Text: Matth. 16, 13-21.
Da kam Jesus in die Gegend der Stadt Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass des Menschen Sohn sei? Sie sprachen: Etliche sagen, du seist Johannes der Täufer; die Andern, du seist Elias; Etliche, du seist Jeremias, oder der Propheten einer. Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel! Und ich sage dir auch, du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein; und Alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein. Von der Zeit an fing Jesus an und zeigte seinen Jüngern, wie er müsste hin gen Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.
„Seht, wir gehen hinauf gen Jerusalem!“ Mit diesem ernsten, feierlichen Klange läutet der heutige Sonntag die heilige Passionszeit ein. In diesen Ton klingt auch unser Text aus: „Von der Zeit an fing Jesus an und zeigte seinen Jüngern, wie er müsste hin gen Jerusalem gehen und viel leiden und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ Von welcher Zeit an? Von der Zeit an, dass Petrus das Glaubensbekenntnis abgelegt: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Dies Glaubensbekenntnis Petri und die Worte Christi von seinem Leiden und Sterben stehen also im innigsten Zusammenhang. Das Glaubensbekenntnis des Petrus, welches wir über dem Eingang zur Passion lesen, soll heute unsere Aufmerksamkeit beschäftigen.
Jesus richtet eine Frage an seine Jünger. Diese Frage heißt: „Wer sagt ihr, dass ich sei?“ Das ist eine Frage nicht nach seiner Lehre oder nach seinem Werk, sondern nach seiner Person. Es ist keine Frage der Moral, sondern des Glaubens. Sie bezieht sich auf den Mittelpunkt aller Dogmen, nämlich auf das Dogma von seiner Person. Dieser Frage sollen seine Jünger scharf ins Auge sehen. Darum fragt er zuerst: „Was sagen die Leute, dass ich sei?“ und danach: „Was sagt denn Ihr, dass ich sei?“, damit den verschiedenen Meinungen der Leute das Bekenntnis, welches er von seinen Jüngern erwartet, klar und bestimmt gegenüber trete. Fassen also auch wir diese Frage Jesu scharf und fest ins Auge. Warum stellt er diese Frage? Er will nicht von seinen Jüngern gehen, ehe sie auf diese Frage eine klare und lebendige Antwort haben. Es ist also nicht wahr, was man sagt: im Christentum komme es nicht auf Glauben an, sondern auf Moral. Dies ist so wenig wahr, dass vielmehr der ganze Unterricht Jesu für seine Jünger in der Glaubensfrage gipfelt: „Wer sagt ihr, dass ich sei?“ Es musste also auch auf diese Frage eine klare und unzweideutige Antwort möglich sein. Hat Jesus eine solche bekommen?
Petrus antwortet in aller Jünger Namen denn sie Alle waren gefragt -: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“
Haben diese Worte einen klaren, unzweideutigen Sinn? War Petrus sich dieses Sinnes bewusst? Verstanden die übrigen Jünger, verstand der Herr diesen Sinn? Oder haben die Apostel und hat die christliche Kirche sich über den Sinn dieser Worte bis auf unsere Tage getäuscht, so dass es jetzt erst gelungen ist, den wahren Sinn derselben zu entdecken, nämlich den Sinn, dass sie gar keinen unzweideutigen Sinn haben, und dass sie nicht lauten, wie sie lauten? Wir müssen sehen.
„Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ das ist des Petrus Bekenntnis. Du bist Christus! Der Sinn dieses Wortes ist klar: Du bist der Messias, der von Alters her Verheißene, durch die Propheten Verkündigte, von dem Volke Erwartete. Du bist's, der der Schlange den Kopf zertreten soll; du bist der Abrahams-Same, durch den der Segen über die Völker kommen soll; du bist der Davids Sohn, welcher doch Davids Herr ist; du bist der Gesalbte, von welchem der zweite Psalm redet, zu welchem der Vater gesagt hat: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt; heische von mir, so will dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Ende zum Eigentum!“; du bist's, von dem es im 110. Psalm heißt: „Setze dich zu meiner Rechten, dass ich alle deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege!“ Dieser verheißene Messias bist du. Ist der Sinn dieser Worte klar? Ohne allen Zweifel. Nun aber steht noch dabei: „Des lebendigen Gottes Sohn!“ Was heißen diese Worte? Haben sie einen erkennbaren, deutlichen Sinn, oder nicht? Und welches kann dieser Sinn sein? Offenbar kein anderer, als der, in welchem Jesus selbst und in welchem alle Apostel nebst den übrigen Zeitgenossen diese Worte „Sohn Gottes“ verstanden haben. In welchem Sinne nennt sich nun Jesus den Sohn Gottes, und in welchem Sinne nennt er Gott seinen Vater? Joh. 5, 17: „Jesus aber antwortete und sprach: Mein Vater wirkt bisher und ich wirke auch!“ Darum trachteten die Juden ihm nun vielmehr nach, dass sie ihn töteten, dass er nicht allein den Sabbat brach, sondern sagte auch, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.“ Also wir hören's: In dem Sinne nannte Jesus Gott seinen Vater, dass er sich selbst Gott gleich machte. Als er vor dem Hohenpriester stand und derselbe ihn fragte: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gotte, dass du uns sagest, ob du seist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes?“ und Jesus dies mit einem heiligen Eide bejahte, da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: „Er hat Gott gelästert; jetzt haben wir seine Gotteslästerung gehört. Was dünket euch? „ Sie riefen: „Er ist des Todes schuldig!“ - In welchem Sinne hat der Hohepriester also die Frage gemeint? In welchem Sinne hat Jesus geantwortet? Offenbar in dem Sinne, dass, wer sich den Sohn Gottes nenne, sich selbst Gott gleich mache. Es ist Keinem in den Sinn gekommen, dies Wort anders zu verstehen.
Und in welchem Sinn bezeugen alle übrigen Apostel, dass er der Sohn Gottes sei? Johannes sagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh. 1, 1. 14.) Und wiederum: „ Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben und unsere Hände betastet haben vom Worte des Lebens, das verkündigen wir euch.“ (1. Joh. 1, 1.) Thomas bezeugt mit unwidersprechlicher Deutlichkeit: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh. 20, 28.) Paulus sagt zu den Ältesten der Gemeinde von Ephesus: „So habt nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, welche er durch sein eigenes Blut erworben hat.“ (Apostelgesch. 20, 28.) Derselbe Paulus bezeugt im Briefe an die Kolosser von Jesu, dass er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborne vor allen Kreaturen. Denn durch ihn ist Alles geschaffen, das im Himmel und auf Erden ist; es ist Alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (Kol. 1, 15. 16.) Und im Briefe an die Hebräer heißt es: „Zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt!? Und abermals: Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein!? Aber von dem Sohne spricht Gott: Gott, dein Stuhl währt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Ebr. 1, 5-8.)
In diesem Sinne und in keinem anderen haben die Apostel Jesum Christum, den Sohn Gottes, der Welt verkündigt und sind sich wohl bewusst gewesen, dass diese Predigt dem Juden- und Griechenstolz, der Juden- und Griechenvernunft ein gleicher Anstoß und ein gleiches Ärgernis sein würde. Aber sie haben mit dieser Predigt die Welt überwunden; und die Welt hat diese Predigt von Christo, dem Sohne Gottes, angenommen. Seit 18 Jahrhunderten glaubt und bekennt die Christenheit, dass Jesus sei wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren.
