Baggesen, Carl Albrecht Reinhold - Abraham, der Vater der Gläubigen - I.

Genes XII, 1-7.

Unter allen Namen des Alten Testaments ist keiner größer als Abraham, der Stammvater Israels, und nach dem Geist der Vater aller Gläubigen. Nur drei andere Namen können ihm zur Seite gesetzt werden: Adam, der zum Bilde Gottes geschaffene erste Mensch, der Stammvater des Menschengeschlechts. Mose, der Mann Gottes, der von Jehova erwählte Führer, Prophet und Gesetzgeber Israels. David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, der Sänger und Prophet, der gesalbte König Israels und Vorbild des ewigen Königs, der ein Sohn Davids war und hieß, Jesu Christi, des Herrn. Alle vier werden in der Heiligen Schrift in eine Beziehung zu Christo gesetzt. Adam steht Christo, dem zweiten Adam, gegenüber, als der, durch welchen die Sünde in die Welt kam und der Tod durch die Sünde, dem, durch dessen Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen ist. Mose ist Christi Vorläufer, als der erste Prophet Vorläufer des höchsten Propheten, als Gesetzgeber Vorläufer des Gesetzerfüllers: „das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden.“ David ist Christi Vorbild, als der nach Gottes Rat erwählte und gesalbte König Israels, Vorbild des Gesalbten im höchsten Sinn, des ewigen Königs im Reiche Gottes.

Abrahams Verhältnis zu Christo ist eigentümlich: er ist, wie Adam und David, Christi Stammvater nach dem Fleisch und nach der Verheißung; aber er ist nicht, wie sie, Christi Vorbild, sondern vielmehr aller Gläubigen Vorbild, in seinem Glauben, in seinen Führungen und in seinem Umgange mit Gott auch unser Vorbild. Darum ist die Geschichte Abrahams so unvergleichlich lehrreich für die Gläubigen aller Zeiten. Und da ich mir vorgenommen habe, etwas Alttestamentliches in diesen Abendstunden zu behandeln, so konnte ich wohl nichts lehrreicheres und erbaulicheres wählen, als die Geschichte Abrahams, des Vaters der Gläubigen.

Das tiefere Verständnis der Geschichte Abrahams, nämlich der göttlichen Führungen dieses Vaters der Gläubigen, fordert aber einen Rückblick auf die bisherige Geschichte des Reiches Gottes.

Die erste Verheißung nach dem Sündenfall (1 Mos. III, 15) hatte die Aussicht auf eine Erlösung des Menschengeschlechts und auf einen endlichen Sieg desselben über die Macht des Bösen eröffnet. Von dem an war die Geschichte der Menschheit ein fortwährender Kampf wider die Sünde in der Erwartung der verheißenen Erlösung.

Das erste Menschengeschlecht, statt diesen Beruf zu erfüllen und an der Hoffnung der Erlösung festzuhalten, verfiel in völlige Knechtschaft der Sünde und Unglauben. Das Gericht der Sündflut trat ein und vertilgte das Geschlecht der Gottlosen. Aber Gott blieb seiner Verheißung treu: durch das Gericht wurde der Boden gewonnen zu einer neuen Entwicklung des Reiches Gottes, und das Gericht trat ein, ehe das Verderben ausnahmslos und allgemein geworden war, so dass noch Einer aus dem alten Geschlecht, der noch in Gottes Wegen wandelte, dem Gerichte entnommen und zum Anfänger eines neuen Geschlechts gesetzt werden konnte. Noah wurde mit seiner Familie in der Arche gerettet, und der Stammvater eines zweiten Menschengeschlechts, welches die Verheißung empfing, dass es durch keine zweite Flut vertilgt werden sollte.

Aber wieder wurde die Erfüllung des göttlichen Ratschlusses durch die Sünde der Menschen aufgehalten. In dem neuen Geschlecht entfaltete sich wieder das alte Verderben; aber in einer neuen Gestalt: in der Gestalt des gottesvergessenen Hochmuts und der Menschenvergötterung. Der Vorsatz des Turmbaus war die Offenbarung dieses Abfalls von Gott. Sie sprachen: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel, reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden vielleicht zerstreut in alle Länder.“ (1 Mos. XI, 4.) Der Herr vereitelte ihr vermessenes Unternehmen, fuhr hernieder, verwirrte die Sprache der Menschen und zerstreute sie in alle Länder.

