herrlichkeit, zu ewigem Besitz, zu unvergänglicher Freude, zu unverwelklicher Hoheit. Er sollte herrschen im Bilde Gottes über alle Werke der Hände Gottes. Er sollte - man verstehe es recht - als ein wirklicher Sohn Gottes, ein Unterkönig und kleiner Gott in seinem Gebiet ein Abbild des Sohnes Gottes sein, der das Urbild des Menschen ist, wie Er, der Sohn Gottes, in vollkommener Weise das Abbild der Vaters ist. Der Anfang dieses Königreichs Gottes war das Paradies. Von hier aus sollte das Königreich über die ganze Erde kommen. - Ist dies denn nun geschehen? Nein, es ist nicht geschehen. Wir wissen, dass aus der unsichtbaren Engelwelt ein Riss in das Königreich Gottes geschehen ist. Es ist durch Satans Abfall und Verführung ein anderer Same auf die Erde gepflanzt; aus diesem Samen ist ein anderes Reich gewachsen. Es ist dem Satan gelungen, sich den Fürsten der Erde, den Menschen, zu unterwerfen, und er ist dadurch selbst der Fürst dieser Welt geworden. Aber wo ist denn nun das Königreich Gottes geblieben? Soll es nun nicht zu Stande kommen? Sollte denn die Schöpfung nicht zu ihrem Endzweck gelangen? Sollte denn Gott dem Satan weichen? Sollte denn die Schöpfung Gottes, die sehr gut war, dazu geschaffen sein, die Gedanken Satans zu verwirklichen? Mitnichten! Gott will seine Ehre keinem Andern geben. Was Er sich vorgenommen und was Er haben will, das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel. Das Königreich Gottes soll doch noch kommen. Wie es am Anfange der Zeit steht, so soll es auch am Ende der Zeit stehen. Die Erde soll doch noch voll werden von der Herrlichkeit des HErrn. Auf dies Königreich Gottes wartet die ganze Kreatur; denn alle Kreatur ist geschaffen, dass sie in demselben zu ihrer Bestimmung gelange. Darauf wartet der Himmel und alle Geschlechter der Engel; denn es verlangt sie, in der vollendeten Gemeinde die Braut des Lammes zu schauen. Auf dies Königreich Gottes wartet die seufzende Kreatur, denn sie soll in demselben zu ihrer Freiheit kommen und losgebunden werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens (Röm. 8, 19-22). - Aber wie soll das Königreich Gottes kommen, ehe nicht Satan, dem Machträuber, seine Macht genommen ist? Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass Er die Werke des Teufels zerstöre (1 Joh. 3, 8). Weit entfernt, dass der Satan den Sieg behalte, soll er vielmehr überwunden, und all sein Same, wie furchtbar er auch auf dieser Erde gewuchert und die ganze Kreatur durchwachsen haben mag, soll ausgerottet werden. Durch Jesum Christum wird der Satan nach und nach aus allen seinen Machtgebieten vertrieben. Die Geschichte des Satans besteht eben darin, dass er immer tiefer von Stufe zu Stufe hinabgeworfen wird: Vom Himmel auf die Erde, von der Erde in den Abgrund, von dem Abgrund in den Feuersee. Himmel, Erde, Abgrund, Feuersee, diese vier Worte zeigen uns die vier Perioden der Geschichte des Satans. Was aber die Geschichte des Satans in absteigender Linie, das ist die Geschichte des Königreiches Gottes in aufsteigender Linie. In die großen, nach und nach eroberten Gebiete dringt das Königreich Gottes vor, bis es endlich nach dem völligen Sturze Satans zu seiner herrlichen Vollendung gelangt.

Dem entsprechend ergeben sich nun auch die drei Hauptabschnitte in der Entwicklung des Königreichs Gottes von selbst.