Wenn nun dem gegenüber heutiges Tages Etliche wieder mit der Entdeckung auftreten: Wenn Jesus der Sohn Gottes genannt werde, so geschehe das wesentlich in keinem andern Sinne, als in welchem alle Menschen Gottes Söhne sind oder werden sollen, so muss man erstaunt fragen: „Habt ihr denn eine neue Bibel, habt ihr neue Evangelien, neue Geschichtsurkunden aufgefunden, aus denen dies hervorgeht?“ Und wenn sie diese Frage verneinen müssen, was sollen wir dann sagen? Das ist das Mindeste, was wir sagen müssen: Die Worte „Jesus ist der Sohn Gottes!“ in dem ganz entgegengesetzten Sinne auslegen, als der ist, in welchem alle uns bekannten Geschichtsurkunden dieses Wort verstanden wissen wollen, das ist nach allen Regeln gesunder Vernunft zum mindesten Urkundenfälschung, das ist Geschichtsfälschung. Ihr könnt Alles leugnen, ihr könnt alle Evangelien samt den neutestamentlichen Briefen leugnen - wie ihr euch freilich alsdann mit der von euch als Maske vorgehaltenen Wissenschaft zurechtfindet, das ist eure Sache - ihr könnt aller gesunden und feststehenden theologischen Wissenschaft ins Angesicht schlagen und das Alles leugnen, aber Eins ist unmöglich zu leugnen, und das ist dies: Der Christus der Bibel, der Christus, welchen die Apostel geglaubt und bekannt haben, und welchen mit ihnen die christliche Kirche bis jetzt geglaubt und bekannt hat, dieser Christus ist kein Anderer, als der Sohn des lebendigen Gottes.
Auf dieses Glaubensbekenntnis hat der Herr Christus selbst seine Kirche gebaut. „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Das heißt: Du hast dies nicht durch natürliches Nachdenken gefunden, es ist nicht das Resultat des Studierens oder Lernens; das sprichst du auch nicht etwa diesem oder jenem Menschen nach, wie man vermöge des Verstandes Vieles begreifen und manche göttliche Wahrheit im Gedächtnis haben kann. Sondern das ist durch göttliche Erleuchtung und Offenbarung lebendig in dir gewachsen. Jesus ist also nicht zufrieden mit einem bloß nachgesprochenen, auswendig gelernten Bekenntnis. Der rechte Glaube ist eine Offenbarung des Vaters im Menschen. Wo er aber das ist, da ist im Menschen ein Grund gelegt, den der Teufel nicht ausreißen kann. Merkt wohl: Nicht jede lebendige Überzeugung ist dieser Grund, sondern die lebendige, göttlich gewisse Überzeugung davon, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.
Auf diesen Glauben hat Christus seine Gemeinde gebaut. „Du bist Petrus,“ so spricht er, „und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ - Mag man diese Worte verstehen, wie man will - und bekannt ist, dass sie sehr verschieden ausgelegt werden - ein Doppeltes wird man in jedem Falle zugeben müssen, nämlich erstlich: Wodurch ist der Simon ein Petrus geworden? Offenbar doch nur durch diesen Glauben, den er bekennt. Und zum Andern: Wodurch ist er fähig, dass der Herr seine Gemeinde auf ihn baue? Offenbar wieder nur durch dieses sein Bekenntnis. Welches ist also der Grund, auf welchen Christus seine Gemeinde gebaut hat? Antwort: Der in Petrus und den übrigen Jüngern göttlich lebendige Glaube: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“
Ist dies nun wahr, geliebte Gemeinde und ich überlasse es eurer Prüfung, ob es wahr ist - ist dies wahr, so kann die Leugnung dieses Glaubens nicht zugleich auch der Grund sein, auf welchem die Kirche Christi gebaut ist. Ich sage es noch einmal: Ist das Glaubensbekenntnis: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ der Grund der Kirche, so kann nicht zugleich auch die Leugnung dieses Bekenntnisses der Grund sein. Das, meine ich, müsste ein Kind begreifen können. Und doch ist gerade dieses der Punkt, um welchen der Kampf sich bewegt, welcher rings um uns entbrannt ist, und welcher mit feindseliger Agitation auch in die Gemeinden hineingetragen wird. Was man fordert, ist eben dies: Die Leugnung des Bekenntnisses soll ebenfalls Grund der Kirche sein. Das wagt man noch nicht offen zu fordern: „Der alte Glaubensgrund soll ganz und gar beseitigt werden!“ „Nein,“ sagt man, „mögen die, denen der alte Glaube gefällt - man nennt sie die orthodoxe Partei - mögen sie ihn immerhin für sich behalten. Aber wir verlangen zum Mindesten dasselbe Recht.“ Welches Recht also? Dass die Leugnung des Grundes zugleich der Grund der Gemeinde Christi sein soll. Es soll also, so verlangt man, künftig in der evangelischen Kirche mit demselben Recht die Leugnung des Bekenntnisses: „Du bist nicht Christus, der Sohn Gottes!“ und das Bekenntnis: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ gepredigt werden. Es soll also Recht werden, dass am Vormittage ein Geistlicher in der Kirche predigt: Ich glaube an Jesum Christum, den Sohn Gottes, der empfangen ist vom Heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria usw., und dass am Nachmittage oder Abend in derselben Kirche ein anderer Geistlicher predigt: Ich glaube das Alles nicht!
