Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 13. Begeisterung und Nüchternheit der Knechte Jesu Christi.

Da Paulus solches zur Verantwortung gab, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du rast! die große Kunst macht dich rasend. Er aber sprach: Mein teurer Festus, ich rase nicht, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte!
(Apost. 26, 24. 25.)

Keinem Menschen tut Begeisterung, keinem Nüchternheit mehr not, als dem Knechte Jesu Christi.

Ein und dasselbe Herz begeistert und nüchtern? Ist das nicht ein Widerspruch? Die Liebe, die große Versöhnerin, löst auch diesen Widerstreit. Aus ihrem Schoße erwächst ebenso wohl Begeisterung, wie Nüchternheit. Begeisterung, denn sie ist nicht träge, was sie tun soll, sondern brünstig im Geist; Nüchternheit, denn sie freut sich der Wahrheit und will eben darum Menschen und Verhältnisse nicht im Blendlichte, sondern im rechten Lichte schauen. Normalerweise freilich meint man, dass, wo Begeisterung herrsche, die Nüchternheit aufhöre, und dass ein nüchterner Mensch nicht zugleich ein begeisterter sein könne. Indes wer so urteilt, bedenkt weder, was wahre Begeisterung, noch was echte Nüchternheit ist. Nicht den nenne begeistert, welcher vom eigenen oder dem Weltgeiste entflammt wird, denn dieser Geist ist ein Geist der Unwahrheit, der Täuschung und Lüge, sondern jenen allein, welcher vom Geist der Wahrheit, vom Heiligen Geiste Gottes erfüllt ist. Auch nenne den allein wirklich nüchtern, welcher sich freihält von dem berauschenden Taumelgeiste der Selbst- und Weltliebe, nicht aber den, welcher von Selbst- und Weltliebe so trunken worden, dass die heilige Gottesliebe ihn anekelt, und er die Herrschaft über sich selbst, zusammen mit dem klaren, richtigen Urteil verloren hat. Keiner als der, welcher den Geist Gottes in sich aufnimmt, kann sich die Freiheit vom berauschenden Weltgeiste bewahren. Nur der wahrhaft Begeisterte also ist der wirklich Nüchterne. Umgekehrt mag der Geist Gottes nur in dem die Herrschaft erlangen, welcher nicht fürder vom Taumelkelche des Weltgeistes trinkt. Mit andern Worten: einzig in der echten Nüchternheit hat die wahre Begeisterung ihre Heimat.

Siehe in das Leben des Apostels Paulus! So lange er, wenn auch mit gutem, ehrlichem Gewissen, vom eigenen Geiste sich beherrschen ließ, schnaubte er wie ein Trunkener und halb Wahnsinniger, mit Drohen und Morden gegen das höchste Liebeswerk desselben Gottes, welchem er doch mit Aufrichtigkeit dienen wollte. „Ich war überaus unsinnig auf sie!“ lauten seine eigenen Worte. (Apostelg. 26, 11.) Als er aber, erlöst aus der Sklaverei des eigenen Geistes, voll ward des Heiligen Geistes Gottes, sehen wir ihn sein ganzes Leben hindurch von einer Begeisterung getrieben, vor deren Kraft und Wahrheit die strahlenden Truggebilde der zivilisierten, weltbeherrschenden Griechen und Römer zusammenbrachen, und welche stark und nachhaltig genug war, den Mann, welcher mehr gelitten hat, als alle, ohne Unterlass mit überschwänglicher Freude und mit jenem Gottesfrieden zu füllen, welcher höher ist als alle Vernunft. Und eben dieser Begeisterte ist auch der jederzeit Nüchterne, welcher in allen Wechselfällen und Stürmen sich Ruhe, Gleichmut und Selbstbeherrschung und damit ein klares, scharfes Auge zur richtigen Beurteilung des Nützlichen und Notwendigen bewahrt. Die an die Spitze dieser Betrachtung gestellte Geschichte ist nur ein Zug aus vielen. Paulus nämlich erzählt vor dem König Agrippa und dem römischen Landpfleger Festus seine Lebensgeschichte und zwar mit schlichten, einfachen Worten, ohne alles das, was man Kunst, Schwung und Schmuck der Rede nennt. Gleichwohl geht von der ganzen, geisterfüllten Persönlichkeit des Apostels eine solche überwältigende, geheimnisvolle Kraft aus, dass der Landpfleger sich ihrer nicht erwehren kann und mit lauter Stimme spricht: „Paule, du rast; die große Kunst macht dich rasend!“ „Mein teurer Festus“, antwortete Paulus still und fest, ich rase nicht, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte!“ Diese untrennbare Einheit von Begeisterung und Nüchternheit kennzeichnet alle Berufs- und Amtsarbeiten, alle Handlungen des Apostels. Am Tage verkündet er mit Erweisungen des Geistes und der Kraft die Geheimnisse des Gottesreiches; abends und in der Nacht sitzt er am Webstuhle und arbeitet so regelrecht und handwerksmäßig an seinen Teppichen, dass er sich damit sein tägliches Brot verdient. Er redet mehr mit Zungen, denn alle, wie er sagt, d. h. jene wunderbare Sprache der Begeisterung, welche eine eigentümliche Gabe der ersten, jugendlichen Zeit der christlichen Kirche war, und dankt Gott dafür; aber in demselben Augenblick ist und bleibt er so nüchtern, dass er lieber fünf schlichte, der Gemeinde verständliche Worte reden will, denn sonst zehntausend mit Zungen. (1. Kor. 14, 18. 19.)