Die erste Periode ist die gegenwärtige, welche reicht bis zur Parusie, d. h. der ersten Wiederkunft des HErrn. Das ist diese Weltzeit, der gegenwärtige Äon, wie er im Neuen Testament heißt, da der Satan, aus dem Himmel verworfen, auf Erden noch Macht hat, das an den Gliedern zu versuchen, was er an Christo, dem Haupt, versucht hat. Christus der HErr hat durch Seine Himmelfahrt das Königreich eingenommen zur Rechten des Vaters. Im Zentrum ist der Sieg erfochten. Der Mittelpunkt des Königreichs ist in diesem Äon im Unsichtbaren; der unsichtbare König, die unsichtbare Hauptstadt, das himmlische Jerusalem. Dorthin werden bis zur Erscheinung des HErrn alle diejenigen gesammelt, welche überwunden haben durch des Lammes Blut. Von dort, von oben, aus dem Zentrum des unsichtbaren Reiches, kommen die Kräfte, die Geistes-, die Lichtes-, die Lebenskräfte, durch welche jetzt hier auf Erden das Königreich im Unsichtbaren gepflanzt wird. Von oben muss der Mensch geboren werden, sonst kann er in dieser Weltzeit das Königreich Gottes nicht einmal sehen (1. Joh. 3, 3). Droben im Unsichtbaren sind die Schätze, der Reichtum, das Bürgerrecht, das Heimatrecht, der Wandel der Gläubigen. Und auf Erden ist in dieser Zeit das Königreich noch verdeckt, in Kreuzesgestalt, in Niedrigkeit, nicht äußerlich herrschend, sondern unterliegend, wiewohl kämpfend, im Glauben und in der Nachfolge des Meisters siegend, dennoch unterdrückt und gehasst: nicht in Majorität, sondern in Minorität. - Nicht Christus und die Seinen haben in dieser Zeit die Herrschaft auf Erden, sondern Satan, der Machträuber, der Usurpator. „Dieser Äon, diese Weltzeit,“ sagt der Apostel, „liegt in dem Argen,“ (Gal. 1, 5; 1. Joh. 5, 19) das ist dem Teufel. Jetzt ist die Zeit, in der der HErr Christus aus allen Völkern sich eine Gemeinde sammelt, die Gemeinde seiner Erstlinge, seiner Auserwählten. Auswahl heißt ecclesia, Kirche. Darum kann man diese Periode auch die Kirchenzeit nennen. Das Königreich Gottes ist eben auf der Erde nur in der ärmlichen Gestalt der Kirche und noch nicht als Königreich. Diese Zeit wird auch in der Schrift die Zeit der Heiden genannt, weil das Volk Israel in derselben gleichsam bei Seite liegen bleibt; die Heidenzeit wird sie genannt im Gegensatz zu der darauf folgenden Periode des Reiches, in welcher die Reihe wieder an Israel gelangen wird. Diese Kirchenzeit oder Heidenzeit ist eine Zwischenzeit, eine mehr oder weniger kümmerliche Bauzeit. Die Braut Christi (2 Kor. 11, 2; Matth. 25, 1; Offb. 19, 7-9; 22, 17; Eph. 5, 29-32) wird jetzt für die Hochzeit vorbereitet; es ist jetzt das Werk Christi, des zweiten Adams, aus seinem verklärten Fleisch und Blut durch Wort und Sakrament sich seine zweite Eva zu bereiten, aber die Hochzeit ist erst, wenn Er kommt und seine Braut abholt. Der Leib Christi (1 Kor. 12; Eph. 4; Kol. 2, 19) wächst jetzt im Stillen und Verborgenen durch die unsichtbaren Lebenskräfte, welche von dem unsichtbaren Haupte, Christo, ausgehen, der verheißen hat, bei den Seinen zu sein bis an das Ende dieses Äon, dieser Weltzeit. Aber noch ist der Leib nicht ausgewachsen, und seinem Haupte ebenbürtig. Zu dem großen zukünftigen Gottestempel werden jetzt aus allen Völkern die lebendigen Steine herausgebracht, behauen und zubereitet: gleichwie David in der Zeit des Kampfes eine große Menge Bausteine, Gold und Silber, Erz und Eisen sammelte; aber Salomo erst baute aus diesem bereits zuvor bereiteten Material den Herrlichen Tempel. Die Kirche ist in diesem Äon bis zur Aufrichtung des Reiches im Verhältnis zur Welt ein kleines Zeugenvolk, eine kleine Herde, eine Kreuzkirche - sie erscheint als das Weib, das in der Wüste ernährt wird vor dem Angesicht der Schlange (Offb. 12, 6.14) und noch nicht als das Weib, das zur Hochzeit bereitet ist (Offb. 17, 7). Sie steht in dieser Weltzeit zu den Weltreichen in demselben Verhältnis, wie in dem Traumgesichte Nebukadnezars (Dan. 2) der unscheinbare, unbeachtete Stein zu dem hohen, glänzenden Monarchienbild. Erst wenn der HErr kommt, wird völlig geschehen, was Nebukadnezar im Traume sah: „Zermalmt wurde auf einmal Eisen, Ton, Erz, Silber und Gold, und waren wie Spreu auf der Sommertenne, und der Wind nahm sie fort und keine Stätte war für sie gefunden; aber der Stein, der an das Bild geschlagen, ward zum großen Berge und füllte die Erde (Dan. 2, 35). - Jetzt ist das Volk Gottes noch nicht beisammen, es bildet noch keinen sichtbaren organisierten Leib, es ist noch nicht Eine Herde unter Einem Hirten. Jetzt regiert noch die in ihrem Wesen von Gott abgekehrte Welt mit ihrem Fürsten und gibt den Ton an, und es finden sich nur kleine verachtete Häuflein der Gläubigen in der Welt zerstreut. Jetzt gibt es noch nicht in Wahrheit eine Völkerkirche. Denn was man jetzt Volkskirchen nennt, was sind sie anders als Wüsteneien mit einzelnen grünen Oasen, Totenfelder, mit einzelnen Häuflein lebendig Gewordener? Alle die Träume von einer herrlichen, abgerundeten, fertigen und mächtigen Evangelischen Kirche werden sich in dieser Weltzeit nicht verwirklichen . Unsere jetzigen Kirchen, sie mögen einen Namen haben, welchen sie wollen, ich kann sie, was ihre Gestalt betrifft, nur als Provisorien ansehen, so innig ich meine Kirche liebe und in Ehren halte, weil ich weiß, dass sie durch die Heidenzeit hindurch die Trägerin der Wahrheit und die Bewahrerin der Geheimnisse Gottes ist ich kann sie nur ansehen als Steinbrüche, aus denen die lebendigen Steine gebrochen, als Bauplätze, wo sie zum Tempelbau zubereitet werden. Diesen Tempel aber wird kein Mensch ausrichten, sondern der HErr selbst, wenn Er kommen wird zur Aufrichtung seines Reiches; und das wird dann nicht diese oder jene, die lutherische oder unierte, sondern die wahrhaft katholische, d. h. allgemeine, die Eine, heilige Reichskirche, die wahre und nicht von Menschen gemachte, heilige Union sein, mit einem Wort: sein Königreich.

Dann ist die Kirchenzeit zu Ende und es beginnt die Zweite Periode, der zweite Äon, nämlich die äußere, sichtbare Herrschaft des Königreiches Gottes auf Erden, das Königreich in seiner irdischen, diesseitigen Vollendung oder das in der Schrift sogenannte tausendjährige Reich. Dann wird auf dieser alten Erde, noch ehe sie neu gemacht und in das himmlische Wesen verklärt wird, das Königreich Gottes zur unbestrittenen vollen Herrschaft kommen, und eine diesseitige Herrlichkeit erlangen, so viel in der irdischen Gestalt und im Fleische möglich ist. Es soll nicht ein bloß inwendiges, pur geistliches Reich bleiben, ohne äußere Gestalt und Schöne, ohne entsprechende äußere, leibliche Verwirklichung, sondern es soll in sieghafter Weise zu einer vollkommenen irdischen Gestalt und Leiblichkeit durchbrechen und zur Erscheinung kommen. Das ziemt sich auch nicht anders. Soll denn auf dieser alten Erde das Reich des Teufels das herrschende bleiben, nur das Reich des Teufels zur Herrschaft gelangen? Das erfordert ja schon die Ehre des HErrn Jesu - abgesehen von allen Schriftbeweisen - dass sein Reich auf dieser alten Erde den vollen Sieg gewinne über des Teufels Reich; dass es auf dieser jetzigen Erde noch einmal kund werde, dass der Teufel, der sich die Herrschaft darauf angemaßt, nur ein Usurpator war; es muss der Mensch, ursprünglich zum Herrschen über die Erde bestimmt, sich noch einmal seiner Welt erfreuen können in voller ungeteilter, heiliger Freude.

Fassen wir denn nun diese zweite Periode des Königreiches, die Reichszeit, näher ins Auge und suchen auf Grund der Schrift die einzelnen Momente uns zu vergegenwärtigen, welche das Wesen des tausendjährigen Reiches ausmachen.