| Am Vormittag heißt es also: | Am Abend dagegen heißt es: |
| Ich glaube an Jesum Christum, | Ich glaube an Jesum, der sich etwa Christus (Messias) nennen ließ, |
| den eingebornen Sohn Gottes, | den legitimen (oder illegitimen) Sohn Josephs, des Zimmermanns, |
| der empfangen ist vom heiligen Geiste | der natürlich gezeugt und empfangen wurde, |
| geboren aus Maria, der Jungfrau | geboren aus Maria, der Frau, |
| der gelitten hat unter Pontio Pilato, | der (lediglich als Opfer seiner Überzeugung) gelitten hat unter Pontio Pilato, |
| gekreuzigt, gestorben und begraben | gekreuzigt, gestorben und wohl irgendwo am unehrliche Orte verscharrt |
| niedergefahren zur Hölle, | -?- |
| am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, | im Tode geblieben und nicht auferstanden, nur später als auferstanden geglaubt, |
| aufgefahren gen Himmel, | der dem Leibe nach in der Erde vermoderte, dem Geiste nach in den Himmel erhoben wurde, wenn es anders eine Unsterblichkeit und Seligkeit gibt, |
| da sitzt er zur Rechten Gottes seines allmächtigen Vaters, | -?- |
| von dannen er wiederkommen wird , zu richten die Lebendigen und die Toten. | der auch redete von seiner Wiederkunft, was aber wohl Schwärmerei oder unpersönlich gemeint war. |
Halt ein! ruft ihr mir entgegen. Das ist unmöglich, so kann es nicht werden. Damit würde ja der heilige Boden der Kirche selbst zum Tummelplatz widersprechender Meinungen und die Kanzel zum Kampfplatz entgegengesetzter Geister entweiht. Wie könnte alsdann noch von einer Erbauung der Gemeinde die Rede sein? „Nein,“ erwidert man, „so soll es nicht werden; es soll nicht Einer den Andern bekämpfen, das sei ferne. Es handelt sich eben um gleichberechtigte Meinungen; und das ist gerade die heilige Tugend der Toleranz, dass Einer die Überzeugung des Andern anerkenne. Das ist gerade der Anspruch, welchen wir erheben, dass Keiner seine Meinung für die ausschließliche Wahrheit ausgebe.“ Nun gut. Ich nehme einen Augenblick an, dass ich auf diese Art von Toleranz einginge - Gott verhüte es, dass es jemals geschehen möge - aber ich nehme es an. Mit welcher Predigt würde ich euch künftig gegenüberzutreten haben? „Ich bin überzeugt,“ so etwa würde ich künftig sprechen müssen, „dass Jesus Christus Gottes Sohn ist; ich bin überzeugt, dass der Tod Christi ein sühnendes Opfer ist. Aber ich will es nicht behaupten. Es ist immerhin möglich, dass Andere Recht haben, dass Jesus Christus nicht Gottes Sohn, und dass sein Tod kein Sühnopfer für die Sünden der Welt ist.“ Nun, ich frage euch, wenn ich so sprechen würde, wäre das Glauben, oder wäre es Zweifel? Ich würde eure Hoffnung und meine Hoffnung, euren Trost und meinen Trost, eure Ewigkeit und meine Ewigkeit stellen nicht auf einen Fels, sondern auf ein Vielleicht. Wäre das noch Liebe, wäre das noch Wahrheit? Wäre es nicht vielmehr Unbarmherzigkeit, Unwahrheit, Lüge und Selbstwiderspruch im Prinzip? Wozu dann überhaupt noch predigen? Und wozu wäre ich als Prediger noch nütze? Und ich frage einen Jeden von euch: Denke dir, eine plötzliche Krankheit hat dich getroffen, du hast