Zu Anfang seiner Apostel-Laufbahn ward er in dem Maße von dem Geist der Ewigkeit ergriffen, dass er bis in den dritten Himmel, bis in das Paradies entzückt ward, nicht wusste, ob er im Leibe war oder außer dem Leibe und unaussprechliche Worte hörte, welche kein Mensch sagen kann. Dennoch blieben seine Züge und sein ganzes Wesen so still, klar und fest, dass kein Menschenauge diese geistige Entzückung an ihm gemerkt hat, und er selbst hat erst vierzehn Jahre später, und auch dann nur gezwungen, mit wenigen, einfachen Worten davon gesprochen. (2. Kor. 12, 1 ff.)

Endlich noch eine Geschichte aus der letzteren Zeit seines Lebens. Er war als ein Gefangener auf der Reise nach Rom, um dort vor dem Kaiser gerichtet zu werden. Es erhob sich ein heftiger Sturm, der tagelang wütete. Weder Sonne noch Sterne schienen. Alle Hoffnung des Lebens war dahin. Unter der Bemannung und den übrigen Mitreisenden herrschte eine solche Verzweiflung, dass man sogar vergaß zu essen. Paulus, der vom Geist erfüllte, blieb der einzig Feste, der mit nüchternem Sinne die Lage beherrschte. In der Nacht hatte er sich vor dem Gott gebeugt, dem er diente, und im Gebet mit ihm gerungen, bis Gott ihm alle schenkte, die mit ihm schifften. Nach diesem Gebete, bei welchem, wie ich eigentlich nicht erst zu sagen brauche, sein ganzes Wesen echter Begeisterung voll war, trat er beim Tosen der Stürme und Wogen unter die aufgeregte, taumelnde Menge, der einzige, welcher Selbstbeherrschung und den klaren Blick für das praktisch Notwendige bewahrt hatte, und gab, als wäre er der Herr des Schiffes, die rettenden Befehle. Schweigend gehorchte man. Dann ermahnte er, derselbe, welcher eben Himmelsnahrung genossen hatte, alle, dass sie Speise zu sich nähmen, da es der vierzehnte Tag war, dass sie ungegessen geblieben waren. In dieser wunderbaren, stetigen Vermählung von Begeisterung und Nüchternheit liegt die verborgene Kraft, wodurch Paulus das auserwählte Rüstzeug Gottes, der Diener Jesu Christi und jedermanns Knecht geworden ist, der mehr gearbeitet und mehr Frucht geschafft hat für seinen Herrn, als alle. Und woher stammen Begeisterung und Nüchternheit? Aus der Liebe!