Das erste ist das Gericht über den Widerchristen und die Bindung des Satans. Die gegenwärtige Weltzeit, die Kirchenzeit wird nicht endigen mit allgemeiner Christianisierung, sondern mit der Ausrichtung des antichristlichen Reiches (Matth. 24, 10. 24; 2. Thess. 2,3; 1. Tim. 4,1: 2. Tim. 3, 1). Das arge, gottfeindliche Wesen der Welt muss erst zur völligen Entfaltung kommen, das Reich der Welt muss erst seine Entwicklung vollendet haben, ehe das Reich Gottes zum Siege auf Erden kommt. Dies ist der Grundgedanke der Offenbarung St. Johannis. Wie Christus so strebt auch der Satan nach Leibgewinnung. Wie Christus seinen Tempel haben will aus lebendigen Steinen, so will auch Satan seinen Tempel bauen. Jetzt ist die Zeit, da der Heilige Geist die Steine zubereitet für den zukünftigen Bau. Aber eben so bereitet der Satan sein Material für den zukünftigen Satanstempel, und wir wissen, sein Material wird eher fertig, als die lebendigen Steine des HErrn, denn wurmstichige Frucht reist schneller als die gesunde, das Unkraut schneller als der Weizen. Der Antichrist wird er scheinen, und mit wunderbarer Gewalt wird alles teuflische Material ihm zufallen (2. Thess. 2,3; Dan. 7,8; Offb. 13, 3. 11; 17, 11; Matth. 24, 9.21). Er wird als der sichtbare Gott auf Erden walten, wird das Haupt sein der vielen Kinder des Teufels, der eigentliche Sohn des Teufels; dann wird das Bild Satans vollendet in der abgefallenen Menschheit dastehen. Wie das Bild Gottes aus den Gotteskindern strahlen wird, besonders in der letzten Zeit, da es gilt, alles verlassen für das Königreich, - so wird auch die Sünde und Bosheit zu ihrer Reise und Ausgeburt kommen im Widerchristen und seinen Genossen. Ausgerüstet mit aller Macht der Natur- und Völkerwelt führt er seinen Kampf wider die Heiligen und überwindet sie. Die Kirche scheint somit von der Erde vertilgt, wie ihr HErr ans Kreuz geschlagen und ins Reich des Todes versenkt. Das ist das Golgatha der Kirche. Aber wenn dies nun geschehen ist, dann ist sie ihrem Haupte ähnlich geworden, und es geschieht an ihr dasselbe, was unter gleichen Verhältnissen an ihrem Haupte nach der Kreuzigung geschah. Auf Golgatha meinte der Teufel den Sohn Gottes zu beseitigen und so seine Macht für immer zu befestigen. Aber gerade der Tod Christi war der Weg, auf welchem dieser, statt besiegt zu werden, auf den Thron Gottes emporstieg und den Satan aus dem Himmel warf. So meinte er auch durch die antichristlichen Verfolgungen das Volk Gottes von der Erde zu vertilgen, um so zur unumschränkten Herrschaft auf derselben zu gelangen. Aber eben diese Verfolgung ist die Ausreifung dieser Gemeinde für ihre Herrlichkeit. Statt von der Erde verdrängt zu werden, gelangt sie zur Herrschaft über dieselbe und der Satan wird von der Erde verdrängt und in den Abgrund verschlossen.

Das Gericht über den Widerchristen und sein Heer lesen wir Offb. 19, 11-21.

„Und ich sah den Himmel aufgetan, und siehe ein weißes Pferd, und der darauf saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit Gerechtigkeit.
Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen geschrieben, den Niemand wusste, denn er selbst.
Und war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war; und sein Name heißt Gottes Wort.
Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer und reiner Seide.
Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Heiden schlüge; und Er wird sie regieren mit der eisernen Rute. Und Er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns des allmächtigen Gottes.
Und hat einen Namen geschrieben auf seinem Kleide und auf seiner Hüfte also: Ein König aller Könige und ein Herr aller Herren.
Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen, und er schrie mit großer Stimme, und sprach zu allen Vögeln, die unter dem Himmel fliegen: Kommt, und versammelt euch zu dem Abendmahl des großen Gottes.
Dass ihr esst das Fleisch der Könige und der Hauptleute, und das Fleisch der Starken, und der Pferde, und derer, die darauf sitzen, und das Fleisch aller Freien und Knechte, beider, der Kleinen und der Großen.
Und ich sah das Tier, und die Könige auf Erden, und ihre Heere versammelt, Streit zu halten mit dem, der auf dem Pferde saß und mit seinem Heer.
Und das Tier ward gegriffen, und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm durch welche er verführte, die das Malzeichen des Tiers nahmen, und die das Bild des Tiers anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte.“

Zu gleicher Zeit wird der Satan durch einen Engel, den Johannes schaut, gebunden und in den Abgrund verschlossen 1000 Jahre (Offb. Joh. 20, 1-3).

„Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand.
Und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und der Satan; und band ihn tausend Jahre.
Und warf ihn in den Abgrund, und verschloss ihn, und versiegelte oben darauf, dass er nicht mehr verführen sollte die Heiden, bis dass vollendet würden tausend Jahre, und darnach muss er los worden eine kleine Zeit.“

Das ist ein großes Ereignis von unermesslichem Einfluss auf die ganze Erde, wenn Satan, der alte Feind, der Fürst dieser Welt, wird gebunden werden, dass er nicht mehr verführen kann die Völker. Jetzt bewegen wir uns in einer unreinen Atmosphäre, die mit feindseligen Geistern angefüllt ist. Dann wird die Menschenwelt und auch die Natur von einem schrecklichen Drucke befreit sein, da werden die Ströme des Lebens aus dem himmlischen Heiligtum sich über die ganze Erde ergießen können; der Odem seines Geistes wird ungehemmt durch alle Lande wehen. Es wird allerdings ja auch im tausendjährigen Reich noch Sünde da sein. Aber nachdem im Unsichtbaren die bösen Gewalten (Eph. 6, 12), die mit unserer Sünde im verborgenen Zusammenhang stehen, hinweg getan sind, fehlt es ihr an dem Hintergrunde der finsteren Geistesmacht; es ist nur noch mit Fleisch und Blut, nicht mehr mit Fürsten und gewaltigen zu kämpfen. Wenn der Satan, der der Vater der Lügen und der Mörder von Anfang ist (Joh. 8, 44), hinweggetan sein wird, dann wird auch die satanische Macht der Lüge, der Verführung und des Hasses gebrochen und der Wahrheit und dem Frieden auf Erden in den Menschen Raum geschafft sein. Es wird darum das Königreich ein Reich der Wahrheit und des Friedens sein. - Während gegenwärtig Satan noch der Gott und Fürst, die herrschende Macht der Welt ist, und die Geistesmenschen vereinzelte Erscheinungen sind, ist alsdann das Verhältnis umgekehrt: das Menschheitsleben im Großen wird geistlich regiert, die Welt hat aufgehört im Argen zu liegen, und das Fleisch, nicht mehr von teuflischen Kräften verführt, und von den Geisterscharen der Bosheit unter dem Himmel unterstützt, wird immer mehr vereinzelt und überwunden. Das ist der Unterschied des jetzigen und des künftigen Weltalters: jetzt regiert noch der Teufel auf Erden, welcher daher der Gott dieses Äons heißt (2. Kor. 4, 4), dann regieren Christus und seine Heiligen. Daher ist die Zeit des Reiches eine wesentlich neue Weltzeit.