Ich kann mich hier einer Bemerkung nicht enthalten. Der Turmbau zu Babel war der erste Versuch, alle Völkerstämme zu einem großen Weltreiche zu vereinigen. Dies war dem Ratschlusse Gottes zuwider; die Menschen sollten sich nach Stämmen und Völkern über die ganze Erde verbreiten, wie der Apostel Paulus sagt: „Gott hat gemacht, dass von einem Blut aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat Ziele gesetzt, zuvor versehen, wie lange und weit sie wohnen sollen; dass sie den Herrn suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten.“ - Seitdem erscheint in der Weltgeschichte, wenn sie im Lichte des Wortes Gottes betrachtet wird, jeder Versuch zur Stiftung eines großen Weltreichs als dem Willen Gottes widersprechend, sündhaft und vermessen; und jedes solche aus menschlichem Stolz und aus Herrschsucht hervorgegangene Weltreich, von Nimrod an bis auf die neueste Beit, ist immer durch ein Gottesgericht zerstört worden. Der Herr ist auf solchen Turmbau, der bis an den Himmel reichen sollte, herniedergefahren, hat die Sprache der vermessenen Turmbauer verwirrt, dass sie einander nicht mehr verstanden, und sie zerstreut. Denn nach Gottes Rat soll nur Einer die Völker vereinigen unter seinem Zepter, Christus, und nur im Glauben an Ihn kann einerlei Sprache und einerlei Sitte, und dauernder Friede unter den Menschen sein. Daher auch die letzte Empörung wider Gott geweissagt wird als ein großes Weltreich, das Reich des Antichrists, und erst nach dem Siege Christi über dasselbe Eine Herde und Ein Hirte sein wird.

Eine andere neue Gestalt des Verderbens verbreitete sich nun auch in der Welt, die Abgötterei und der Götzendienst. Die Menschen, die Gottes vergessen, und an denen das Strafgericht der Sündflut keine Besserung bewirkt hatte, fielen nicht allein unter die Knechtschaft gewalttätiger Menschen, sondern auch unter die Knechtschaft des Wahns und der Sünde, im Dienste falscher Götter und nichtiger Götzen. Es ist bemerkenswert, dass dem ersten Geschlechte der Gottlosen vor der Sündflut kein Götzendienst vorgeworfen wird. Ihre Sünde war vornehmlich Fleischessünde, ihre Gottlosigkeit leichtsinnige Gottesvergessenheit, praktischer Unglaube.

Das zweite Menschengeschlecht aber verfiel in Abgötterei, in den Irrtum und ins Verderben des Heidentums. Von nun an ließ Gott die getrennten Völker ihre eigenen Wege gehen, (Apostelgesch. XIV, 16.) oder wie Paulus sagt: (Röm. I, 20-25.) „Dieweil sie wussten, dass ein Gott ist, - denn Gottes unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit wird erkannt von der Schöpfung der Welt her, an den Werken, also dass sie keine Entschuldigung hatten verwandelten sie die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild, gleich den vergänglichen Menschen oder den Vögeln und den vierfüßigen und kriechenden Tieren. Darum hat sie auch Gott hingegeben in ihrer Herzen Gelüsten, in Unreinigkeit und Schande. Die Gottes Wahrheit verkehrt haben in die Lüge, und haben geehrt und gedient dem Geschöpf mehr denn dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit.“

Wir finden nun schon früh unter den Völkern, je nach der Stufe ihrer Kultur und nach der Beschaffenheit ihrer Lebensweise und Wohnsitze, alle Arten von Abgötterei: Sonne, Mond und Gestirne, Naturkräfte und Naturerscheinungen, Tiere, verherrlichte Menschen, Gedankengebilde und Ideen, werden als Offenbarungen der unsichtbaren Gottheit oder als Mittelspersonen zwischen derselben und den Menschen, teils ohne Bild, teils in Bildern von Menschenhand, verehrt. Ja, der Götzendienst nahm so schnell überhand, dass er selbst in die Familie Sems eindrang, und wir Spuren davon bei Abrahams Vater und unter seinen Verwandten finden.

Doch Gottes Rat zum Heil der Welt offenbarte sich von Neuem, es trat eine dritte Periode in der Heilsgeschichte ein, und wurde ein dritter Grundstein gleichsam zum Bau des Reiches Gottes gelegt, in der Berufung Abrahams.