vielleicht nur noch wenige Stunden zu leben, du hast den Frieden mit Gott noch nicht geschlossen, wünscht es aber vor deinem Tode zu tun. Du musst einen Mann holen lassen, der deinen sterbenden Blicken den Weg des Heils zeigt. Ich frage dich: Würdest du mich rufen lassen, mich, der ich dir nichts zu bieten hätte als Meinungen, als „Vielleicht“, als „Ja“ und „Nein“? Wahrlich, ihr würdet mich nicht rufen lassen, sondern lieber den Ersten Besten, der nur, ohne in seinem Herzen zu schwanken, euch sagen kann: „Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde!“ Im Wesen des Glaubens liegt, dass er eine gewisse Zuversicht ist des, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht. Im Wesen des Glaubens liegt, dass Ja Ja ist und Nein Nein ist. Aber dass Ja und Nein gleichberechtigt sein sollen, das ist ein logischer Widerspruch.
Also das steht fest: Glaube und Leugnung des Glaubens können nicht Beide zugleich Fundament der Kirche sein; das ist unmöglich. Wohl aber ist's möglich, dass diejenigen, welche den alten Grund, den alten Glauben und den alten Christus verwerfen, ihren neuen Glauben an den neuen Christus zu einem neuen Grunde machen und einen Neubau versuchen. Dazu haben sie die volle Freiheit; kein Mensch hindert sie daran. Was sie aber auch bauen mögen, so viel steht fest, es ist dies alsdann nicht mehr die Kirche Christi, ist nicht auf den Fels gebaut und hat nicht mehr die Vollmachten und Verheißungen, welche der Herr Christus seiner Gemeinde gegeben hat. Welche sind dies? Es sind drei. Zum Ersten: Seligkeit. „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn!“ Zum Andern: Unüberwindlichkeit. „Die Pforten der Hölle sollen meine Gemeinde nicht überwältigen!“ - Zum Dritten: Sündenvergebung und Schlüsselamt. „Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.“ - Also Erde, Himmel und Hölle sollen die Macht der Gemeinde Christi, welche Christi eigene Lebensmacht ist, spüren. Die Erde soll es spüren: denn man wird es nicht hindern können, dass allezeit selige Menschen darauf wohnen, die ihres Glaubens leben, nämlich des Glaubens Petri: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Man mag sich darüber ärgern, man mag sie in den Bann tun, aber hindern wird man es nicht können, dass es fröhliche und selige Christenmenschen gibt, die mit Paulo rühmen: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.“ Der Himmel spürt die Macht der Gemeinde: denn sie hat das Wort von der Versöhnung; und mit demselben schließt sie dem bußfertigen Sünder die Tore des Himmelreichs auf und schließt dem Unbußfertigen und Ungläubigen dieselben zu. Die Hölle spürt es: denn sie kann die Gemeinde Christi nicht überwältigen. Die Krippe und das Kreuz des Gottessohnes sind zwei schwache Hölzer; aber viele harte Köpfe und harte Herzen sind schon daran zerschellt und werden noch daran zerschellen. Und der Teufel und die Hölle selbst sollen daran zu Schanden werden.
Es bleibt also dabei: Auf das Glaubensbekenntnis des Petrus - und auf dieses allein - hat der Herr Christus selbst seine Gemeinde gebaut mit all' ihren Verheißungen und Vollmachten.