2. Aber welcher Art wird die Herrschaft Christi und seiner Heiligen sein? Das ist der zweite Punkt auf den wir nun unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Mit dem Kommen des HErrn vom Himmel zur Ausrichtung des Königreiches findet das Statt, was St. Johannes die erste Auferstehung der Gerechten nennt, wovon Offb. 20, 4-6 die Rede ist (1. Thess. 4, 15; 1 Kor. 15, 22; Phil. 3, 10. 11; Luk. 20, 35. 36; Luk. 14, 14). Es werden hier besonders die Märtyrer als die hervorgehoben, welche zur ersten Auferstehung gelangen. Und gewiss, die Blutzeugen, die ihr Leben nicht geliebt haben bis in den Tod, die herrlichen, welche Alles verleugnet und dahingegeben haben um Jesu willen, die werden eine bevorzugte Stellung im Reiche der Herrlichkeit einnehmen; es wird ja da auch nach den deutlichen Worten des HErrn ein Stufen-Unterschied sein, den einen seiner Knechte setzt Er über zehn, den andern über fünf Städte. Aber es werden unter denen, welche zur ersten Auferstehung gelangen, ferner auch die genannt, „die nicht angebetet hatten das Tier noch sein Bild, und nicht genommen sein Malzeichen an ihre Stirn und ihre Hand. Tieranbeter sind alle die, welche die Macht dieser Welt für das Reelle genommen und ihr gedient haben, statt auf das Unsichtbare und Zukünftige zu sehen. Es hat Jeder in letzter Instanz nur die Wahl, entweder dem Tier anzuhangen, oder zur Braut (zur Gemeinde des HErrn) zu gehören. Diejenigen nun, welche wahrhaftig als kluge Jungfrauen, Christo angehört haben, und wirklich sein Eigentum geworden sind, nach Geist, Seel' und Leib, als solche überwunden haben durch des Lammes Blut und mit der Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, bei Christo im himmlischen Paradiese bewahrt worden sind haben Teil an der ersten Auferstehung. Sie werden, wenn Christus offenbar werden wird, mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit, werden als seine Brautseelen mit ihm vom Himmel kommen und überkleidet werden mit ihren verklärten Leibern durch die Kraftwirkung des HErrn, damit Er kann alle Dinge ihm untertänig machen. Die seine Schmach getragen haben, werden alsdann als vollendete Könige und Priester offenbar werden. Da wird Er herrlich erscheinen in seinen Heiligen und bewundert werden in allen Gläubigen. „Selig ist der und heilig, der Teil hat an der ersten Auferstehung; über solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren 1000 Jahre“ (Offb. 20, 6).

Gleichzeitig mit der ersten Auferstehung wird die Verwandlung derjenigen Gläubigen auf Erden geschehen, die die Wiederkunft des HErrn erleben werden (1 Kor. 15, 51; Matth. 24, 31.40.41; Philipper 3, 20. 21). Es tritt die Scheidung auch unter den Gläubigen ein, von der Matth. 25 in dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen die Rede ist. Die Besten werden herausgenommen aus der Welt nicht nur, sondern aus der Gemeinde der Gläubigen. Die Elite, so nennt sie der HErr selbst, die Auswahl, wird mit Geistesschnelligkeit aus allen Enden der Welt gesammelt und dem HErrn entgegengerückt, und mit der großen Gemeinde der Auferstandenen, der Erstgeborenen vereinigt werden, und so auf die herrlichste Weise vor den Augen der Welt als sein Eigentum gerechtfertigt und mit Preis und Ehre gekrönt werden.

Das ist die Braut des Lammes, von Ihm erkauft, mit seinem Geist getauft, aus seinem Leib erbaut, Ihm angetraut; sein Weib, die zweite Eva, die Ergänzung des zweiten Adam (Eph. 5, 25). Dann führt der Königssohn seine Braut heim und die Hochzeit beginnt. Aber die Hochzeit kann noch nicht auf der Erde sein, die Brautgemeinde kann mit ihrem König noch nicht auf der Erde bleiben denn diese ist ja noch nicht verklärt. Die vollendete Gemeinde kehrt mit Christo in die Herrlichkeit zurück und herrscht und regiert mit Christo über die Erde aus der Höhe, vom Himmel herab. Während bis dahin Satan mit seinen bösen Geistern in der Luft herrschte und der Fürst der Welt war, übt nun der Herr Jesus mit den Auferstandenen und Verklärten, seinen Priesterkönigen, gleichsam seiner himmlischen Beamtenschaar in Wahrheit das Regiment über die Erde aus (Dan. 7, 27; Offb. 3, 21; Offb. 2, 26-28; Ps. 149, 5-9). Die Reiche der Welt, über die der Fürst der Finsternis bis dahin herrschte, sind nun alle Sein geworden. Die vollendete Gemeinde wirkt nun von oben herab auf die Erde und erfüllt die Luft mit ihren Lebenskräften; nun hat Jesus, das Haupt, seinen ebenbürtigen Leib, sein Organ, durch das Er auf die Erde herab wirkt. Durch ihn, seinen Leib, die vollendete Gemeinde, durch das freie Jerusalem droben ergießen sich nun vom Haupte aus ungehemmt die himmlischen Gnaden- und Segensströme auf Erden. Dann, nach der Auferstehung, fließen im vollen Sinne Ströme lebendigen Wassers von dem Leibe derer, die an Ihn glauben. Was für Lebensströme werden da auf Erden sich ergießen. Was wird das für ein Jauchzen hienieden sein. Da wird erfüllt werden im ganzen Sinn, was der HErr schon durch den Propheten geredet hat: „Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre; ich will meinen Geist auf deinem Samen gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen; dass sie sollen wachsen wie das Gras, wie die Weiden an den Wasserbächen. Ich will Wasserflüsse auf den Höhen öffnen und Brunnen mitten in den Tälern; ich will in der Wüste geben Zedern, Akazien, Myrthen, und Ölholz ich will auf den öden Gefilden geben Tannen, Buchen und Buchsbaum miteinander; auf dass man sehe und erkenne, und merke und verstehe zugleich, dass des HErrn Hand habe solches getan und der Heilige in Israel habe solches geschaffen (Jes. 44, 3; 41, 18).“

Aber Wer - diese Frage erhebt sich nun - wird denn im tausendjährigen Reiche das Volk Gottes auf Erden bilden, nachdem die Gemeinde zur ersten Auferstehung gelangt und mit Christo im Himmel zur himmlischen Hochzeit vereinigt ist?