Lasst uns zuerst seine Herkunft betrachten. Unter den drei Söhnen Noahs hatte Sem den Segen und die Verheißung empfangen: (1 Mos. IX, 26. 27.) „Gelobt sei der Herr, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht; Gott breite Japhet aus, und lasse ihn wohnen in den Hütten Sems, und Kanaan sei sein Knecht.“ Dies ist das göttliche Programm der Weltgeschichte. Sem hat die Verheißung, dass der Herr, Jehovah, sein Gott sei, Japhet die Verheißung der Ausbreitung und Weltherrschaft, Kanaan, der Sohn Hams, das Los der Knechtschaft. Aus dem Geschlechte Sems stammt Israel, das Volk des Herrn, der Träger der Offenbarung des wahren Gottes; die sich über den Erdboden ausbreitenden und weltbeherrschenden Völker sind bis auf diesen Tag Japhetiten, und die von Kanaan abstammenden Völker, (nicht alle Hamiten) sind wiederholt Knechte der Semiten und Japhetiten gewesen.

Abrahams, oder genauer Abrams Vater war Tharah, der neunte Abkömmling in gerader Linie vom Sem. In seinem 70ten Jahre, im 290ten nach der Sündflut, nach biblischer Zeitrechnung, wurde Abram geboren, zu Ur in Chaldäa.

Abrams jüngere Brüder waren Nahor und Haran. Haran starb vor seinem Vater Tharah und hinterließ einen Sohn, Lot. Abram nahm seine Halbschwester Sarai zum Weibe. Nahors Weib war seines Bruders Haran Tochter, Milka. Aber Sarai war unfruchtbar, und hatte kein Kind.

Wir haben uns diese ganze Familie als ein Geschlecht von Hirtenfürsten zu denken. Sie hatten zahlreiche Herden von Rindern, Schafen, Kamelen und Eseln, und eine große Zahl von Knechten und Mägden, aus anderen verwandten Stämmen, von denen sie als Oberherren anerkannt wurden. Der Vater war das Oberhaupt des ganzen Stamms, Eigentümer aller seiner Güter, Herr und Priester in seinem Hause. Ihm folgte als Erbe sein ältester Sohn, und die jüngeren Brüder blieben samt ihren Familien seine Angehörigen. Besondere Umstände konnten aber auch eine Trennung unter den Brüdern veranlassen, welche dann Häupter verschiedener Zweige des Hauptstammes wurden.

Tharah, der Hirtenfürst zu Ur in Chaldäa, fasste, wir wissen nicht aus welchem Grunde, wahrscheinlich aber um neue Weideplätze für seine Herden zu suchen, den Entschluss nach dem damals noch wenig bewohnten Kanaan auszuwandern. Auf seinem Zuge kam er nach Haran in Mesopotamien, und da er hier reichliche Weide fand, ließ er sich daselbst nieder. Hier starb er auch 205 Jahre alt. Noch vor seinem Tode erhielt nun sein Sohn Abram den göttlichen Ruf, der uns im 12. Kap. der Genesis also erzählt wird.

„Und der Herr sprach zu Abram: Gehe aus deinem Lande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Haus, in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will Dich zum großen Volke machen, und will Dich segnen und Dir einen großen Namen machen; und Du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die Dich segnen, und verfluchen, die Dir fluchen, und in Dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“

Wir unterscheiden den Befehl Gottes, die Verheißung, die Abram empfing, und seinen Gehorsam.

Gott befahl Abram, auszugehen von seinem Lande und von seiner Freundschaft und aus seines Vaters Haus, in ein Land, das Er ihm zeigen wollte. Das, wozu Gott den Abram bestimmt hatte, der Träger seiner Offenbarung, der Überlieferer des Glaubens an den allein wahren, lebendigen Gott und der Verheißungen des Heils auf künftige Geschlechter zu werden, das konnte und sollte nicht in seinem Lande, in seiner Freundschaft und in seines Vaters Haus, erfüllt werden. Denn hier hatte die Abgötterei schon Eingang gefunden, hier in dem fruchtbaren Land zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, der nachmaligen Wiege großer Weltreiche und einer weltlichen Kultur, war die Vermischung des Stammes der Gläubigen mit anderen Stämmen unvermeidlich, und von hier aus sollte nach dem Plan der göttlichen Weltregierung die wahre Religion sich nicht ausbreiten über die Welt. Abgesondert von anderen Nationen sollte Abrahams Nachkommenschaft zu einem Volke Gottes heranwachsen, und von dem ganz eigentümlichen kleinen Berglande, das am mittelländischen Meere, zwischen den drei Weltteilen, Asien, Afrika und Europa, zwischen den Wohnsitzen der Semiten, Hamiten und Japhetiten, zwischen den nachmaligen großen Kulturvölkern und Weltreichen liegt, sollte das Heil der Welt in Jesu Christo ausgehen.