Wer Christo und seinem Nächsten dienen will, der schaue in diesen Spiegel und lasse vom Geiste Gottes sich unterweisen, wie er begeistert und nüchtern zugleich sein möge! Denn wahrlich, Begeisterung muss den treiben, welcher in dieser stürmischen, wogenden Zeit für Jesum Christum und sein heiliges Reich arbeiten und kämpfen will. Sonst werden ihm vor den tausend großen und kleinen Schwierigkeiten und Gefahren Hände und Knie bald matt und die Flügel lahm werden. Und wieder muss Nüchternheit ihn regieren, sonst wird er vom eigenen Herzen und den verwickelten Zuständen und den Personen, die ihn umgeben, tausendmal getäuscht und enttäuscht werden, und dadurch entmutigt, wie ein Deserteur am hellen Tage fortlaufen oder bei Nacht und Nebel sich heimlich davon schleichen. Man denke nur an Simon Petrus. Nicht in echter Begeisterung, nicht im Drange des heiligen Gottesgeistes, sondern aufgebläht vom eigenen Geiste, von der guten, dünkelhaften Meinung, welche er von sich, seiner Treue, Festigkeit und Liebe hatte, sprach er die stolzen Worte: „Und wenn sie sich alle an dir ärgern, so will ich mich doch nicht an dir ärgern; ich will auch mit dir sterben!“ Er war nicht mutig, er war nur berauscht vom süßen Taumelweine der Eigenliebe und Selbstschätzung und darum unvermögend, mit nüchternem Herzen auf seines Meisters Worte zu achten. Er hat freilich mit dem Schwerte drein geschlagen; aber wie schlecht hat er mit dieser Art Begeisterung seinem Herrn gedient! wie rasch ist sie in Feigheit, in Verleugnung umgeschlagen! Diese Geschichte hat sich seitdem tausendfach wiederholt. Wie oft schon sind Jünglinge und Jungfrauen, Männer und Frauen von einer ähnlichen Begeisterung für Christum und sein Reich, für die Arbeit unter den Elenden und Verlorenen ergriffen worden, haben sich in ihrer Phantasie so voll und heiß und stark an Liebe gedünkt, sich vermessen, alle Widerwärtigkeiten im Dienste der Liebe zu dulden, zu überwinden, und haben in dieser geistigen Trunkenheit nicht geachtet auf die nüchterne Stimme des göttlichen Wortes: „Wer sich auf sein Herz verlässt, ist ein Narr!“ (Spr. 28, 26.) Ach! wie sind sie zu Narren geworden! Es kann nicht anders sein. Denn das, was man gemeinhin Feuer der Begeisterung nennt, brennt in der wirklichen und anhaltenden Not des Lebens sehr bald zum Aschenhäuschen herab. Ein anderes Feuer, das Feuer des Heiligen Geistes, muss im Herzen glühen. Nur die Nüchternheit, welche aus dieser Begeisterung stammt, macht zum Dienste Jesu Christi und des Nächsten geschickt. Die natürliche Begeisterung verfliegt wie der süße Rausch eines Trunkenen, lässt Öde und Missstimmung zurück und nennt die wirkliche und dauernde Arbeit unter der tausendfachen Not des Lebens prosaisch, mechanisch, geistlos, einengend, unbefriedigend. Jemand, der Jesu Christi und jedermanns Knecht sein möchte, begehrt gewiss ein köstliches Werk. Aber er muss zuerst lernen:

„Gern in alles sich zu fügen,
sich der Stille still zu freun,
ohne Worte, mit Vergnügen
aller Knechte Knecht zu sein;
nie mit Gaben stolz zu prangen,
Menschenruhm nie zu verlangen.“

Er muss lernen: „Unbekannte Wege wandeln,
die nur Gottes Auge kennt,
stille dulden, schweigend handeln,
wo kein Menschen-Mund ihn nennt.“

Auch das klingt in Vers und Reim noch so schön und hoch, dass man sich, wie man zu sagen pflegt, dafür begeistern könnte. Aber um es in der Wirklichkeit auszuüben, muss man zuvor herab aus der Region aller süßen und glänzenden Phantasien auf den Boden der nüchternen Wirklichkeit. Es gilt nicht, Tränen trocknen, Balsam in die Wunden träufeln, und dann müde werden und aufhören. Es gilt Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr ausharren. Es gilt, die Kranken und Wunden pflegen, wie es kunstgerecht und von den Ärzten vorgeschrieben ist; es gilt, alle Regeln und Dienste der Ordnung und Reinlichkeit mit Sorgfalt beobachten, und das kann in der Tat sehr kleinlich und peinlich werden. Es gilt, nicht beben, wenn die Seuche wochen- und monatelang fast schrecklicher wütet, als Blei und Eisen auf dem Schlachtfelde, und das stille poetische Krankenstüblein in eine Stätte des grauenhaften Jammers umwandelt, vor der man mit Entsetzen flieht. Es gilt die Hand nicht zurückziehen, wenn man bei der Arbeit dieser Zeit gar zu häufig in stachlige Dornen und auf Skorpionen greift, das Angesicht nicht verbergen, wenn es statt mit Dank, mit Hohn und Speichel bedeckt wird; es gilt, fest und unbeweglich stehen, wenn es im Herzen wehe tut und in den Nieren sticht, dass man nichts sein muss und es scheint, als brächte man seine Zeit umsonst und unnütz zu. Es gilt, Friede und Freude im Herzen bewahren, wenn die kleinen Mühen und Arbeiten des täglichen Berufes als die Quellen gähnender, tötender Langemeile sich austun wollen. Es gilt mit einem Worte, in den wirklichen Notständen wirkliche Arbeit tun. Das kann kein Rausch der Phantasie und natürlichen, weltlichen Begeisterung; das kann nur die Liebe, die alles verträgt, die alles glaubt, die alles hofft, die alles duldet.

Sie ist allein aus dem Liebesherzen Gottes und Jesu Christi zu schöpfen, und in ihr ist Begeisterung und Nüchternheit wesenhaft eines.