Dann, nachdem der Heiden Zeit erfüllt ist, wird für Israel die Erlösungsstunde schlagen. Israel, durch die Schrecken der antichristlichen Zeit, durch das Kommen des HErrn, insonderheit aber durch die Verherrlichung der Auserwählten zur Buße gebracht, wird in sein Land zurückkehren (5. Mos. 30, 1-10; Jes. 11, 10. 15. 16; Jer. 23, 3-8; Jer. 3, 14-19; Jes. 36, 24-28; 37, 21-28; 5 Mos. 3, 4. 5; Amos 9, 9-15; Jes. 2, 2; 60,4) und an die Spitze der Völker im tausendjährigen Reich treten. Das ist der hohe Beruf und die erhabene Bestimmung des jetzt so verachteten, unter dem Fluche liegenden, zersprengten Volkes. Auch seine lange Zerstreuung unter alle Völker muss mitwirken zu seiner Erziehung für diese seine große Ausgabe. „Das Volk, das einmal an der Spitze der Völker glänzen und herrschen soll, wird unter alle Völker und Nationen gleichsam zur Schule geschickt. So zum Herzen aller Völker durchgedrungen, gleichsam in ihren innersten Gemächern geboren und erzogen durch die engste Verbindung unter sie gemengt und doch nicht mit ihnen verschmolzen, wird Israel zu dem Königsvolk gebildet in welchem einmal die Charaktere und Eigenschaften aller Völker durch das Feuer der Trübsal geläutert, in Einem großartigen und harmonischen Ganzen sich darstellen sollen.“

Was die verklärten Priesterkönige im Himmel sind, das ist dann das israelitische Priesterkönigtum auf Erden. Es ist eine selige Kette des Empfangens und Gebens: Gott, Christus, die verklärte Brautgemeinde - Israel, die Völkerwelt. Dann wird erst im wahren Sinne ein christliches Völkerleben auf Erden sein, ein christlicher Staat, eine Christokratie, deren Mittelpunkt das gelobte Land, Palästina mit Jerusalem, sein wird. Von der Herrlichkeit, die sich alsdann in Jerusalem entfaltet, mit Macht angezogen werden die Heiden in Fülle herzuströmen. Dann wird man ihnen nicht mehr mühsam nachzugehen brauchen. Sie kommen von selbst herzu, angezogen von den reichen Gütern der Gottesoffenbarung, die sie vor sich sehen. Es ist ihnen eine Lust, diesem Gott zu dienen und ihr Edelstes dazu bringen. Dann wird das ganze Völkerleben vom Geiste Gottes durchdrungen und getragen sein; alle Kunst und Wissenschaft, alle gottgefällige Industrie, Erfindungen und Entdeckungen, Gold und Silber, Alles bis auf die Schellen der Rosse, wird dann in den Dienst Gottes und seines Reiches kommen (Sach. 14, 20. 21).

Dann werden auch von selbst die Gräuel aufhören, mit welchen das Völkerleben bis zur Zukunft Christi hin befleckt war, vor allem der Krieg, diese Zuchtrute der Menschheit, wird dann aber nicht früher beseitigt sein. Dann wird in Erfüllung gehen, was geschrieben steht Micha 4, 1-4: „In den letzten Tagen aber wird der Berg, da des HErrn Haus ist, gewiss sein höher, denn alle Berge, und über die Hügel erhaben sein. Und die Völker werden zu ihm strömen und viele Heiden werden gehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zu dem Berge des HErrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass Er uns lehre seine Wege, und wir auf seiner Straße wandeln. Denn aus Zion wird das Gesetz ausgehen und des HErrn Wort aus Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden strafen bis in ferne Lande. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugschaaren und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben, und werden nicht mehr kriegen lernen. Ein Jeglicher wird unter seinem Feigenbaum und Weinstock wohnen ohne Scheu, denn der Mund des Herrn Zebaoth hat es geredet.“

Und solcher Friede, und solcher Segen wird sich auch der Natur mitteilen. Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Pardel bei den Böcklein liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden an der Weide gehen, dass ihre Junge beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und ein Entwöhnter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken. Man wird nirgend verderben auf meinem heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HErrn, wie Wasser das Meer bedeckt (Jes. 11, 6-9). Dann wird erfüllt werden auch das andere Wort: „Jauchzt, ihr Himmel, denn der HErr hat's getan; ruft, ihr Tiefen der Erde; ihr Berge, frohlockt mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darinnen, denn der HErr hat Jakob erlöst und ist in Israel herrlich (Jes. 44, 23).