Die Verheißung, die Abram empfing, kündigte dies an und war eine herrliche Verheißung. „Ich will Dich zum großen Volke machen und will Dich segnen, und Dir einen großen Namen machen, und Du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die Dich segnen, und verfluchen, die Dir fluchen; und in Dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“

Wir werden sehen, wie an Abram selbst, an seiner Person schon diese Verheißung in Erfüllung ging: wie Gott ihn segnete, wie Er ihn zum Segen machte für Andere, wie Er die segnete, die ihn segneten, und die strafte, die ihm fluchten. Jetzt werfen wir nur einen Blick auf die Erfüllung dieser Verheißung in der Geschichte des Reiches Gottes. Der Herr hat Abraham in seiner leiblichen Nachkommenschaft zu einem großen Volke gemacht. Israel wurde zwar der Zahl nach, in Vergleichung mit den großen Weltvölkern, nur ein zu jeder Zeit kleines Volk; aber es ist das einzige Volk aus der Zeit Abrahams, welches als Volk noch bis auf den heutigen Tag besteht und eine Zukunft hat. Und im Reiche Gottes ist es ein großes, wichtiges Volk, das größte und wichtigste, wenn wir bedenken, dass aus ihm Christus, der Herr, hervorgegangen ist. Aber noch mehr, wenn wir nicht nur auf die leibliche Nachkommenschaft Abrahams, sondern auf die geistliche Nachkommenschaft des Vaters der Gläubigen sehen; welch ein großes Volk, das Volk der Gläubigen aller Zeiten und aller Länder! Wo ist daher ein Name unter den Vätern der Völker dem Namen Abrahams gleich? Nicht allein Juden und Christen, sondern auch Araber und Muhamedaner feiern den großen Namen Abrahams. Endlich welch ein Segen ist von Abraham ausgegangen! Schon vor Christo. Welch ein reicher Segen von seinem Glauben, wie er in seinen Nachkommen, und in der Bibel, dem Buche Israels, sich forterbte. Welch ein Segen schon von den Offenbarungen Gottes im Alten Testamente, von dieser wunderbar herrlichen Geschichte der Führungen Gottes, von dem Gesetze Moses, dessen Grundzüge das sittliche Leben des Menschengeschlechts vorzeichnen, von den Psalmen, die noch jetzt die Gebete und Lobgesänge der Gläubigen sind, und von den Schriften der Propheten, welche die Gedanken, die höher sind als der Menschen Gedanken, und die Wege, die höher sind als der Menschen Wege, Gottes Gedanken und Wege offenbaren. Dies Alles war schon Erfüllung des dem Abraham verheißenen Segens. Und endlich dessen höchste Erfüllung in Jesu Christo, dem Sohne Abrahams nach dem Fleisch. Durch Ihn sollen in Abraham und in Abrahams Glauben, gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden; und ist auch die Erfüllung noch nicht vollendet, ist auch der Segen durch Christum noch nicht zu allen Geschlechtern auf Erden gekommen; so sehen wir doch schon die Erfüllung herannahen, und können sie an uns selbst erfahren und genießen.

Abram gehorchte dem göttlichen Ruf. Er zog aus, wie ihm der Herr gesagt hatte.

Dieser Gehorsam war Glaubens-Gehorsam. Noch sah er nichts von dem, was ihm verheißen war. Er hatte noch keinen Sohn. Er wusste noch nicht, welches Land ihm der Herr zeigen werde. Wenn er bei seinem Vater Tharah in Haran blieb, so war er dessen Erbe, das Haupt des ganzen Stammes, der Herr aller seiner Güter; wenn er dagegen wegzog, so musste er mit seinen Brüdern teilen und auf das Erbe des Stammhauptes verzichten.

Aber er glaubte dem Herrn, er vertraute auf den ihm verheißenen Segen, und gehorchte dem Ruf.

„Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte; und Lot zog mit ihm. Abram aber war 75 Jahre alt, da er aus Haran zog.“

„Also nahm Abram sein Weib Sarai und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Seelen, die sie gezeugt hatten in Haran, und zog aus zu reisen in das Land Kanaan. Und als sie gekommen waren in dasselbige Land, zog Abram durch bis an die Stätte Sichem und an den Hain More. Und es waren zu der Zeit die Kanaaniter im Lande.“

„Da erschien der Herr Abram und sprach: Deinem Samen will ich dies Land geben. Und er baute daselbst einen Altar dem Herrn, der ihm erschienen war.“

Dass Abram den Lot, seines Bruders Sohn, mitnahm, lässt uns schließen, dass dieser den Glauben Abrams teilte und ihm daher anhänglich war. Denn Lot war dem Nahor, der seine Schwester zur Frau hatte, noch näher verwandt. Freilich mag auch das dazu beigetragen haben, Lot näher an Abram zu knüpfen, dass Abram keine Kinder hatte, und Lot daher hoffen konnte, Abrams Erbe zu werden. Aber Abram war damals noch nicht so alt, dass er nicht noch leibliche Erben hätte bekommen können; und hätte nicht auch Lot der Verheißung geglaubt, die Gott dem Abram gab, so hätte er nicht das fruchtbare Mesopotamien verlassen, um in ein unbekanntes Land zu ziehen. Es war also bei beiden die Auswanderung eine Glaubenstat.

Und zum Lohn für seinen Glaubensgehorsam erschien der Herr Abram und gab ihm die Verheißung: „Deinem Samen will ich dies Land geben.“ Auch dieser Verheißung glaubte Abram, so ferne auch ihre Erfüllung schien, da ja zu der Zeit Kanaaniter im Land waren, und Abram noch keine Kinder hatte. Zum Zeichen aber seiner Zuversicht baute er dem Herrn, der ihm erschienen war, einen Altar. Das war zunächst ein Denkmal, womit er das Land als seinen Wohnsitz bezeichnete, dann aber auch eine geweihte Stätte, dem Herrn Dankopfer darzubringen.

Geliebte in dem Herrn! Lasst uns nun Abraham, den Vater der Gläubigen, als unser Vorbild im Glauben betrachten.

Auch wir sind von Gott in Christo erwählt und berufen. Auch wir haben die Verheißung empfangen, von Gott gesegnet zu werden im himmlischen Kanaan. Unser Leben ist eine Pilgerschaft nach dem Lande der Verheißung. Auch an uns ergeht der Befehl, auszuziehen aus unserm Lande, von unserer Freundschaft und aus unsers Vaters Haus in das Land, das Gott uns zeigen will. Dieser Ruf ergeht ganz offenbar an einen Jeden von uns im Tode: da müssen wir Alles hienieden verlassen, auch was uns das Liebste war, und das Land, wohin wir ziehen, ist ein uns noch unbekanntes, fremdes Land, das Gott uns zeigen will. Aber auch in einem andern Sinn und schon während dieses Lebens gebietet uns Gott dasselbe, im Rufe zur Bekehrung: ist nämlich in unserm Lande, in unserer Freundschaft, in unsers Vaters Haus, wie im Hause Tharahs, überhaupt in unserm Leben, etwas Abgöttisches, so müssen wir davon scheiden, um allein nach dem verheißenen Heil zu trachten. So forderte auch unser Heiland seine Jünger auf, Vater und Mutter, Geschwister, Weib und Kinder zu verlassen, um ihm nachzufolgen, und sagte: wer Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester, Weib oder Kind mehr liebt, als mich, der ist meiner nicht wert. Versteht es wohl: wo Etwas in diesen Verhältnissen mit der Liebe Christi sich nicht verträgt, wo Etwas zwischen uns und den Heiland tritt, wo Etwas Sündliches ist, das uns wie ein Bann von seiner Nachfolge abhält, wo unser Herz mit Abgötterei an Etwas hängt müssen wir es verlassen und aufgeben. Es nimmt uns auch wohl Gott selbst bisweilen weg, woran wir mit abgöttischer Liebe hangen, damit wir freier seinem Rufe folgen können. Seid gläubig, wie Abraham; glaubt und traut den Verheißungen des Herrn, und folgt im Glaubensgehorsam seinem Rufe. Und wo Gott euch hinbringt, wo Er euch in den Offenbarungen seiner Gnade erscheint, da baut ihm einen Altar, da setzt ein Denkmal in euerm Leben und opfert Gott Dank, und preiset seinen Namen!