Auf diesem Glaubensbekenntnis ruht endlich auch die Kraft und Bedeutung des Leidens und Sterbens Christi. „Von der Zeit fing Jesus an und zeigte seinen Jüngern, wie er müsste hin gen Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ Wir kommen hier auf die Frage zurück, von welcher wir ausgegangen sind. Warum „von der Zeit an?“ Ich lege euch diese Frage noch einmal vor. Eine Antwort auf dieselbe haben wir gehört: Jesus wollte nicht von seinen Jüngern gehen, ehe nicht in ihnen ein Glaubensgrund gelegt war, den der Teufel nicht wieder ausrotten konnte. Dieser Grund war gelegt mit dem Bekenntnis des Petrus. Aber noch eine andere Antwort müssen wir auf die obige Frage geben, und diese ist es, welche unsere Aufmerksamkeit noch einige Minuten in Anspruch nehmen soll: Darauf, dass Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist, beruht die Kraft und Bedeutung des Leidens und Sterbens Christi. Was würde uns dasselbe nützen, wenn er nicht der ewige Gottessohn, wenn er nur ein Mensch wäre, entstanden wie ein Mensch, gestorben wie ein anderer Mensch? Ja wohl, wir könnten immerhin seine Überzeugungstreue bewundern, seinen Mut und seine Demut, aber wie in aller Welt sollte dieses Leiden für uns versöhnende und erlösende Kraft haben? Hätten wir noch ein Recht, von Erlösung und Versöhnung zu reden und Jesum unsern Erlöser und Versöhner zu nennen? Was sollte alsdann überhaupt noch das Kreuz in unsern Kirchen und das Kruzifix auf unsern Altären? Hätten wir noch ein Recht, Jesum anzubeten als das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt, und zu singen: „ All' Sünd' hast du getragen, sonst müssten wir verzagen!“? Und wozu alsdann noch die Feier des heiligen Abendmahls? Wäre es nicht ein verwerfliches, sinnloses Spiel mit Worten: „Nehmt hin und esst, das ist mein Leib, mein Blut, für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden!“?
Es ist offenbar: Nur dies, dass Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist, gibt seinem Leiden und Sterben die Kraft und Bedeutung. Nur darauf beruht es, dass sein Blut besser und anders redet, denn Abels Blut, „dass seine Stimme Friede ist und nicht Rache und seine Wirkung Sühne und nicht Zorn“. Nur darauf beruht es, dass er sprechen kann: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ So lange das Glaubensbekenntnis des Petrus: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ über dem Eingang zur Passionsgeschichte steht, wird die Passion des Herrn bleiben die Ruhestätte der Seelen in aller Unruhe; wenn Alles wankt, ein fester Grund; wenn Alles zerbricht, ein ewiger Bund; wird da sein zwar Unterliegen, aber auch ein ewiges Siegen. Und wer wird diese Schrift auslöschen können? „ Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!“ „Die Pforten der Hölle sollen meine Gemeinde nicht überwältigen!“ Als vor Zeiten in einer Reichsstadt einem Mönchsorden eine bisher evangelisch gewesene Kirche eingeräumt wurde, in welcher an den Wänden zahlreiche deutsche Sprüche aus der Bibel angeschrieben waren, schickten die Mönche nach einem Anstreicher, mit dem Begehren, er solle diese Schriften übertünchen; derselbe antwortete: Wenn er sie gleich übertünchte, so würden doch die Sprüche der Bibel immer hervorschimmern, sie müssten sie mit einem Meißel ganz aus den Wänden herausschlagen lassen. Also schickten die Mönche nach einem Maurer und fragten, was er nehmen wollte, wenn er diese Schriften vertilgte. Und der Maurer antwortete: Von jedem Buchstaben einen Reichstaler! Die Patres verwunderten sich und meinten, es wäre doch eine gar geringe Arbeit und geschwind geschehen. Der Maurer aber entgegnete: Nein! fürwahr, ihr Herren, es ist nicht so leichte Arbeit, Gottes Wort vertilgen; ich muss ein sehr hohes Gerüst machen und besorgen, dass ich den Hals gar darüber entzweifalle.
Geliebte Gemeinde! Die Gerüste, welche man heutiges Tages baut, sind hoch genug, und Viele werden sich noch den Hals darüber entzweifallen; und doch, wir wissen es, sie werden nimmer hoch genug werden, diese menschlichen Gerüste, um das Bekenntnis des Petrus auszulöschen, welches zugleich das Bekenntnis der Christenheit ist:
Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Amen.