Ich weiß wohl, dass Manchem eine solche buchstäbliche Auffassung der alttestamentlichen Prophetenstellen wunderbar vorkommt. Ich weiß, dass viele sie eine fleischliche nennen. Man hat sich allmählich daran gewöhnt, alle die Weissagungen von der Herrlichkeit der letzten Zeit, von der Wiederkunft des HErrn, von der Aufrichtung des Reiches Israel sinnbildlich zu fassen. Das sei Alles, so sagt man, von der christlichen Kirche, dem neutestamentlichen Zion, zu verstehen; und was da von leiblichen Dingen stehe, das sei nur ein Abbild der geistigen Segnungen in der neutestamentlichen Zeit. Es ist nun hier nicht der Ort, eine Theorie der alttestamentlichen Schriftauslegung zu geben; aber eins kann ich nicht umhin zu bemerken. Wir stimmen Alle darin überein, dass wir diejenigen Weissagungen, welche auf Christi erste Ankunft ins Fleisch, auf seine niedrige Geburt von einer Jungfrau, auf seine Abstammung von David und aus Davids Stadt, Bethlehem, auf sein Leiden und Sterben, überhaupt auf seine Niedrigkeit gehen, buchstäblich und wörtlich verstehen. Werden wir nun nicht ebenso gut alles das, was sich auf seine Wiederkunft und auf die Zeit der Herrlichkeit bezieht, und was bis jetzt eben noch nicht seine letzte vollste Erfüllung gefunden hat, buchstäblich und im eigentlichen Sinne verstehen müssen? Ferner, was die Weissagungen über Israel betrifft, so wissen wir, dass Alles das, was über Jerusalems Zerstörung, über die Zerstreuung des Volkes, über die Verödung des Landes, überhaupt über den Fluch, der auf Israel ruhen werde, geweissagt ist, wörtlich und buchstäblich und im eigentlichen Sinn in Erfüllung gegangen ist. Jerusalem ist nicht bloß geistig zerstört, es ist nicht bloß sinnbildlich kein Stein auf dem andern geblieben, nicht bloß geistig und sinnbildlich ist das Volk aus seinem Lande getrieben, sondern das alles im eigentlichen Sinne. Wie wollen wir es aber nun mit der Treue gegen Gottes Wort vereinigen, wenn wir ohne Weiteres alles dasjenige, was sich auf die Wiederherstellung Israels, auf die zukünftige Rückkehr in sein Land Canaan, überhaupt auf den noch zukünftigen Segen bezieht, geistig umdeuten? Ist es uns verboten, ein doppeltes Maß und Gewicht zu führen, so wird uns dies wohl am wenigsten dem Worte Gottes gegenüber gestattet sein. Der Herr Jesus spricht Matth. 5, 18: „Wahrlich, ich sage euch, bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis dass es Alles geschehe.“ Also noch auf dieser alten Erde, ehe der neue Himmel und die neue Erde kommt, muss es eine Zeit geben, in welcher alle Weissagungen des Alten Testamentes bis auf den kleinsten Teil, insonderheit auch alles, was sich auf die Wiederherstellung Israels bezieht, seine völlige Erfüllung findet.

So bezeugt der Apostel Petrus den Juden (Apstg. 3, 19-21): So tut nun Buße, und bekehrt euch, dass eure Sünden vertilgt werden, auf dass da kommen die Zeiten der Erquickung von dem Angesicht des HErrn, und Er sende Den, der euch jetzt zuvor gepredigt wird, Jesum Christum, welcher muss den Himmel einnehmen, bis auf die Zeit, da herwieder gebracht werde Alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von der Welt an.“ Also erst wenn Israel zur Buße kommt, kommen die Zeiten der Erquickung, kommt die Zeit der Erfüllung aller Weissagungen, diese Zeit ist die Zeit der tausend Jahre.

Das ist das Königreich Gottes in seiner irdischen, diesseitigen Vollendung; es gehört als solches noch nicht der Ewigkeit, sondern noch der Zeit an; es ist der Abschluss der irdischen Geschichte. Aber die absolute, letzte Vollendung ist es noch nicht. Denn Himmel und Erde waren noch getrennt, und die untere und obere Gemeinde noch nicht sichtbar vereinigt. Die letzte Periode, die Periode der Ewigkeit, die Vollendung des Königreichs, beginnt erst mit der Erscheinung des neuen Himmels und der neuen Erde, wenn mit der letzten, abschließenden Wiederkunft des HErrn, als Weltenrichter (welche von Seiner Parusie, d. i. Seiner Wiederkunft als Bräutigam, nicht nur in der Offenbarung, sondern auch in den letzten Reden des HErrn, und in den Briefen St. Pauli deutlich genug unterschieden wird) das dürftige Notgehäuse des alten Himmels und der alten Erde zergeht mit großem Krachen, und mit der leuchtenden Gottesstadt, die dann vom Himmel herab sich auf die neue Erde niederlässt, sich der unvergängliche Bau des neuen Himmels und der neuen Erde erhebt, das wahre, von Anfang an beabsichtigte Schöpfungswerk.

Dann, wenn Der, der auf dem Throne sitzen wird, spricht: „Siehe, Ich mache Alles neu,“ dann ist das Königreich Gottes, das Königreich der Himmel, nicht bloß für die Zeit, dann ist es für die Ewigkeit vollendet. Die Vollendung des Königreichs ist der Abschluss der gesamten Weltentwicklung: das Königreich steht am Ende der Zeit. „„Ererbet das Königreich, das euch bereitet ist vom Anbeginn.“ Dazu war die Erde angetan von der Schöpfung her; die Verhimmelung derselben ist ihrem Wesen so wenig fremd, sondern vielmehr entsprechend, wie die Vergöttlichung dem Menschen. Alle irdischen Dinge, Maße und Verhältnisse haben ihre Prinzipien im Himmel. Die Verklärung der Erde ist das wesentlichste Postulat ihres Daseins, aber auch das Postulat der verklärten Menschheit; denn ohne den ewigen Bestand einer äußeren Natur würde der Mensch seine volle Persönlichkeit nach außen unmöglich darlegen können. Nichts von allem Geschaffenen wird unerneuert bleiben, vom kleinsten Atom bis zum Menschengebilde herauf. Das ganze Schöpfungsall ist dann zum geistleiblichen unauflöslichen Leben verklärt. Auf diese Erneuerung und Verklärung war von Anfang die ganze Kreatur angelegt. Gott dem Ewig-Seligen, dem alleinigen HErrn, ist. es nicht um eine ideale, pur geistige Welt, um eine Welt abstrakter Begriffe, oder ein Gespensterreich, um ein Grau in Grau malende, alles Lebendige und Konkrete regierende Weisheit, um eine „Schädelstätte des absoluten Geistes“ zu tun, sondern um eine lebensvolle Welt, um Organisierung mannigfaltiger Gestalten, um einen Anfang der Kreatur, der die endliche Verklärung derselben zur göttlichen Natur in sich enthielte. Jetzt schon ist alles Vergängliche ein Gleichnis, ein Paradigma' unvergänglicher Dinge, und alle Kreaturen sind lebendige Wort- und Schriftzeichen des unsichtbaren Gottes, nur dass wir sie zum großen Teil jetzt noch nicht verstehen. Dann aber in der Vollendung des Königreichs, wird alle Kreatur in ihr eigentliches, wahres Wesen verwandelt, ein ausgeschlagenes, sichtbares, greifbares Buch der Ehren Gottes sein. „Die Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.“ Dies große, prophetische Wort Oetingers ist auch der Schlüssel zum Verständnis der Wege Gottes. Nichts anderes als vollendete Leiblichkeit kann Gott und Menschen befriedigen; so lange dies Ende nicht erreicht ist, ist überall nur mangelhaftes Verständnis Gottes in der Welt, nirgends befriedigende, teleologische Anschauung. Der Mensch ist eben auf volle Harmonie des Leibes und Geistes angelegt; auf eine vollendete, leibhaftige, reale, nur verklärte Sinnenwelt. Woher kommt es, dass unsere Seele, wo immer etwas harmonisch zusammentönt, sich angezogen und mit geheimnisvoller Gewalt angetan fühlt? Wir haben einen Zug zur Welt der Töne, einen Zug zur Farbenwelt, zur bunten Pracht der Blumen und Blüten; wir wandeln über Berg und Tal, an den Ufern von Bächen und Flüssen, durch Waldesgrün und fruchtbare Auen, und wir fühlen ein wunderbares Wohlbehagen unserer Seele. Das sind keine Schwärmereien, sondern gerade im Gegenteil recht reale Erweisungen unseres wahren Berufes und unseres darauf angetanen Seelenbedürfnisses. „Die Ungläubigen denken, sagt Oetinger, in der unsichtbaren Welt sei alles (abstrakt) geistlich, da doch hören, Schmecken, Fühlen, Essen, Trinken viel eigentlicher da vorgeht, als in dieser untern Welt. Sie wissen nicht, was geistlich ist. Geistlich ist auch leiblich, aber unbefleckt, unverweslich, unverwelklich, darüber man sich freuen wird in unaussprechlicher, verherrlichter Freude. Der Himmel, das ist die himmlisch gewordene Erdwelt, hat Alles, was die Augen mit den lieblichsten Schönheiten, Alles, was die Ohren mit musikalischen Instrumenten und Liedern, alles was den Geschmack mit den süßten Speisen und Getränken, was das Gefühl mit den Vorwürfen des hohen Liedes vergnügen kann, nur dass da kein Freien und sich freien lassen sein wird, sondern die Seligen werden sein, wie die Engel Gottes im Himmel. Es wird eben ein Schauplatz aller Ergötzlichkeiten dir ins Gesicht fallen, ganz betastlich und berührlich. Liebst du Jesum, so wird dein Herz in dir brennen im Feuer des Geistes, so viel du diese entzündenden Worte vernimmst.“

Der weiteren Ausführung dessen, was die Schrift über den Zustand dieses vollendeten Königreiches Gottes enthält, muss ich mich enthalten. Nur so viel sehen wir, es ist in demselben der höchste, seligste Genuss Gottes. Gottes Herrlichkeit wohnt in Christo; Christi Herrlichkeit wohnt leibhaftig in den Bürgern der Gottesstadt, den Königen und Priestern, und durch diese kommt die Herrlichkeit der Gottesstadt auf die Nationen, welche auf der neuen Erde um die Gottesstadt wohnen. Das ist die Erfüllung dessen, was Jesus gebetet hat in seinem hohepriesterlichen Gebet, der Worte, die das große, herrliche Ziel, das Ihm vor seinen Augen stand, vor seinem Vater aussprechen: Du in mir, ich in Ihnen (Joh. 17, 23). Wenn dies wird vollendet sein, völlig und leibhaftig, das ist das Königreich Gottes in seiner Vollendung.

Das Königreich in seiner Vollendung ist also ein wirkliches Reich in vollkommenster, realster, leibhaftiger Gestalt, d. h. ein geistleiblicher Organismus von Herrschenden in mancherlei Stufen und Graden von Gott hernieder, und von Beherrschten. Die Schrift spricht von Solchen, welche auf der neuen Erde zur Regierung kommen, von Priesterkönigen, und von Solchen, welche nur zu der großen Klasse der Geretteten gehören; von Solchen, welche die Kleinsten sein werden im Königreich und von Solchen, welche groß sein werden (Matth. 5, 19); von Solchen, die einen völligen Eingang in das Reich haben (2 Petr. 1, 11) und unanklagbar (Phil. 2, 15; Offb. 14, 5) erfunden werden, und von Solchen, die gerettet werden wie durchs Feuer (1 Kor. 3, 15). Sie unterscheidet die Bewohner von Neu-Jerusalem, der Residenzstadt Gottes auf der neuen Erde, welche am nächsten bei Gott wohnen, und die Völker, welche in näherer oder weiterer Entfernung um Neu-Jerusalem gelagert sind und in seinem Licht wandeln (Offb. 21, 22). Sie unterscheidet Solche, die im Gericht Beisitzer Gottes sind, und Solche, die gerichtet werden; Solche, welche ewige Hütten haben (Luk. 16, 9), ein eigenes Herrschaftsgebiet erlangen, und als Unterkönige oder Statthalter mit Genehmigung im Namen des obersten Königs Andere bei sich aufnehmen können, und wiederum Andere, welche in solcher Weise aufgenommen werden, gleichsam nicht Grundbesitzer, sondern nur Anlieger und Hintersassen werden. Als die Mutter der Söhne Zebedäi den HErrn bittet: „Lass diese meine beiden Söhne sitzen den Einen zu deiner Rechten und den Andern zu deiner Linken im Königreich,“ da weist der HErr den Inhalt dieser Bitte nicht als überhaupt unstatthaft zurück; Er sagt nicht: Von solchen Ehrenstellen kann im Königreich gar nicht die Rede sein. Er hebt nur die Bedingung hervor, von welcher solcher hohe Verzug abhänge; Er sagt: „Das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben, steht mir nicht zu, sondern denen es bereitet ist von meinem Vater (Matth. 20, 20-23). Er bestätigt also der Sache nach die Lehre von den höchsten Stufen im Königreich. Ebenso als in der Nacht des Abendmahls unter den Jüngern sich ein Zank erhob, welcher unter ihnen sollte für den Größten gehalten werden, da hält Er ihnen freilich die Bedingung alles Großseins im Königreich vor, die große Regel: Der Kleinste ist der Größte; aber der Sache nach verwirft Er das Verlangen der Jünger nach einem möglichst großen Anteil am Königreich nicht; Er sagt: Ihr Ale, die ihr bei mir ausgehalten habt in meinen Anfechtungen sollt einen großen Vorzug haben; ihr sollt auf Thronen sitzen und richten die zwölf Geschlechter Israels (Luk. 22, 24-30). - Es ist ja so natürlich und billig im Königreich, dass diejenigen, welche dem Könige die treuesten Dienste geleistet haben in den Zeiten des Kampfes, nach dem Siege die besten Ehrenstellen und Dotationen bekommen. Nur dass Er allein es sich vorbehält, dies zu bestimmen, wer Sein treuer Diener ist. Da werden freilich viele Erste letzte werden und viele Letzte erste (Matth. 19, 30. Luk. 13, 30).

Wir müssen es bei diesen wenigen Andeutungen bewenden lassen. Ein Mehreres möchte für Viele nicht zu tragen sein und auch über die Schrift hinausgehen. So viel aber hoffen wir, ist deutlich geworden, dass es nichts Höheres zu gewinnen und nichts Größeres zu verlieren gibt, als das Königreich.

Das Königreich ist der mächtigste Antrieb zur Buße, zur Sinnesänderung. Denn wer daran Teil haben will, muss seinen Sinn von Unten nach Oben, von der Vergänglichkeit aufs Unvergängliche, von der Finsternis zum Licht, von der Lüge zur Wahrheit, vom Schein zum Wesen richten. Jesus predigte: Tut Buße, denn das Königreich der Himmel ist nahe herbeigekommen.

Das Königreich Gottes gibt uns eine lebendige Hoffnung; denn es zeigt uns ein unvergängliches, unbeflecktes und unverwelkliches Erbe. Da wird all' unser Hungern und Dürsten gestillt. Weil wir für dies Königreich ursprünglich geschaffen sind, tragen wir in uns ein mächtiges Verlangen nach Reichtum, nach Fülle, nach Besitz, nach Ehre, nach Freude. Das Alles ist im Königreich: ewiger Besitz, ein Königreich, ewige Ehre und Herrlichkeit, ewiger unvergänglicher Genuss. Die Gläubigen und die Bürger des Königreichs sind jetzt schon die Herren der Welt, nur inkognito, einst werden sie's offenbar sein. Sie sind Kandidaten des Königreichs. Wer das bedenkt, respektiert seinen hohen Adel und verscherzt seine Erstgeburt nicht. Freue dich, du kleine Herde, denn es ist deines Vaters Wohlgefallen, Dir das Königreich zu geben (Luk. 12, 32).

Das Königreich ist ein mächtiger Antrieb zur Heiligung, zur Aufbietung aller Kräfte, um das volle Ziel zu erlangen. Denn es gibt, wie oben gesagt, ein Kleinsein im Königreich und ein Großsein; es gibt solche, die über zehn Städte gesetzt werden, und solche, die über zwei; es gibt solche, die zur Regierung kommen, und solche, die Untertanen sind; solche, die einen völligen Eingang in das Königreich finden, und solche, die hineinkommen wie durchs Feuer. Es ist eine schlimme Sache, nur einen Groschen zu gewinnen, wo man hätte tausend Taler erlangen können; und es ist ein Unterschied, ob einer eine Frühlingsblume ist, oder erst spät zur Blüte gelangt. Wir wissen freilich, es gilt für uns alle nur eins: Dies „Eins hat mich durchgebracht, Lamm Gottes, dass Du wardst geschlacht.“ Aber gibt's auch nur Eine Seligkeit, so gibt's doch Stufen in der Herrlichkeit, eben darum, weil es sich um ein Königreich handelt. Das aber ist kein Königreich, in welchem Ale gleich sind. Wer nicht auf das höchste Ziel los geht, kann leicht Alles verlieren, wie ein Schütze, der nicht auf das Zentrum zielt und denkt, es ist genug, wenn ich nur die Scheibe treffe, dahin kommen kann, dass er einen völligen Fehlschuss tut.

Die Lehre vom Königreich ist das beste Gegenmittel gegen den Materialismus. Der natürliche Mensch ist ein geborener Materialist. Gegen die falsche Diesseitigkeit hilft aber nicht eine falsche Jenseitigkeit, und der Materialismus wird nicht durch falschen Spiritualismus, durch falsche Geistigkeit die alles entkörpert und in Begriffe auflöst, überwunden, sondern allein durch den wahren biblischen Realismus, durch die wahre biblische Diesseitigkeit, wie er in der Lehre vom Königreich zu seinem Rechte kommt. Der grobe Materialismus ist der in sein Gegenteil umgeschlagene falsche Spiritualismus.

Die Lehre vom Königreich lehrt uns allein den rechten Blick in die Geschichte der Gegenwart und Zukunft. Sie bewahrt uns vor falschen Hoffnungen und Erwartungen, aber nicht minder vor falschen Befürchtungen. Wir hoffen dann keine allgemeine Weltbekehrung und allmähliche Christianisierung der Welt vor der Ausrichtung des Königreichs; wir werden bewahrt vor falschen Kirchen-Idealen. Aber ebenso werden wir bewahrt vor falschen Befürchtungen. Wenn es mit dem Aufbau des Reiches langsam geht, wenn der Satan Macht gewinnt, wenn die Feindschaft und der Abfall überhandnimmt, werden wir nicht übermäßig erschrecken, sondern nur ein von dem HErrn verkündetes Anzeichen darin sehen, dass das Königreich herannaht. Wir werden aber lernen ausschauen auf die Erscheinung des HErrn; wir werden lernen Beides, zu warten und zu eilen auf die Zukunft Christi (2 Petr. 3, 12). Wenn wir wissen, dass das Königreich das Ziel aller Dinge ist, so werden wir auch auf die Weltentwicklungen anders hinsehen; denn wir wissen, alles muss dem kommenden Königreich die Bahn brechen. Alle Weltmächte, soviel ihrer gewesen sind, haben dem Königreich dienen müssen. Als Israel in Ägypten war, so musste Ägypten ihm dienen mit seiner Weisheit, ja auch mit seinem Gold und Silber zum Bau der Stiftshütte. Die Phönizier durchzogen die Länder und durchschifften die Meere, sammelten Reichtümer, dass ihre Kaufleute Fürsten wurden; und wofür taten sie es? Ihre Kunst musste den Tempel Salomos bauen helfen und ihre Schiffe mussten die Meere durchfurchen, um das Gold und allen Schmuck zum Tempel Gottes zu bringen. Selbst Assur und Babel, hatten sie nichts Besseres, mussten doch dem Volke Gottes als Gefängnis und Strafort, als Zuchtrute dienen. Griechenland gab dem Evangelium die Sprache; Rom der Predigt desselben den Schutz seines Rechtes und äußerlich geregelte Verkehrswege. Fürchten wir uns nicht, Alles wird schließlich dem Königreiche Gottes dienen, mag's immerhin jetzt noch vielfach im Dienst des Teufels stehen! Eisenbahnen, Telegraphen, Dampfmaschinen, auch die aufgehäuften Schätze, die Millionen der Reichen, Alles wird schließlich dem ewigen, herrlichen Tempel Gottes, dem Königreiche dienen müssen. „Ich, der HErr, will solches zu seiner Zeit eilends ausführen“ (Jes. 60, 22).

Der HErr gebe uns nur, dass wir das Wort des Apostels recht verstehen und in unsern Herzen bewegen: „Dieweil wir empfangen ein unbewegliches Königreich, haben wir Gnade, durch welche wir sollen Gott dienen, Ihm zu gefallen mit Zucht und Furcht. Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Hebr. 12, 28. 29).